Soziale Bewegungen als soziale Systeme. Eine Analyse von Protestbewegungen als Teil des politischen Systems


Hausarbeit, 2016
18 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Soziale Bewegungen als Phänomen der Moderne

3 Protestbewegungen als soziale Systeme

4 Protest als Teil des politischen Systems

5 Massenmedien und Protest – Wechselspiel zwischen Politik und Medien

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit dem 20. Oktober 2014 spazierten die selbsternannten Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA) durch Dresden. Der Anlass waren laut PEGIDA-Gründer Lutz Bachmann Schlägereien zwischen Moslems und Jesiden in Hamburg und Celle sowie die Ablehnung von Pro-PKK-Aktionen in Dresden (vgl. Pfahl-Trahghber 2015; Weiß 2015). Ihre Ableger formierten sich in der Folge in anderen Städten Deutschlands, vorwiegend jedoch in den neuen Bundesländern. Rasant wuchs die Bewegung, die ihre Anhänger in viraler Form über soziale Medien mobilisierte. Nachdem die Demonstrationen im Jahr 2015 zunächst abebbten, gewannen sie im Zuge der Flüchtlingsdebatte erneut an Zuspruch. Doch es blieb nicht beim Protest, der monatelang die Medienberichterstattung dominierte. Auf politischer Ebene profitierte in Deutschland nicht zuletzt die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) von der im Land erzeugten Stimmung, die sich vor allem gegen muslimische Menschen richtet. Auch in anderen europäischen Ländern erhalten rechte und vor allem rechtspopulistische Parteien immer mehr Wählerstimmen und schüren Ressentiments gegen Ausländer. Der Protest erscheint dabei als Katalysator einer bereits vorhandenen, oftmals ausländerfeindlichen Grundstimmung in der Bevölkerung.

Anlässlich der gegenwärtigen Ereignisse bieten sich der Protestforschung neue Studienfelder an, um das Phänomen sozialer Bewegungen zu ergründen. Die folgende Arbeit widmet sich dem Protest als soziale Bewegung unter systemtheoretischen Gesichtspunkten. Dabei soll die zentrale These verfolgt werden, dass eine Protestbewegung ein autopoietisches soziales System ist, dass in besonderer Weise als System innerhalb des politischen Systems zu verorten ist und gleichzeitig einen intensiven und beidseitig profitablen Austausch mit dem Mediensystem anstrebt und davon 'lebt'.

Dazu soll es zunächst um eine Begriffsklärung für soziale Bewegungen aus Sicht der Bewegungsforschung gehen, wonach sie als 'Phänomen der Moderne' zu verstehen sind, das wechselseitig zur Entwicklung und funktionalen Differenzierung der Gesellschaft beträgt. Dabei weisen sie mitnichten ein einseitiges, sondern vielmehr ein pluralistisches Themenspektrum auf. Soziale Bewegungen stellen eine Form von modernisierender, den gesellschaftlichen Wandel hervorrufender Protestkommunikation dar.

Der darauf folgende Abschnitt widmet sich Protestbewegungen aus systemtheoretischer Perspektive. Er legt die zentralen Punkte der Systemtheorie von Niklas Luhmann dar[1] und veranschaulicht die Einordnung der Protestbewegung innerhalb des Gefüges der Systemtheorie Luhmanns. Auf Grundlage dieser Analysen soll anschließend erläutert werden, inwieweit eine Protestbewegung als Teil des politischen Systems verstanden werden kann und welche Probleme mit dieser Verortung einhergehen.

Anschließend soll ein Modell erarbeitet werden, das die Protestbewegung als Teil des politischen Systems bei gleichzeitiger Verschränkung und gegenseitiger Beeinflussung des Massenmediensystems versteht. Es soll verdeutlichen, inwieweit das politische und das Mediensystem die Bildung und den Erhalt von Protestbewegungen begünstigen und dass damit ein grundlegender Baustein zur funktionalen Differenzierung und damit zur Modernisierung der Gesellschaft gelegt wird.

2 Soziale Bewegungen als Phänomen der Moderne

Soziale Bewegungen sind inhärenter Bestandteil einer durch sozialen Wandel vorangetriebenen modernen Gesellschaft und dienen dazu, durch kollektiven Protest auf die öffentliche Meinung und insbesondere auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Je größer die Zahl ihrer Anhänger ist oder je größer die Beharrlichkeit einzelner Protestierender, – man denke an Hungerstreiks und ähnliche Methoden – desto höher wird auch die Aufmerksamkeit innerhalb der Gesellschaft ausfallen (vgl. Rucht 2012: 3f.). Eine moderne Gesellschaft und soziale Bewegungen stehen dabei in direkter Wechselwirkung. „Soziale Bewegungen sind nicht ohne Moderne, Moderne ist nicht ohne soziale Bewegungen denkbar“ (Rucht 1994: 77f.). Ihren Ursprung finden sie in der Aufklärung, als sich die Sichtweise auf die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens wandelte und sich die Bevölkerung selbst als die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen verändernde Kraft verstand (vgl. ebd.: 509). Nicht der Mensch habe fortan „den Bedürfnissen der Gesellschaft zu dienen, sondern umgekehrt die Gesellschaft den Bedürfnissen der Menschen“ (Kern 2008: 13).

Zunächst begleiteten bürgerlich-emanzipatorische Proteste gegen absolutistische Regierungen, im Zeitalter der Industrialisierung die Arbeiterbewegungen und nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich demokratische Protestbewegungen unter anderem für die Themen Gleichberechtigung, Frieden oder Umwelt den Weg in die Moderne. Der Modernisierungsbegriff meint dabei zweierlei. Er beschreibt auf institutioneller Ebene die strukturelle und funktionale Differenzierung in gesellschaftliche Teilsysteme. Auf der kulturellen Ebene bezeichnet er dagegen die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaft, mit der sich einerseits eine Vielzahl neuer Lebenschancen eröffneten. Andererseits entstanden neue Spannungen innerhalb der Gesellschaft, da traditionelle Ordnungen zur Zeit der Industrialisierung aufgebrochen worden, sodass Verunsicherung, Verängstigung und Orientierungslosigkeit der Menschen im Zuge der Ambivalenz gesellschaftlichen Fortschritts mit kollektivem Protesthandeln kompensiert werden sollten (vgl. Hellmann 1998: 11).

In der sozialen Bewegungsforschung lassen sich zwei ursprüngliche Theoriestränge ausmachen, die für die Entwicklung sozialer Bewegungsforschung von Bedeutung waren und an denen sich vor allem die europäische Bewegungsforschung vorrangig orientierte (vgl. u. Hellmann 1998: 10ff.; Kern 2008: 11). Gleichermaßen lässt sich der Zusammenhang von Modernisierung und Protestbewegung aufzeigen, wie er beispielsweise von Rucht (1994), Hellmann (1998) oder Kern (2008) hervorgehoben wird. Dazu zählt auf der einen Seite die soziale Evolutionstheorie von Marx und Engels, nach der gesellschafliche Proteste vor allem in den strukturellen Spannungen gesellschaftlicher Klassen als Folge der Modernisierung begründet liegen. Demnach fassen sich Individuen zu kollektiv handelnden Akteuren zusammen, die diese Spannungen durch einen revolutionären Umbruch der Gesellschaft aufzulösen versuchen, der in einer klassenlosen Gesellschaft mündet. Die Aufmerksamkeit richtet sich also vor allem auf strukturelle Spannungen innerhalb der Gesellschaft. Diese Sichtweise herrscht im Grunde bis heute in der europäischen Theoriegeschichte sozialer Bewegungen vor (vgl. Lahusen 2013: 718f.).

Auf der anderen Seite gehört die Massenpsychologie von Gustave Le Bon zu den traditionellen Strängen der sozialer Bewegungsforschung, die vor allem zur Erklärung faschistischer Bewegungen Anwendung fand. Demnach beeinflusst irrationales Verhalten das Handeln der Menschen in einer Masse, die darin ihre Selbstkontrolle verlieren und sich dem Strom des Massenverhaltens sowie seiner Ideologie und Affekte hingeben (vgl. Le Bon 2007: 38; Hellmann 1998: 11). Markante Rufe der Masse verdichten hierbei ideologische Kernaspekte der Wortführer. Der Grund für diese Form des Folgens ist vor allem die Erosion sozialer Bindungen im Zuge der Modernisierung, sodass der Einzelne Zuflucht in der Masse sucht. Diese abwertend konnotierte Sichtweise unterstellt der protestierenden Masse einen fehlenden eigenen Willen, der sich in einem fremdgelenkten Denken und Handeln widerspiegelt. Nicht zu verkennen ist dagegen der legitime demokratische Protest einer großen Zahl von Menschen, die für ihre verschiedensten Rechte und gegen gesellschaftliche Missstände eintreten (vgl. Rucht 2012: 3).

Tatsächlich orientiert sich die Ressourcenmobilisierungstheorie nach McCarthy und Zald (1977) an der Auffassung, dass Protestakteure als handelnde Individuen und Kollektive verstanden werden und es bestimmter Ressourcen wie Geld, Zeit, Qualifikation, sozialer Netzwerke und dergleichen bedürfe (vgl. Hellmann 1998: 11; Kern 2008: 122ff.). Eine zunächst als unstrukturiert daherkommende Masse von Menschen erscheint auf der Grundlage gemeinsamer Deutungsmuster[2] als strukturiertes Ganzes, welches durch das Zusammenwirken von vorangegangener intensiver Organisation, öffentlichen Ankündigungen und Informationen sowie der Vernetzung von verschiedenen Interessengruppen zustande kommt, wenn sich sozusagen die 'Gelegenheit' wie in Form einer Dissonanz innerhalb der Gesellschaft dazu anbietet. Ohne eine planvolle Organisation erscheinen dauerhafte Bewegungsformen als wenig wahrscheinlich (vgl. Roth/Rucht 2008: 25). Fast alle Massenproteste beruhen daher auf einer mehr oder weniger intensiven Ressourcenmobilisierung über etwaige Kommunikationswege und mit der entsprechenden, öffentlich nicht sichtbaren Vorbereitungszeit sowie einer zielgerichteten Intervention und Hilfestellung durch und über verschiedene Interessengruppen wie zum Beispiel (sozialer) Medien, Vereine, Gewerkschaften oder Kultureinrichtungen (vgl. Rucht 2012: 5; Roth/Rucht 2008: 25f.).

Seit den 1980er Jahren hat sich in Europa ein weiterer Ansatz neuer sozialer Bewegungen etabliert, der sich im Gegensatz zur Ressourcenmobilisierungstheorie an strategischen Gesichtspunkten orientiert. Demnach machen Protestierende auf langfristig entwickelte, gesellschaftliche Missstände und Strukturprobleme aufmerksam und fordern einen Wertewandel innerhalb der postmodernen Gesellschaft zur Verteidigung der eigenen Autonomie, ohne jedoch direkte politische Partizipation zu beabsichtigen (vgl. Hellmann 1996: 13; Hellmann 1998: 15).

Will man soziale Bewegungen schließlich definitorisch erfassen, soll zusammenfassend der Entwurf von Dieter Rucht herangezogen werden, wonach eine soziale Bewegung neueren Stils[3]

„ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssys tem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen“ sei, „welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests – notfalls bis zur Gewaltanwendung – herbeiführen, ver hindern oder rückgängig machen wollen“ (Rucht 1994: 77ff.).

Dabei fehlt modernen Protestbewegungen eine klare Ideologie. Sicher ist, dass sie sich mehr oder weniger gegen Modernisierungstendenzen auflehnen. Sie rekrutieren ihre Mitglieder vorrangig aus der Mittelschicht, die sich zu informellen Gruppen und lokalen Netzwerken zusammenschließen, um ihre reformistischen Vorstellungen mit legalen, demokratischen Protestformen kundzutun (vgl. Rucht 1994: 512). Sie sind in gleichem Sinne hybride Kollektive, die sich analytisch auf der Mesoebene befinden, wobei sie sowohl in Richtung der Makrobebene (z. B. hinsichtlich der Interventionsabsichten auf organisierter Regierungsebene) als auch der Mikroebene (z. B. hinsichtlich der Verkörperung von individuellen Motiven der Anhängerschaft) orientiert und sowohl homogen organisiert als auch als Ansammlung heterogener Kleingruppen strukturiert sind.

Nun lassen sich verschiedene Trends beobachten, in welche Richtung sich soziale Bewegungen entwickeln. Zunächst einmal haben sich Demonstrationen als legitimes, freiheitliches Mittel zur direkten Partizipation an der Demokratie etabliert.[4] Für die letzten Jahre lässt sich nach Kern (2008: 14f.) hinsichtlich der inhaltlichen Ausrichtung der Proteste konstatieren, dass religiöse, ethnische und fundamentalistische Bewegungen in Opposition zu den geltenden Prinzipien moderner Gesellschaften an Zulauf gewonnen haben. Auch die Themenvielfalt der Proteste zur Artikulation und zur (auch durch politischen und medialen Druck erzeugten) Durchsetzung bestimmter Interessen hat zugenommen, wenngleich einige wenige Themen wie Umwelt, Arbeit oder Frieden den Protestkanon beherrschten. Mittlerweile gewinnen traditionelle Themen wie Zuwanderung und Integration sowie sozialpolitische Fragen erneut an Zustimmung, was sich aktuell an rechtspopulistischen Bewegungen[5] in Europa beobachten lässt (vgl. Lahusen 2013: 727). Die Bewegungen operieren zum Teil in globalen Netzwerken und sind nicht selten an weltweit agierende Nichtregierungsorganisationen gebunden, die sich auf den Feldern Tierschutz, Umwelt oder den Kampf gegen Rechtsextremismus bewegen.

[...]


[1] Es soll dabei vorrangig um Luhmanns Systemtheorie gehen. Eine Vorstellung von Systemtheorien im Allgemeinen und von Systemtheorien der Medien im Speziellen liefert Weber (2010: 189ff.). Gleichzeitig kann aus Gründen des Umfangs nicht das ganze Werk Luhmanns behandelt werden. Daher sollen hier nur zentrale, für die Fragestellung wichtige Elemente seiner Theorie angeführt werden.

[2] Der Framing-Ansatz nach Snow und Benford (2000) weist dazu Ähnlichkeiten auf. Er behandelt vor allem die konstruktivistische Komponente des Protests. Darunter wird vor allem die „Inszenierung eines Protestthemas“ verstanden (Hellmann 1998: 20f.;Kern 2008: 141ff.).

[3] Im Gegensatz zu klassischen Protestformen wie die Arbeiterbewegung wenden sich neue soziale Bewegungen als linksliberale Antwort gegen Probleme der postindustriellen Gesellschaft, wie sie bereits in den Protesten der 1960er Jahre aufkamen und schließlich im Rahmen von Studenten-, Frauen, Ökologie-, Anti-Atomkraft- und Friedensbewegungen in der öffentlichen Debatte behandelt wurden (vgl. Lahusen 2013: 718f.). Gleichwohl ergeben sich Mobilisierungen aus politischen und gesellschaftlichen Anlässen (vgl. Roth/Rucht 2008: 23). So bildet die aktuelle Flüchtlingspolitik der deutschen Bundesregierung sowie der Regierungen im gesamten europäischen Raum eine Reaktion auf die verstärkten Migrationsbewegungen, welche ihrerseits zu massenhaften Protesten in verschiedenen Ländern Europas geführt haben.

[4] Demonstrationen bilden mittlerweile die zweithäufigste Form politischer Partizipation und Artikulation
(vgl. Roth/Rucht 2008: 27).

[5] Zur Theorie rechtspopulistischer Bewegungen vgl. Mudde 2004; Priester 2008; Häusler 2008; Zick/Küpper 2015

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Soziale Bewegungen als soziale Systeme. Eine Analyse von Protestbewegungen als Teil des politischen Systems
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Fakultät Medien)
Veranstaltung
Medien der Vergesellschaftung
Note
1,2
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V380326
ISBN (eBook)
9783668568662
ISBN (Buch)
9783668568679
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mediensoziologie, Luhmann, Systemtheorie, Protest, Soziale Bewegungen, Massenmedien, Politisches System, Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft, Soziologie, Protestbewegungen, Medien, Bewegungsforschung
Arbeit zitieren
Felix Luderer (Autor), 2016, Soziale Bewegungen als soziale Systeme. Eine Analyse von Protestbewegungen als Teil des politischen Systems, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380326

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