Armut als Ursache für Kriminalität? Zusammenhang zwischen Bildung, Arbeitslosigkeit und kriminellem Verhalten


Hausarbeit, 2017
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Vorgehensweise
1.2. Begriffsbestimmungen

2. Kriminalitätstheorien
2.1. Biologische und psychische Kriminalitätstheorie
2.2. Soziologische Kriminalitätstheorien

3. Bildung und Arbeitslosigkeit im Ursache-Wirkungs-Schema

4. Migrationsspezifische Erklärungsansätze
4.1. Statistik und Kultur
4.2. Sozialstrukturelle Benachteiligung

5. Gegenthese - Wohlstand als Kriminalisierungsaspekt?

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Vorgehensweise

In dieser wissenschaftlichen Ausarbeitung zum Thema Zusammenhang zwischen Armut und Kriminalität wird auf die Fragestellung eingegangen, inwiefern Armut als Ursache für Kriminalität gilt. Dabei werden zunächst wichtige Begriffe definiert und mit Zahlen belegt. Darauf folgend werden genauer die Ursachen der Kriminalität erläutert, welche die sog. Kriminalitätstheorien darlegen. Im nächsten Kapitel wird dann konkret auf die Bildung und Arbeitslosigkeit eingegangen und die Frage, inwieweit dies Gründe für kriminelles Verhalten sein könnte. Darauf wird genauer das Beispiel von Migration mit der Fragestellung erwähnt, ob deren auffälliges kriminelles Verhalten durch Armut durch eine fehlgeschlagene Integration, oder durch andere Aspekte zu Stande kommt. Anschließend wird zur Gegenüberstellung und zum Vergleich die Gegenthese dargestellt, inwiefern Reichtum Einfluss auf Kriminalität hat und es wird deutlich gemacht, dass dabei das Dunkelfeld für die Polizeiliche Kriminalstatistik eine wesentliche Rolle spielt. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse, welche vereinzelt an weiterer Literatur veranschaulicht werden.

1.2. Begriffsbestimmungen

Für die Verfassung dieser Arbeit ist es unerlässlich, zunächst den Begriff Armut genauer zu definieren. Hierbei gibt es keine allgemeingültige Definition von Armut, sondern eine nach herrschender Anschauung von der jeweiligen Gesellschaft abhängige Definition.1 Die Armut in Deutschland ist zunächst keine absolute, sondern eine relative Armut. In den Ländern der Dritten Welt ist Armut eher eine Frage des physischen Überlebens, wohingegen es in der Bundesrepublik vielmehr auf ein menschenwürdiges Leben ankommt.2 Durch solch eine räumliche Differenzierung lässt sich der Begriff zahlenmäßig nicht global verallgemeinern. Der Soziologe Leopold von Wiese sagte Mitte der 1950er Jahre hierzu: „Wo Reichtum beginnt, wo Armut aufhört, kann niemand sagen. Zieht man den Begriff des Existenzminimums zur Klärung heran, so ist die Beweislast nur verschoben; denn dieses Minimum ist rechnerisch ebenso schwer erfaßbar.“3 Die Armutsgrenze kann also als soziokulturelles Existenzminimum verstanden werden.2 Der Einfachheit halber wird jedoch die zahlenmäßige Definition der Armutsgrenze in Deutschland erläutert, welcher absolute Wert lokalen und zeitlichen Variationen unterliegt. Entsprechend dem EU-Standard wird die Armutsgefährdungsschwelle an dem Durchschnittswert des Äquivalenzeinkommens4 der Bevölkerung ausgemacht. Dieser liegt in Deutschland bei 60%. Als Einkommensarm gelten die Personen, die unter diesem Schwellenwert liegen.5 2015 lag dieser Wert in Deutschland bei 11.530€.6 Dies machte einen Quotienten von 15,7% aus und ist damit der höchste Wert seit 10 Jahren.7

Des Weiteren ist es notwendig, genauer auf den Begriff der Kriminalität einzugehen. Das Strafrecht unterscheidet hierbei zwischen Vergehen und Verbrechen. Der Tatbestand eines Verbrechens liegt vor, wenn die zu erwartende Freiheitsstrafe bei einem Jahr oder höher liegt. Bei einem Vergehen liegt das Strafmaß bei einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von unter einem Jahr. Solch eine Unterscheidung ist für eine wissenschaftliche Definition eher unbedeutend, da der Begriff hier verallgemeinert wird. Der deutsche Soziologe Siegfried Lamnek differenziert den Kriminalitätsbegriff zwischen naturrechtlich und strafrechtlich.

Strafrechtlich gesehen gelten Handlungen als kriminell, wenn diese gegen strafrechtliche Normen verstoßen. Das Problem hierbei liegt darin, dass der Gesetzgeber somit die Verfügungsgewalt über den strafrechtlichen Kriminalitätsbegriff hat. Lamnek erörtert diese an dem Beispiel homosexuelle Handlungen Erwachsener. Diese wird je nach Land oder Gesellschaft unter Strafe gestellt, also kriminalisiert. Der naturrechtliche Begriff hingegen beschreibt verwerfliche Handlungen, die auch ohne eine gesetzliche Zusammenfassung wie z.B. kulturbedingte Delikte als moralisch verächtlich gelten und als Verbrechen angesehen werden.8 Im Folgenden wird jedoch nur die juristische Definition angewandt, sprich die Begehung von Straftaten.9

2. Kriminalitätstheorien

2.1. Biologische und psychische Kriminalitätstheorie

Zunächst stellt sich die Frage, welche Ursachen kriminelles Verhalten haben kann. Hierbei gibt es verschiedene Erkenntnisse, die sog. Kriminalitätstheorien.

Bei der biologischen Kriminalitätstheorie geht es um die Frage, inwieweit kriminelles Verhalten vererbt werden kann. Diverse Forschungen liefern Belege dafür, dass z.B. eine genetisch determinierte Gewaltbereitschaft durchaus durch die Eltern bzw. eines Elternteils „in die Wiege gelegt“ werden kann.10

Neben der biologischen gibt es zudem die psychologischen Kriminalitätstheorien, welche z.T. äußerliche Einflussfaktoren erklären. Unterschieden wird dabei u.a. in Lern-, Kontroll- und Bindungstheorie. Durch Verhaltensbeobachtung und Verhaltensmotivation kann eine Gruppe oder die Einzelperson kriminell beeinflusst werden (Lerntheorie). Sie ähnelt der Bindungstheorie, welche eine Eingliederung in gesellschaftlichen Systemen ausmacht, wie z.B. Freunde und Vereinsmitglieder. Hier entsteht Gewalt durch intern übermittelte Normen. Im Gegensatz zu den äußerlichen Einflussfaktoren stehen Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung im Mittelpunkt der Kontrolltheorie, welche z.B. Erklärungen für Affekt- und Triebtaten liefern.11

2.2. Soziologische Kriminalitätstheorien

Des Weiteren gibt es die soziologischen Kriminalitätstheorien. Kriminalität lässt sich hierbei auf sozialstrukturell bedingte Missstände zurückführen.12 Der französische Soziologe Emile Durkheim verfasste hierzu die Theorie der strukturell-funktionalen Bedingtheit der Kriminalität. Nach dieser Theorie geht kriminelles Verhalten aus einer Anomie13 hervor. Dies geschieht häufig in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche, wie z.B. Werteverfall oder Arbeitslosigkeit. Anomie entsteht da, wo gesellschaftliche, soziale Regeln keine Anerkennung mehr finden.14

Die durch den US-amerikanischen Soziologen Robert K. Merton und dem Kriminologen Albert K. Cohen entworfene Anomietheorie geht nur zum Teil daraus hervor. Während Durkheim die Regellosigkeit sozialer Verhältnisse als dessen Ursprung sieht, geht Merton davon aus, dass Anomie damit zu tun hat, wie legitime gesellschaftlich anerkannte Ziele durch die Beschränkung der dafür erforderlichen Mittel erreicht werden können. Als Beispiel führt Merton die Jugendkriminalität auf. Seiner These nach geht kriminelles Verhalten davon aus, wenn die durch den Jugendlichen selbst angestrebten Ziele wie z.B. Reichtum oder Statussymbole durch die fehlenden Möglichkeiten nicht erreichbar sind. Besonders bei Jugendlichen aus der Unterschicht ist diese Divergenz von den eigenen Ansprüchen und der aussichtslosen Verwirklichung zu beobachten. Cohen bringt einen psychologischen Aspekt in diese These mit ein. Demnach kommt es bei delinquent auffälligen Jugendlichen häufig zur Bandenbildung, um den entstanden Schuldgefühlen zu entkommen bzw. den Versagensdruck zu lindern. Nach Cohan kommt es somit zur Entstehung einer eigenen Subkultur, welche ihr eigenes Normensystem hat.15 Die Anomietheorie besagt also, dass Menschen, die durch die Gesellschaft auf legalem Wege keinen Wohlstand oder Sachwerte erreichen können, eher zu kriminellen Delikten hingedrängt werden.16

3. Bildung und Arbeitslosigkeit im Ursache-Wirkungs-Schema

Armut hat nicht nur Folgen, sondern auch Ursachen. Es stellt sich ebenso im Hinblick auf die Auswirkung hinsichtlich der Kriminalität die Frage, inwiefern mangelnde Bildung und Arbeitslosigkeit als Ursache oder Folge von Armut gilt. Der Staat setzt seit dem Ende des Wohlfahrtstaates17 immer mehr auf die Eigenverantwortlichkeit der Bürger. Dies hat die Folge, dass immer häufiger die Kosten für Leistungen zum Beispiel in Bereichen wie Gesundheit oder Bildung vom Bürger selbst getragen werden müssen. Des Weiteren kommt der Aspekt hinzu, dass Kriminalität immer mehr als Produkt eigener freier Willensentscheidung angesehen wird. Der Bürger ist demnach selbst für sein Handeln verantwortlich, da er sich selbst für den kriminellen Weg entschieden hat. Dies hat zudem eine steigende Divergenz von Arm und Reich zur Folge. Hinzu kommt, dass das Bestreben nach Lebensbereichen wie Gesundheit, Bildung, Arbeit und Freizeit schwerer zu erlangen ist. All diese Grundbedürfnisse sind so miteinander verknüpft, dass wenn eines davon zu kurz zu trage kommt, es Auswirkungen auf alle anderen hat. Das Beispiel der Jugendkriminalität kann auch hier wieder angewandt werden. Jugendliche, die in der Kriminalstatistik als Mehrfachtäter auftauchen, haben teilweise erhebliche Defizite in den Bereichen Bildung und Arbeit nachzuweisen. Auch bei Jugendlichen nicht-deutscher Herkunft tritt dieses Phänomen auf. Hinzu kommt, dass die meisten jungen Leute, die sich im Strafvollzug befinden, weder einen Berufsabschluss besitzen, noch eine Ausbildung haben. Ebenso sind dabei Aspekte der Anomietheorie wiederzufinden. Jugendliche wollen nicht nur materielle Werte erreichen, sondern auch einen gewissen beruflichen Status erlangen, welchen nur eine gute Bildung nach sich zieht. Jedoch gibt es auch hier wieder jene, die dieses verinnerlichte Ziel mit legitimen Mitteln erreichen können und jene, denen nur der illegale Weg bleibt. Insbesondere gilt dies für die körperliche Gewalt, da Gewalt als Lösungsmittel gesehen wird. Die Kinder wachsen bereits in Familien auf, wo sie durch die Eltern oder Geschwistern keine anderen Konfliktlösungswege kennenlernen. Dieses Phänomen tritt besonders in einkommensschwachen Milieus auf.18

Durch die erfolgs- und wettbewerbsorientierte Gesellschaft fällt es den Jugendlichen oft schwerer, in einer gleichaltrigen Gruppe sich einen sozialen Status zu erarbeiten.

[...]


1 Vgl. Butterwegge 2012: S.12.; sowie Hanesch 1994: S.23.

2 Vgl. Geißler 2002: S.246.

3 Zitat aus: Leopold von Wiese 1954

4 „Äquivalenzeinkommen ist ein bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen je Haushaltsmitglied, das ermittelt wird, indem das Haushaltsnettoeinkommen durch die Summe der Bedarfsgewichte der im Haushalt lebenden Personen geteilt wird.“ (Def. gem. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2016b, http://www.amtliche- sozialberichterstattung.de/, zuletzt geprüft am 18.03.2017)

5 Vgl. auch hier Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2016b

6 Nettoeinkommen eines Alleinlebenden in Euro pro Jahr (mtl. 960,83€); Vgl. Eurostat 2016, https://de.statista.com/, zuletzt geprüft am 18.03.2017

7 Abb. vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2016a, https://de.statista.com/, zuletzt geprüft am 18.03.2017

8 Vgl. Schäfers et al. 2001: S.392f.

9 Umfasst Vergehen und Verbrechen, keine Ordnungswidrigkeiten oder Verkehrsdelikte

10 Vgl. Schwind 2013: S.109.

11 Vgl. Buhrmester 2009: S.6ff.

12 Vgl. Kaiser 1993: S.199f.

13 Anomie (abgeleitet vom griech. Anomia, „Ordnung, Gesetz) bedeutet Regellosigkeit, Zustand in einer Gesellschaft mit schwachen oder fehlenden Normen oder Ordnung

14 Vgl. Schwind 2013: S.140f.

15 Vgl. Breland 1975: S.52f.

16 Vgl. Kaiser 1996: S.450.

17 Staat, der seine Bürger durch viele soziale Maßnahmen absichert.

18 Vgl. Gewerkschaft der Polizei 2006: S.6f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Armut als Ursache für Kriminalität? Zusammenhang zwischen Bildung, Arbeitslosigkeit und kriminellem Verhalten
Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V381108
ISBN (eBook)
9783668582392
ISBN (Buch)
9783668582408
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
armut, ursache, kriminalität, zusammenhang, bildung, arbeitslosigkeit, verhalten
Arbeit zitieren
Pascal Scharf (Autor), 2017, Armut als Ursache für Kriminalität? Zusammenhang zwischen Bildung, Arbeitslosigkeit und kriminellem Verhalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381108

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