Am Ende des 19. Jahrhunderts tauchte in den industrialisierten Ländern westlichen Europas ein Gedankenstrom auf, der zu den Ideen Karl Darwins und Herbert Spencers anknüpfte. Der Gedankenstrom richtete sich hauptsächlich gegen das Paradigma und die Methoden der neoklassischen Ökonomik – insbesondere jedoch gegen den Institutionalismus. Unterschiedliche ökonomische Konzepte ließen zu, die wirtschaftlichen Prozesse durch die Analogien zu den Prozessen der Evolution in der Natur zu erklären. Als Gegenstand der Lehre betrachtet die Evolutorik das Kennenlernen der menschlichen Tätigkeit in der Wirtschaft, die Bestimmung der Prinzipien des wirtschaftlichen Wachstums und Erlangung des Verständnisses für die Aktivität der wirtschaftlichen Subjekte (sog. Aktoren, Elemente, Systeme) sowie für die Mechanismen, die „naturbezogene” (aber nicht „mechanische“) Grundlagen für diese Aktivitäten bilden. Und all das unter der Voraussetzung des prinzipiell unvollkommenen Wissens.
Um sich ein Bild von den Postulaten zu machen, die die Evolutorik stellt, ist es nützlich, nach den Quellen dieser Konzeption zu greifen. Im Artikel von Nelson2 ist anfangs der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts diese Theorie ganz detailliert skizziert worden. Diese Theorie wurde später zu einer Diskussionsgrundlage für andere forschende Wirtschaftswissenschaftler. Damit sind auch die Aussagen des Ökonomen Veblens von vor einem Jahrhundert „wiederbelebt“ worden.
Inhaltsverzeichnis
1. Eigenschaften der Evolutorik nach Nelson
2. Charakteristika der allgemeinen evolutorischen Theorie
3. Evolutorische Ökonomik und Evolution in nicht-ökonomischen Lehren
3.1 Eigenschaften der Evolutionstheorie in nicht-ökonomischen Lehren
3.2 Eigenschaften der Theorie der Evolutorischen Ökonomik
4. Zwei Attitüden zum Wirtschaftswachstum
5. Kritik Veblens
6. Nelson vs. Veblen – Ideenvergleich
7. Stellungnahme
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit den theoretischen Grundlagen der Evolutorik in der Ökonomik auseinander, indem sie einen Ideenvergleich zwischen den Konzepten von Richard Nelson und Thorstein Veblen durchführt. Ziel ist es, die Unterschiede zwischen evolutorischen Ansätzen und der neoklassischen Lehre sowie deren jeweilige praktische Relevanz und wissenschaftstheoretische Konsistenz zu erörtern.
- Vergleich der Evolutorik-Konzepte nach Nelson und Veblen
- Kontrastierung von evolutorischer Theorie und neoklassischem Gleichgewichtsdenken
- Analyse der Rolle von Wissen und Routinen im wirtschaftlichen Prozess
- Wissenschaftstheoretische Einordnung der Evolutorik nach Kuhn und Popper
- Bewertung der Anwendbarkeit evolutorischer Modelle in der Wirtschaftspraxis
Auszug aus dem Buch
3.2 Eigenschaften der Theorie der Evolutorischen Ökonomik
Laut Nelson, als evolutorisch kann man folgende Theorien, Modelle und Argumente bezeichnen, die Folgendes berücksichtigen:
• Änderung in der Zeit
• Hauptziel: Verstehen von Prozessen, die hinter dieser Änderung stecken
• Nebenziel: Antwort auf die Frage: „wie ist zu jenem und nicht dem anderen Wert einer konkreten Variable gekommen?“
• Entitäten lernen durch Erfahrung. Änderungen in Verhaltensweisen, die wegen der Rückkopplung seitens der Umgebung stattfinden und die die Adaptation zu neuen Bedingungen zum Ziel haben, werden als evolutorisch bezeichnet
• Das individuelle Lernen sowie Adaptation und Selektion – ändern sich gleichzeitig
• Theorien, die strikt deterministisch sind, zählen nicht zu der Evolutorik
• Eine plangemäße Änderung ist nicht evolutorisch
Zusammenfassung der Kapitel
1. Eigenschaften der Evolutorik nach Nelson: Dieses Kapitel führt in die wissenschaftlichen Quellen der Evolutorik ein und verweist auf die Bedeutung des Artikels von Nelson aus den 80er Jahren.
2. Charakteristika der allgemeinen evolutorischen Theorie: Hier werden die methodischen Unterschiede zwischen biologisch geprägter Evolutorik und neoklassischer Mechanik sowie Gleichgewichtstheorie diskutiert.
3. Evolutorische Ökonomik und Evolution in nicht-ökonomischen Lehren: Es erfolgt eine Kategorisierung verschiedener Evolutionstheorien, von der Biologie bis hin zur Rechts- und Unternehmensorganisations-Evolution.
4. Zwei Attitüden zum Wirtschaftswachstum: Dieses Kapitel stellt die neoklassische Sichtweise des Gleichgewichtswachstums dem evolutorischen Ansatz gegenüber, der auf Routinen und Wissensakkumulation basiert.
5. Kritik Veblens: Thorstein Veblens fundamentale Skepsis gegenüber dem „Evolutorismus“ als künstlichem Konstrukt, das die klassische Ökonomik unnötig kompliziere, steht hier im Fokus.
6. Nelson vs. Veblen – Ideenvergleich: Die unterschiedlichen Perspektiven von Nelson und Veblen werden in einen historischen und wissenschaftstheoretischen Kontext gesetzt.
7. Stellungnahme: Der Verfasser bewertet die Praxisrelevanz der Evolutorik und hinterfragt die Möglichkeiten zur Gründung einer eigenständigen Schule innerhalb der Wirtschaftswissenschaften.
Schlüsselwörter
Evolutorische Ökonomik, Richard Nelson, Thorstein Veblen, Neoklassik, Gleichgewichtstheorie, Wirtschaftswachstum, Institutionen, Routinen, Wissen, Evolutionstheorie, Wissenschaftstheorie, Methodik, Wirtschaftsgeschichte, Innovation, Marktdynamik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Feld der Evolutorik in den Wirtschaftswissenschaften und vergleicht dazu die Ansätze von Richard Nelson mit der Kritik von Thorstein Veblen.
Was sind die zentralen Themenfelder des Textes?
Die zentralen Themen sind der methodische Gegensatz zwischen evolutorischen und neoklassischen Ansätzen, die Natur wirtschaftlicher Entwicklungsprozesse sowie die Rolle von Routinen und Wissen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist ein kritischer Ideenvergleich der evolutorischen Ökonomik, um zu verstehen, wie diese Disziplin Prozesse erklären kann und wo ihre Grenzen in der praktischen Anwendung liegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse von Fachliteratur, insbesondere den Texten von Nelson und Veblen, sowie einen Abgleich mit wissenschaftstheoretischen Rahmenbedingungen nach Thomas S. Kuhn und Karl Popper.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil deckt die Abgrenzung zur neoklassischen Mechanik, die Typologisierung verschiedener Evolutionstheorien und die detaillierte Auseinandersetzung mit Veblens Ablehnung der Evolutorik ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Evolutorische Ökonomik, Neoklassik, Routinen, Wissen, Wirtschaftswachstum und methodologische Systematik.
Wie unterscheidet sich Nelsons Evolutorik von der Neoklassik?
Nelson sieht in der Evolutorik ein Mittel, um kumulatives Lernen und technologische Pfadabhängigkeiten zu erfassen, während er der Neoklassik eine zu mechanische, statische Sichtweise vorwirft.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt der Autor bezüglich der Praxisrelevanz der Evolutorik?
Der Autor schlussfolgert, dass die Evolutorik zwar theoretisch aufschlussreich ist, aber aufgrund ihrer mangelnden formalen mathematischen Berechenbarkeit aktuell nur bedingt als direkte Entscheidungsgrundlage in der wirtschaftlichen Makro-Praxis dient.
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- Master of Arts Piotr Szczepaniak (Author), 2010, Evolutorische Ökonomik heute und gestern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380697