Fassungsvergleich von Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich". Parallelen und Unterschiede zwischen dem ersten und zweiten Fassungsende


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1. Hinführung zum Thema

2. Zusammenfassung des Buchinhalts

3. Ende der 1. Fassung

4. Vergleich des Endes der 2. Fassung anhand dem Ende der 1. Fassung
4.1. Inhalt und Handlungsstränge
4.2. Erzählerposition
4.3. Stil
4.4. Wirkung

5. Fazit mit Einbezug der Überlegung des „Anfangs-Ausgangs“

1. Hinführung zum Thema

„[…] Es [gibt] wohl kaum ein Buch in deutscher Sprache […], aus dem man so viel erfahren kann über die Wunder und die Gefahren des Lesens im Wechselspiel von Realitätserschließung und Wirklichkeitsverkennung wie aus diesem.“1

Gottfried Keller, welcher 1819 in Zürich als Sohn eines Drechslermeisters geboren wurde und 1890 in der Heimatstadt verstarb, begann während seines Aufenthalts in Heidelberg und Berlin 1849 mit der Niederschrift des vierbändigen Romans „Der grüne Heinrich“. Die ersten drei Bücher erschienen 1854 im Braunschweiger Viewer Verlag, woraufhin der vierte Band 1855 folgte. Aufgrund Kellers persönlicher Unzufriedenheit hinsichtlich der „Unproportioniertheit zwischen der eingeflochtenen Jugendgeschichte und dem übrigen Roman“ sowie dem „zu wenig motiviert scheinenden Tod“2 des Protagonisten am Ende, erarbeitete er gegen Ende der 1870er Jahre eine zweite Fassung. Diese erschien 1879/80 überarbeitet und wesentlich verändert als „Neue Ausgabe“ im Stuttgarter Verlag Göschen bei Ferdinand Weibert. Dennoch blieb die erste, ursprüngliche Fassung als Eigentliche angesehen.

Doch aufgrund des zentralen Aspektes des Scheiterns wird dieser Bildungsroman, welcher Züge der Einflüsse Goethes „Wilhelm Meister“, der Erzähltechnik von Jean Paul und Feuerbachs Philosophie trägt, vorerst nicht in den Kanon der großen Romane des europäischen 19. Jahrhunderts aufgenommen.

Um die Differenzen zwischen den beiden Fassungen herauszuarbeiten, wird das Ende, welches mit dem Einsatz des 5. Kapitel des 4. Bandes3,4 lokalisiert wird, herangezogen. In diesem sind die grundlegendsten Unterschiede auffindbar, die die Gesamthandlung sowie die Wirkung des Romans ausschlaggebend prägen. Bevor zur Untersuchung verschiedene Kriterien herangezogen werden,wie der Inhalt, die Handlungsstränge, die Erzählerposition, der Stil und auch die Wirkung auf den Leser, wird der gesamte Buchinhalt wiedergegeben. Im letzten Punkt, dem Fazit, wird die zwischenzeitliche Überlegung Kellers, das Ende an den Anfang des Romans zu stellen, in Bezug auf die Gesamtwirkung des Werkes betrachtet.

2. Zusammenfassung des Buchinhalts

Im bedeutendsten Entwicklungsroman des sogenannten poetischen Realismus steht der grüne Heinrich als „ein Mensch im Zentrum, der sich in der geheimnissvollen Vielfalt der Welt zurechtzufinden sucht. Im unaufhörlichen Auftauchen und Versinken von Landschaften und menschlichen Gestalten bleiben allein Heinrich und seine Mutter durch den ganzen Roman hindurch gegenwärtig.“5 Aufgrund des eingeschlossenen Manuskripts der Jugendgeschichte des Protagonisten lässt sich der Roman in zwei Teile gliedern.

In der Jugendgeschichte, welche in der ersten Fassung im 4. Kapitel und in der zweiten Fassung bereits im 1. Kapitel des 1. Bandes einsetzt, wird beschreiben, wie Heinrich Lee nach dem frühen Tod des Vaters von seiner frommen Mutter allein großgezogen wird. Beide wohnen zusammen in einer Wohnung einer nicht näher benannten Stadt in der Schweiz. Fälschlicherweise wird Heinrich für den Rädelsführer eines Schülerstreichs gegen einen Lehrer gehalten, wodurch er der Schule verwiesen wird. Daraufhin verbringt er den Sommer bei Verwandten auf dem Land, wo sich zwischen ihm und seiner Cousine Anna eine Jugendliebe entwickelt. Zur gleichen Zeit nähert er sich auch der reifen Judith an, die die Sinnlichkeit des Jünglings herausfordert. Als Anna im weiteren Verlauf jedoch stirbt, sagt sich Heinrich auch von Judith los, um seiner Cousine treu zu bleiben. In Hinblick auf den weiteren Verlauf des Romans kann die Jugendgeschichte als Lebensmodell angesehen werden, welches sichtbar macht, dass die Kindheit schon ein Vorspiel auf das ganze Leben darstellt.

Der Wunsch Künstler zu werden, führt den Protagonisten im zweiten Teil des Romans in eine süddeutsche Kunststadt, in welcher er bei dem Maler Habersaat in die Lehre geht. Erst durch die Begegnung mit einem anderen Künstler, namens Römer, wird Heinrich klar, dass Habersaat nicht das richtige Vorbild für ihn ist, woraufhin er eine Lehre bei Römer antritt. Dieser lehrt Heinrich in klassischer Natürlichkeit zu malen. Doch nach einiger Zeit kommt es zum Bruch zwischen dem Kunstlehrer und Heinrich. Auch die neu geschlossene Freundschaft mit dem schwedischen Erikson und Ferdinand Lys aus Amsterdam entzweit sich, als Heinrich über Lys rücksichtsloses Verhalten ärgerlich ist und der Streit in einem Duell endet. Als Künstler erzielt Heinrich schließlich keine Erfolge. Damit er seine Schulden begleichen kann, bittet er seine Mutter ihm Geld zu schicken, welche dafür eine Hypothek auf ihr Haus aufnimmt. Nachdem Heinrich aus Not ältere Skizzen an einen Trödler verkauft, beschließt er den Beruf des Künstlers aufzugeben und sich auf den Rückweg in die Heimatstadt zu machen. Doch unterwegs trifft Heinrich zufällig auf den Grafen Dietrich, welcher ihn ermutigt die künstlerische Tätigkeit nicht aufzugeben und ihn als Gast zu sich ins Schloss einlädt. Während des Aufenthalts verliebt sich Heinrich in Dortchen, die Pflegetochter des Grafens, der er seine Liebe jedoch nicht gesteht.

Im Wesentlichen werden in diesem Teil, Heinrichs vergebliche Bemühungen, sein künstlerisches Talent zu entwickeln, sowie der Versuch der materiellen Unabhängigkeit dargelegt. „Neben den Problemen der Kunst, umkreisen Heinrichs Gedanken Fragen philosophischer und religiöser Art, des menschlichen Zusammenlebens und der politisch-gesellschaftlichen Ordnung […].“6 Seine endliche Heimkehr fällt in der ersten Fassung mit dem Tod seiner Mutter zusammen, welcher eine innere Leere entstehen lässt, an der Heinrich kurze Zeit darauf stirbt. In der zweiten Fassung hingegen, kehrt Heinrich noch rechtzeitig zu seiner Mutter zurück und kann noch einmal ihre Nähe genießen. Nachdem er sich dem öffentlichen Wohl als Oberamtmann widmet, trifft er auf die aus Amerika heimkehrende Judith, mit der er sein restliches Leben verbringt.

Im Folgenden werden die Fassungen in ihrem Ende zuerst inhaltlich mittels einer Gegenüberstellung der Parallelen und Unterschiede und anschließend anhand verschiedener Kriterien ausführlicher betrachtet.

3. Ende der 1. Fassung

Zu Beginn des 5. Kapitels des 4. Bandes, mit dem auch der Einsatz des Endes des Bildungsromans einhergeht, befindet sich der grüne Heinrich, noch immer in der süddeutschen Residenzstadt, in finanzieller Not. Von Hunger gezeichnet, ist Heinrich gezwungen seine Mutter erneut um Geld zu bitten, woraufhin diese einen Kredit auf ihr Haus aufnimmt, da bereits alle Rücklagen im Laufe von Heinrichs Kunstausbildung aufgebraucht wurden.

Um selbst etwas Geld zuverdienen und sich eigenständig aus der Notsituation zu befreien, verkauft Heinrich seine Mappen, sowie auch fertige Bilder an einen alten Trödler, welcher ihn gelegentlich zum Essen einlädt. Außerdem nimmt er das Angebot wahr, zum Einzug der Braut des Kronprinzen Stangen in blau-weiß anzustreichen. Den einzigen Ausgleich zu den alltäglichen finanziellen Schwierigkeiten stellt für Heinrich Lee die Natur dar, in der er zu sich selbst findet. Nachdem Heinrich seine Mietschulden im 7. Kapitel begleicht, hat er keine weiteren Rücklagen, sodass er aus der Wohnung ziehen muss. Als ein alter Landsmann ihm berichtet, wie schlecht es der Mutter gehe, wächst Heinrichs Wunsch nach Hause zurückzukehren. „Allein das heiße Verlangen nach diesem so einfachen und natürlichen Gute wirkte so mächtig in ihm, daß in tiefer Nacht, wenn der Schlaf ihn endlich heimgesucht, eine schöpferische Traumwelt lebendig wurde und durch die glühendsten Farben, durch den reichsten Gestaltenwechsel und durch die seligsten, mit dem allerausgesuchtesten Leide gepaarten Empfindungen den Schlafenden beglückte, mit ihrer Nacherinnerung aber auch den Wachen für alles Übel vollkommen schadlos hielt und das Unerträgliche erträglich machte, ja sogar zu einer Art von bemerkenswerthem Glücke umwandelte.“7 In Gedichten versucht Heinrich die Gedanken und Träume über sein Heimatland zu verarbeiten. Als ihn endlich ein Brief der Mutter erreicht, fasst Heinrich den Entschluss heimzukehren, welcher durch die Kündigung seiner Wirtsleute besiegelt wird. Im 8. Kapitel des 4. Bandes bestreitet Heinrich den Weg nach Hause, wobei der Protagonist seine Berufswahl überdenkt und über die „Eitelkeit“ reflektiert, wodurch auch die Jugendgeschichte hinzugezogen wird.

Entkräftet erreicht Heinrich einen Gutshof, auf dem er von einer jungen Dame wieder erkannt, eingeladen und bewirtet wird. Das Mädchen, namens Dorothea, ist die Tochter des Grafen, die Heinrich bereits auf seiner frisch angetretenen Reise vor sechs Jahren kennenlernte.

[...]

1 Osterkamp, Ernst: Mein Lieblingsbuch: „Der grüne Heinrich“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Feuilleton, URL: http://www.faz.net/aktuell/ feuilleton/buecher/ernst-osterkamp-mein-lieblingsbuch-der-gruene-heinrich-1178167.html, Stand: August 2004 (eingesehen am 28. Februar 2016)

2 Universität Zürich: Gottfried Keller: „Der grüne Heinrich“, URL: http://www.gottfriedkeller.ch/schule/heinrich.php, Stand: April 2014 (eingesehen am 01. März 2016)

3 Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich, Erste Fassung, Band 4, Kapitel 5, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1985, Seite 718

4 Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich, Zweite Fassung, Band 4, Kapitel5, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1996, Seite 674

5 Wehrli, Max: Gottfried Kellers Verhältnis zum eigenen Schaffen, Kapitel I: Grundformen des Verhaltens zur Welt im „Grünen Heinrich“, Bern: A.Francke AG Verlag, 1965, Seite 9, Zeile 12-16

6 Universität Zürich: Gottfried Keller: „Der grüne Heinrich“, URL: http://www.gottfriedkeller.ch/schule/heinrich.php, Stand: April 2014 (eingesehen am 01. März 2016)

7 Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich, Erste Fassung, Band 4, Kapitel 7, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1985, Seite 760, Zeile 4-14

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Fassungsvergleich von Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich". Parallelen und Unterschiede zwischen dem ersten und zweiten Fassungsende
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V380435
ISBN (eBook)
9783668569751
ISBN (Buch)
9783668569768
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Der grüne Heinrich, Gottfried Keller, erzählerposition, inhalt, stil, wirkung, vergleich
Arbeit zitieren
Maria Beyer (Autor), 2016, Fassungsvergleich von Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich". Parallelen und Unterschiede zwischen dem ersten und zweiten Fassungsende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380435

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