Diese Arbeit stellt Rawls Verständnis von zivilem Ungehorsam dem von Arendt gegenüber. Welche Argumente sprechen für begrenzte Einsatzmöglichkeiten von zivilem Ungehorsam, welche für umfangreiche? Welche definitorischen Grenzen sind möglicherweise zu eng gefasst, welche zu weit? Kapitel 2 erörtert die Grundüberlegungen von John Rawls zu seiner Theorie der Gerechtigkeit, sowie seine Definition von zivilen Ungehorsam und dessen Einsatzmöglichkeiten. Kapitel 3 beschreibt Hannah Arendts Überlegungen zu Voraussetzungen und gesellschaftlicher Bedeutung des zivilen Ungehorsams. Im darauffolgenden vierten Kapitel werden ausgewählte Positionen beider Autoren gegenübergestellt und diskutiert, ehe im fünften Kapitel ein abschließendes Fazit gezogen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ziviler Ungehorsam bei John Rawls
2.1 Grundlagen der Gerechtigkeitstheorie
2.2 Definition und Rechtfertigung des zivilen Ungehorsams
2.3 Rolle des zivilen Ungehorsams in der Gesellschaft
3. Ziviler Ungehorsam bei Hannah Arendt
3.1 Definition und Rechtfertigung des zivilen Ungehorsams
3.2 Institutionalisierung des zivilen Ungehorsams
4. Kritik und Diskussion
4.1 Voraussetzungen für zivilen Ungehorsam – Zustand einer Gesellschaft
4.2 Grundlage des zivilen Ungehorsams – Meinung, Gewissen und Intuition
4.3 Rolle des zivilen Ungehorsams – Ausnahme oder Regel?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die unterschiedlichen theoretischen Perspektiven von John Rawls und Hannah Arendt auf das Phänomen des zivilen Ungehorsams gegenüberzustellen und kritisch zu diskutieren. Dabei wird insbesondere untersucht, welche Voraussetzungen für eine Legitimation des Ungehorsams gelten und welche Rolle diesem in einem konstitutionellen bzw. demokratischen System zukommt.
- Vergleich der liberalen Definition von Rawls mit dem Ansatz von Arendt.
- Analyse der Rechtfertigungsbedingungen und der Rolle des Gewissens.
- Diskussion über die Möglichkeiten einer Institutionalisierung zivilen Ungehorsams.
- Kritische Beleuchtung der Stabilität und Legitimität demokratischer Systeme durch Widerstand.
Auszug aus dem Buch
3.2 Institutionalisierung des zivilen Ungehorsams
In Hannah Arendts Überlegungen nimmt der zivile Ungehorsam in einer Gesellschaft eine bedeutende Stellung ein. Arendt bezieht sich hier auf Tocqueville, der freiwillige Vereinigungen als Mittel des Handelns als „eigentümliche Stärke des amerikanischen politischen Systems“ sah; für Arendt ist der zivile Ungehorsam eine moderne Variante dieser Vereinigungen (vgl. Arendt 1970: 153 f.). Sie plädiert darüber hinaus für eine Institutionalisierung des zivilen Ungehorsams, wohlwissentlich, dass der Rechtsbruch nicht gesetzlich gerechtfertigt werden kann, selbst wenn er in der Absicht begangen wird, der Verletzung eines anderen Gesetzes vorzubeugen. Daher lehnt Arendt eine legalistische Herangehensweise an den zivilen Ungehorsam ab.
Ziviler Ungehorsam erfordere eine politische Antwort, nicht nur eine Behandlung im Bereich des Rechts und der Strafverfolgung (vgl. Petherbridge 2016: 976, 979). Ein möglicher anerkannter Ort für den zivilen Ungehorsam in den Institutionen des Regierungssystems sei etwa in Form einer politischen Institutionalisierung analog zu Pressure Groups oder Lobbyisten (vgl. Arendt 1970: 157 f.). Dies hätte zur Folge, dass „Meinungsminderheiten“ als Macht etabliert würden, „mit der man in den täglichen Regierungsgeschäften rechnen müßte“ (Arendt 1970: 158). Nur dann könne der zivile Ungehorsam seine Wirkung als „constitutionally regenerative practice“ entfalten, als Manifestation der demokratischen Macht des Volkes (Petherbridge 2016: 976 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Entwicklung des zivilen Ungehorsams ein und skizziert das Spannungsfeld zwischen den Theorien von John Rawls und Hannah Arendt.
2. Ziviler Ungehorsam bei John Rawls: Dieses Kapitel erläutert Rawls Gerechtigkeitstheorie und definiert zivilen Ungehorsam als eine öffentliche, gewaltlose und gewissensbestimmte Handlung innerhalb eines stabilen Systems.
3. Ziviler Ungehorsam bei Hannah Arendt: Hier wird Arendts radikalere Sicht vorgestellt, die den Ungehorsam als kollektiven Akt und als notwendiges Element zur Offenheit und Legitimität der Demokratie begreift.
4. Kritik und Diskussion: In diesem Teil werden die Ansätze kritisch hinterfragt, wobei die Voraussetzungen, die Motivation durch Gewissen oder Meinung sowie die Frage nach einer Institutionalisierung diskutiert werden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Tauglichkeit der diskutierten Konzepte für den Umgang mit realpolitischen Defiziten.
Schlüsselwörter
Ziviler Ungehorsam, John Rawls, Hannah Arendt, Gerechtigkeitstheorie, Rechtfertigung, Demokratie, Institutionen, Widerstand, Politische Theorie, Gewissen, Meinung, Legitimität, Rechtsstaat, Institutionalisierung, Freiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Konzept des zivilen Ungehorsams im Vergleich zwischen John Rawls und Hannah Arendt hinsichtlich seiner Legitimation und Funktion.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind die Gerechtigkeitstheorie, das Verständnis von Legalität versus Legitimität, die Rolle des Gewissens sowie die politische Teilhabe.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher theoretischer Ansätze, um zu klären, wie ziviler Ungehorsam in einem demokratischen Staat gerechtfertigt und integriert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der primäre philosophische Texte und sekundäre wissenschaftliche Diskurse kritisch verglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Definitionen beider Denker, die Bedingungen für zivilen Ungehorsam und diskutiert kritisch deren Anwendbarkeit und Grenzen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ziviler Ungehorsam, Gerechtigkeit, konstitutionelle Demokratie, politischer Widerstand und institutionelle Reform.
Warum lehnt Arendt das Gewissen als Grundlage für zivilen Ungehorsam ab?
Arendt sieht das Gewissen als zu subjektiv und unpolitisch an; für sie ist der zivile Ungehorsam ein kollektives Handeln, das auf einer gemeinsamen Meinung basieren muss.
Welche Position vertritt Rawls bezüglich der Stabilität eines Systems?
Rawls sieht den zivilen Ungehorsam zwar als Stabilisierungskraft für gerechte Institutionen, warnt jedoch vor einer zu starken Ausbreitung, da diese das Vertrauen in Gesetz und Verfassung untergraben könnte.
- Arbeit zitieren
- Lisa Schrader (Autor:in), 2017, Gerechtigkeit durch Widerstand? Ziviler Ungehorsam bei John Rawls und Hannah Arendt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380327