Die folgende Arbeit widmet sich dem Protest als soziale Bewegung unter systemtheoretischen Gesichtspunkten. Dabei soll die zentrale These verfolgt werden, dass eine Protestbewegung ein autopoietisches soziales System ist, dass in besonderer Weise als System innerhalb des politischen Systems zu verorten ist und gleichzeitig einen intensiven und beidseitig profitablen Austausch mit dem Mediensystem anstrebt und davon 'lebt'. Abschließend soll ein Modell erarbeitet werden, das die Protestbewegung als Teil des politischen Systems bei gleichzeitiger Verschränkung und gegenseitiger Beeinflussung des Massenmediensystems versteht. Es soll verdeutlichen, inwieweit das politische und das Mediensystem die Bildung und den Erhalt von Protestbewegungen begünstigen und dass damit ein grundlegender Baustein zur funktionalen Differenzierung und damit zur Modernisierung der Gesellschaft gelegt wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Soziale Bewegungen als Phänomen der Moderne
3 Protestbewegungen als soziale Systeme
4 Protest als Teil des politischen Systems
5 Massenmedien und Protest – Wechselspiel zwischen Politik und Medien
6 Schlussbetrachtung
7 Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Protestbewegungen unter systemtheoretischen Gesichtspunkten mit dem Ziel, diese als autopoietische soziale Systeme innerhalb des politischen Systems zu verorten. Dabei wird analysiert, wie Protestbewegungen als Akteure in der modernen Gesellschaft fungieren und in welcher Weise sie einen wechselseitigen Austausch mit dem Mediensystem pflegen, um Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu erzeugen.
- Systemtheoretische Verortung von Protestbewegungen nach Niklas Luhmann
- Die Rolle von Protestbewegungen als autopoietische soziale Systeme
- Das Wechselspiel zwischen Protest, dem politischen System und Massenmedien
- Protest als Form der Kommunikation und Gegenöffentlichkeit
- Modernisierungseffekte durch gesellschaftliche Irritation
Auszug aus dem Buch
3 Protestbewegungen als soziale Systeme
Soziale Bewegungsforschung wurde aus Sicht verschiedenster Theoriestränge der Soziologie behandelt. Dabei wird die Systemtheorie – vor allem in der Tradition von Niklas Luhmann – deutlich ausgespart, wie Kai-Uwe Hellmann bemerkt. Gleichwohl betont er, dass ohne Systemtheorie einiges unverständlich bliebe, was zentral für die Beobachtung sozialer Bewegungen sei (vgl. Hellmann 1996 19f.).6 Soziale Bewegungen lassen sich nach Hellmann (ebd.: 85ff.) selbst nur schwer als eigene Funktionssysteme beschreiben, weil ihnen der hohe Grad funktionaler Ausdifferenzierung fehlt. An zentraler Stelle steht, dass eine einheitliche Codierung sowie eine klare Programmierung vor allem aufgrund der ständig wechselnden Protestthemen zu fehlen scheint, die eine anschlussfähige Kommunikation innerhalb des Systems 'Protest' ermöglichen würden. Im Folgenden soll daher versucht werden, Luhmanns Verständnis sozialer Systeme in aller Kürze zu erläutern, um anschließend eine Verortung der Protestbewegung innerhalb des Gefüges sozialer Systeme vorzunehmen.
Luhmann begreift die Gesellschaft generell als operativ geschlossenes, soziales System, das sich gegenüber seiner Umwelt funktional ausdifferenziert hat7. Alles was nicht zum System gehört, ist Umwelt des Systems. Die einzelnen Teilbereiche der Gesellschaft besitzen dabei ihre eigenen Kriterien und eine spezifische Codierung, „mit der sie ihre Umwelt auf Themen und Beiträge hin abtasten, die für sie relevant sein könnten“ (Hellmann 2005: 40). Ihr gegenüber verhält sich das Gesellschaftssystem als Ganzes samt seiner Teilsysteme grundsätzlich empfindlich. Es ist in diesem Sinne stets anfällig für Störfaktoren, aber auch grundsätzlich offen für strukturelle Kopplungen – also für Interdependezen zwischen System und Umwelt (vgl. Luhmann 1990: 281). Soziale Systeme – damit sind in erster Linie die Gesellschaft als Ganzes sowie ihre Funktionssysteme gemeint – beobachten sich fortwährend gegenseitig im Hinblick auf eine Differenz und sind gleichzeitig selbstreferenziell.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Protestbewegungen ein, illustriert anhand des Beispiels PEGIDA, und legt die zentrale These fest, dass Protestbewegungen als autopoietische soziale Systeme innerhalb des politischen Systems zu begreifen sind.
2 Soziale Bewegungen als Phänomen der Moderne: Dieses Kapitel erläutert die Ursprünge sozialer Bewegungen in der Aufklärung und diskutiert verschiedene Theoriestränge, wie die soziale Evolutionstheorie und die Ressourcenmobilisierungstheorie, zur Erklärung ihres Entstehens.
3 Protestbewegungen als soziale Systeme: Hier wird der theoretische Rahmen nach Niklas Luhmann angewandt, um Protestbewegungen als operativ geschlossene, selbstreferenzielle Systeme zu definieren, die auf Aufmerksamkeit angewiesen sind.
4 Protest als Teil des politischen Systems: Das Kapitel verortet Protestbewegungen als außerparlamentarische Opposition und "Gegenöffentlichkeit", die durch Irritation des politischen Zentrums sozialen Wandel anstoßen können.
5 Massenmedien und Protest – Wechselspiel zwischen Politik und Medien: Diese Analyse untersucht die strukturelle Kopplung zwischen Protest, Medien und Politik in einem "kommunikativen Dreieck", in dem die Medien zur notwendigen Verbreitung von Protestbotschaften dienen.
6 Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst zusammen, dass Protestbewegungen als temporäre, aber wirkungsmächtige Phänomene der Moderne fungieren, die durch Aufmerksamkeitserzeugung gesellschaftliche Entwicklungsprozesse maßgeblich beeinflussen können.
7 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Protestbewegung, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Autopoiesis, politisches System, Massenmedien, soziale Systeme, Kommunikation, moderne Gesellschaft, funktionale Differenzierung, Gegenöffentlichkeit, Ressourcenmobilisierung, politisches Zentrum, Peripherie, gesellschaftlicher Wandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen von Protestbewegungen aus einer systemtheoretischen Perspektive, insbesondere basierend auf der Theorie von Niklas Luhmann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert auf die Definition von Protest als autopoietisches soziales System, dessen Einordnung in das politische System und seine Interaktion mit den Massenmedien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu zeigen, dass Protestbewegungen eigene autopoietische Systeme sind, die als außerparlamentarische Opposition durch Irritation des politischen Zentrums gesellschaftliche Modernisierungsprozesse vorantreiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die systemtheoretische Analyse und begriffliche Einordnung nach Niklas Luhmann, um das Handlungsspektrum und die Funktion von Protestbewegungen in der modernen Gesellschaft zu modellieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Systemtheorie, die Verortung von Protest im politischen System und die Analyse des "kommunikativen Dreiecks" zwischen Protest, Politik und Medien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Protestbewegung, Systemtheorie, Autopoiesis, politisches System, Massenmedien und gesellschaftlicher Wandel.
Wie unterscheidet sich die Protestbewegung von anderen Funktionssystemen?
Im Gegensatz zu etablierten Funktionssystemen fehlt Protestbewegungen ein hoher Grad an funktionaler Ausdifferenzierung und eine fest programmierte Codierung, da sie sich stark über wechselnde Protestthemen definieren.
Welche Rolle spielen die Massenmedien für den Erfolg einer Protestbewegung?
Medien dienen Protestbewegungen als entscheidendes Instrument zur Erzeugung von öffentlicher Aufmerksamkeit, ohne die der Anschluss an weitere gesellschaftliche Kommunikationsprozesse kaum möglich wäre.
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- Felix Luderer (Author), 2016, Soziale Bewegungen als soziale Systeme. Eine Analyse von Protestbewegungen als Teil des politischen Systems, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380326