Das Recht auf Bildung ist also ein Grundrecht, das nicht nach der aktuellen Finanzkraft des Staates gewährt, beschnitten oder verwehrt werden darf. Es ist ein Individualrecht, dessen Umsetzung sichert, daß der Staat von demokratisch denkenden und handelnden Bürgern und Bürgerinnen getragen wird.
Durch Schulbildung sollte allgemein darauf vorbereitet werden, am Erwerbs- und darüber am gesellschaftlichen Leben entsprechend den eigenen Fähigkeiten und Anstrengungen teilzunehmen. Bildung setzt auch die eigenständige Reflexion und Initiativen frei, den einmal erreichten Stand in der sozialen Hierarchie in Frage zu stellen bzw. sich selbst in seinen Anschauungen von tradierten (Rollen-) Bildern zu befreien und eröffnet zudem Möglichkeiten für die Teilhabe am sozialen, kulturellen
und politischen Leben.Aus ökonomischer Sicht hat die Ausstattung mit Bildung den Charakter einer Investition ins Arbeitsvermögen, durch die die individuelle oder gruppenspezifische Berufs- und Lebensperspektive positiv beeinflußt wird.
Die in unserer Gesellschaft bestehende enge Verbindung zwischen (Aus-) Bildungs- und Beschäftigungssystem bewirkt, daß die Verteilung von Lebenschancen wesentlich durch das Nadelöhr der Bildungschancen erfolgt. Der Zugang zu höherwertigen Schul-, Ausbildungs-, und Berufsabschlüssen wie auch Zugang zum Studium wird allerdings nach wie vor stark durch die Herkunft, den Bildungsstand
und die berufliche Stellung der Eltern bestimmt. Bildung ist also eine Vorsorge in die Zukunft, denn das Risiko eines Arbeitsplatzverlusts ist an den Bildungs- und Berufsabschluß gekoppelt: Je geringer der berufliche Ausbildungsabschluß, desto höher ist die Gefahr der Arbeits- bzw. Dauerarbeitslosigkeit. Die Unterausstattung mit Bildung ist eine Ursache für Armut und Unterversorgung und Ausdruck einer generell
depravierten Lebenssituation. Als Unterversorgungsschwelle gilt in diesem Zusammenhang ein fehlender Abschluß im allgemeinen und/oder berufsbildenden Bildungssektor.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Bedeutung der Bildung
2. Familie Koch
2.1. Beschreibung der Familie
2.2. Vorstellung Julia Kochs und Erläuterungen zum Elementarbereich der Bildung
2.3. Der Primarbereich der Bildung
2.4. Vorstellung von Diana und Michael Koch und Erläuterungen zum Sekundarbereich der Bildung
2.5. Der Übergang ins Beschäftigungssystem
2.6. Der tertiäre Bereich der Bildung
2.7. Vorstellung von Herrn und Frau Koch und Erläuterungen zum Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Arbeitslosigkeit
3. Familie Wittich
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht den engen Zusammenhang zwischen Bildungsstand, Armutsrisiko und gesellschaftlicher Teilhabe. Anhand von zwei Fallbeispielen wird analysiert, wie Bildungsdefizite innerhalb des Schul- und Beschäftigungssystems die ökonomische Situation von Familien nachhaltig prägen und welche Rolle individuelle Handlungsstrategien dabei spielen.
- Grundrecht auf Bildung und bildungspolitische Rahmenbedingungen
- Strukturelle Barrieren beim Übergang vom Schul- ins Beschäftigungssystem
- Einfluss von familiärem Hintergrund und Bildungsstand auf Lebenschancen
- Die Rolle von Motivation und Bewältigungsstrategien bei Armut
- Vergleichende Analyse zweier Fallbeispiele zur sozialen Situation
Auszug aus dem Buch
2.1. Beschreibung der Familie
Familie Koch besteht aus den Eltern und drei im Haushalt lebenden Kindern im Alter von 16, 13 und fünf Jahren. Zwei ältere Kinder (18 und 20 Jahre) leben nicht mehr im Elternhaus. Frau Koch wuchs seit ihrem sechsten Lebensjahr im Heim auf. Ihr erstes Kind, Peter, bekam sie mit 19 Jahren unehelich von einem verheirateten Familienvater. Mit 22 Jahren heiratet sie 1982 ihren jetzigen Ehemann, Herrn Koch, der damals vorbestraft war. Die vier anderen Kinder sind ihre gemeinsamen Kinder.
Schon vor der Wiedervereinigung Deutschlands hatte die Familie wenig Geld. Frau Koch, die als Küchenhilfe und Putzfrau gearbeitet hat, ist seit etwa zehn Jahren arbeitslos, Herr Koch hat seit sechs Jahren keine feste Arbeitsstelle. Er ist gelernter Maurer und hatte zwischendurch zweimal eine ABM-Stelle. Er ist Alkoholiker.
Im Februar 1999 lebte die Familie von Arbeitslosenhilfe, Kindergeld und Wohngeld und kam so auf ein Einkommen von etwa 2.200 DM im Monat. Damit und mit einer Kaltmiete von ungefähr 1.000 DM hätte die Familie einen Sozialhilfeanspruch von etwa 800 DM. Sie liegt somit deutlich unter der politischen Armutsgrenze (Sozialhilfeschwelle) wie auch unter der 50-Prozent-Grenze relativer Einkommensarmut. Zusätzlich liegt eine Überschuldung in Höhe von 10.000 bis 15.000 DM vor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Bedeutung der Bildung: Dieses Kapitel erläutert das Grundrecht auf Bildung auf Basis internationaler Menschenrechte und des deutschen Grundgesetzes und verdeutlicht die ökonomische sowie soziale Relevanz von Bildung.
2. Familie Koch: Hier wird anhand einer detaillierten Fallstudie das Leben einer von Arbeitslosigkeit und Armut betroffenen Familie beschrieben, wobei die individuelle Entwicklung der Kinder und der Umgang der Eltern mit der Lebenssituation analysiert werden.
2.1. Beschreibung der Familie: Einblick in die sozioökonomische Lage, die Haushaltsstruktur und die belasteten Lebensverhältnisse der Familie Koch.
2.2. Vorstellung Julia Kochs und Erläuterungen zum Elementarbereich der Bildung: Analyse der frühkindlichen Entwicklung der Tochter Julia und der Bedeutung des Elementarbereichs für den Ausgleich von Startnachteilen.
2.3. Der Primarbereich der Bildung: Kurze Betrachtung der Rolle der Grundschule und der Problematik mangelnder Ganztagsangebote.
2.4. Vorstellung von Diana und Michael Koch und Erläuterungen zum Sekundarbereich der Bildung: Untersuchung des Schulverhaltens und der Zukunftsängste der älteren Kinder im Kontext ihrer schulischen Laufbahn.
2.5. Der Übergang ins Beschäftigungssystem: Analyse der Hürden beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung und der Bedeutung von formalen Abschlüssen für den Arbeitsmarkt.
2.6. Der tertiäre Bereich der Bildung: Diskussion über die Bildungsbeteiligung an Hochschulen und die persistierende soziale Selektivität des deutschen Bildungswesens.
2.7. Vorstellung von Herrn und Frau Koch und Erläuterungen zum Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Arbeitslosigkeit: Zusammenführende Betrachtung der elterlichen Bewältigungsstrategien und der Korrelation zwischen fehlender Qualifikation und dauerhafter Armut.
3. Familie Wittich: Dieses Kapitel stellt ein zweites Fallbeispiel einer Migrantenfamilie vor, um unterschiedliche Bewältigungsstrategien und Ressourcen in ähnlich schwierigen ökonomischen Ausgangslagen zu beleuchten.
Schlüsselwörter
Armut, Bildung, Grundrecht, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, Lebenschancen, Bildungsstand, Sekundarbereich, Elementarbereich, Chancengleichheit, Familienpolitik, Qualifikation, Berufsbiographie, soziale Herkunft, Bildungsbeteiligung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das komplexe Wechselspiel zwischen dem Bildungsstand von Individuen, ihrem Armutsrisiko und ihrer Teilhabe an gesellschaftlichen und ökonomischen Prozessen in Deutschland.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen das Grundrecht auf Bildung, die strukturellen Barrieren im deutschen Bildungssystem, die Mechanismen der Arbeitslosigkeit sowie die Auswirkungen dieser Faktoren auf die Lebensrealität von Familien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Bildungsarmut zu einem Teufelskreis aus gesellschaftlicher Ausgrenzung führt und wie sich dies konkret in der Lebensführung und den Zukunftsperspektiven betroffener Familien widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen qualitativ orientierten Ansatz, indem sie theoretische bildungspolitische Grundlagen mit detaillierten, empirischen Fallbeispielen (Familie Koch und Familie Wittich) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse der verschiedenen Bildungsbereiche (Elementar-, Primar-, Sekundar- und Tertiärbereich) und vergleicht diese mit den realen Lebenswegen und Bewältigungsstrategien der untersuchten Fallbeispiele.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Bildungsarmut, soziale Herkunft, Übergangsproblematik, individuelle Bewältigungsstrategien, Chancengerechtigkeit und Arbeitsmarktexklusion.
Wie unterscheidet sich die Situation der Familie Wittich von der der Familie Koch?
Obwohl beide Familien über geringe materielle Ressourcen verfügen, zeigt die Familie Wittich eine deutlich höhere Motivation und Eigeninitiative in Bezug auf die schulische und berufliche Förderung der Kinder, was den Einfluss individueller Coping-Strategien verdeutlicht.
Welche Rolle spielt der Bildungsgrad der Eltern für die Kinder in den Fallbeispielen?
Die Arbeit zeigt, dass die Haltung der Eltern zur Bildung und ihre Fähigkeit, als Unterstützer im Alltag zu agieren, maßgeblich darüber entscheiden, ob die Kinder die bestehenden strukturellen Hürden überwinden können.
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- Jasmin Becker (Author), 2003, Armut und Bildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37990