Die erotische Besetzung des Gerichts in Franz Kafkas "Der Proceß"

Wie stehen die unterschiedlichen Frauenfiguren mit Josef K. und seinem Prozess in Verbindung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Verhältnis von Sexualität und Macht
2.1 Lenis Beziehungen zu Dr. Huld und Kaufmann Block
2.2 Die Frau des Gerichtsdieners als Bekämpferin des Schmutzes

3. Die anziehende Wirkung des Gerichts
3.1 Fräulein Bürstner als Ratgeberin und Lustobjekt
3.2 Leni als Helferin und Geliebte
3.3 Die Mädchengruppe bei Titorelli

4. Die körperliche Fehlerhaftigkeit der Frauen
4.1 Lenis Schwimmhäute
4.2 Die „bucklige“ Anführerin der Mädchengruppe bei Titorelli

5. Aspekte der Störung und Unterbrechung

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frauen haben eine große Macht. Wenn ich einige Frauen, die ich kenne, dazu bewegen könnte, gemeinschaftlich für mich zu arbeiten, müsste ich durchdringen. Besonders bei diesem Gericht, das fast nur aus Frauenjägern besteht.[1]

Diese Worte des Gefängniskaplans, der zu K. in der Dom-Szene spricht, fassen die Rolle der Frauen im Prozess als Einführung gut zusammen. Sie sind mächtig und treffen Joseph K. auf all seinen wichtigen Wegen und Entscheidungen, die ihn durch seinen Prozess führen. Die Frauen begegnen sich untereinander nie, sprechen nicht zueinander und verfügen über ein anderes Wissen als die Männer. Sie werden verschiedenen Rollen zugewiesen und üben eine unterschiedlich starke Anziehungskraft auf K. aus. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie auf ihre individuelle Art und Weise mit dem Gericht und K.s Prozess verbunden sind. Daher beschäftigt sich diese Arbeit mit der erotischen Besetzung des Gerichts und der Fragestellung wie stehen die unterschiedlichen Frauenfiguren mit Joseph K. und seinem Prozess in Verbindung?

Ziel dieser Arbeit ist es, besonders die drei Frauenfiguren Fräulein Bürstner, Leni und die Frau des Gerichtsdieners zu betrachten und ihre Verbindung mit dem Gericht zu analysieren. Dabei spielen immer wiederkehrende Symbole und Motive, wie beispielsweise das Bett oder Schmutz ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Frauen scheinen zum einen von K. angeworbene Helferinnen, aber auch Gegner im Kampf um seinen Prozess zu sein. Er schart sie um sich, wodurch die Institution des Gerichts eine erotische Konnotation erhält. Macht und Sexualität scheinen in einer wechselseitigen Beziehung zu stehen, die im ersten Kapitel weiter ausgeführt wird. Anschließend wird die anziehende Wirkung des Gerichts bezüglich der drei Frauenfiguren thematisiert. Damit die Symbolik und weitere Auffälligkeiten der Frauen nicht außer Acht gelassen werden, wird im dritten Kapitel die körperliche Fehlerhaftigkeit der Frauen, die sich bei jeder mit dem Gericht eng in Verbindung stehenden Frau zeigt, analysiert. Abschließend gehe ich kurz auf den Störungs- und Unterbrechungsaspekt ein, der zweimal beinahe parallel vorkommt und zwei Rettungsversuche von Leni und der Frau des Gerichtsdieners beinhaltet.

Die in der Arbeit angewandte Argumentation ist weitestgehend textanalytisch und lässt Epochen- und Autobiografische Fakten Kafkas außen vor.

2. Das Verhältnis von Sexualität und Macht

Das Gericht ist in K.s Prozess mit Macht und gleichzeitig Sexualität behaftet. Die Verhaftung wurde K. nicht von außen, sprich der Institution des Gerichts, hinzugefügt, sie ist viel eher in ihm selbst entstanden.[2]

Der Prozess ist [...] ein Vorgang, der sich in K. abspielt, und alle Personen, die unmittelbar als Vertreter des Gerichts erscheinen, müssen auch als zu K. selbst zugehörig angesehen werden.[3]

Da die Frauen für K. in erster Linie eine Helferrolle einnehmen, werden sie funktionalisiert und die Beziehungen, die K. zu ihnen pflegt, gelten einzig dem Zweck, den Prozess zu verstehen und ihm zu entfliehen. Die Frauen haben nicht nur zu K. intime Verhältnisse, sie pflegen außerdem Beziehungen zu den Richtern und Advokaten dieser Gerichtswelt. Das Gericht scheint erotisch besetzt zu sein und verschwimmt mit dem Alltagsleben von K. Die Sexualität tritt in verschiedenen Formen auf und lässt K. sein Vorhaben, mehr über seinen Prozess zu erfahren und eine Lösung zu finden, mitunter vergessen. Für Kafkas Roman gilt insgesamt, dass „die Sexualität oft maßlos, bedrohlich und irritierend erscheint.“[4]

Um die Verbindung zwischen Sexualität und Macht besser zu verstehen, ist es wichtig zunächst einmal die Figurenkonstellation zu betrachten. Auf der einen Seite stehen die Männer, die K. Zugang zur Gerichtsphäre verschaffen und ihm Informationen darüber liefern. Zu diesen Männern gehören der Advokat Dr. Huld, der Maler Titorelli, der Untersuchungsrichter und der Gefängniskaplan. Sie gehören unmittelbar selbst zum Gericht und wissen am besten darüber Bescheid. Ihnen gegenüber stehen die Frauen Fräulein Bürstner, Leni und die Frau des Gerichtsdieners, die alle eine Verbindung zum Gericht haben, aber nicht direkt dafür arbeiten.

2.1 Lenis Beziehungen zu Dr. Huld und Kaufmann Block

Die Figur der Leni ist für K.s Prozess ausschlaggebend, da sie mit dem für K. anfangs wichtigen Advokaten Dr. Huld eine enge Verbindung hat. Für den Advokaten ist Leni Pflegerin und Geliebte zugleich. Es ist Lenis Aufgabe, „den Advokaten immer wieder durch ihre Gegenwart und durch ihre verschiedenen Dienstleistungen dem Bereich des bloßen Seins nahezubringen.“[5] Zum einen verkörpert sie die häusliche Frauenfigur, die Speisen für ihn zubereitet und sein Bett ausschüttelt, um für mehr Wärme zu sorgen.[6] Zum anderen hat sie eine intime und vor allem körperliche Beziehung mit ihm. Sie streichelt seine Hand bevor sie das Zimmer auf Bitten des Onkels und des Advokaten verlassen muss, als wäre es ein Abschied für lange.[7] Leni ist voller Mitleid für den kranken Advokaten, weshalb sie sich mit großer Fürsorge um ihn kümmert. Dennoch nutzt sie ihre Stellung beim Advokaten aus, um sich den Angeklagten hinzugeben, die auf sie sehr anziehend wirken. Sie nutzt ihre Macht aus, da die Angeklagten wie K. und Block sie ebenfalls sexuell begehren.

Leni hat jedoch wie alle anderen Frauen, die hier auftreten, keine eindeutigen Verhältnisse zu Männern. Die Pflegerin hat sowohl mit Huld als auch mit Block eine intime Beziehung, sodass sich die Sphäre des Gerichts mit der privaten und intimen Sphäre vermischt und beide kaum voneinander zu trennen sind. Der Advokat Huld soll K. zum Erfolg seine Prozesses verhelfen, jedoch wird beim ersten Aufeinandertreffen deutlich, dass seine Verteidigung nicht von großer Hilfe sein wird. Huld tritt als körperlich schwacher und kränklicher Mensch auf, der sich hauptsächlich im Bett befindet, nur noch schwer atmet und täglich an Kraft verliert.[8] Das Bett bildet hier den Hauptort des Gesprächs, da der Advokat von dort aus mit seinen Klienten spricht. Wie auch an späteren Orten ist auffällig, dass das Bett Zugang zu Gerichtsräumen verschafft und wichtige Angelegenheiten von dort aus geklärt werden.

Leni und der Advokat stimmen in ihrer Haltung gegenüber dem Gericht vollkommen überein. Denn auch „den Advokaten […] liegt es vollständig fern bei Gericht irgendwelche Verbesserungen einführen oder durchsetzen zu wollen.“[9] Diese Haltung nimmt auch Leni ein: „Das einzig Richtige sei es, sich mit den vorhandenen Verhältnissen abzufinden. Nur keine Aufmerksamkeit erregen!“[10] Das Verhältnis des Advokaten zu Leni ist dementsprechend so, wie er selbst das Gericht sieht. „Schon das Verhältnis des Advokaten zu Leni deutet darauf hin, dass die Vermittlung, die er K. für seinen Prozess anbietet, problematisch ist.“[11] Auch die Anwesenheit des Kanzleidirektors in dieser Szene, lässt die Verbindung zum Gericht stärken. Er ist genau wie Leni ein Vertreter des Gerichts und K. glaubt ihn sogar aus seiner ersten Untersuchung zu erkennen.[12]

Ein weiterer Mann, zu dem Leni eine intime Beziehung pflegt, ist der Kaufmann Block. Seit fünf Jahren kämpft er in seinem eigenen Prozess um seine Verteidigung und hat dadurch seine gesamte Lebensenergie verbraucht. Als Klient des Advokaten ist er Teil der Gerichtsphäre, wodurch sich auch Lenis Interesse an ihm erklärt. Sie gibt selbst zu, sich nur um ihn zu kümmern, weil er wichtig für den Advokaten ist: „Ich habe mich seiner ein wenig angenommen, weil er eine große Kundschaft des Advokaten ist, aus keinem anderen Grund.“[13] Leni besitzt die Macht über Block, der sich selbst schon völlig aufgegeben hat und nur noch wie eine Marionette, fremdgesteuert von den Verantwortlichen des Gerichts, in seinem eigenen Prozess agiert. „Dieses endlose Ausgeliefertsein dem Gericht gegenüber macht den ehemals erfolgreichen Kaufmann zum Schatten seiner Selbst.“[14]

Leni lässt ihn sogar im Haus des Advokaten schlafen, sperrt ihn aber im Dienstmädchenzimmer ein, um ihre Ruhe zu haben.[15] „Leni fungiert als Gefängniswärterin, indem sie ihn einsperrt und ihm Wasser und Brot durch eine Luke reicht.“[16] Auffällig ist, dass Leni meist abwertend von Block redet. Er scheint der einzige Angeklagte zu sein, dem sie sich nicht voll und ganz hingibt, aber dennoch die Macht über ihn haben möchte. Leni hat die „Oberhand über den Klienten Block und [steht] […] mit ihm in enger Verbindung.“[17] Der Grund, warum Leni sowohl Block als auch K. zu lieben scheint, ist ihre besondere Beziehung zu Angeklagten und allen anderen Männern, die mit dem Gericht verbunden sind. Leni findet die meisten Angeklagten schön.[18] „Sie hängt sich an alle, liebt alle, scheint allerdings auch von allen geliebt zu werden.“[19]

Das Spiel von Sexualität und Macht kommt in der Konstellation zwischen Leni, dem Advokaten, Kaufmann Block und K. voll zur Geltung. Es scheint, als würde der Advokat die Fäden in der Hand halten und dieses Spiel inszenieren. Obwohl Block und K. im Haus sind, bleibt Leni länger im Zimmer des Advokaten als eigentlich nötig.[20] Sobald K. und Block gemeinsam im Raum anwesend sind, wendet sie sich mal dem einen und kurz darauf dem anderen liebevoll zu. Die Beziehung zwischen Leni und den Männern scheint daher von wechselseitiger Abhängigkeit geprägt zu sein, da sie von ihnen gebraucht wird und sie ihr sonstiges Pflegerinnen-Dasein aufwerten kann.

2.2 Die Frau des Gerichtsdieners als Bekämpferin des Schmutzes

Die Frau des Gerichtsdieners tritt als eine Figur auf, deren Charakter stark reduziert ist, und der es allein durch ihren fehlenden Namen an Individualität mangelt. Sie wird lediglich als Frau des Gerichtsdieners beschrieben, d.h. nur in Abhängigkeit der Position ihres Mannes.

Als eine Art Leitmotiv zieht sich der Schmutz durch Kafkas Werk. Alle Orte oder wie in diesem Beispiel auch Personen, die mit K.s Prozess in Verbindung stehen, gelten als schmutzig und verdorben. Die Frau des Gerichtsdieners hat am offensichtlichsten etwas mit dem Gericht zu tun, da sie mit dem Gerichtsdiener verheiratet ist und ihr Umfeld aus dem Gericht besteht. Sie wohnt in den Räumen, in denen K. seine erste Untersuchung hatte. An Sitzungstagen muss sie das Zimmer ausräumen, da es sich dann in einen Gerichtssaal verwandelt. In der Rolle dieser Frau kommen mehrere Aspekte zur Geltung. Zum einen lernt K. sie als „Waschfrau“ kennen, womit sie der häuslichen Sphäre zugeordnet wird, zum anderen tritt sie aber auch als begehrenswerte und geheimnisvolle Fremde auf. Sie öffnet K. die Tür zum Gerichtssaal und verschafft ihm später Zugang zum Dachboden, wo sich die Gerichtskanzleien befinden. Die Frau dient hier als Wegweiser und öffnet die Tür zur Gerichtswelt. Sie ist die einzige Frau, die die Gerichtswelt kritisiert und „widerlich“[21] findet. Darüber hinaus hofft sie auf Besserung und will K. deshalb helfen. Sie versucht ihn im Kampf gegen das Gericht zu unterstützen, da sie ihm beispielsweise Einblicke in die Gesetzesbücher gewährt.

„Allesamt werden die verlockenden Frauen, wo immer sie auftreten, mit den regressiven Insignien des Schmutzes und des tierhaft Wilden umgeben.“[22] Um sich vor dem Schmutz zu schützen trägt die Frau eine Schürze, mit der sie den Staub von den alten Büchern wegwischt.[23] Die Gegenden und Dachböden, in denen sich die Gerichtssäle befinden, werden immer mit Schmutz assoziiert. Die Gesetzbücher, die dort studiert werden sind erotisch konnotiert. Ein Buch zeigt einen Mann und eine Frau nackt auf einem Kanapee, „die allzu körperlich aus dem Bilde hervorragten.“[24] Für K. sind diese Bücher einmal mehr ein Zeichen, dass das Gericht stark mit Erotik verbunden ist und dass die gesamte Gerichtswelt verdorben ist. Wenn aus diesen Gesetzesbüchern gelehrt wird, kann er sich die Menschen gut vorstellen, von denen er gerichtet wird.[25] K. kann die Frau des Gerichtsdieners schnell einschätzen und merkt, was sie mit ihm vor hat.

Sie bietet sich mir an, sie ist verdorben wie alle hier ringsherum, sie hat die Gerichtsbeamten satt, was ja begreiflich ist, und begrüßt deshalb jeden beliebigen Fremden mit einem Kompliment wegen seiner Augen.[26]

K. verbindet ihre Verdorbenheit mit ihren Beziehungen zu niedrigen Beamten. Er benötigt aber Leute, „die Beziehungen zu hohen Beamten haben.“[27]. K. fasst die Rolle der Frau für sich zusammen: „Sie gehör[t] zu der Gesellschaft, die ich bekämpfen muss, befinde[t] sich aber in ihr sehr wohl.“[28] Der Untersuchungsrichter, der auch die Berichte über K. schreibt hat große Macht in dem Gerichtsgefüge. Scheinbar findet er auch Gefallen an der Frau des Gerichtsdieners, da er um sie wirbt und ihr beispielsweise seidene Strümpfe schenkt. Die Frau macht außerdem deutlich, wie Sexualität und Macht miteinander verbunden sind, da sie mit dem Untersuchungsrichter schläft und sich dem Studenten nur hingibt, da er eines Tages selbst Richter sein wird.

Ein weiteres Beispiel für die starke Anziehungskraft des Gerichts ist genau dieser, der Frau des Gerichtsdieners nachstellende Student. Sie versteht jedoch ihre Wirkung auf ihn nicht: „Ich mag im Allgemeinen nicht verlockend sein, für ihn bin ich es aber.“[29] Die Frau sieht sich aber verpflichtet mit dem Studenten in Kontakt zu bleiben, da er Student der Rechtswissenschaft ist und „voraussichtlich zu größerer Macht kommen [wird].“[30] Sie sieht demnach die Sexualität als Voraussetzung um an Macht zu gelangen. Die Macht des Gerichts wird hier wieder deutlich, da auch die Frau sich ihr nicht entziehen kann. Zum einen wirkt sie anziehend auf den Studenten, da sie enge Beziehungen zu den Richtern und zur Gerichtswelt im Allgemeinen pflegt und das Gericht auf fast alle Figuren anziehen wirkt. „Erotik übernimmt hier ganz offensichtlich die Rolle des Gerichts und wird mit ihm identisch.“[31]

K. versucht die Frau als nächste Helferin zu werben und bietet ihr im Gegenzug auch seine Hilfe an.[32] Zudem findet er keinen triftigen Grund, warum er der Verlockung der Frau nachgeben sollte, wobei ihm ein Einwand, „dass ihn die Frau für das Gericht einfange“[33], in den Sinn kommt. Wie auch später Leni könnte diese Frau ebenfalls eine Art Lockvogel sein, da „in der pansexuellen Welt des Prozesses […] die Gerichtsbeamten nichts anderes als ‚Frauenjäger‘ sein [können], je höher in der Hierarchie desto schlimmer.“[34] Auffällig ist, dass K. bei allen Frauen, die er als verlockend sieht, in Konkurrenz zu anderen Männern steht. Bei der Frau des Gerichtsdieners muss er sich mit dem Studenten messen, der die Frau letztendlich vor seinen Augen weg trägt. „Die sinnliche Anziehungskraft dieser Frau für Josef K. beginnt damit, dass er erfährt, wie gut sie den Herren des Gerichts gefällt.“[35]

In der Dom-Szene spricht der Geistliche zu K. und erwähnt den Untersuchungsrichter, der ebenfalls ein Verhältnis mit der Frau des Gerichtsdieners hat. Auch er kann der großen Verlockung der Frauen nicht wiederstehen, weshalb er der Frau des Gerichtsdieners Strümpfe schenkt und sie nachts in ihrem Bett aufsucht. „Zeig dem Untersuchungsrichter eine Frau aus der Ferne, und er überrennt, um nur rechtzeitig hinzukommen, den Gerichtstisch und den Angeklagten.“[36] K. spielt mit dem Gedanken sich auf die Frau einzulassen, allein um sich am Untersuchungsrichter zur rächen, indem er ihm „diese Frau entzog und an sich nahm.“[37]

Zusammenfassend übernimmt die Frau die Rolle der Verführung, sie möchte K. verlocken und für sich selbst einen Nutzen daraus ziehen. Gleichzeitig lässt sie sich auf den Studenten ein, um sich einen Platz in dem Machtgefüge des Gerichts zu erschaffen.

3. Die anziehende Wirkung des Gerichts

3.1 Fräulein Bürstner als Ratgeberin und Lustobjekt

Fräulein Bürstner ist zunächst nur die Flurnachbarin K.s, aber laut Frau Grubach verkehrt sie mit verschiedenen Männern in abgelegenen Straßen.[38] K. hat vor seiner Verurteilung erst wenige Worte mit Frau Bürstner gewechselt, aber danach sucht er sie auf, um sich bei ihr für die durch die Anhörung entstandene Unordnung zu entschuldigen. Der Beginn des Prozesses ist gleichzeitig auch der Beginn des Interesses an Fräulein Bürstner. Die Verhaftung ist sozusagen der Grund, weshalb dieses erste Gespräch zwischen den beiden überhaupt stattfinden kann, da K. sich für die Vorfälle entschuldigen will.

Fräulein Bürstner ist eine zentrale Figur im Roman, obwohl sie nur in einem Kapitel zu Wort kommt. Sie scheint jedoch mehr mit dem Prozess in Verbindung zu stehen, als man annehmen könnte. Sie ist bei allen wichtigen Entscheidungen bezüglich des Gerichts dabei, da sie sowohl bei K.s Verhaftung als auch kurz vor seiner Tötung anwesend ist. Die erotische Anziehungskraft beruht allerdings hier nur auf K.s Seite, der sich Fräulein Bürstner förmlich aufdrängt. K. sucht zunächst Rat und Schutz bei ihr, was die sexuelle Beziehung eher negativ beeinflusst. Fräulein Bürstner tritt als Helferin und Ratgeberin auf und möchte im Gegensatz zu den anderen Frauenfiguren K. nicht für sich gewinnen. K. geht davon aus, dass Fräulein Bürstner viel Erfahrung in Gerichtssachen habe[39], die betont jedoch, dass sie alles wissen möchte und sie das Gericht ungemein interessiere.[40] Fräulein Bürstner ist damit die erste Frau aus Kafkas sozialem Umfeld, die kurz nach seiner Verhaftung eine Verbindung zum Gericht zu haben scheint. Sie weiß um die Wirkung des Gerichts Bescheid: „Das Gericht hat eine eigentümliche Anziehungskraft, nicht?“[41] Ihre Verbindung zum Gericht wird noch stärker, da sie bald als Kanzleikraft in einem Advokatenbüro anfängt.[42]

Fräulein Bürstner ist selbst für diese Anziehung verantwortlich, da sie Interesse am Gericht hat. Die Anziehung beruht auf „intellektueller Neugier und ist daher aktiv im Gegensatz zu Josef K.s, die passiv ist.“[43] K. wittert natürlich seine Chance, Fräulein Bürstner als seine erste Helferin zu gewinnen: „Sie werden mir dann in meinem Proceß ein wenig helfen können.“[44] Das Verhältnis der beiden beruht demnach zunächst auf einer reinen funktionellen Zweckbeziehung, wobei Fräulein Bürstner anziehender wirkt, je stärker sie ihr Interesse am Gerichtswesen zum Ausdruckt bringt.

Das Verhältnis zwischen K. und Fräulein Bürstner wirkt zunächst neutral, da sie sich über das Gericht austauschen und K. sie ihn seinen Prozess einweiht. Dann kommt es jedoch zum sexuellen Überfall. K drängt sich ihr auf, küsst sie und sie wird für ihn zum Lustobjekt. In dieser Szene wird animalisches Vokabular verwendet, das K.s Triebhaftigkeit betont. Er „küsste sie auf den Mund und dann über das ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt.“[45] Anschließend küsst er sie auf den Hals, genau auf die Stelle wo die Gurgel sitzt.[46] Diese Szene könnte man bereits als Vorausdeutung auf K.s Ermordung am Ende sehen. K. zieht Fräulein Bürstner herunter in die Sphäre der Triebhaftigkeit und Unreinheit. Das animalische und triebhafte Verhalten K.s passt zu seiner immer weiter voran schreitenden Verstrickung in den Prozess.

[...]


[1] Kafka, Franz: Der Proceß. Originalfassung. Auflage 10. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1990. S. 224.

[2] Vgl. Der Raum und die Figuren in Franz Kafkas Roman „Der Prozeß“. Hrsg. Von Josef Kunz und Ludwig Erich Schmitt. 2. Auflage. Marburg: N. G. Elwert Verlag 1969 (= Marburger Beiträge zur Germanistik). S. 10.

[3] Ebd.

[4] Murray, Nicholas: Kafka und die Frauen. Düsseldorf: Artemis & Winkler 2007. S. 195.

[5] Der Raum und die Figuren in Franz Kafkas Roman „Der Prozeß. S. 101.

[6] Vgl. Kafka, F.: Der Proceß. S. 107.

[7] Vgl. Kafka, F.: Der Proceß. S. 106.

[8] Vgl. S. 105.

[9] Kafka, F.: Der Proceß. S. 126.

[10] Kafka, F.: Der Proceß. S. 126.

[11] Der Raum und die Figuren in Franz Kafkas Roman „Der Prozeß. S. 101.

[12] Vgl. Kafka, F.: Der Proceß. S. 111.

[13] Kafka, F.: Der Proceß. S. 179.

[14] Rajec, E. M: Namen und ihre Bedeutungen im Werke Franz Kafkas. S. 144.

[15] Ebd.

[16] Der Raum und die Figuren in Franz Kafkas Roman „Der Prozeß. S. 121.

[17] Rajec, Elisabeth M: Namen und ihre Bedeutungen im Werke Franz Kafkas. Ein interpretatorischer Versuch. Auflage 450. Bern: Peter Lang Verlag 1977. S. 146.

[18] Vgl. Kafka, F.: Der Proceß. S. 194.

[19] Vgl. Ebd.

[20] Vgl. Ebd. S. 186

[21] Kafka, F.: Der Proceß. S. 186.

[22] Kremer, Detlef: Die Erotik des Schreibens. Schreiben als Lebensentzug. Frankfurt am Main: Athenäum 1989. S. 110.

[23] Kakfa, F.: Der Proceß. S. 62.

[24] Kafka, F.: Der Proceß. S. 62.

[25] Ebd. S. 63.

[26] Ebd. S. 63.

[27] Ebd.

[28] Ebd. S. 64.

[29] Kafka, F.: Der Prozeß. S. 61.

[30] Ebd.

[31] Sokel, W. H.: Franz Kafka – Tragik und Ironie. S. 159.

[32] Vgl. Kafka, F.: Der Proceß. S. 62.

[33] Ebd. S. 67.

[34] Kremer, D.: Die Erotik des Schreibens. S.111.

[35] Sokel, Walter H.: Franz Kafka – Tragik und Ironie. Zur Struktur seiner Kunst. München, Wien: Langen Müller Verlag 1964. S. 157.

[36] Kafka, F.: Der Proceß. S. 224.

[37] Ebd. S. 68.

[38] Kafka, F.: Der Proceß. S. 31.

[39] Vgl. Ebd. S. 35.

[40] Vgl. Kafka, F.: Der Proceß. S. 35.

[41] Vgl. Kafka, F.: Der Proceß. S. 35.

[42] Vgl. Ebd.

[43] Leich, Karin: Herrschaft und Sexualität in Franz Kafkas Romanen der Proceß und das Schloß. Phil. Diss. masch. Philips-Universität Marburg: 2003. S. 33.

[44] Ebd.

[45] Kafka, F.: Der Proceß. S. 39.

[46] Vgl. Ebd. S. 38.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die erotische Besetzung des Gerichts in Franz Kafkas "Der Proceß"
Untertitel
Wie stehen die unterschiedlichen Frauenfiguren mit Josef K. und seinem Prozess in Verbindung?
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar: „Paragraphenwerk. Kafka Roman Der Process”
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V381031
ISBN (eBook)
9783668577022
ISBN (Buch)
9783668577039
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafka, Process, Frauen
Arbeit zitieren
Laura Schmitt (Autor), 2015, Die erotische Besetzung des Gerichts in Franz Kafkas "Der Proceß", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381031

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