Seit ihren professionellen Anfängen stand Soziale Arbeit vor der Herausforderung, ihren Beitrag für das Gemeinwesen legitimieren zu müssen. Dieser Prozess hat sich seit ca. dem Ende der 1980er Jahren durch die Verknappung öffentlicher Mittel verschärft, und es entbrannte eine kontroverse Diskussion zwischen den Positionen Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit.
In den 1990er Jahren waren die öffentlichen Träger der Jugendhilfe Gegenstand einer doppelten Reformbewegung: Auf der einen Seite kamen fachpolitische Diskussionen in der Folge des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) von 1990 auf, welche sich auch mit der institutionellen Gestaltung der Jugendhilfe beschäftigten und auf einen Wandel von der Eingriffsverwaltung hin zu einer modernen Leistungsverwaltung mit der Stärkung professioneller Konzepte sozialer Arbeit zielten. Prävention, Lebenswelt- und Alltagsorientierung sowie Partizipation sollen diesen Reformstrang umreißen. Auf der anderen Seite wurden unter dem Primat der Haushaltskonsolidierung für die Jugendämter als öffentliche Träger unter dem Schlagwort "Neues Steuerungsmodell" (NSM) Konzepte der Verwaltungsmodernisierung nach dem Leitbild des New Public Management forciert. Dezentralisierung, Ergebnissteuerung, Wettbewerb und Kontraktmanagement sollten den Weg von der Bürokratie zum "Dienstleistungsunternehmen Jugendamt" ebnen.
Diese Arbeit thematisiert das Neue Steuerungsmodell und deren Folgen bzw. Auswirkungen in der Kinder- und Jugendhilfe. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit
3. Das Neue Steuerungsmodell (NSM) in der Kinder- und Jugendhilfe
4. Grundzüge und Finanzierungsinstrumente der Kinder- und Jugendhilfe
5. Folgen des NSM auf die Kinder und Jugendhilfe am Beispiel der „Hilfen für Erziehung“
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen des Neuen Steuerungsmodells (NSM) auf die Kinder- und Jugendhilfe, wobei der Fokus insbesondere auf der zunehmenden Ökonomisierung und deren Konsequenzen für die pädagogische Praxis der „Hilfen für Erziehung“ liegt.
- Wandel der öffentlichen Verwaltung durch New Public Management
- Ökonomisierungsprozesse in der Sozialen Arbeit
- Finanzierungsinstrumente und Kontraktmanagement in der Jugendhilfe
- Spannungsfeld zwischen Fachlichkeit und Wirtschaftlichkeit
- Kritische Analyse der Folgen für die Hilfen zur Erziehung
Auszug aus dem Buch
5. Folgen des NSM auf die Kinder und Jugendhilfe am Beispiel der „Hilfen für Erziehung“
An den Hilfen zur Erziehung (§ 27 ff SGB VIII) soll im Folgenden beispielhaft aufgezeigt werden, was diese Umsteuerung und ihre strukturellen und inhaltlichen Veränderungen für einen konkreten Praxisbereich der Kinder- und Jugendhilfe bedeutet.
Nicht selten wird heute die fachliche Qualität der Hilfen zur Erziehung, insbesondere der ambulanten Hilfen kritisiert. Die wirklichen Ursachen für diesen Qualitätsverlust werden jedoch nicht hinterfragt, sondern er wird meist den SozialarbeiterInnen selbst oder den freien Trägern angelastet (vgl. Seithe 2016, S.146). Tatsache ist aber, dass die neoliberale Umsteuerung in vielfältiger Hinsicht zu Strukturen in der Kinder- und Jugendhilfe führt, die einer fachlichen Arbeit entgegenwirken (vgl. ebd. S. 146).
Seithe gibt an, dass die zu gewährenden Hilfen nicht am jeweiligen Bedarf, sondern an den vorhandenen finanziellen Ressourcen ausgewählt werden (vgl. ebd. S. 147). Zudem sind die gewährten Hilfen zur Erziehung oft falsch, ungeeignet oder zu oberflächlich, denn Entscheidungen werden sehr oft nicht nach fachlichen Gesichtspunkten, sondern nach fiskalischen Überlegungen getroffen (vgl. ebd. S. 147). Weiterhin werden Hilfen gewährt, die aus fachlicher Sicht ungeeignet, unzureichend und sogar im konkreten Fall falsch sind, weil man sich angesichts der sogenannten leeren Kassen gezwungen sieht, Geld einzusparen (vgl. ebd. S. 147). Auch werden aus Kostengründen vielfach zu kurzatmige Hilfen eingeleitet und manche hinausgeschoben, bis sich die Lage drastisch verschlechtert hat (vgl. ebd. S. 147).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Legitimierung Sozialer Arbeit unter dem Druck öffentlicher Mittelverknappung und die Einführung des Neuen Steuerungsmodells ein.
2. Ökonomisierung in der Sozialen Arbeit: Das Kapitel definiert Ökonomisierung als einen gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozess, der soziale Dienstleistungen zunehmend marktwirtschaftlichen Kriterien unterwirft.
3. Das Neue Steuerungsmodell (NSM) in der Kinder- und Jugendhilfe: Hier wird der Transfer betriebswirtschaftlicher Methoden und konzernähnlicher Strukturen auf die öffentliche Verwaltung sowie die Umsteuerung hin zu einem Marktgeschehen analysiert.
4. Grundzüge und Finanzierungsinstrumente der Kinder- und Jugendhilfe: Dieses Kapitel erläutert die gesetzliche Basis der Kinder- und Jugendhilfe und die Besonderheiten des jugendhilferechtlichen Dreiecksverhältnisses bei der Finanzierung.
5. Folgen des NSM auf die Kinder und Jugendhilfe am Beispiel der „Hilfen für Erziehung“: Die Autorin diskutiert hier kritisch die Auswirkungen auf die pädagogische Qualität, die Bedarfsdeckung und das Handeln der Sozialarbeiter unter fiskalischem Druck.
6. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass die marktpolitische Wende gescheitert ist und fordert eine Rückbesinnung auf fachliche Qualität statt einer weiteren neoliberalen Umsteuerung.
Schlüsselwörter
Ökonomisierung, Neues Steuerungsmodell, Kinder- und Jugendhilfe, New Public Management, Hilfen für Erziehung, Sozialstaat, Verwaltung, Kontraktmanagement, Marktversagen, Sozialpädagogik, Finanzierung, Leistungsverwaltung, Effizienz, Qualitätssicherung, SGB VIII.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Studienarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen des Neuen Steuerungsmodells (NSM) auf die Kinder- und Jugendhilfe, wobei die durch ökonomische Zwänge hervorgerufenen Veränderungen im Vordergrund stehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit, die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung, die Finanzierung der Jugendhilfe sowie die spezifischen Auswirkungen auf die Hilfen zur Erziehung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das NSM zu strukturellen und inhaltlichen Veränderungen führt, die das Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe unter dem Primat der Wirtschaftlichkeit einschränken.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine literaturgestützte Analyse, die verschiedene Fachdiskurse zur Verwaltungsmodernisierung und Sozialpolitik miteinander verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der Begriff der Ökonomisierung und das NSM theoretisch fundiert, bevor die Finanzierungsinstrumente und die konkreten Folgen für die Praxis der Erziehungshilfen kritisch diskutiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Ökonomisierung, NSM, Hilfen zur Erziehung, Leistungsverwaltung und das jugendhilferechtliche Dreiecksverhältnis.
Warum wird im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe von einem "Dreiecksverhältnis" gesprochen?
Es beschreibt das Verhältnis zwischen dem Jugendamt (Auftraggeber), dem Leistungsanbieter (Träger) und dem Leistungsempfänger, in dem ein indirekter Austausch von Ansprüchen und Dienstleistungen stattfindet.
Wie bewertet die Autorin den Erfolg von Hilfen zur Erziehung unter dem NSM?
Die Autorin kritisiert, dass Erfolg heute meist anhand ökonomischer "harter Fakten" definiert wird, während die eigentlich sozialpädagogische Zielsetzung und die Bedürfnisse der Klienten in den Hintergrund treten.
- Arbeit zitieren
- Tina Maus (Autor:in), 2017, Ökonomisierung und das Neue Steuerungsmodell. Auswirkungen auf die Kinder- und Jugendhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380885