In dieser Arbeit wird im ersten Schritt eine ethnolinguistische Charakteristik des ukrainischen Volkes erstellt sowie der relevante historische Hintergrund skizziert, um die Besonderheit der Bevölkerung aufzeigen zu können. Die Analyse basiert grundsätzlich auf Texten von Bergman/Kratochvil, Kirkwood, Bieder, Simon, Taranenko sowie auf aktuellen Statistiken und Berichten sowohl ukrainischer als auch europäischer Non Governmental Organisations. Hierzu zählen unter anderem das Osteuropäische Demokratische Zentrum, die Stiftung der Polnisch-Ukrainischen Zusammenarbeit, die Konrad Adenauer Stiftung oder die Polish-American Freedom Fundation.
Die Erklärungsansätze für die hier untersuchten Phänomene stützen sich auf das Modell Essers, welches bezugnehmend auf die soziale Produktionsfunktion folgende These aufstellt: der Kampf um den Status der ukrainischen Sprache stellt tatsächlich einen Kampf um eine nationale Identität dar. Das Konfliktpotenzial wird von zwei Faktoren bestimmt: der sogenannten Bestimmungsmacht sowie den Herstellungsmöglichkeiten sogenannter indirekter Zwischengüter wie z.B. den Status einer Sprache. Der Status wird dabei zu einem Prestigemarker, was sich daran erkennen lässt, dass die Sprachenfrage vor einem Großteil der Bevölkerung leidenschaftlich verteidigt wird. Die von Hartmut Esser entwickelte Theorie soll im zweiten und dritten Kapitel um die von Harald Haarmann durchgeführten Untersuchungen zum Thema Sprachkonflikte ergänzt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ethnolinguistische Charakteristik der ukrainischen
2.1. Die Anzahl der Regionen mit ungleichartigen national – kulturellen, sprachlichen sowie soziopolitischen Traditionen und Kenntnissen
2.2 Die zwei Sprachen des Landes
2.3 Geschichtliche Hintergründe
3. Theorie von Esser
3.1. Ethnische Konflikte
3.2. Soziale Produktionsfunktion
3.3. Paradigmenwechsel
3.4. Sprache als spezifisches Kapital
4. Die Ukraine
4.1 Ukrainische Produktionsfunktion und die Wende
4.2. Nachklänge der Ereignisse 1990-1991 in letzten Jahren
5. Fazit
6. Zusammenfassung in einer Fremdsprache
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Genese des latenten Sprachkonflikts in der Ukraine, insbesondere vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche während der Wende 1990/91. Das primäre Ziel ist es zu erklären, warum es trotz bestehender Spannungen bisher nicht zu einem offenen, gewaltsamen Sprachenstreit gekommen ist, wobei die Sprache als zentrales Element der nationalen Identitätsbildung und Machtpositionierung analysiert wird.
- Ethnolinguistische Charakterisierung und regionale Unterschiede der ukrainischen Bevölkerung
- Theoretische Fundierung durch das Modell der sozialen Produktionsfunktion von Hartmut Esser
- Analyse der sprachpolitischen Entwicklungen seit der Sowjetära bis zur Orangenen Revolution
- Bedeutung des Status der ukrainischen und russischen Sprache für die nationale Identitätsfindung
Auszug aus dem Buch
4.1 Ukrainische Produktionsfunktion und die Wende
Aufgrund der Tatsache, dass ukrainische und russische Ethnien sehr nah nebeneinander wohnen, ist ein Prozess der Ethnisierung unvermeidlich. Die Errichtung ethnischer Grenzen durch die jeweiligen Akteure ist, trotz einer gemeinsamen Herkunft, immer deutlich gewesen. Die Grenze bildet anfangs eine eigene, sich letztendlich aber doch voneinander unterscheidende Geschichte sowie eigenartige Traditionen. Die Jahre der Unterdrückung haben diese Unterschiede verstärkt und sogar vertieft. Des Weiteren haben die Ukrainer stets dasselbe Territorium des Kijever Reichs besetzt, welches für sie von ungeheuerlicher Bedeutung ist. Dies hat dazu geführt, dass sich die beiden Ethnien auch durch ihr Glaubensbekenntnis voneinander unterscheiden: die Russen sind grundsätzlich orthodox, für die Ukrainer wiederum ist es die ukrainischsprachige griechisch-katholische Kirche, die identitätsstiftend wirkt. Selbst die ukrainische und die russische Sprache bilden, obwohl miteinander verwandt, schon ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen diesen beiden Ethnien. Außerdem ist zu beachten, dass sowohl Ukrainer als auch die Russen eigene Parteien, Organisationen, Gewerkschaften, Schulen, ja sogar Zeitungen und Fernsehprogramme besitzen, was ebenfalls zu einer zwischenethnischen Grenzziehung beiträgt.
Bis in die 80er Jahre fiel es ethnischen Ukrainern eher schwer, sich eine soziale Wertschätzung zu verschaffen. Selbst die Erwirtschaftung der gesellschaftlich positiv definierten Zwischengüter, insbesondere der ukrainischen Sprache, war, als Folge der Unterdrückung seitens der in der sowjetischen Gesellschaft privilegierten russischen Schicht, extrem schwierig. Vor der politischen Wende erfolgte im Bewusstsein vieler Sprachträger aus der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Unterordnung heraus eine Folklorisierung des Ukrainischen, eine soziokulturelle Entfremdung mit einhergehendem Minderwertigkeitsgefühl.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der Sprachsituation in der Ukraine ein und definiert das Ziel, die Genese des Konflikts unter Berücksichtigung der Wende 1990/91 zu untersuchen.
2. Ethnolinguistische Charakteristik der ukrainischen: Hier werden die demographische Vielfalt und die regionalen sprachlich-kulturellen Unterschiede sowie deren historischer Hintergrund beleuchtet.
3. Theorie von Esser: Dieses Kapitel stellt das theoretische Modell der sozialen Produktionsfunktion von Hartmut Esser vor, um ethnische Konflikte und die Bedeutung von Sprache als spezifischem Kapital zu erklären.
4. Die Ukraine: Der Hauptteil analysiert die konkrete politische Wende 1990/91 und deren Auswirkungen auf die Sprachenpolitik sowie das subjektive Empfinden der ethnischen Gruppen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Stabilität des ukrainisch-russischen Verhältnisses trotz des vorhandenen Konfliktpotenzials.
6. Zusammenfassung in einer Fremdsprache: Eine spanischsprachige Zusammenfassung der gesamten Arbeit.
Schlüsselwörter
Ukraine, Sprachkonflikt, ukrainische Sprache, russische Sprache, nationale Identität, Ethnisierung, Hartmut Esser, soziale Produktionsfunktion, Wende 1990/91, Sprachpolitik, kulturelles Kapital, Minderheiten, Zweisprachigkeit, Surzhik, Sprachengesetz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Sprachsituation in der Ukraine und erklärt, warum der Kampf um den Status der Sprache als Kampf um die nationale Identität verstanden werden muss.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die ethnolinguistische Charakteristik der Ukraine, die Anwendung der Theorie von Hartmut Esser auf Sprachkonflikte sowie die Auswirkungen der politischen Wende 1990/91 auf die Identitätsbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erforschung der Genese des latenten Sprachkonflikts und die Erklärung, warum es bisher nicht zu einem offenen, gewaltsamen Sprachenstreit gekommen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse nach dem Modell der sozialen Produktionsfunktion von Hartmut Esser, kombiniert mit der Auswertung von Statistiken, Zeitungsartikeln und relevanter Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Genese der Sprachsituation, dem Einfluss der sowjetischen Ära, der Wendezeit 1990/91 und der Bedeutung des Sprachengesetzes von 1989 für das heutige Identitätskonstrukt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ukraine, Sprachkonflikt, Identität, Ethnisierung, Sprachpolitik, Soziale Produktionsfunktion und spezifisches Kapital.
Was bedeutet der Begriff "Surzhik" im Kontext der Arbeit?
Surzhik beschreibt eine ukrainisch-russische Mischform, die in weiten Teilen der Ukraine als Substandart-Umgangssprache verwendet wird und die Komplexität der sprachlichen Abgrenzung verdeutlicht.
Welche Rolle spielt das Sprachengesetz von 1989 heute noch?
Das Gesetz wird als zentraler Ausgangspunkt der ukrainischen Sprachenpolitik gesehen, wobei seine unzureichende Umsetzung und die daraus resultierenden politischen Emotionen bis heute das Konfliktpotenzial beeinflussen.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der russischen Sprache in der Ukraine?
Die Autorin stellt fest, dass die russische Sprache trotz des neuen ukrainischen Staatssprachenstatus weiterhin eine beherrschende und tief im kulturellen Alltag sowie in der Mentalität verwurzelte Rolle spielt.
- Citation du texte
- Elzbieta König (Auteur), 2007, Ein Kampf um nationale Identität. Die Sprachsituation in der Ukraine um 1990, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381086