Kirchengeschichte als theologische Wissenschaft im Religionsunterricht?


Seminararbeit, 2015
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kirchengeschichte: Theologie und Wissenschaft?

3. Kirchengeschichte als theologisch wissenschaftliche Disziplin im Religionsunterricht?
3.1. Jugendliche, Religiosität und Kirche
3.2. Der allgemeine Anspruch (religiöser) Bildung: Erfüllt?
3.3. Auseinandersetzung der Jugend mit Kirchengeschichte: Wozu?
3.3.1. Implikation der religiösen Situation für kirchengeschichtliche Fragestellungen
3.3.2. Traditionsvergewisserung
3.3.3. Selbstreflexivität
3.3.4. Religiöse und konfessionelle Positionalität
3.4. Kirchengeschichte und ihre konkrete Realisierung im Religionsunterricht
3.4.1. Inhalte und Kriterien der Auswahl
3.4.2. Themen, Lernziele und Didaktik kirchengeschichtlichen Unterrichts

4. Fazit

5. Literarurverzeichnis

1. Einleitung

Theologie und Schule - Kirche und Schule - Das Fach Religion in der Schule: All das sind Themen, über die Religionslehrer jeglicher Schulart sowie Religionspädagogen reflektieren (müssen). Denn Religion ist mehr als nur „trockenes Schulfach“. Religion ist ein Bereich im menschlichen Leben, ja sie kann sogar Leitlinie des Lebens eines Menschen sein! Sie ist privat und öffentlich zugleich, betrifft einerseits zwar den Einzelnen, dennoch aber auch die gesamte Gesellschaft. Aufgrund dieser Gegebenheit legt die Theologie auch besonders großen Wert darauf ihre religiösen Reflexionen immer gegenwartsbezogen, also auch unter Einbezug momentaner gesellschaftlicher Herausforderungen, zu vollziehen. Eben diese sogenannte Fachreflexion ist auch wichtiger Bestandteil des Theologiestudiums und Teil des Orientierungskurses des zweiten Semesters. Die „Herausforderung“, welche im Rahmen dieser Arbeit thematisiert werden soll, betrifft, wie bereits angedeutet, das Thema „Theologie und Schule“. Genauer gesagt geht es um die Frage einer ganz bestimmten theologischen Wissenschaft einen Platz im Religionsunterricht einzuräumen: Der Kirchengeschichte. Doch welchen Nutzen ziehen Schüler aus der Beschäftigung mit kirchengeschichtlichen Themen? Ziehen sie überhaupt einen Nutzen daraus? Und wenn die Kirchengeschichte tatsächlich im Religionsunterricht gelehrt werden soll, wie und vor allem welche Themen sollen angesprochen werden? Was sind Auswahlkriterien für kirchengeschichtliche Themengebiete in der Schule?

Die Fragestellung impliziert also eine Vielzahl verschiedener Überlegungen, die im Folgenden zu erörtern versucht werden. Doch zunächst sollte in den Blick genommen werden, wie der Begriff „Kirchengeschichte“ überhaupt zu verstehen ist, welche Stellung er einerseits in der Theologie andererseits aber auch im Raum der Wissenschaften innehat.

2. Kirchengeschichte: Theologie und Wissenschaft?

(nach: Bienert, W. – Strecker, G. (Hrsg.), „Theologie im 20.Jahrhundert “, J.C.B Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1983, S.146ff.)

Bevor thematisiert werden kann, ob die Kirchengeschichte generell als theologische Wissenschaft im Religionsunterricht gelehrt werden soll, gilt es sich zuerst einmal zu fragen: Warum im Religionsunterricht? Wäre es nicht angemessener die Geschichte der Kirche im Geschichtsunterricht anzusprechen? Was ist die Kirchengeschichte überhaupt? Ist sie nun historische Wissenschaft oder doch mehr theologische Disziplin?

In den vergangenen Jahrzehnten wurde diese Frage immer wieder neu gestellt. Insbesondere nachdem auf dem Internationalen Historikerkongress in Berlin (1908) die Meinung vertreten wurde, der Kirchenhistoriker sei zum Profanhistoriker geworden und die Historie sei gänzlich säkularisiert worden (vgl. C. Andersen - G. Denzler, „Wörterbuch der KG“, S.436). Damals wurde dies zwar schon energisch verneint, doch trotzdem stellen sich Kirchenhistoriker immer wieder vor die Frage, ob sie nun mehr Historiker oder Theologen seien bzw. in welchem Verhältnis theologische und historische Arbeit in dieser Disziplin stehen. Viele Theologen sind der Auffassung, dass die Kirchengeschichte eine „Sonderstellung“ innerhalb der Theologie einnimmt: Die Arbeitsbereiche der KG sind vielfältig, sie umfassen freilich einen großen Anteil nichttheologischer Forschung, dennoch ist das Zustandekommen eines wissenschaftlichen Gesprächs wie auch die Zugänglichkeit der Forschungsbeiträge für das allgemeine Interesse viel schwerer zu erreichen als in einer gänzlich nichttheologischen Disziplin (vgl. G. Kretschmar – B. Moeller – K. Scholder, „Zur KG“, VF 13/1, 1968). Im Grunde stellt die Kirchengeschichte also quasi eine theologische Disziplin dar, eine „Facette“ der „ theologia“ (=„Gottrede“), was ihre detaillierte Konkretisierung daher schwer macht, weil schließlich von der Geschichte der transzendentalen Kraft mit den Menschen die Rede ist. Sie ist aber eben auch eine solche Disziplin, in der (geschichts-)wissenschaftliche Methoden und Hilfsmittel zur Anwendung kommen, die die Kirchenhistoriker einerseits neue Erkenntnisse gewinnen lassen, andererseits aber auch herausfordern und z.T. in Frage stellen. Der evangelische Theologe K. Barth bezeichnete im Jahre 1964 die Kirchengeschichte als unentbehrliche „Hilfswissenschaft“ der Theologie (vgl. K. Barth, „Kirchliche Dogmatik I“, S.3). Er argumentiert, die Kirchengeschichte sei bestimmt von einem am göttlichen Offenbarungsgeschehen ausgerichteten Theologiebegriff, wodurch er die Bedeutung der Geschichte für die Theologie nicht gänzlich bestreitet, sondern der Kirchengeschichte lediglich einen grundsätzlichen Offenbarungscharakter abspricht.

3. Kirchengeschichte als theologisch wissenschaftliche Disziplin im Religionsunterricht?

3.1. Jugendliche, Religiosität und Kirche

(nach: Petri, H.- Schmuttermayr, G. – Hausberger, K. – Beinert, W. – Hilger, G.(Hrsg.), „Glaubensvermittlung im Umbruch – Festschrift für Bischof Manfred Müller“, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 1996, S.343ff.)

Schon viele Jahre versucht die Religionsforschung, mithilfe von auf schulischen Umfragen basierenden Studien die Religiosität der heutigen Jugend zu ermitteln. So konstatierte beispielsweise die Befragung zum Religionsunterricht des Deutschen Instituts für Demoskopie Allensbach (1988) einen Religionsverlust und einen Verfall religiöser Kultur. Parameter für die Religiosität waren dabei Kirchlichkeit, Glaubenssicherheit wie auch Glaubenswissen. Als Grund für dieses Ergebnis führten die Forscher die Säkularisierungsthese an. Doch Säkularisierung muss nicht unbedingt als die linear verlaufende Verfallsgeschichte von Religion verstanden werden, sondern kann auch ebenso ein Überbegriff für den Gestaltwandel der traditionellen, institutionalisierten Form von Religion sein (vgl. Luckmann, T., „Das Problem der Religionen in der Modernen Gesellschaft. Institution, Person und Weltanschauung“, S.65). Für Luckmann sind also Kirchlichkeit und Religiosität keineswegs deckungsgleich, weshalb er die Begriffe auch voneinander unterscheidet. Von einem Religionsverlust im Sinne einer subjektiven Religiosität ist also eher weniger zu sprechen. Ganz im Gegenteil: Angesichts der von Wissenschaft und Technologie nicht beantwortbaren Frage nach dem Sinn unserer endlichen Existenz hält sich der „Marktwert“ von Religion. Kein Verlust, sondern ein „Formwandel“ ist ist es, der sich hier vollzieht (vgl. Gabriel, K., „Tradierungsprobleme“, a.a.O.29). Also ein Wandel hin zu einer individualisierten Religiosität, in der die Jugendlichen selbstständige, autonome Akteure ihrer religiösen Praxis sind, welche nun eben nicht mehr eindeutig der kirchlichen Lehre zugewiesen werden kann.

Die Kirchen haben somit also für einen Großteil der Jugendlichen ihr Definitionsmonopol in Sachen Sinndeutung und Religion verloren. Sie stellen nur noch einen von vielen anderen „Lebenssinn-Anbietern“ auf dem „Markt der Religionen“ dar (vgl. Feige, A., „Autonomie, Engagement, Distanz. Problemdimensionen im Verhältnis der Jugend zur Kirche“ in: Kaufmann, F.X. – Schäfers, W. (Hrsg.), „Religion, Kirchen und Gesellschaft in Deutschland“, 1988, S.161ff.). Grund für den Bedeutungsverlust der Kirche aus Sicht der Jugend ist aber neben dem Religionenpluralismus vor allem aber die Tatsache, dass die Institution Kirche oftmals als funktionsschwach, schleierhaft und undurchsichtig angesehen wird.

Wie also kann man dieser jugendlichen Empfindung einer „undurchsichtigen Kirche“ entgegenwirken? Wie kann die Kirche für die Jugend „durchsichtiger“ und damit zu einer religiösen Heimat ihres Glaubens werden? Möglicherweise, indem man im Rahmen der schulischen religiösen Bildung die „Geschichte der Kirche“ erzählt?

3.2. Der allgemeine Anspruch (religiöser) Bildung: Erfüllt?

Kirchengeschichte als theologische Wissenschaft im Religionsunterricht würde wohl mit großer Sicherheit zu einem breiteren, umfangreicheren Wissen und Verständnis der Kirche und ihren Institutionen bei den Schülern führen und sie höchstwahrscheinlich auch als attraktiven Ort des Glaubens zumindest bei einem Teil der Jugend erscheinen lassen. Doch würde „Kirchengeschichte“ als eigener Themenbereich im Religionsunterricht auch dem Anspruch schulischer (religiöser) Bildung gerecht werden? Hierzu äußert sich Rudolf Englert in seinem 1992 erschienenen Werk „Religiöse Erwachsenenbildung. Situationen – Probleme – Handlungsorientierung“ (S.231 ff.) wie folgt:

Aus bildungstheoretischer Perspektive muss (…) folgender Aspekt bedacht werden: Bildung zielt auf Bestätigung und Entwicklung, auf Stärkung und Erneuerung, auf Bejahung und Transzendierung von Wirklichkeit, auf Annahme und auf Veränderung sowohl des Subjekts als auch seiner Welt und der Gesellschaft. Bildung geschieht in der Spannung von Subjekt und Objekt, von Ich und Welt, sie ist auf Gegenwart und Zukunft bezogen und zielt auf Humanisierung“

Georg Hilger führt in der bereits unter Punkt 3.1 als Quelle angeführten Festschrift für Bischof Manfred Müller „Glaubensvermittlung im Umbruch“ (1996) zu obigem Zitat noch hinzu:

„Religionsunterricht verfehlt die Jugend und ihre Bildung, wenn er darauf verzichtet, die Schüler in einen produktiv kritischen Vermittlungsprozess zu verwickeln, (…) der auch ihre Alltagserfahrungen miteinbezieht.“

Wenn also Religionsunterricht idealerweise auf Erfahrungen und Alltag der Schüler bezogen sein sollte und Bildung, wie Englert deutlich macht, in der Spannung von Subjekt und Objekt (also Schüler und Unterrichtsgegenstand) geschieht und auf Gegenwart und Zukunft ausgerichtet sein sollte, wie kann als „Objekt“ dann eine Disziplin in Frage kommen, welche ausschließlich Vergangenes thematisiert?

Das ist eine berechtigte Frage, die gleichzeitig auch das deutlich macht, was bereits im Punkt 2 im Versuch einer Standortbestimmung der Kirchengeschichte ausgeführt wurde: Die Tatsache, dass die kirchengeschichtliche Disziplin wohl nicht nur theologisch und wissenschaftlich gesehen eine Sonderstellung einnimmt, sondern offenbar auch als schulisches „Unterrichtsobjekt“, da man nicht genau sagen kann, ob die Kirchengeschichte als theologische Wissenschaft im Religionsunterricht tatsächlich das begünstigt, worauf Schule und Bildung abzielen: Die Erschließung der Welt und des Menschen seitens des Schülers.

Doch wozu dann überhaupt die Auseinandersetzung des Schülers mit dieser für die Schule scheinbar ungeeigneten Disziplin?

3.3. Auseinandersetzung der Jugend mit Kirchengeschichte: Wozu?

(nach: Leppin, V. (Autor) – Adam, G. – Englert, R. – Lachmann, R. – Mette, N. (Hrsg.) unter Mitarbeit von Keuter, K.., „Didaktik der Kirchengeschichte – Ein Lesebuch und Studienbuch“, Comenius-Institut Münster 2008, S. 108ff.)

Wie bereits in den bisherigen Ausführungen teilweise deutlich wurde, kann die Kirchengeschichte trotz ihrer besonderen Stellung unter den anderen Themenfeldern des Religionsunterrichts dennoch von großem Nutzen für die Schüler sein und deshalb auch als durchaus sinnvoll angesehen werden.

So argumentiert beispielsweise auch Volker Leppin im Rahmen des Lese-und Studienbuches „Didaktik der Kirchengeschichte“ (2008). Hier gibt Leppin eine übersichtliche Zusammenstellung der Gründe, die eine Auseinandersetzung mit kirchengeschichtlichen Themen und Fragestellungen im Religionsunterricht bekräftigen.

3.3.1. Implikation der religiösen Situation für kirchengeschichtliche Fragestellungen

Kirchengeschichte drängt sich, selbst außerhalb des Religionsunterrichts den Schülern im engeren Sinne auf, beispielsweise während der Klassenfahrt bei der Stadtführung und der damit meist verbundenen Besichtigung der Stadtkirche. Der Kirchenraum an sich bewahrt Spuren des Christentums in der betreffenden Region bzw. auch darüber hinaus. Schon sind Schüler also bereits mitten drin in der Kirchengeschichte. Der kulturelle Hinweis deckt nur einen Teil der vielschichtigen Bedeutung der Kirchengeschichte, welche erst dann vollständig erfasst werden kann, wenn diese „kulturell geformten“ Zeichen als solche lesbar werden und als über den kulturellen Zusammenhang hinaus auf Gott selbst verweisend verstanden werden. Beschäftigung mit Kirchengeschichte ist also vor diesem Hintergrund zu betrachten als die Thematisierung des einen Gottes, der sich uns Menschen in der Geschichte (der Kirche) liebend und barmherzig zuwandte. Ergo ist Kirchengeschichte quasi die Befassung mit der Zeichensprache des Glaubens (vgl. Biehl, P., „Die geschichtliche Dimension religiösen Lernens – Anmerkungen zur Kirchengeschichtsdidaktik“ in „Jahrbuch der Religionspädagogik 18“, 2002, S. 135-143).

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Details

Titel
Kirchengeschichte als theologische Wissenschaft im Religionsunterricht?
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
Fachreflexion Theologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V381074
ISBN (eBook)
9783668579989
ISBN (Buch)
9783668579996
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirchengeschichte, Religionsunterricht, Essay
Arbeit zitieren
Julia Siegert (Autor), 2015, Kirchengeschichte als theologische Wissenschaft im Religionsunterricht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381074

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