Umsiedlung, Eindeutschung, Mobilisierung. Das Baltikum als Spielball der NS-Besatzungspolitik


Hausarbeit, 2017
31 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Weg der baltischen Republiken in das Reichskommissariat Ostland

3. Das Baltikum in der NS-Weltanschauung und den Besatzungszielen

4. Die Umsiedlung der Deutschbalten
4.1. Abschied von Estland und Lettland
4.2. Der litauische Sonderfall

5. Der ReichsarbeitsdienstalsEindeutschungsmabnahme

6. Die Mobilisierung der baltischen SS-Legionen
6.1. Der umstandliche Weg zu den baltischen SS-Legionen
6.2. "Staatsschutzkorps" und "Verschmelzung" als Rettung der Fernziele?

7. Schlussbetrachtungen und Ausblick

8. Abkurzungsverzeichnis

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Erinnerungskultur der baltischen Lander unterscheidet sich heute sehr von den meisten Landern, die eine Rolle im Zweiten Weltkrieg spielten. Zum Beispiel ware eine offentliche Ehrung von SS-Veteranen wie in Estland und Lettland in anderen europai- schen Landern, besonders in Deutschland, vollig undenkbar. Das Bild der baltischen Of- fentlichkeit von der deutschen Besatzungsherrschaft ist im allgemeinen sehr positiv, was sicher auch der kontrastierenden Erfahrung mit den beiden umrahmenden Sowjetbesatz- ungen geschuldet ist. Aber kann man von einer "angenehmeren" Besatzungszeit wirklich auf die "besseren" Intentionen der Besatzer schliefien? Die Deutschen waren sicher nicht nur gekommen, um sie von dem sowjetischen Terror zu befreien, wie manche Balten heute glauben.

Da das Baltikum nicht zum slawischen Kulturraum gehort, nahm es in der deutschen Ostpolitik eine Sonderstellung ein. Trotzdem wird es in der deutschen Geschichtswis- senschaft eher stiefmutterlich behandelt, was dessen Bedeutung in der NS-Zeit nicht ge- recht wird. Welche Bedeutung hatte das Baltikum fur das NS-Deutschland und welche Rolle spielte es in der "Neuordnung Europas"? Welche Ziele verfolgten die Besatzer und welche Mittel und Strategien nutzten sie? Fur die Untersuchung wurden exemplarisch drei Begriffe ausgewahlt, welche die deutschen Ambitionen im Baltikum besonders kennzeichnen: Umsiedlung, Eindeutschung, Mobilisierung.

In diesem Zusammenhang muss kurz auf die NS-Terminologie hingewiesen werden, da die Begriffe "Eindeutschung" und "Germanisierung" in der Literatur oft synonym verwendet werden, was deren Bedeutung aber nicht gerecht wird. "Eindeutschung" sah fur die betreffenden Menschen die zukunftige "Aufnahme in die deutsche Volks-ge- meinschaft" vor. "Germanisierung" bedeutete die Verdrangung oder Vernichtung des im Land der Begierde lebenden, "fremden Volkstums" und den Ersatz durch deutsche Sied- ler.[1]

Weifiruthenien, ebenfalls ein Generalbezirk des Reichskommissariats Ostland (RKO), gehorte nicht zum Baltikum und wurde aus verwaltungstechnischen Grunden in das RKO eingegliedert, um von dort "unerwunschte Elemente" aufzunehmen.[2] Dieses Anhangsel machte das RKO zu einem kunstlichen Gebilde, und wird hier nicht weiter betrachtet.[3]

Zur Bearbeitung der Fragestellung wird hauptsachlich die Deutsche Zeitung im Ost- land (DZO) herangezogen. Die DZO war die wichtigste deutsche Tageszeitung im RKO und lose mit dem Ostministerium verbunden. Sie erschien ab dem 5. August 1941. Im Gegensatz zur gleichgeschalteten Presse im Reich hatte sie relativ viel Freiheit und eine ausgewogenere Berichterstattung, trotzdem musste auch hier die politische Grundrich- tung eingehalten werden. Es gab daneben noch 46 andere Zeitungen im RKO, aber die DZO eignet sich bur dieses Thema aufgrund ihres uberregionalen Charakters, auch wenn ihr Schwerpunkt wegen des Redaktionssitzes eher lettisch war. Ihr Einfluss auf die Be- volkerung war nicht zuletzt wegen sprachlicher Barrieren recht gering.[4]

Als Quelle wurde sie in der Literatur bisher nur erganzend herangezogen, obwohl die DZO ein recht grofies Potential besitzt. Abgesehen von den inhaltlichen Informationen kommt der DZO als offentliches Propagandamedium der Besatzer eine Scharnier-funk- tion zu. Sie musste sowohl den Anspruchen der Besatzer, als auch der Besetzten gerecht werden. Manchmal hinter schwulstig, pathetischen Formulierungen versteckt, lassen die Artikel nicht nur Ruckschlusse uber die NS-Besatzungspraktiken und -ziele zu. Zu- gleich musste die DZO adressatengerecht formuliert sein, so dass auch Erkenntnisse uber die NS-Sicht auf die Betroffenen moglich sind. Diese Ambivalenz macht gleichzei- tig auch die Schwierigkeit im Umgang mit der Quelle aus.

Um aus den Seitenmengen, die eine Tageszeitung uber Jahre anhauft, die relevanten Artikel herauszufinden, wurde die Onlinesuchfunktion des Lettischen Staatsarchivs ge- nutzt. Die Suchergebnisse nach den Stichworten Arbeitsdienst und Legion wurden dann vom Autor handverlesen. Wo der Verfasser nicht klar benannt ist, wurde von der auf- wandigen und wenig gewinnbringenden Recherche zur Entschlusselung der angegebe- nen Kurzel abgesehen. Aus praktischen Grunden sind die verwendeten Artikel jeweils nur in den Fufinoten vollstandig angegeben. Im Quellenverzeichnis finden sich die Links zu den Ergebnislisten der jeweiligen Suchergebnisse. Der Ubersichtlichkeit we­gen sind dort nur die einzelnen verwendeten Zeitungsausgaben aufgelistet, nicht aber nochmals die einzelnen Artikel.

Die Literatur zum Baltikum ist im Vergleich zu anderen Themenbereichen des Zwei- ten Weltkriegs recht ubersichtlich, um so mehr gilt das in Verbindung mit den ausgew- ahlten Schlagwortern. Viele Werke erwahnen das Baltikum nur am Rande. Grundlegend sind hier besonders die Arbeiten von Myllyniemi und Hilbrecht. Die Umsiedlung ist das einzige Thema mit einer etwas breiteren Literaturbasis, die aus Platzgrunden hier nicht vollstandig berucksichtigt werden konnte.

2. Per Weg der Baltischen Republiken in das Reichskommissariat Ostland

Die gescheiterten Ambitionen Hitlers, Polen als Satellitenstaat in den deutschen Macht- bereich einzugliedern, machten eine alternative Vorgehensweise erforderlich. Die siche- re Zerschlagung Polens und damit der freie Weg nach Russland war nur zum von Russ- land genannten Preis zu haben. Um eine Ausbreitung des Konflikts zu vermeiden, war zunachst der Preis des Hitler-Stalin-Paktes zweitrangig. Die Sowjets waren in der Lage, weitere Forderungen zu stellen, so dass neben Estland und Lettland nachtraglich auch Litauen im Tausch gegen einige polnische Gebiete zur russischen Interessensphare zu- geschlagen wurde. Mit dieser Vereinbarung wurde im geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-russischen Grenz- und Freundschaftsvertrages auch die Zusatzvereinbarung uber die Umsiedlung der Deutschbalten geschlossen. Diese volkerrechtswidrigen Ge- heimvereinbarungen von 1939 widersprachen den zuvor geschlossenen Nichtangriffs- vertragen mit Estland und Lettland.[5] [6]

Die Sowjetunion (SU) nahm sich Estland, Lettland und Litauen als Interessensphare vor. Mit einer Taktik aus Harte und Zugestandnissen zwangen Molotow und Stalin die baltischen Regierungen zur Kooperation mit Russland. Ohne Unterstutzung aus dem Westen und bar jeglicher Einspruche von deutscher Seite blieb ihnen denn auch keine andere Wahl als die Stationierung russischer Truppen im Land zuzulassen. [7]

Mit dem Einmarsch der Sowjettruppen und mit der Installation von prorussischen Regierungen begann die Russifizierung der baltischen Lander. Besonders hart fur die Bevolkerung waren die zahlreichen "kosmetischen Mafinahmen" der Sowjets, um die Gesellschaft politisch auf Linie zu bringen. So standen Deportationen und Arretierung von politisch unzuverlassigen Elementen auf der Tagesordnung, die bald allein in Litau­en auf ca. 200 Personen pro Woche anstiegen.[8] Entweder verfugte man uber personliche Kontakte nach Deutschland, um fur die Umsiedlung zugelassen zu werden, oder man ging in den Untergrund, wenn man sich der sowjetischen Deportationen entziehen woll- te. Ihren Hohepunkt erreichten die Deportationen in die innere SU im Sommer 1941, kurz vor dem deutschen Angriff.[9]

Mit dem Angriff auf die SU am 22. Juni 1941 nahmen spater auch die ersten Einhei- mischen den Kampf mit den verhassten Bolschewisten auf. Es schlug die Stimmung in der Bevolkerung dementsprechend zugunsten Deutschlands aus, was sich die Eroberer zunutze machen konnten.[10] Die Armeefuhrung und der Sicherheitsdienst sahen somit in der baltischen Bevolkerung potenzielle Verbundete.[11] Die Heeresgruppe Nord sollte sich an der Ostkuste bis Leningrad vorkampfen. In Litauen bildeten sich sofort Freikorps fur den Befreiungskampf. Es wurde die nationale Regierungsbildung von litauischer Seite verkundet, aber solche Unabhangigkeitsbestrebungen von deutscher Seite sofort unter- bunden. Innerhalb von funf Tagen haben sich die Russen aus Litauen zuruckgezogen. Auch Lettland wurde in wenigen Tagen von der Wehrmacht genommen.[12] Im Laufe der Frontverschiebung nach Osten wurden die ruckwartigen Heeresgebiete nach und nach den Zivilverwaltungen zugefuhrt. Zuletzt wurde Estland am 5. Dezember 1941 an die Zivilverwaltung ubergeben und gehorte somit dem RKO an.

Die Auswahl des Namens RKO reiht sich in die Gepflogenheiten der NS-Besat- zungspolitik ein. Diese bestand darin, althergebrachte regionale Bezeichnungen und Identitaten durch moderne Konstrukte zu verdrangen, die dem geplanten NS-Europa besser gerecht wurden.[13] Zwar hat man im Gegensatz zu anderen Landern die Namen Litauen, Lettland und Estland fur die jeweiligen Generalbezirke beibehalten, aber nur als Teile des Reichskommissariats Ostland. Diese Benennung erinnerte an die bolsche- wistischen Kommissare und sollte von vornherein den Anspruch verdeutlichen, eine Be- satzungsmacht zu sein, die keine Autonomie der besetzten Lander beabsichtigte.[14]

3. Das Baltikum in der NS-Weltanschauung und den Besatzungszielen

Das NS-Lebensraumprogramm wurde bereits vor 1933 formuliert, aber erst mit dem Kriegsausbruch ging man an die handfeste Planung zur Gestaltung Osteuropas. Im zu erobernden Osten ertraumte man sich "eine vollige Neuschopfung einer nationalsozialis- tischen Gesellschaft" ohne auf vorhandene Bevolkerungs- und Siedlungsstrukturen Rucksicht nehmen zu mussen. Dies bedeutete die Umsiedlung und Vernichtung ganzer Bevolkerungsgruppen.[15] Prinzipiell ging es im Osten um den "Uberlebenskampf', in dem man den slawischen ''Untermenschen'' neuen deutschen Lebensraum abtrotzen wollte. Das Baltikum war aber nicht slawisch. Die Balten wurden eher als ''Halbgerma- nen'' angesehen. Im Baltikum beurteilte man den Wert der Volker nach einer ''Nord- Sud-Hierarchie''. Die Esten hatten den gesundesten ''Volkskorper'' vorzuweisen, wah- rend die rassische ''Qualitat'' der Bevolkerung Richtung Suden stetig sank und man die Litauer fur am wenigsten eindeutschbar hielt.[16]

Der Generalplan Ost (GPO) bildete den theoretischen Hintergrund fur die NS-Besat- zungsherrschaft in Osteuropa. Dieses ''Dokument des nationalsozialistischen Expansi- onswahns'' wurde mehrfach uberarbeitet und erweitert und ist kein einzelnes Dokument im eigentlichen Sinn.[17] Vielmehr waren an diesem Gesamtplan mehrere Stellen betei- ligt, die verschiedene Dokumente ausgearbeitet haben. Grundlegendes Ziel war die ''germanische Kolonisierung'' zur Verschiebung der deutschen ''Volkstumsgrenze'' um etwa tausend Kilometer nach Osten. Die ersten Dokumente mit der Bezeichnung ''Gene­ralplan Ost'' stammen aus den Jahren 1940/41, sind also ungefahr zeitgleich mit den Vorbereitungen fur den ''Fall Barbarossa'' zu sehen.[18]

Hervorzuheben sind die Planungsarbeiten von Konrad Meyer (Leiter des Stabshaupt- amtes fur Planung und Boden im Reichskommissariat fur die Festigung deutschen Volkstums) und Dr. Gottfried Muller (Raumordnungssachbearbeiter in der RKO-Behor- de). Meyer hat seine Konzepte mit Unterstutzung von Himmlers Reichskommissariat ausgearbeitet und konnte sich gegen die anderen Planungsstellen durchsetzen. Dement- sprechende Auswirkungen hatte seine Arbeit auf die Besatzungspolitik im Osten. Zu- nachst sah der GPO fur die besetzten Teile der SU einen riesigen Agrarraum vor, der von angesiedelten Deutschen bewohnt und von der einheimischen, entsprechend selekt- ierten Bevolkerung bearbeitet wurde. Dabei blieb es bei keiner papiernen Utopie, son- dern von Himmler umgehend zur Kenntnis genommen, nahmen verschiedene Instanzen auf seine Anregung hin die weitere Bearbeitung und inhaltliche Ausfuhrung dieser Visi­on vor.[19] Der erste Entwurf, der im Juli 1941 im Reichssicherheitshauptamt vorlag, sah die Kolonisierung Osteuropas durch zehn Millionen "Germanen" innerhalb von 30 Jah- ren vor. "Rassisch Unerwunschte" sollten nach Sibirien ausgesiedelt werden.

Im Januar 1942 begann im Stabshauptamt Konrad Meyer auf Anweisung Himmlers mit der weiteren Arbeit am GPO. In einem System aus "Reichsmarken" und "Siedlungs- stutzpunkten" war neben anderen Gebieten zunachst nur Westlitauen als baltisches Land einbezogen. Von den Stutzpunkten, die eine Art Verbindungsstrecke vom Reich zu den "Reichsmarken" bilden sollten, waren in der Ukraine neun, im Reichskommissariat Ost- land jedoch ganze 14 vorgesehen. Wenig spater forderte Himmler zusatzlich die totale Eindeutschung der Gebiete Lettland und Estland. Weitere Korrekturen an den Zahlen fur Siedlerbedarf, Arbeiter, finanzielle Mittel und Umsiedlungen machten aus dem GPO einen "Generalsiedlungsplan". Konkret sollte die Halfte der baltischen Bevolkerung, die man nicht fur eindeutschungsfahig hielt, aus dem Ostland ausgesiedelt werden. Erste Ansiedlungsversuche wurden bereits wahrend der Planungsarbeiten unternommen, wa­ren im vollen Umfang aber erst nach dem Krieg vorgesehen. Naturgemafi mussten die weiteren Planungen mit dem Kriegsverlauf zunehmend eingestellt werden.[20]

In die Uberlegungen des GPO reiht sich auch der "Vorentwurf zur Aufstellung eines Raumordnungsplanes fur das Ostland", kurz Raumordnungsskizze, von Dr. Gottfried Muller ein. Mit diesem Entwurf wurden die Besatzungsziele im Baltikum und dessen Rolle in der NS-Europapolitik weiter prazisiert. Fur die Arbeit im RKO im Sinne der angestrebten Endziele war eine solche Prazisierung unerlasslich. Das zentrale Problem war immer, einerseits den Kriegserfordernissen, andererseits aber den langfristigen Kriegszielen gerecht zu werden, die oft miteinander kollidierten. Verbindliche und prak- tikable Arbeitsvorschriften, mit der Raumplanungsskizze als strategische Grundlage fur die jeweiligen Behorden sollten sicherstellen, dass schon mit aktuellen Besatzungsmafi- nahmen zum Aufbau der "neuen Ordnung" nach dem Krieg beigetragen werden konne.[21]

Innerhalb der deutschen Fuhrung im Reich und dem RKO waren sich alle uber die staatsrechtliche Zukunft des Baltikums einig. Angestrebt wurde die totale Inkorporie- rung in das Grofideutsche Reich. Dies setzte eine entsprechende Eindeutschungspolitik voraus. Rosenberg forderte in einer Denkschrift einige Wochen vor dem Uberfall auf die SU, die Besatzungspolitik im Baltikum sei so zu gestalten, dass dieses "im Laufe einer oder zweier Generationen als neues eingedeutschtes Land dem deutschen Kerngebiet" einverleibt werden konne.[22] Er konkretisierte seine Vorstellung von der Rolle des Balti­kums in einer Instruktion an einen noch zu bestellenden Reichskommissar im Ostland vom 8. Mai 1941.[23]

Das Vorhaben der Inkorporierung verlieh dem Baltikum ein Alleinstellungsmerkmal gegenuber dem Grofiteil des ubrigen zu besetzenden Osteuropa. Eine vorbereitende "Germanisierung" des Landes sollte folgendermafien aussehen: eine Kombination aus massenhafter Ansiedlung von Menschen "germanischen Blutes", der Eindeutschung ei- nes Grofiteils der Esten und Letten, sowie die Aussiedlung der meisten "kaum eindeut- schungsfahigen" Litauer.[24]

Die "Raumordnungsskizze" und die Plane der SS-Strategen waren weitgehend kon- gruent, wobei erstere eine grofiere Realitatsnahe aufwies. Eine Besonderheit war die Verschonung der Balten von Aussiedlungsmafinahmen. Indem Dr. Muller die Beseiti- gung der Juden und anderer "unerwunschte Elemente" in seinen Planungen als bereits gegeben annahm und eine Ausdehnung der Generalbezirke Estland und Lettland nach Osten vorschlug, ware genug Platz fur deutsche Siedler vorhanden. Der Nutzen den er sich von dieser "Milde" versprach, lag in der erwarteten gesteigerten Kollaborationsbe- reitschaft, besonders der Esten und Letten.

Der Kriegsverlauf seit Herbst 1942 machte es notig, alle verfugbaren personellen Ressourcen zu mobilisieren. Mit einer "Zusicherung" an die Bevolkerung in ihrer Hei- mat bleiben zu konnen, sollten Schwierigkeiten bei der Rekrutierung fur Arbeitsdienst und Waffendienst vorgebeugt werden. Der Eindruck, dass die Balten durch angestrebte Eindeutschungs- und Germanisierungsmafinahmen in der ethnischen Existenz bedroht seien, war unter diesem Gesichtspunkt unbedingt zu vermeiden.[25] Entsprechende Vorga- ben machte auch Hitler schon in der Besprechung vom 16. Juli 1941.[26]

Die Raumordnungsskizze von Muller war das letzte Dokument in einer langen Reihe von Planungen die alle nicht mehr vollstandig umgesetzt werden konnten, aber die Be- satzungspolitik im RKO wesentlich bestimmten. Einige wesentliche Elemente wurden noch wahrend der Planungsarbeiten in die Tat umgesetzt oder begonnen.[27] Die Besied- lung Litauens mit Deutschen, bei denen es sich interessanterweise auch um zuvor umge- siedelte Litauendeutschen handelte, ist hier ein interessantes Beispiel nationalsozialisti- scher "Volkstumsfestigung" bei der Volker wie Balle hin und her geworfen wurden. Erst mit den Uberfallvorbereitungen gegen die SU wurden die Plane fur Estland, Litauen und Lettland formuliert, konkretere Form nahmen sie dann von April 1941 bis Novem­ber 1942 an, also erst als die militarischen Operationen voll in Gange waren.[28]

4. Die Umsiedlung der Deutschbalten

Die politische Grundlage fur die Umsiedlungsaktionen in den ersten Kriegsjahren war mit Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes und dessen Zusatzprotokollen gegeben. Nach- dem die SU sich die Rechte zur Stationierung von Truppen im Baltikum gesichert hatte, trafen im Oktober 1939 zeitgleich mit der Vertreibung der Menschen aus den angeglie- derten Ostgebieten in Polen die deutschen Umsiedler aus Estland und Lettland in Goten- hafen ein.[29]

4.1. Abschied von Lettland und Estland

Die Deutschen in Litauen waren nur eine kleine Gruppe im Vergleich zu denen in Est­land und Lettland. Deren Umsiedlung betrachtete man als "zum gegenwartigen Zeit- punkt nicht vordringlich".[30]

[...]


[1] Dieckmann, Christoph: Plan und Praxis - Deutsche Siedlungspolitik im besetzten Litauen 1941-1944, in: Heinemann, Isabel/Wagner, Patrick (Hgg.): Wissenschaft, Planung, Vertreibung - Neuordnungskonzepte und Umsiedlungspolitik im 20. Jh. (Beitrage zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Bd. 1), Stuttgart2006, S. 94.

[2] Rosenberg, Alfred: Instruktion von Alfred Rosenberg vom 8. Mai 1941 fur einen Reichskommissar im Ostland (Dok. 4), in: Muller, Norbert: faschistische Okkupationspolitik in den zeitweilig besetzten Gebieten der Sowjetunion 1941-44 (Europa unterm Hakenkreuz - die Okkupationspolitik des deutschenFaschismus, Bd. 5), Berlin 1991, S. 131.

[3] Hilbrecht, Rudolf: Deutsche Mobilisierungsbemuhungen in Litauen und Estland - eine vergleichende Studie, Kiel 1993, S. 39.

[4] Handrack, Hans Dieter: Das Reichskommissariat Ostland - die Kulturpolitik der deutschen Verwaltung zwischen Autonomie undGleichschaltung 1941-1944, Scheden 1972, S. 194-197.

[5] Myllyniemi, Seppo: Die Neuordnung der baltischen Lander 1941-1944 - Zum nationalsozialistischen Inhalt der deutschen Besatzungspolitik (Dissertationes Historicae, Bd. 2), Helsinki 1973, S. 43 u. 45.

[6] Loeber, Dietrich A.: Eine Einfuhrung, in: Loeber, Dietrich A. (Hg.): Diktierte Option - Die Umsiedlung der Deutsch-Balten aus Estland und Lettland 1939-1941, Neumunster 21974, S.21.

[7] Buttar, Prit: Between Giants - The Battle for the Baltics in World War II, Oxford 2013, S. 35.

[8] Ebd., S. 44 u. 47.

[9] Angrick, Andrej: Der Stellenwert von Terror und Mord im Konzept der deutschen Besatzungspolitik im Baltikum, in: Lehmann, Sebastian (Hg.): Reichskommissariat Ostland - Tatort und Erinnerungsobjekt (Zeitalter der Weltkriege, Bd. 8), Paderborn u. a. 2012, S. 71.

[10] Buttar, Battle, S. 57.

[11] Angrick, Stellenwert, S. 72.

[12] Myllyniemi, Neuordnung, S. 72-73.

[13] Vgl. Ostmark als Bezeichnung fur das angegliederte Osterreich.

[14] Jungerkes, Sven: Deutsche Besatzungsverwaltung in Lettland 1941-1945 - eine Kommunikations- und Kulturgeschichte nationalsozialistischer Organisation (Historische Kulturwissenschaft, Bd. 15), Konstanz2010, S. 11.

[15] Rossler, Mechthild/Schleiermacher, Sabine: Der ''Generalplan Ost'' und die ''Modernitat'' der Grodraumordnung - eine Einfuhrung, in: Rossler, Mechthild (Hg.): Der "Generalplan Ost" - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik (Schriften der Hamburger Stiftung fur Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts), Berlin 1993, S. 8.

[16] Piper, Ernst: Zwischen Unterwerfung und Vernichtung - Die Politik des Reichsministeriums fur die besetzten Ostgebiete, in: Lehmann, Sebastian (Hg.): Reichskommissariat Ostland - Tatort und Erinnerungsobjekt (Zeitalter der Weltkriege, Bd. 8), Paderborn u. a. 2012, S. 59.

[17] Rossler/Schleiermacher, Einfuhrung, S. 7.

[18] Madajzyk, Czeslaw: Vom ''Generalplan Ost'' zum ''Generalsiedlungsplan'', in: Rossler, Mechthild (Hg.): Der "Generalplan Ost" - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik (Schriften der Hamburger Stiftung fur Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts), Berlin 1993, S. 12.

[19] Rossler/Schleiermacher, Einfuhrung, S. 9-11.

[20] Madajzyk,Generalsiedlungsplan, S. 13-15.

[21] Seckendorf, Martin: Die "Raumordnungsskizze" fur das Reichskommissariat Ostland vom November 1942 - Regionale Konkretisierung der Ostraumplanung, in: Rossler, Mechthild (Hg.): Der "Generalplan Ost" - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik (Schriften der Hamburger Stiftung fur Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts), Berlin 1993, S. 175­176.

[22] Seckendorf, Raumordnungsskizze, S. 179.

[23] Vgl. Rosenberg, Instruktion, S. 131-132.

[24] Seckendorf, Raumordnungsskizze,S. 180.

[25] Ebd., S. 182-183.

[26] Bormann, Martin: Besprechung mit Adolf Hitler vom 16. Juli 1941 (Dok. 19), in: Muller, Norbert: faschistische Okkupationspolitik in den zeitweilig besetzten Gebieten der Sowjetunion 1941-44 (Europa unterm Hakenkreuz - die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus, Bd. 5), Berlin 1991, S. 160-164.

[27] Seckendorf, Raumordnungsskizze,S. 186.

[28] Ebd., S. 179.

[29] Roth, Karl Heinz: "Generalplan Ost", "Gesamtplan Ost" - Forschungsstand, Quellenprobleme, neue Ergebnisse, in: Rossler, Mechthild (Hg.): Der "Generalplan Ost" - Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik (Schriften der Hamburger Stiftung fur Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts), Berlin 1993, S. 33.

[30] Kordt, Erich: Aufzeichnung im Ministerburo des Auswartigen Amtes vom 27. Oktober 1939 (Dok. 178), in: Loeber, Dietrich A. (Hg.): Diktierte Option - Die Umsiedlung der Deutsch-Balten aus Estland und Lettland 1939-1941, Neumunster 21974, S. 262.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Umsiedlung, Eindeutschung, Mobilisierung. Das Baltikum als Spielball der NS-Besatzungspolitik
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
31
Katalognummer
V381083
ISBN (eBook)
9783668581333
ISBN (Buch)
9783668581340
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eindeutschung, Mobilisierung, Umsiedlung
Arbeit zitieren
Christian Schuldes (Autor), 2017, Umsiedlung, Eindeutschung, Mobilisierung. Das Baltikum als Spielball der NS-Besatzungspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381083

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Umsiedlung, Eindeutschung, Mobilisierung. Das Baltikum als Spielball der NS-Besatzungspolitik


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden