Diese Hausarbeit beschäftigt sich sowohl mit den Affinitäten als auch mit den Unterschieden zwischen Kreon und Antigone, und versucht, dadurch auch etwaige Motive für Antigones Handeln zu erfassen. Dazu werden die beiden Protagonisten zunächst einzeln analysiert und—wo nötig—von ihren antiken Vorbildern bei Sophokles abgegrenzt, ehe sie letztlich in Bezug zueinander gesetzt werden. Ziel dabei ist es, Antigones Verhaltensweise zu erklären und ihrer Figur gerecht zu werden, nachdem sie von vielen vorherigen Kritikern in schlechtem Licht dargestellt und von Françoise Meltzer sogar als „verwöhnte Göre“/ „spoiled brat“ bezeichnet wurde. Denn obwohl ihre Tat für uns heutige Leser nicht immer nachvollziehbar ist, gibt es doch ernstzunehmende Gründe dafür.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Antigone
2.1 Das Sentiment der Protagonistin
2.2 Antigones innige Hassliebe zum Leben
2.3 Antigones Idealismus
3. Kreon
3.1 Kreons kühler Pragmatismus
3.2 Kreons Lebenseinstellung
3.3 Die Gefühllosigkeit des Königs
4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Protagonisten
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexen Charaktere Antigone und Kreon in Jean Anouilhs modernem Drama, um die psychologischen und ideologischen Beweggründe ihres Handelns zu entschlüsseln. Ziel ist es, die oft als unversöhnlich dargestellten Gegensätze zu hinterfragen und verborgene Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, die in einer tiefsitzenden, pessimistischen Weltsicht beider Figuren gründen.
- Analyse des "Sentiments" und des Idealismus der Protagonistin Antigone.
- Untersuchung von Kreons Pragmatismus und seiner Rolle als Gefangener des Staatsapparats.
- Gegenüberstellung von Emotio und Ratio im Konfliktgespräch.
- Hinterfragung der vermeintlichen Unvereinbarkeit beider Positionen.
- Erforschung der psychologischen Mechanismen, die zum tragischen Ende führen.
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Sentiment der Protagonistin
Die Antigone, auf die wir zu Beginn der eigentlichen Handlung treffen, erinnert kaum noch an die reglose Figur, die wir in der Exposition kennengelernt haben. Mit leidenschaftlicher, vor Aufregung elliptischer Sprache erzählt sie der Amme von ihrem Streifzug durch die nächtliche Natur und berichtet in kurzen, beinahe schon rhapsodischen Sätzen von der Atmosphäre nervöser Gespanntheit, die zu dieser Zeit über den Feldern lag. Damit zeichnet Anouilh schon während der ersten Zeilen ein Bild von Antigone, das dem der sophokleischen Heldin stark widerspricht: Antigone erscheint nicht mehr als eine selbstständige Frau, sondern ist gleichsam zu einem jungen Mädchen verjüngt, das nach den Worten der Amme keine Vorstellung dessen hat, was in den Köpfen der Erwachsenen vorgeht. Tatsächlich wirkt Antigone in dieser Anfangsszene so zauber- und freudetrunken, dass sie die düstere Stimmung im Haus kaum richtig wahrnimmt.
Sie hört der Amme zwar zu, geht aber keineswegs auf ihre Bedenken ein, sondern schwärmt weiterhin von ihrer Begegnung mit der Natur. Erst als die Amme fragt, wo sie gewesen ist und droht, Kreon davon zu berichten, wird Antigone schrittweise wieder nüchtern. Sie bittet die Amme darum, sie nicht auszuschelten, weil dies an einem solchen Tag unpassend ist, und gibt mit ihren undeutlichen Ausflüchten zum ersten Mal eine vage Andeutung darauf, dass sie Polyneikos schon begraben hat, was jedoch erst während des zweiten Gespräches mit Ismene bestätigt wird (Anouilh 24). Betrachtet man diese Szene mit der Amme—die in etwa ein Achtel der Gesamtlänge des Stückes ausmacht—aber unter diesem Gesichtspunkt, so wird eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Dargestellten und der eigentlichen Erzählsituation ersichtlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die atmosphärische Ausgangssituation des Dramas ein und legt das wissenschaftliche Ziel dar, die Motive Antigones und Kreons jenseits klischeehafter Kritiken neu zu bewerten.
2. Antigone: In diesem Kapitel wird die Entwicklung Antigones analysiert, wobei ihr emotionales Sentiment, ihr ambivalentes Verhältnis zum Leben und ihr Idealismus im Zentrum stehen.
3. Kreon: Der Fokus liegt hier auf dem rationalen, pragmatischen und oft gefühllosen Herrscherbild Kreons, der im System der Staatsräson gefangen ist.
4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Protagonisten: Dieses Kapitel stellt beide Figuren gegenüber und arbeitet heraus, dass sie trotz ihrer unterschiedlichen Ansätze durch eine geteilte pessimistische Weltsicht miteinander verbunden sind.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese, in der Antigones und Kreons Handeln als Ausdruck einer tragischen Unausweichlichkeit innerhalb ihrer jeweiligen Rollen verstanden wird.
Schlüsselwörter
Antigone, Jean Anouilh, Kreon, Tragödie, Idealismus, Pragmatismus, Existentialismus, Staatsräson, Charakteranalyse, Rollenkonflikt, Weltsicht, Emotionalität, Rationalität, Sophokles, Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die psychologischen und philosophischen Hintergründe der Protagonisten Antigone und Kreon in Jean Anouilhs "Antigone" und hinterfragt deren Konflikt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen den Gegensatz zwischen Naturverbundenheit und Staatsmacht, die Rolle der Vernunft versus Emotion sowie die Frage nach individueller Freiheit innerhalb eines festgelegten Schicksals.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Antigone nicht lediglich als religiöse Rebellin, sondern als menschliche Figur mit tiefer Sehnsucht nach Reinheit zu begreifen und Kreon als gefangenen Funktionär des Staates zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Textanalyse, um durch den Vergleich mit antiken Vorbildern und der Einbeziehung verschiedener Fachkritiken ein differenzierteres Bild der Figuren zu zeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert das "Sentiment" und den Idealismus von Antigone sowie Kreons kühlen Pragmatismus, um schließlich in einer vergleichenden Gegenüberstellung Gemeinsamkeiten der pessimistischen Weltsicht aufzudecken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Antigone, Kreon, Anouilh, Idealismus, Pragmatismus, Staatsräson, Charakteranalyse und psychologischer Rollenkonflikt.
Wie unterscheidet sich die moderne Antigone bei Anouilh von der antiken Figur?
Anouilhs Antigone ist weniger religiös motiviert als die sophokleische Heldin; ihr Widerstand speist sich vielmehr aus einem pantheistisch-sinnlichen Naturgefühl und einer Sehnsucht nach Ursprünglichkeit.
Inwiefern ist Kreon laut der Arbeit ein "Gefangener" seiner Rolle?
Kreon wird als Figur beschrieben, die ihren eigenen Willen zugunsten der Staatsräson aufgegeben hat und in einem System aus Gesetzen und Pflichten agiert, das ihm kaum noch Spielraum für eigene Menschlichkeit lässt.
- Arbeit zitieren
- Ann-Kathrin Latter (Autor:in), 2017, In der Grauzone. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Protagonisten in Jean Anouilhs "Antigone", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380696