Vom Kint zur Künegin. Die charakterliche Entwicklung der Enite im "Erec“ von Hartmann von Aue


Hausarbeit, 2014
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erziehung und Herkunft der jungen Enite

3. Charakterentwicklung der Enite anhand ihrer Beziehung zu Erec
3.1 Schönheit
3.2 Liebe zu Erec
3.2.1 Gehorsamkeit und Treue

4. Enites Entwicklung anhand ihrer Bezeichnungen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der „Erec“ ist einer der bekanntesten Artusromane des Mittelalters von Hartmann von Aue, der sich auch für Werke wie „Iwein“, ebenfalls ein Artusroman, und Erzählungen wie „Gregorious“ oder „Der arme Heinrich“ verantwortlich zeigt. Im „Erec“ geht es, wie der Titel schon verrät, hauptsächlich um den jungen Ritter Erec, der sich die Ehre des Artushofes verdient, sie nach der Heirat seiner Geliebten Enite und dem damit zusammenhängenden „verlîgen“ jedoch wieder verliert und aufs Neue erwerben muss. Das gelingt ihm am Ende des Romans auch. Das Erec seinen ritterlichen Edelstatus wieder zurückerlangt, hat er auch seiner Frau Enite zu verdanken. Obwohl sie nur eine Nebenfigur in dem Werk ist und sich das Hauptaugenmerk auf den Ritter Erec richtet, hat Enite eine wichtige Funktion innerhalb der Geschichte um Erec. Während der aventiurefahrten, die Erec und Enite gemeinsam erleben, spielt sie immer wieder einen wichtigen und die Geschichte beeinflussenden Faktor. Zunächst ist sie für Erecs Versagen als Adeliger verantwortlich, da er durch sie seine Aufgaben vernachlässigt und sich, geblendet von ihrer Minne, nur um sie kümmert, anstatt seine ritterliche Ehre zu verteidigen. Als er diese dann verloren hat, machen sie sich gemeinsam auf den Weg, um seine Ehre zurückzuerlangen. Dabei erweist sich Enite mehr als nur einmal als wichtige Hilfe für ihren Mann, obwohl dieser ihre Ehe zwischenzeitlich aufgehoben hat und es ihr sogar verbot zu sprechen. Während dieser Abenteuer, die das Paar erlebt, macht Enite einen sehr interessanten Wechsel durch. Dieser vollzieht sich nicht nur äußerlich, sondern auch im Charakter der Enite. Von einem demütigen, schüchternen Mädchen, dass noch auf dem Weg ist, eine Frau zu werden, wird sie zu einer Frau. Sie wird zu einer Frau, die es lernt, selbstständig zu handeln und Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Dabei stellt sie die Treue zu ihrem geliebten Mann über alles. Diese Entwicklung werde ich in dieser Hausarbeit hervorheben und auf verschiedene Weisen zeigen. Zu Beginn der Hausarbeit werde ich mich damit beschäftigen, woher Enite kommt und welche Erziehung sie erfahren hat, um den Ausgangspunkt ihrer Entwicklung festzulegen und den Fortschritt im weiteren Verlauf deutlich zu machen. Von da an geht es weiter mit dem Hauptteil der Arbeit, der sich mit der Persönlichkeitsentwicklung von Enite im Laufe der Geschichte beschäftigen wird. Dabei werde ich einzelne Charakteristika wie z.B. Enites Schönheit hervorheben und beschreiben, aber auch ihre Liebesbeziehung zu Erec näher beleuchten, um weiterhin Charakteristika, die sie innerhalb dieser Beziehung ausbildet, ausführlicher zu schildern. Zudem wird sich die Hausarbeit in einem Abschnitt damit beschäftigen, wie Hartmann von Aue Enites Entwicklung durch die unterschiedlichen Bezeichnungen, die ihr zu Teil werden, in verschiedene Abschnitte untergliedert. Abschließend werde ich ein Fazit zu Enites Charakterentwicklung ziehen und ihren Wert für Erecs Handeln herausstellen.

2. Erziehung und Herkunft der jungen Enite

Über die Herkunft und die Erziehung Enites wird nicht viel gesagt im „Erec“. Dies beruht wahrscheinlich auf der Ansicht Hartmanns, der sich in seinem Werk vor allem auf seine Hauptperson Erec konzentriert und für diesen sind die Kindheit von Enite, ihre Erziehung und ihr Heranwachsen zur Frau nicht wesentlich. Schließlich wird zu Beginn des Romans ausdrücklich von Hartmann gesagt: „diz was Erec fil de roi Lac, der vrümekeit und sӕlden phlac, durch den diu rede erhaben ist[1] “ (V. 2-4). Folglich handelt die Geschichte von Erec und seinen Abenteuern. Enite ist nur eine Nebenfigur, wenn auch eine bedeutsame. Aber es ist nur von Bedeutung, was mit Enite ab dem Zeitpunkt ihrer Begegnung mit Erec geschieht, ihre Vergangenheit kann zum Großteil außen vor gelassen werden. Jedoch wird die Vorgeschichte Enites nicht komplett verschwiegen, denn über ihre Abstammung, Herkunft und aus welchen familiären Verhältnissen sie stammt, wird bei ihrem ersten Auftritt beschrieben. Diesen hat sie als Erec im Hause ihrer Familie auftaucht und Erec und Enite sich das erste Mal begegnen. Enites Eltern sind Koralus und Karsinefite. Sie leben in ärmlichen Verhältnissen, obwohl Koralus einst ein reicher Graf war, jedoch, ohne das er Schuld daran getragen hätte, in Armut verfiel. In dem Werk heißt es, „er was ein grâve riche, vil gar unlasterliche sîns erbes verstôzen von sînen übergenôzen“ (V. 400f). Koralus Bruder, also Enites Onkel, Imain ist ebenfalls ein angesehener Mann. Er ist Herzog. (V. 439) Diese Konstellation sichert die Grundlage für die für Artusromane übliche Gegebenheit, dass die Hauptfiguren von edler Abstammung sind. Enite lebt zwar in ärmlichen Verhältnissen, durch ihren Onkel, der, wie ihr Vater früher, ein Adeliger ist, ist auch sie von adeliger Herkunft.

Zudem ist auch etwas über Enites Erziehung zu erfahren. Sie wird durch ihren Vater eingeführt, der sie als Pferdeknecht in der Familie helfen lässt. Ihre Eltern können sich aufgrund ihrer Armut keinen Helfer in ihrem Haus leisten. Dafür schämt sich Koralus auch vor Erec. „Entschuldigend erklärt Koralus dann Erec gegenüber, 'uns gebrister der knehte' (V. 350), also muss er seine Tochter zu einem so niedrigen Dienst anhalten.“[2] Es besteht eine Beziehung zwischen Vater und Tochter, „die nach kulturellem Wissen im Mittelalter, wo eine unverheiratete Tochter sich unter der 'munt' ihres Vater befand, von einer strikten Untergebenheit der Tochter gegenüber dem Vater gezeichnet war.“[3] Auf Befehle ihres Vaters reagiert Enite mit bedingungslosem Gehorsam. Dies spricht für den Respekt, den sie vor ihrem Vater hat. Unterstrichen wird ihr respektvolles Verhalten auch durch die Anrede „herre“, die ihre Position klar herausstellt. Enite ist deutlich unter ihrem Vater in der Rangfolge angesiedelt, tritt demzufolge devot auf und wird von ihm durch Befehle dominiert. Diese Charaktereigenschaften bringt sie zunächst auch in ihre Beziehung zu Erec ein, entwickelt sie weiter oder löst sich von einigen Eigenschaften, um Fortschritte in ihrer Wandlung vom jungen, unschuldigen Mädchen zur gehorsamen, aber auch selbstständigen Hofdame zu machen.

3. Charakterentwicklung der Enite anhand ihrer Beziehung zu Erec

In den folgenden Absätzen werde ich nun auf einzelne Merkmale der Enite eingehen und ihre Persönlichkeitsentwicklung anhand dieser Merkmale beschreiben. Durch die von mir ausgewählten Merkmale und Eigenschaften von dem Charakter Enites und die Weiterentwicklung von diesen, soll aufgeführt werden, wie Enite von einem demütigen, schüchternen, unselbstständig denkenden Mädchen zu einer angesehenen, selbstständig denkenden und handelnden Frau wird, die dem Ideal der Hofdame durch ihr Auftreten und ihre Taten entspricht. Beginnen werde ich mit ihrer Schönheit, die schon bei der ersten Begegnung sichtbar ist, aber erst noch zum Vorschein gebracht werden muss. In diesem Abschnitt wird es sich nur um Enites äußere, nicht um ihre innere Entwicklung drehen. Für ihre Entwicklung zur Hofdame ist aber auch dies von Bedeutung. Wichtige Apsekte für die genauere Beschreibung ihrer Entwicklung auf charakterlicher Ebene ist vor allem ihre Liebe zu Erec und die damit verbundenen Tugenden, auf die in den weiteren Abschnitten näher eingegangen wird.

3.1 Schönheit

„Enites Schönheit gewinnt erst an Bedeutung, als Erec sie entdeckt. Ihrer Armut wegen, scheint sie vorher von niemandem beachtet worden zu sein.“ Die erstaunte Reaktion ihres Vaters auf Erecs Antrag hin weist in diese Richtung (525-549).“[4]

Bei ihrer ersten Begegnung mit Erec scheint die Schönheit von Enite durch ihre kaputte, durchlöcherte und zerrissene Kleidung hindurch. Das belegen folgende Textstellen: „man saget, daz nie kint gewan, einen lip sô ga dem wunsche gelîch“ (V.330) und „ich waene, got sînen vlîz an sie hâte geleit von schæœne und von sӕlekeit.“ (V.338). Überhaupt stellt die Beschreibung von Enite in den Versen 323-341 sie als außergewöhnlich schönes Mädchen dar. Verlgeiche ihrer Hautfarbe mit Schwanengefieder oder dem Weiß der Lilie inmitten schwarzer Dornen zeigen, wie Hartmann von Aue versucht, Enite durch seine dichterische Kunst als Beispiel für ihre kaum beschreibbare Schönheit darzustellen. Ihrem Körper wird eine Besonderheit in Bezug auf die Unschuld, Reinheit und Natürlichkeit ihres jungen, schönen Körpers zugeschrieben. Doch ihre Schönheit ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollkommen. Die Schönheit wird von ihren zerrissenen Kleidern verdeckt und ist deshalb nicht für jeden sofort erkennbar, sie schimmert lediglich durch. Erst im Laufe der Geschichte wird Enites Schönheit für die Mitglieder des Artushofes und somit der Öffentlichkeit ersichtlich. Nur weil sie Erec begleitet und er im Kampf über den Ritter Ider siegt, bekommt sie den Schönheitspreis verliehen. Als sie dann mit ihm am Artushof einkehrt, werden ihr schönere Kleider gegeben und die vorher unter kaputter Kleidung versteckte Schönheit kommt zum Vorschein. Denn „[z]um schönen Äußeren als Symbol für inneren Adel gehört in der Literatur des Mittelalters gewöhnlich auch die schöne Kleidung.“[5] Während dieser Einkleidung findet der Erzähler kaum die richtigen Worte für ihre Schönheit und schreibt „ez was vrouwe Ênîte diu aller schœniste maget diu ie, sô man saget, in des küneges hof kam.“ (V.1605) Auch in weiteren Textpassagen wird ihre Schönheit aufs allerhöchste gelobt, z.B. „man gesach nie ritterlîcher wîp.“ (V.1707). Auch die Reaktion der anderen Ritter am Artushof krönen Enite gewissermaßen zur schönsten Frau am Hof (V. 1736-1743). Die höchste Anerkennung und der Beweis für ihre unglaubliche Schönheit sind anschließend der Kuss des Königs, der, nachdem er den weißen Hirsch erlegt hat, das Privileg besitzt, die schönste Frau am Hof zu küssen (V. 1753-1796). Er wählt Enite aus und hebt ihre Schönheit somit über die der anderen Hofdamen. „[...](Artus Kuß ist ihr zweiter Schönheitspreis). Enite ist also gewissermaßen von Erec abhängig – ohne ihn wäre ihre Schönheit von der Gesellschaft unbeachtet verkümmert“[6]

Äußerlich hat Enite also schon zu einem frühen Zeitpunkt ihr Ideal erreicht. Sie ist die schönste Frau am Artushof, das wurde der Gesellschaft vom König durch den Kuss bestätigt. Des Weiteren sind ihre inneren Werte aber noch keineswegs der eine Hofdame angemessen und Enite durchläuft einen schwierigen Weg während ihrer Entwicklung.

3.2 Liebe zu Erec

Der überwiegende Teil der Hausarbeit wird sich mit Enites Liebesbeziehung zu Erec beschäftigen. Innerhalb dieser Beziehung findet die größte Entwicklung von Enites Charakter statt. Zu Beginn ihrer Beziehung sind Enite und Erec voneinander abhängig, ohne dabei dem anderen gegenüber Liebe zu empfinden. Wie bereits im vorherigen Kapitel (3.2) wurde erläutert, dass Enites Schönheit nur durch den Sieg Erecs auch am Hof und somit von der Gesellschaft anerkannt wird. Aber auch Erec braucht Enite, schließlich motiviert sie ihn zu ritterlichen Handlungen und Taten. Sie stimuliert seine Tüchtigkeit als Ritter. Enite ist sozusagen ein Mittel zum Zweck für Erec. Als er Koralus um die Hand seiner Tochter bittet, tut er dies nicht, weil er sich beim ersten Anblick in sie verliebt hat und Enite deshalb zur Frau nehmen will, sondern weil Erec eine Frau benötigt, für die er beim Sperberkampf antreten kann, um sich an Ider zu rächen, der ihn zuvor demütigte. Sein wettkämpferischer Ehrgeiz hat seinen Ursprung primär in der Demütigung durch Ider und Erecs anschließenden Racheglüste und nur sekundär, um mit seiner ritterliche Kampfkraft für Enites Schönheit zu kämpfen. Dementsprechend macht er seinen Sieg beim Kampf auch zur Bedingung für seine Heirat mit Enite. Hier lässt sich also ganz klar noch keine Form von Liebe zwischen Enite und Erec feststellen. Erst während des Kampfes entwickeln sich anfängliche Gefühle von Enite für Erec. Sie sorgt sich um ihn (V. 800-823). Während des Kampfes „sie begunde ir gesellen klagen“ (V. 852) Der Fokus liegt hier auf dem Wort gesellen. „Diesem Wort wohnt eine gewisse Intimität inne: geselle kann nicht nur als 'Gefährte' übertragen werden […], sondern hat auch die Bedeutung 'Freund', 'Geliebter'.“[7] Dies lässt auf eine weitere Ausformung ihrer Gefühle für Erec schließen. Erst als Erec und Enite am Artushof ankommen, wandelt sich das Verhältnis der beiden zueinander. Enites schon in Kapitel 3.2. angesprochene Schönheit wird durch die neue, prächtige Kleidung, die sie von der Königin bekommt, noch einmal unterstrichen und auch ihre körperlichen Reize werden nun noch mehr betont. Infolge dessen werden die Emotionen auf beiden Seiten stärker füreinander und mit der Heirat der beiden Protagonisten hat das Warten auf die Erfüllung des gegenseitigen Begehrens ein Ende. Aufgrund des starken Begehrens der beiden, vernachlässigt Erec seine Aufgaben als Ritter und Herrscher. Er gibt seine Ritterlichkeit auf und lässt seine Gefährten ohne ihn ausreiten und auf Turniere gehen. „Erec wente sînen lîp grôzes gemaches durch sîn wîp.“ Seine Liebe zu Enite lässt Erec bequem werden, so „daz er aller êre durch si einen verphlac unz daz er sich sô gar verlac, daz niemen dehein ahte ûf in gehaben mahte.“ (V. 2970-2973). Hatte Enite Erec also zunächst erst zu Ruhm und Ehre verholfen und Erec Enite zur Anerkennung ihrer Schönheit, so verlor Erec durch seine Minne zu Enite und die damit verbundene Vernachlässigung seiner ritterlichen Pflichten den Respekt und seine Ehre gegenüber den anderen Rittern und seinem Gefolge. Enite ist, auch wenn sie nicht aktiv eingreift, verantwortlich für Erecs Versagen. Sie ist zwar nicht aktiv Schuld durch Taten oder Worte, die Erec seine Aufgaben in Vergessenheit geraten lassen, aber sie verhält sich egoistisch, da sie Erec nicht zu weiteren ritterlichen Taten motiviert und vernachlässigt dementsprechend auch ihre Aufgaben als Gattin des Herrschers.

„Enite, die passive, lässt zu, daß die regelnde, sittigende Macht der Minne von der Sinnlichkeit verdrängt wird. Das rechte Gleichgewicht zwischen den Antrieben des idealen, ritterlichen Menschen, das heißt, der Ehre und der Minne, ist gestört.“[8]

Das ist ein Indiz dafür, dass Enites Entwicklung zur Hofdame noch nicht abgeschlossen ist. Erst im Laufe der zweiten Abenteuerreise wird Enite diesen Aufstieg erreicht haben. Ihre Liebe zu Erec ist zu diesem Zeitpunkt zwar schon groß, doch erst infolge der zweiten Reise, auf der sie ihren Charakter komplexer werden lässt, indem sie weitere wichtige Tugenden entfaltet, vollendet sie ihre Entwicklung. Diese Tugenden werde ich im nächsten Kapitel näher erklären, um zu zeigen, dass sich die eheliche Beziehung zwischen Enite und Erec im Laufe ihres gemeinsamen Weges zu der Art von Ehe entwickelt, wie sie schon kurz nach der Hochzeit den beiden gewünscht wurde:

„Êrecke und vrouwen Êniten

wunschten sie aller sӕlekeit.

diu was in doch nû bereit

lange unde manec jâr

ir wunsch wart volleclîche wâr,

wan zwei gelieber wurden nie

unz ez der tôt undervie,

der allez liep leidet

sô er liep von liebe scheidet.“ (V. 2204-2211)

3.2.1 Gehorsamkeit und Treue

Durch ihre Liebe zu Erec entwickeln sich auch andere Charaktermerkmale Enites stärker und sie bildet diese Eigenschaften weiter aus. Zudem zeigt uns die Entwicklung von Enite, dass sie, auch wenn Erec die Hauptperson des Romans ist, wesentlich am Geschehen beteiligt ist, obwohl sie nicht im Zentrum der Handlung steht.

In ihrer Beziehung zu Erec durchläuft Enite unterschiedliche Stufen der Persönlichkeitsentwicklung. Ist sie, wie zuvor schon beschrieben, zu Beginn noch unselbstständig, demütig und für Erec mehr Mittel zum Zweck als die echte Liebe, so entwickelt sich Enite im Verlauf der Geschichte zu einer Frau, die sich zwar ihrem Mann vollkommen hingibt und treu ist, dafür aber selbst Entscheidungen trifft, die sie treffen muss, um Erec zu unterstützen und zu helfen. Auch wenn es bedeutet, den Unmut und die Wut Erecs auf sich zu ziehen. Enite ist zunächst nur das gehorsame Mädchen, dass ihrem Vater gehorcht und infolge der Hochzeit mit Erec auch ihrem Ehemann. Durch ihre Willigkeit und ihren Demut gegenüber ihrem Vater als Respektsperson zeigt sie Erec ihre Bereitschaft auch ihrem Mann gehorsam zu sein und Dienste zu leisten, die die Tochter Enite schon als Pferdeknecht für ihren Vater leistete. Dadurch beweist Enite ihrem Erec, auch nach der Auflösung der ehelichen Gemeinschaft, welch hingebungsvolles und treues Wesen sie ist. Schon ihr Dienst gegenüber den Pferden zeigt, welch liebliche Person Enite ist, denn sogar die Pferde verhalten sich ihr gegenüber sehr zahm und lassen Enite walten ohne Widerstand zu leisten. Hartmann von Aue lobt ihre Arbeit auf höchste. Sogar Gott als Reiter wäre mit den Leistungen Enites zufrieden. Zudem wird auch aus der Sicht des Pferdes über Enites Arbeit berichtet. Der Erzähler sagt, dass das Futter aus ihren Händen besonders mundete (V. 364f). Enite stellt sich vollkommen in Erecs Dienst. Das soll noch von Bedeutung für ihre Charakterisierung sein, zu der ich später in diesem Abschnitt komme. Zunächst wird aber schon hier deutlich, dass Enite eine gehorsame und treue Frau ist. Zu diesem Zeitpunkt zeichnet sie jedoch auch lediglich genau das aus, während sie im weiteren Verlauf auch lernt, eigene Entscheidungen zu treffen. In dieser Zeit entwickelt sich die Ehe von Erec und Enite von der Zweckgemeinschaft zu einer Liebesbeziehung, wie ich schon im vorherigen Kapitel erklärte.

[...]


[1] Alle verwendeten mittelhochdeutschen Zitate beziehen sich auf folgende Primärliteratur: Hartmann von Aue. Erec. Hrsg. von Scholz, Manfred Günter. Übersetzt von Held, Susanne. 2004. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag.

[2] Lewis, Gertrud Jaron: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan. Bern 1974. S.21

[3] Hoffmann, Gaby: Das Bild der Frau im Spiegel der Dialogführung, exemplarisch dargestellt an Gudrun (“Kudrun“) und Enite (“Erec“). Kiel 1991. S.54.

[4] Ebd S.86.

[5] Carne, Eva-Maria: Die Frauengestalten bei Hartmann von Aue. Ihre Bedeutung im Aufbau und Gehalt der Epen. Hamburg 1970. S.33.

[6] Hoffmann, Gaby: Das Bild der Frau im Spiegel der Dialogführung, exemplarisch dargestellt an Gudrun (“Kudrun“) und Enite (“Erec“). Kiel 1991. S.86.

[7] Spangenberger, Nina: Die Liebe und Ehe in den erzählenden Werken Hartmanns von Aue. Frankfurt am Main 2012. S.15.

[8] Carne (1970, S.56)

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Vom Kint zur Künegin. Die charakterliche Entwicklung der Enite im "Erec“ von Hartmann von Aue
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Ältere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
„dem babiste das geistliche, dem keiser das werltliche“. Der „Sachsenspiegel“ in Wort und Bild
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V379834
ISBN (eBook)
9783668569829
ISBN (Buch)
9783668569836
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsch, Germanistik, Sachsenspiegel, Hartmann von Aue, Erec, Enite
Arbeit zitieren
Andreas Köhler (Autor), 2014, Vom Kint zur Künegin. Die charakterliche Entwicklung der Enite im "Erec“ von Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/379834

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