Das Pflegekind und seine psychosoziale Situation. Entwicklung und Verhalten des Pflegekindes in der Fremdunterbringung


Hausarbeit, 2017
32 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Herkunftsfamilie des Pflegekindes
2.1 Erfahrungen in der Herkunftsfamilie - Traumatische Erlebnisse
2.1.1 Vernachlässigung
2.1.2 Misshandlungen
2.1.3 Sexueller Missbrauch

3 Die Bindungen der Pflegekinder
3.1 Bindungstheorie nach John Bowlby
3.2 Bindungserfahrungen des Pflegekindes

4 Das Verhältnis zur Pflegefamilie
4.1 Der Prozess des Ablösens zur Herkunftsfamilie
4.1.1 Anbahnung zu den Pflegeeltern
4.1.2 Trennungsüberwindung zur Herkunftsfamilie
4.2 Beziehungsaufbau zur Pflegefamilie - Die Phasen der Integration
4.2.1 Anpassungs- bzw. Übergangsphase
4.2.2 Übertragungsphase
4.2.3 Regressionsphase
4.3 Das Pflegekind zwischen zwei Familien

5 Besuchskontakte zur Herkunftsfamilie
5.1 Besuchskontakte - eine Ansicht von Irmela Wiemann
5.2 Risiko- und Schutzfaktoren der Besuchskontakte

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Derzeit leben in Deutschland rund 84.000 Kinder in einer Fremdunterbringung bei Pflegeeltern, so eine Pressemitteilung des PFAD, dem Bundesverband der Pflege- und Adoptiveltern e.V.

Ihre leiblichen Eltern hatten erhebliche Schwierigkeiten, die notwendige Erziehung und Versorgung des Kindes zu gewährleisten. Viele der Kinder waren zu der Zeit, die sie bei ihren Eltern verbrachten, schutzlos Situationen wie Vernachlässigung, Misshandlungen oder Missbrauch ausgesetzt, die in vielen Fällen schlimme Auswirkungen bei ihnen hinterlassen haben. Durch diese einschneidenden Erlebnisse sowie die häufigen Bindungsabbrüche stellen Pflegekinder eine stark belastete Gruppe dar, die nicht selten diverse Verhaltensauffälligkeiten zeigen.

Da in der Kinder- und Jugendhilfe mehrere Formen der Fremdunterbringung existieren, wie beispielsweise die Tages- oder Kurzzeitpflege, möchte ich darauf hinweisen, dass ich in dieser Arbeit explizit auf die Vollzeitpflege eingehen werde. Die Vollzeitpflege ist darauf ausgelegt, dass das Kind für einen längeren Zeitraum bei seiner Pflegefamilie leben wird und zu seinen Pflegeeltern eine tiefergreifende Beziehung aufbaut. Bezugnehmend auf die Vollzeitpflege stellt sich mir die Frage, wie sich die Entwicklung und das Verhalten eines Pflegekindes hinsichtlich seiner psychosozialen Situation in der Fremdunterbringung gestalten. Dies möchte ich in dieser Arbeit genauer untersuchen.

Im zweiten Kapitel werde ich genauer auf die Herkunftsfamilie des Pflegekindes eingehen. Die Erfahrungen, die das Kind in dieser Familie machen musste, sind häufig von Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuellem Missbrauch geprägt. In vielen Fällen kann dies zu Traumatisierungen führen. Auf diese Auswirkungen möchte ich im zweiten Kapitel besonders eingehen.

Das dritte Kapitel thematisiert die Bindungen des Pflegekindes. Hier möchte ich zunächst die Bindungen mithilfe der Bindungstheorie von JOHN BOWLBY erklären. Des Weiteren gehe ich auf die Bindungserfahrungen und deren Auswirkungen des Pflegekindes in ihrer Herkunftsfamilie ein. Hierzu ziehe ich die Bindungsmuster nach AINSWORTH heran.

Im vierten Kapitel erläutere ich die Trennungsüberwindung zu den Herkunftseltern sowie die Anbahnung zu den Pflegeeltern. Diesbezüglich gehe ich näher auf den Beziehungsaufbau und die einzelnen Phasen der Integration ein. Auch wenn die Integration in die Pflegefamilie gelungen ist, befindet sich das Kind dennoch in einer konfliktreichen Situation zwischen zwei grundlegend verschiedenen Elternpaaren.

Im fünften Kapitel gehe ich auf die Besuchskontakte zwischen den Herkunftseltern und dem Pflegekind ein. Hier möchte ich insbesondere die Pro- und Kontra-Argumente der Besuche sowie deren Auswirkungen auf das Kind thematisieren. Zum Schluss erläutere ich noch die Risiko- und Schutzfaktoren, die bei den Besuchskontakten zu berücksichtigen sind.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die Sprachform des generischen Maskulinums angewendet. Es wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.

2 Die Herkunftsfamilie des Pflegekindes

2.1 Erfahrungen in der Herkunftsfamilie - Traumatische Erlebnisse

Viele der vermittelten Pflegekinder stammen aus großen und unvollkommenen Familien, oftmals auch mit alleinerziehenden Müttern. Ihre Herkunftsfamilien weisen vielfältige Probleme auf, wie zum Beispiel Alkoholmissbrauch, psychische Störungen, Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Diese Faktoren haben wiederum schwerwiegende Auswirkungen auf die Erziehung und die Betreuung der Kinder. Die Summierung aller vorhandenen Probleme in der Familie löst bei den Eltern Gefühle wie Wut, Überforderung und Verzweiflung aus, was nicht selten zu Vernachlässigung oder sogar Misshandlung der Kinder führen kann (vgl. KÖTTER 1997, 38-41).

Eltern, die selbst in ihrer Kindheit und Jugend Erfahrungen mit Vernachlässigung oder Misshandlung gemacht haben, neigen dazu, diese Erfahrungen auf ihre eigenen Kinder zu übertragen und diese bei ihnen ebenfalls anzuwenden.

Ein Mangel an Geborgenheit, Fürsorge und Förderung sowie gestörte Beziehungen, Gewalterfahrungen oder Gleichgültigkeit sind hierbei starke Einflussfaktoren. Daraus ergibt sich ein Kreislauf, der von der einen an die nächste Generation weitergegeben wird (vgl. PFAD 2003, 139/140).

Diese traumatischen Erlebnisse, die die Kinder in ihren Herkunftsfamilien machen mussten, haben oftmals Konsequenzen auf ihr weiteres Leben und auf ihre soziale Interaktion. Nicht selten fallen ihnen der Umgang und das Handeln mit anderen Personen schwer. Der Begriff ÄTrauma“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt ÄWunde“ und beschreibt eine allgemeine Verletzung. Traumata werden in seelische und körperliche unterteilt. Oftmals haben Kinder, die ein seelisches Trauma erlebt haben, auch gleichzeitig ein körperliches Trauma erlebt. Ein seelisches Trauma wird durch ein Geschehnis hervorgerufen, welches abrupt, massiv, übermäßig und gewaltsam auf das betroffene Kind oder den Jugendlichen einwirkt. Einerseits kann ein Trauma auftreten, wenn das erlebte Geschehnis für den betroffenen Menschen Äzu groß“ und Äzu viel“ ist (vgl. LAMBECK, 2008, 18), um dieses angemessen zu verarbeiten. Beispielsweise nennt LAMBECK hier einen schweren Unfall, das Erleben von großen Schmerzen oder die Angst vor dem Tod, sowie das Erleben oder das Mitansehen von Gewalt. Andererseits kann ein Trauma auch durch den Mangel an etwas hervorgerufen werden, beispielsweise durch mangelnde Ernährung und wenig Zuneigung. Bei jüngeren Kindern gestalten sich die Auswirkungen des Traumas weitaus schwerwiegender als bei älteren. Sie können das Ereignis weniger gut kompensieren als ältere Kinder oder Erwachsene, da sie im Gegensatz zu ihnen über weniger Bewältigungsmechanismen und Lebenserfahrung verfügen. Folglich löst nicht das Ereignis an sich eine Traumatisierung aus, sondern vielmehr der Fakt, dass zur Bewältigung dieser Situation mehr und andere

Bewältigungsstrategien vorhanden sein müssten, als die Kinder eigentlich vorweisen können (vgl. ebd.).

Traumata können bei dem Kind gravierende psychische Folgen hinterlassen. Ihm wird dadurch vermittelt, dass es die Handlungen seiner Eltern verdient hätte, es sieht diese also als verdiente Strafe an. Ihm wird das Gefühl gegeben, minderwertig, schutzlos und unbehütet zu sein. Die Kinder, die diese Erfahrungen erleben mussten, haben gelernt, hauptsächlich auf sich selbst zu vertrauen und sich um sich selbst zu kümmern. Daraus kristallisiert sich eine generelle traumatische Erwartung an das Leben, sie gehen später grundlegend von einem negativen Ausgang der jeweiligen Situation aus (vgl. PFAD, 2003, 24).

2.1.1 Vernachlässigung

Das INFORMATIONSZENTRUM KINDESMISSHANDLUNG/KINDESVERNACHLÄSSIGUNG DES DEUTSCHEN JUGENDINSTITUTS definiert Kindesvernachlässigung folgendermaßen: ÄAndauerndes oder wiederholtes Unterlassen fürsorglichen Handelns (bzw. Unterlassen der Beauftragung geeigneter Dritter mit einem solchen Handeln) durch Eltern oder andere Sorgeberechtigte, das für einen einsichtigen Dritten vorhersehbar zu erheblichen Beeinträchtigungen der physischen und/ oder psychischen Entwicklung des Kindes führt oder vorhersehbar ein hohes Risiko solcher Folgen beinhaltet. Grundsätzlich gilt: Je jünger die betroffenen Kinder sind und je tiefgreifender sie vernachlässigt werden, desto größer ist das Risiko nachhaltiger Schädigungen. Für Säuglinge können Versorgungsmängel schon nach kurzer Zeit lebensbedrohlich sein“ (http://www.fruehehilfen.de/fruehe-hilfen/forschung/daten-und-

fakten/definitionen-kindesvernachlaessigung-und-kindesmisshandlung/ , Stand: 03.02.2017). Demnach liegt eine Vernachlässigung dann vor, wenn die Versorgungsleistungen der Eltern oder anderer Sorgeberechtigten über einen längeren Zeitraum ausbleiben. Diese sind meist nicht in der Lage, aufgrund von Überforderung oder Unfähigkeit angemessen auf die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kinder einzugehen. CLAUSSEN und CRITTENDEN (1991) unterscheiden des Weiteren zwischen einer körperlichen, sozial-emotionalen, medizinischen und intellektuellen Vernachlässigung.

Ein Kind, das unter Vernachlässigung leidet, erfährt seine Bezugsperson nur unzureichend verlässlich und wenig verfügbar. Sie hilft ihm weder seine Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und zu interpretieren noch seine Umgebung zu erfahren und diese zu erkunden. Das Kind ist mit der Kontrolle und Regulation seiner Gefühle auf sich alleine gestellt. Seine gesamte Entwicklung, sowohl in körperlicher, sozialer als auch in kognitiver Hinsicht, wird von seinen Bezugspersonen nur unzureichend unterstützt und stabilisiert. Um diese Situation angemessen zu bewältigen, entwickeln vernachlässigte Kinder eine sogenannte vermeidende Strategie. Sie unterdrücken beziehungsbezogene Gefühle und ihre gesamte Aktivität. So wirken sie auf Dritte teilnahms- und interessenlos sowie lethargisch. Eine weitere Bewältigungsstrategie dieser Kinder ist, die mangelnde Aufmerksamkeit ihrer Eltern durch Laufen und viel Bewegung auf sich zu ziehen. Die Kinder haben jedoch Schwierigkeiten, ihre Konzentration lange auf einen bestimmten Gegenstand in ihrer Umwelt zu beziehen, ihr Interesse schwindet nach kurzer Zeit wieder. Dies begründet sich durch die mangelnde Unterstützung der Bezugspersonen, die dem Kind nicht helfen, seine neu gewonnenen Eindrücke zu verarbeiten. So bewegen sich vernachlässigte Kinder häufig unruhig, unkontrolliert und lassen sich schnell von neuen Objekten in ihrer Umwelt ablenken. Wenn die Bezugsperson versucht, ihm Grenzen aufzuzeigen, wird sie aufgrund der Vernachlässigung meist von dem ignoriert. Weitere Bewältigungsstrategien, um die Aufmerksamkeit ihrer Bezugspersonen auf sich zu ziehen, sind beispielsweise Albereien oder Clownereien. Andere Kinder kümmern sich sorgsam und rücksichtsvoll um ihre Bezugsperson, um von dieser die Liebe und Aufmerksamkeit zu erfahren, die sie missen. Dies kann in sehr ausgeprägten Fällen zu einer Parentifizierung führen. Hier übernimmt das Kind die Mutterrolle für seine eigene Mutter, während diese von ihrem Kind umsorgt wird. Sich selbst erfahren die Kinder als wenig liebenswürdig und haben das Gefühl, von anderen nicht akzeptiert zu werden. Um die Bestätigung anderer zu erlangen, geben sie sich Mühe, den Bedürfnissen und Wünschen anderer auszureichend nachzugehen. Ihre eigenen Wünsche geraten dabei jedoch in den Hintergrund. Sie lernen, nur das zu machen, was andere von ihnen wollen und erwarten, anstatt dem, was sie selbst als richtig erachten. Fremdbestimmtheit ersetzt nun die Selbstbestimmtheit der Kinder, sie sind von anderen abhängig. Dies tritt insbesondere bei Kindern auf, die sehr früh viel Verantwortung für ihre Bezugspersonen übernehmen mussten. Sie sind vulnerabel für Selbstzweifel und Selbsterniedrigung, besonders dann wenn ihre Bezugsperson unzufrieden ist und ihm keine Anerkennung schenkt. Sie haben häufig Schwierigkeiten, neuen Situationen mit Offenheit und Interesse zu begegnen und anderen Menschen zu vertrauen. Oft nehmen sie andere Kinder als eine Bedrohung wahr und neigen aufgrund dessen zu einer sozialen Isolierung. Sie werden als sich zurückziehend und abkapselnd wahrgenommen. Des Weiteren neigen sie einerseits zu einer Überanpassung, andererseits jedoch auch zu aggressiven Verhaltensweisen. Manche Kinder verbergen ihr wahres Ich hinter einer selbst inszenierten Fassade, um dadurch mehr Anerkennung und Bewunderung ihrer Mitmenschen zu erlangen. Mädchen, die in ihrer Kindheit vernachlässigt wurden, werden häufig früh schwanger. Es wird vermutet, dass sich dahinter der Wunsch nach dem Gefühl von Nähe und Zuneigung verbirgt, welches sie sich von ihrem eigenen Kind erhoffen. Durch den Umgang mit ihrem Kind reproduzieren sie jedoch ihre eigenen Erfahrungen und ihre inneren Erwartungen. Sie neigen dazu, die Überforderung mit der Situation ihrer Kinder als Abweisung zu interpretieren. Negative Gefühlsäußerungen nehmen sie als bedrohlich wahr. So geben sie auf diese Weise ihre erfahrene Vernachlässigung an ihre Kinder weiter (vgl. LUDOVICI 2002 unter https://www.kinderschutz-zentrum- berlin.de/download/ksz_Vernachlaessigung_Ludovici.pdf , Stand: 03.02.2017).

2.1.2 Misshandlungen

Der DEUTSCHE KINDERSCHUTZBUND (1999) definiert Kindesmisshandlung als Äeine nicht zufällige, bewusste oder unbewusste gewaltsame seelische und/oder körperliche Beeinträchtigung oder Vernachlässigung des Kindes durch seine Eltern oder andere Erziehungspersonen, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt oder sogar zum Tode führt“. Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasste für das Jahr 2015 3.441 Fälle der Kindesmisshandlung. Insgesamt gab es in diesem Jahr 3.965 Opfer, davon waren 42,7 Prozent weiblich und 57,3 Prozent männlich. Experten und Behörden gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer an nicht angezeigten Straftaten aus, da diese überwiegend von Familien begangen werden und die Opfer zu jung und zu hilflos sind, um auf die begangene Misshandlung hinzuweisen. Für ältere misshandelte Kinder ist es kennzeichnend, dass sie glauben, sie seien berechtigt bestraft worden, beispielsweise für schlechte schulische Leistungen, Streit oder Bettnässen. So schweigen sie oftmals aus Scham über die Misshandlung. Angesichts dieser hohen Dunkelziffer gibt es keine genauen Zahlen bezüglich des Ausmaßes der Kindesmisshandlung in Deutschland. Empirische Studien wie beispielsweise die des BUNDESMINISTERIUMS FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (BMFSFJ) (2009) zeigen, dass mittelschwere körperliche Strafen, wie etwa ein Klaps auf den Hintern oder eine leichte Ohrfeige von den Eltern als Mittel der Erziehung toleriert werden. Davon abzugrenzen sind schwere körperliche Eingriffe wie beispielsweise physische Gewalt. Das BMFSFJ geht davon aus, dass etwa 10-15% aller Eltern schwerwiegendere oder häufigere körperliche Bestrafungen bei ihren Kindern anwenden. Eltern werden überwiegend gegen Kinder in den ersten Lebensjahren gewalttätig. Besonders Säuglinge, Kleinkinder, aber auch unerwünschte, komplizierte, auffällige und oftmals auch Kinder mit Behinderungen und welche, die den Anforderungen ihrer Eltern nicht gerecht werden können, geraten besonders häufig in die Gefahr, misshandelt zu werden (vgl. POLIZEILICHE KRIMINALPRÄVENTION DER LÄNDER UND DES BUNDES unter http://www.polizei-beratung.de/themen-und- tipps/gewalt/kindesmisshandlung/fakten.html , Stand: 07.02.2017)

MÜLLER-SCHLOTMANN (1998, 126/127) nennt weitere Risikofaktoren, die eine Kindesmisshandlung begünstigen können. Hier ist beispielsweise der soziale Status der Eltern, deren Sozialisationserfahrungen, ihr Umfeld und ihre Normen sowie ihr psychischer Zustand zu nennen. Zudem spielen psychosoziale Stressfaktoren im Alltag eine Rolle, wie etwa begrenzte Wohnverhältnisse, Armut, Arbeitslosigkeit, Beziehungsprobleme oder Belastung und Enttäuschung bezüglich des Kindes. Kinder, welche unter Misshandlungen leiden mussten, überstehen diese meist nicht, ohne bleibende körperliche und seelische Schäden zu erleiden. Die Kinder haben in dieser Situation meist niemanden, an den sie sich wenden und bei dem sie Schutz suchen können. Die Angst, welche sich aus der erfahrenen Bedrohung heraus entwickelt, kann dazu führen, dass das Kind seine Gefühle verdrängt und die Werte und Normen seiner Eltern annimmt, die sie ihm in Situationen der Misshandlung vermitteln. Das kann dazu führen, dass der Gewaltkreislauf von Generation zu Generation fortgesetzt wird. So zeigen viele Biografien von jungen Gewalttätern, dass diese selbst in ihrer Kindheit Opfer von Gewalt und Misshandlung durch ihre Eltern wurden (vgl. PFAD 2003, 164).

2.1.3 Sexueller Missbrauch

Nach KEMPFE (1980, 62) beispielsweise wird der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen definiert als eine ÄInanspruchnahme von abhängigen, entwicklungsmäßig unreifen Kindern und Adoleszenten für sexuelle Handlungen, die sie nicht gänzlich verstehen, in die sie einzuwilligen sie in dem Sinne außerstande sind, dass sie nicht die Fähigkeiten haben, Umfang und Bedeutung der Einwilligung zu erkennen, oder die sozialen Tabus von Familienrollen verletzen“.

Gemeint sind damit alle sexuellen Handlungen, die der Täter an dem Kind vornimmt oder an sich von ihm vornehmen lässt. Er nutzt hierbei also die Abhängigkeit und das Vertrauen des Minderjährigen und seine geistige und körperliche Überlegenheit aus, um seine eigenen sexuellen Bedürfnisse befriedigen zu können und Macht auszuüben. Selbst wenn das Kind mit der Tat einverstanden ist, ist sie dennoch als sexuelle Gewalt zu werten, da es nicht in der Lage ist, differenziert über die Tat zu urteilen.

Die MiKADO Studie (NEUTZE, OSTERHEIDER 2013-2015 unter http://www.mikado- studie.de/tl_files/mikado/upload/MiKADO_Zusammenfassung.pdf, Stand: 10.02.2017) zeigt, dass ca. 8,5% der jungen deutschen Erwachsenen im Alter von 18-30 Jahren Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch gemacht haben. Frauen sind mit 11,5% deutlich häufiger davon betroffen als Männer mit 5,1%, bewerten den Missbrauch als belastender und waren im Durchschnitt bei ihrer ersten Missbrauchserfahrung ein Jahr älter als die Männer. Das durchschnittliche Alter bei den Betroffenen liegt bei durchschnittlich 9,5 Jahren. Insgesamt wurde nur ein Drittel der Missbrauchserfahrungen mitgeteilt, wovon nur 1% den Ermittlungsbehörden und Jugendämtern bekannt ist. Auch Jugendliche berichteten bei ihrer ersten Missbrauchserfahrung im Durchschnitt 9,4 Jahre alt gewesen zu sein. Mädchen berichten genauso häufig betroffen zu sein wie Jungen, sie waren weniger gebildet und bewerteten ihren Missbrauch als belastender. Bei ihrer ersten Missbrauchserfahrung waren sie im Durchschnitt fast drei Jahre älter als die männlichen Opfer.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) berichtete im Jahr 2015 von 13.733 Opfern sexuellen Missbrauchs an Kindern. Davon waren insgesamt 75,0% der Betroffenen weiblich, 25,0% waren männlich. Von den insgesamt 1.767 der unter 6 Jahre alten Opfer waren 67,3% weiblich und 32,7% männlich. Bei den 11.966 Opfern bis 14 Jahre waren Mädchen mit 76,1% deutlich häufiger betroffen als Jungen mit 23,9%. Von den registrierten Opfern waren 3.106 mit dem Tatverdächtigen verwandt, 2.532 mit ihm bekannt oder befreundet, 4.632 hatten keine Beziehung zu ihm. Auch hier ist zu beachten, dass bei diesem Delikt von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden muss. Durch eine nahe Beziehung zum Täter besteht für das Opfer selten die Möglichkeit, auf den sexuellen Missbrauch aufmerksam zu machen oder sich diesem zu entziehen (unter http://www.polizei-beratung.de/presse/infografiken.html , Stand: 10.02.2017).

Ein Kind, dass in seiner Familie keine Anerkennung erfährt, kann seinen Wunsch nach Liebe und Zuneigung auf sexueller Ebene befriedigen. So kann es dadurch seine Bedürfnisse nach Zuwendung, Anerkennung und Aufmerksamkeit kompensieren. Ihm wird in dieser Situation vermittelt, dass die sexuellen Kontakte eine Bedingung sind, um die gewünschte Aufmerksamkeit der Bezugsperson zu erhalten und das Kind auf diese Kontakte angewiesen ist. In vielen Fällen wird dem Kind außerdem vermittelt, dass andere Familien auch sexuelle Kontakte aufweisen und es demnach zur Normalität gehört (vgl. MÜLLER-SCHLOTMANN 1998, 143).

Ein sexueller Missbrauch durch die Bezugspersonen stellt laut HIRSCH (in FINGERTRESCHER/KREBS 2000, 77) eine traumatisierende Gewalt für das Kind dar. Auf physischsexueller sowie auf psychischer Ebene werden seine Grenzen überschritten. In Situationen des sexuellen Missbrauchs wird ihm die Sexualität eines Erwachsenen übergestülpt, welche das Kind nicht ansatzweise nachvollziehen und verstehen kann. In diesen Situationen erfährt es einerseits das Gefühl der Angst, andererseits aber auch Verwirrung bezüglich des Begriffs der Liebe, da dieser für das Kind eine völlig neue Bedeutung erhält.

Zusätzlich zu den körperlichen Verletzungen und Schmerzen erleiden viele Betroffene häufig psychische Erkrankungen, beispielsweise posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen oder auch Suchterkrankungen. Auch Angstzustände, Schlafstörungen oder Essstörungen können Folgen eines sexuellen Missbrauchs in der Kindheit sein. Viele Kinder erleiden einen Vertrauensbruch zu ihren Bezugspersonen, da diese ihnen in diesen Situationen nicht ausreichend Schutz geboten haben. Auch eine emotionale Verwirrung oder auch Schuldgefühle können Folgen sein, da die Betroffenen die Tat als eine verdiente Bestrafung ansehen.

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Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Das Pflegekind und seine psychosoziale Situation. Entwicklung und Verhalten des Pflegekindes in der Fremdunterbringung
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Sonderpädagogik)
Veranstaltung
Entwicklungsbegleitung von behinderten und benachteiligten Kindern und Jugendlichen
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
32
Katalognummer
V380448
ISBN (eBook)
9783668582804
ISBN (Buch)
9783668582811
Dateigröße
900 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pflegekinder, Pflegefamilie, Bindung, Beziehungsaufbau
Arbeit zitieren
Anna Mondini (Autor), 2017, Das Pflegekind und seine psychosoziale Situation. Entwicklung und Verhalten des Pflegekindes in der Fremdunterbringung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380448

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