Interkulturelles Lernen im Deutschunterricht. Der Dialekt Kiez-Deutsch


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Begriffe und Definitionen

3. Interkulturelle Kompetenz in der Schule

4. Sachanalyse- Kiez-Deutsch
4.1 Der Begriff ,,Kiez-Deutsch“
4.2 Wer spricht Kiez-Deutsch?
4.3 Merkmale und grammatische Innovationen
4.3.1 Neue Ortsangaben
4.3.2 Verkürzungen
4.3.3 Neue Aufforderungswörter und Partikel:
4.3.4 Wortstellung
4.3.5 Funktionsverbgefüge
4.3.6 Neue Ausdrücke

5. Methodische Überlegungen

6. Fazit

1. Einleitung

In Deutschland hat rund jeder fünfte Einwohner (21 %) einen Migrationshintergrund. Bei den Kindern hingegen hat schon jedes dritte Kind einen Migrationshintergrund (Bundeszentrale für politische Bildung, 2016). Dementsprechend wird sich auch zukünftig der Anteil der in Deutschland lebenden Migranten weiterhin erhöhen. Die Länder, aus denen die Migranten kommen, sind sehr vielfältig. Dominierend sind dabei die Türkei mit rund 15 % und Polen mit 10% (ebd.). Anhand dieser Zahlen und Fakten wird deutlich, dass in Deutschland viele Kulturen aufeinander treffen. Diese kulturellen Einflüsse haben natürlich auch Einfluss auf die gesprochene Sprache in Deutschland. Es stellt sich die Frage, ob diese Einflüsse auch im Deutschunterricht deutscher Schulen aufgegriffen und thematisiert werden.

Im Rahmen des Seminars ,,Interkulturalität- Kommunikation und Reflexion“ an der Europauniversität Flensburg wurde die These ,,Interkulturelle Kommunikation spielt im Unterrichtsgeschehen des Deutschunterrichts der Sekundarstufe keine Rolle“ aufgestellt und diskutiert. Es soll dargestellt und erläutert werden, wie diese These widerlegt werden kann und welche Rolle ,,Interkulturelle Kommunikation“ verbunden mit dem ,,Interkulturellen Lernen“ im Deutschunterricht einnehmen kann. Als Beispiel wird dafür der Dialekt ,,Kiez-Deutsch“ genauer betrachtet und beschrieben.

Dabei werden zunächst die Begriffe ,,Kultur“, ,,Interkulturalität“ und ,,Interkulturelle Kommunikation“ definiert und verdeutlicht, was unter diesem Begriff zu verstehen ist. Anschließend wird dargestellt, in welchem Zusammenhang ,,Interkulturalität“ und Schule stehen, wie dies im Lehrplan verankert ist und dabei besonders auf interkulturelles Lernen und interkulturelle Kompetenz eingegangen. In einer Sachanalyse folgt dann die Beschreibung und Erklärung von Kiez-Deutsch, wo sich insbesondere auf den Begriff, auf die Sprecherinnen und Sprecher und die grammatischen Merkmale konzentriert wird. Danach werden dann unter dem Punkt ,,Methodische Überlegungen“ die Was- und Wie- Entscheidungen beschrieben und Überlegungen zum Kiez-Deutsch im Unterricht dargestellt.

2. Begriffe und Definitionen

Um über Möglichkeiten der interkulturellen Kommunikation und der damit verbundenen Interkulturellen Kompetenz im Deutschunterricht zu sprechen, müssen zunächst Begriffe wie ,,Kultur“, ,,Interkulturalität“, sowie die ,,interkulturelle Kommunikation“ geklärt und definiert werden.

- Kultur

Für den Begriff ,,Kultur“ gibt es eine Vielzahl an Definitionen, die sich voneinander unterscheiden. Alexander Thomas definiert den Kulturbegriff in seinem Kulturstandardmodell von 2003 wie folgt:

„ Kultur ist ein universelles Ph ä nomen. Alle Menschen leben in einer spezifischen Kultur und entwickeln sie weiter. Kultur strukturiert ein f ü r die Bev ö lkerung spezifisches Handlungsfeld, das von geschaffenen und genutzten Objekten bis hin zu Institutionen, Ideen und Werten reicht. Kultur manifestiert sich immer in einem f ü r eine Nation, Gesellschaft, Organisation oder Gruppe typischen Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen (z.B. Sprache, Gestik, Mimik, Kleidung, Begr üß ungsritualen) gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft [...] tradiert, [...]. Das Orientierungssystem definiert f ü r alle Mitglieder ihre Zugeh ö rigkeit zur Gesellschaft oder Gruppe und erm ö glicht ihnen ihre ganz eigene Umweltbew ä ltigung. Kultur beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller Mitglieder der jeweiligen Gesellschaft. Das kulturspezifische Orientierungssystem schafft einerseits Handlungsm ö glichkeiten, andererseits aber auch Handlungsbedingungen und setzt Handlungsgrenzen fest. “ (Thomas, 2005: 22)

Dabei beschreibt Thomas Kultur als universelles Phänomen, das von den Menschen stetig weiterentwickelt wird. Er verwendet dabei den Begriff des ,,Orientierungssystems“, mit dem der Mensch sich in der Welt zurecht finden und spezifische Symbole einer Kultur als Hilfestellung nutzen kann. Des Weiteren beschreibt Thomas auch, dass Kultur das Wahrnehmen und Handeln Mitglieder eines Orientierungssystems beeinflusst und Handlungsmöglichkeiten, sowie Handlungsgrenzen vorgibt (ebd.)

-Interkulturalität

,,Interkulturalität kann als „ eine dynamische Zwischen- oder Ü berschneidungssituation zwischen zwei oder mehreren, sich voneinander unterscheidenden, einander fremden Kulturen “ definiert werden (Pohlmeier, 2014).

Ähnlich wie Pohlmeier beschreibt auch Nünning (2005: 81) den Begriff. „Interkulturalität“ bezeichnet einen Begriff, der für „ philosophischen und kulturwissenschaftlichen Konzeption der Beziehungen zwischen den Kulturen “ steht. Dabei trifft das Eigene und das Fremde aufeinander und eine Austauschbeziehung entsteht.

Dabei steht der Begriff auch für Unterschiede, Ähnlichkeiten und wechselseitige grenzüberstehende Prozesse. Das Vorhandensein von verschiedenen Kulturen und die wechselseitige Beziehung zwischen ihnen impliziert Interkulturalität.

- Interkulturelle Kommunikation

Nünning (2005: 83) beschreibt die ,,Interkulturelle Kommunikation als , ,interpersonale Interaktion zwischen Angeh ö rigen von verschiedenen Gruppen oder Kulturen mit Hilfe von sprachlichen Codes “. Sie kann als , ,die Interaktion und der Diskurs in der multikulturellen Gesellschaft “ verstanden werden (Luchtenberg,1999:7).

3. Interkulturelle Kompetenz in der Schule

Die interkulturelle Kommunikation lässt sich der interkulturellen Kompetenz zuordnen. In der Schule ist das interkulturelle Lernen bzw. das Fördern der interkulturellen Kompetenz eine fester Bestanteil aller Unterrichtsfächer und ist in den Bildungsstandards und den Fachanforderungen für das Bundesland Schleswig-Holstein verankert. Neben den fachinternen Anforderungen hat das Land Schleswig-Holstein eine Handreichung mit dem Titel ,,Interkulturelles Lernen in den Lehrplänen“ veröffentlicht, in der Anregungen für die Schule und den Unterricht aufgeführt werden. Seit 1996 zählt die interkulturelle Kompetenz zu den Schlüsselqualifikationen, ,, die zur privaten und beruflichen Lebensplanung beitr ä gt und hilft, die Lebenschancen der nachfolgenden Generationen zu sichern “ (Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holsteins, 1997).

,,Interkulturelles Lernen soll den Sch ü lerinnen und Sch ü lern vermitteln, da ß kulturelle, weltanschauliche und religi ö se Werte, Normen und Lebensformen in Bewegung sind. Sie sind dem Einflu ß anderer Kulturen und Orientierung ebenso ausgesetzt wie dem Einfluss der jeweiligen ö rtlichen Gewohnheiten, der gesellschaftlichen Anforderungen und biographischen Entwicklungen, und jede Konfrontation mit anderen Kulturen und Lebensformen bietet die M ö glichkeit des Nachdenkens ü ber eigene Standpunkte und des Modifizierend eigener Wege. (ebd.: 3)

Dazu gehört in erster Linie die Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Lebenswelten, sowie die Bildung von Solidarität. Die Schule muss ihren Teil dazu beitragen und die Rolle annehmen, junge Menschen in das Zusammenleben verschiedener kultureller, ethnischer und religiöser Gruppen einzuführen (ebd.:3). In der Handreichung werden zudem bezüglich des Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen folgende Ziele des interkulturellen Lernens beschrieben (ebd.: 9). Die SuS sollen:

- sich ihrer jeweiligen kulturellen Sozialisation und Lebenszusammenhänge bewusst werden;
- über andere Kulturen Kenntnisse erwerben; Neugier, Offenheit und Verständnis für andere kulturelle Prägungen entwickeln;
- anderen kulturellen Lebensformen und Orientierungen begegnen und sich mit ihnen auseinandersetzen und dabei Ängste eingestehen und Spannungen aushalten;
- Vorurteile gegenüber Fremden und Fremdem wahr- und ernst nehmen;
- das Anderssein der anderen respektieren;
- den eigenen Standpunkt reflektieren, kritisch prüfen und Verständnis für andere Standpunkte entwickeln;
- Konsens über gemeinsame Grundlagen für das Zusammenleben in einer Gesellschaft bzw. in einem Staat finden;
- Konflikte, die aufgrund unterschiedlicher ethnischer, kultureller und religiöser Zugehörigkeit entstehen, friedlich austragen und durch gemeinsam vereinbarte Regeln beilegen können.

Diese Ziele sind als Querschnittaufgabe der Schule zu verstehen und können nicht einzelnen Fächern, Themen oder Projekten zugeordnet werden.

Hinsichtlich des Faches Deutsches kommt interkulturelles Lernen in den Fachanforderungen deshalb auch nicht als eigenes Themenfeld vor, sondern soll möglichst in andere Lernfelder und textsortenspezifische Wissensbestände des Faches integriert werden. So wird es beispielsweise bei den KMK-Bildungsstandards der Dramatischen Texten, der Lyrischen Texte, sowie der Audiovisueller und elektronischer Medien angeführt. In der Regel wird interkulturelles Lernen vor allem den Kompetenzbereichen ,,Sprache und Sprachgebrauch untersuchen “ ,,Sprache und Sprachgebrauch reflektieren“ ,, sowie dem ,,Umgang mit Texten und Medien“ zugeordnet (Pohlmeier, 2014).

In den Fachanforderungen (2012: 49) heißt es zudem in den Didaktischen Leitlinien:

Es [ Das Fach Deutsch ] unterst ü tzt die Sch ü lerinnen und Sch ü ler dabei, auf der Basis des sicheren Gebrauchs geschriebener und gesprochener Sprache die F ä higkeit zur Teilhabe an Gesellschaft und Kultur zu entwickeln. Mithilfe eines reflexiven, historische und interkulturelle Dimensionen einbeziehenden Bewusstseins, das der Deutschunterricht exemplarisch vermittelt, werden die Sch ü lerinnen und Sch ü ler darauf vorbereitet, mit den Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft umzugehen. In diesem Kontext tr ä gt das Fach ma ß geblich zur Pers ö nlichkeitsbildung bei und erf ü llt eine wichtige Orientierungsfunktion.

4. Sachanalyse- Kiez-Deutsch

Als Beispiel für das Interkulturelle Lernen im Deutschunterricht wird nun im folgenden Kapitel interkulturelle Kommunikation anhand des Dialekts ,,Kiez-Deutsch“ näher beleuchtet und beschrieben. Anschließend folgen dann methodische Überlegungen, wie dieser Dialekt im Deutschunterricht thematisiert werden kann.

Als Beispiel für einen Dialekt, der aus der Interkulturalität und der Heterogenität in Deutschland entstanden ist, ist das Kiez-Deutsch, das in die Kategorie der Jugendsprachen gezählt wird. Das Kiez-Deutsch kann für die Schule von besonderer Bedeutung sein, da es aus dem Alltag und der Lebenswelt der SuS kommt und Jugendliche für die Entstehung und Verbreitung dieser Sprache verantwortlich sind. Zunächst soll dargestellt werden, was Kiez-Deutsch ist, wer es spricht und wie sich der Dialekt vom Hochdeutschen unterscheidet. Anschließend wird explizit auf die Grammatik des Kiez-Deutsches eingegangen, um einen theoretischen Überblick über die Sache zu erhalten, auf der das folgende Unterrichtskonzept anknüpft.

Kiez-Deutsch ist ein Sprachgebrauch im Deutschen, der sich in Wohngebieten mit hohem Migrantenanteil seit Mitte der 1990er Jahre ausgebildet hat. Es ist ein deutscher Dialekt, der sich in vielen Teilen von der hochdeutschen Sprache unterscheidet. Kiez-Deutsch tritt überall auf, ,,wo Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlicher Erst- und/ oder Zweitsprache zusammenleben “ (Wiese, 2012). Zudem ist das Phänomen Kiez- Deutsch nicht nur auf Deutschland beschränkt, so dass es in anderen europäischen Ländern, wie Dänemark oder der Niederlande, in ähnlichen Wohnvierteln vergleichbare Dialekte gibt.

In Deutschland ist Kiez-Deutsch analog mit anderen Dialekten und weist systematische sprachliche Besonderheiten in Bereichen wie Aussprache, Wortwahl und Grammatik auf.

4.1 Der Begriff ,,Kiez-Deutsch“

Der Begriff ,,Kiez-Deutsch“ beschreibt den Dialekt sehr gut, da dieser die Varietät des Deutschen deutlich macht und den Heimatort dieser Sprache verdeutlicht. Das ,,Kiez- Deutsch“ ist im Kiez zuhause und ist eine informelle, alltagssprachliche Form des Deutschen. Zudem wird dies nicht nur von Sprecherinnen und Sprechern einer Herkunft gesprochen, sondern es gibt keine ethnische Eingrenzung (Wiese, 2012: 15-16).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Interkulturelles Lernen im Deutschunterricht. Der Dialekt Kiez-Deutsch
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V380990
ISBN (eBook)
9783668575400
ISBN (Buch)
9783668575417
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturelles, lernen, deutschunterricht, dialekt, kiez-deutsch
Arbeit zitieren
Fenja Jensen (Autor), 2017, Interkulturelles Lernen im Deutschunterricht. Der Dialekt Kiez-Deutsch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380990

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Interkulturelles Lernen im Deutschunterricht. Der Dialekt Kiez-Deutsch


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden