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Parastaatlichkeit und Ökonomien des Krieges

Title:  Parastaatlichkeit und Ökonomien des Krieges

Diploma Thesis , 2004 , 182 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Andreas Hahn (Author)

Politics - Topic: Peace and Conflict, Security
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Summary Excerpt Details

Funktionierende soziale Ordnungen finden sich – so die Lesart – hauptsächlich in den Industriestaaten der westlichen Welt. Liberale „strong states“ erscheinen nach dem Niedergang des Sozialismus zwar nicht als einzige Ordnungsform, jedoch als effektivste – im wirtschaftlichen und politischen Sinne.
Dem gegenüber stehen Staaten, die durch Parastaatlichkeit und erodierte Gewaltmonopole gekennzeichnet sind. Es handelt sich dabei meist um „unfertige“ oder „schwache“ Ordnungen, die lediglich über partielle Staatlichkeit verfügen.
Anhand der „alternativen“ Ordnungsformen in Angola und Kolumbien soll nachgewiesen werden,
dass deren prekäre Situation keineswegs Ausdruck einer irrationalen Barbarei ist,
die man dem besonderen „vormodernen“ Charakter von Staatlichkeit der einzelnen Akteure zur Last legen kann. Vielmehr koexistieren in beiden Fällen alternative, traditionale oder regionalistische Ordnungsformen zusammen mit dem, was man als „kriegsökonomische Reproduktion“ bezeichnet: nur durch die Einbindung in weltweit vernetzte, schattenökonomische Netzwerke gelang es
den jeweiligen Kriegsakteuren in Kolumbien und Angola, sich zu finanzieren und dem Krieg den
Charakter eines „low-intensity-conflicts“ zu geben. Dies alles wiederum ist Ausdruck einer zutiefst
rationalen Profitmaximierungslogik wesentlicher Akteure. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist
die Schwäche des Staates, die der Stärke parastaatlicher Akteure korrespondiert und deren Reproduktion vereinfacht. Deren ursprüngliche Ziele wurden im Zeitverlauf durch andere Motivationsfaktoren zunehmend überlagert: Kriege werden weniger um Ideologien oder aufgrund sozialer Deprivation, sondern zunehmend um Öl, Diamanten und Drogen ausgefochten. Diese Entwicklung führte im Falle der angolanischen UNITA zu einer Hybridisierung der inneren Ordnung, die schliesslich in deren Zerfall mündete. Im Falle der kolumbianischen Bürgerkriegsakteure jedoch führte diese Hybridisierung eher in die andere Richtung – zu einer hohen Lukrativität des Drogenhandels.
Diese problematische Konstellation lässt sich indes im Rahmen der Entwicklungspolitik nur auflösen, wenn man Ursachen genügend differenziert und Konsequenzen auslotet. Der Plan Colombia kann dabei als Beispiel einer einseitig interessegeleiteten, militaristisch ausgerichteten Politik dienen, die in Verkennung der tatsächlichen Konfliktursachen gerade zur Intensivierung des Konfliktes beiträgt anstatt diesen zu mindern.

Excerpt


Gliederung

0. Einleitung

1. Konzepte und Begriffe zum Verständnis von Staatlichkeit in konfliktiven Ordnungen

1.1 Zwei Ordnungsbegriffe

1.1.1 Der allgemeine Ordnungsbegriff

1.1.2 Der empirische Ordnungsbegriff

1.2 Prekäre Staatlichkeit

1.2.1 Der „starke Staat“

1.2.2 Quasistaaten zwischen empirischer und juristischer Staatlichkeit

1.3 Analyse und Interpretation quasi-staatlicher Ordnungen

1.3.1 Das Konzept von Joel Migdal

1.3.2 Zur Internen Struktur von Quasistaaten

1.3.2.1 Informalität und Patrimonialismus als Organisationsprinzipien quasistaatlicher Ordnung

1.3.2.1.1 Vom Neopatrimonialismus zum Post-Adjustment-State

1.3.2.1.2 Prozesse der Exklusion/Kooptation

1.3.2.1.3 Ethnische und klassenspezifische Separierung

1.3.2.1.4 Korruption

1.4 Kriegsökonomien als wirtschaftliche Organisationsform

1.4.1 Krieg, Rente und Reproduktion

1.4.1.1 Von „winning-hearts-and minds“ zur „shadow economy“

1.4.1.2 „Schattenökonomien“ und externe Alimentation

1.4.2 Veränderte Akteursbeziehungen

1.4.3 Zusammenfassung

1.5 Zwischenfazit

2. Parastaatlichkeit und Politische Ökonomien des Krieges in Angola und Kolumbien

2.1 Zur historischen Konfliktgenese

2.1.1 Angolas Weg zur Parastaatlichkeit

2.1.2 Kolumbien – Geschichte einer Dreiecksbeziehung

2.2 „Offiziell und juristisch“ vs. „inoffziell und empirisch“ – Staatsfunktionen und Quasistaatlichkeit im Vergleich

2.2.1 Partielle Territorialität – Angola

2.2.1 Partielle Territorialität – Kolumbien

2.2.2 Soziale Beziehungen – Angola

2.2.2 Soziale Beziehungen – Kolumbien

2.2.3 Ressourcenmobilisierung und Ressourcenverwendung - Angola

2.2.3 Ressourcenmobilisierung und Ressourcenverwendung - Kolumbien

2.2.4 Zwischenfazit

2.3 Interne Struktur und Ordnung der parastaatlichen Akteure

2.3.1. Die Innere Ordnung der UNITA bis 1990/1991

2.3.1.1 Die Rolle traditionaler Akteure

2.3.1.2 Die Führungsriege und das Militär

2.3.1.3 Exklusion, ethnische Separierung und Korruption

2.3.2 Zum Vergleich: Gegenwärtige Interne Ordnung und Legitimität bei FARC und AUC

2.3.2.1 Die Abwesenheit traditionaler Akteure

2.3.2.2 Mafiotisches Beziehungsmanagement und selektives „Gemeinwohl“

2.3.3 UNITA und FARC/AUC – Divergierende Entwicklungen in den Neunziger Jahren

2.3.3.1 Interner Zerfall der UNITA

2.4 Ökonomien des Krieges in Angola und Kolumbien

2.4.1 Angola: Vom Stellvertreterkrieg zum „resource war“

2.4.1.1 Externe Patronage und politische Renten

2.4.1.2 Oil and Diamonds: Grundlagen und Funktionsweise einer Kriegsökonomie

a. Art der Ressourcen/Primärgüter und deren geographische Verteilung

b. Der Aufbau informeller Vertriebsstrukturen

c. Ein Kontext der Regulationslosigkeit

2.4.1.3 Zwischenfazit

2.4.2 Zum Vergleich: die Politische Ökonomie des Krieges in Kolumbien

a. Die „Ressource“ Kokain und deren geographische Verteilung

b. Charakter und Struktur informeller Vertriebsstrukturen

c. Regulation und Regulationslosigkeit

2.4.2.1 Zwischenfazit

2.5 Kriegsökonomischer Kontext und interne Ordnung

2.5.1 Hybridisierung und Niedergang der UNITA-Ordnung

2.5.2 Die Kontinuität parastaatlicher Ordnungsformen in Kolumbien

2.5.3 Zwischenfazit

3. Schlussbetrachtungen

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht das Phänomen „alternativer Ordnungen“ in zerfallenden Staaten, wobei Angola und Kolumbien als empirische Fallbeispiele dienen. Das zentrale Ziel ist es, den Rückschluss von zerfallender Staatlichkeit auf Anarchie oder Irrationale Barbarei zu widerlegen und aufzuzeigen, dass in diesen Konflikträumen spezifische, rationale Ordnungsstrukturen – sogenannte Kriegsökonomien – entstehen.

  • Analyse von Staatlichkeit, prekärer Staatlichkeit und Quasistaaten.
  • Die Rolle von Patrimonialismus und Neopatrimonialismus als Organisationsprinzipien.
  • Die Transformation von Kriegsökonomien in globale, schattenökonomische Zusammenhänge.
  • Vergleichende Untersuchung der Konfliktgenese und internen Strukturen in Angola und Kolumbien.
  • Die Bedeutung von Rohstoffen (Öl, Diamanten, Kokain) für die Stabilität parastaatlicher Akteure.

Auszug aus dem Buch

1.4.1 Krieg, Rente und Reproduktion

Damit sich politische Ökonomien des Krieges herausbilden können, müssen zwei wesentliche Bedingungen erfüllt sein: zum einen müssen die Opportunitätskosten für Konflikt und Desintegration als hinreichend gering erachtet werden, was dann der Fall ist, wenn bestehende Strukturen nicht mehr genügend Renten generieren können bzw. die Bildung eines gemeinwohlbasierten strong state aufgrund zu geringer empirischer Staatlichkeit nicht möglich ist. Insbesondere das Vorhandensein von leicht extrahierbaren Rohstoffen kann zu Krieg führen: „[…] quantitative analysis demonstrates that easily taxed or looted primary commodities increase the likelihood of war by providing the motivation, prize, and means of a violent contest for state or territorial control.“ Insofern neigen ressourcenbasierte Rentenstaaten eher zu Bürgerkriegen, da mangels wirtschaftlicher Diversifikation, durch ungenügende infrastrukturelle oder produktive Investitionstätigkeit geringe Anreize bestehen, friedliche Reproduktionszustände aufrecht zu erhalten. Der Fluch der „holländischen Krankheit“ – oftmals in den extraktiven Exportökonomien des Südens diagnostiziert – begünstigt die kriegerische Auseinandersetzung um Ressourcen und Revenuen. Le Billon weist dem Charakter sowie der geographischen Verteilung von Rohstoffen eine besondere Bedeutung zu: Entfernung zum nationalen Zentrum sowie deren Verteilung (konzentriert oder extensiv) bestimmt die Art von Konflikten, die er in einer Matrix zusammengestellt hat. Zusätzlich trägt die oben beschriebene Austerität des Staates, die sich u.a. in einer schlechteren Bezahlung der Beamten äussert, zu jener Entwicklung bei. Die neoliberalen Desiderate besitzen damit gewissermassen eine negative – erodierende – Dimension.

Zusammenfassung der Kapitel

0. Einleitung: Die Einleitung hinterfragt die verbreitete These des „Rückfalls in Anarchie“ bei Staatszerfall und führt das Konzept der „alternativen Ordnung“ als analytischen Rahmen ein.

1. Konzepte und Begriffe zum Verständnis von Staatlichkeit in konfliktiven Ordnungen: Dieses Kapitel erarbeitet theoretische Grundlagen zu Staatlichkeit und legitimen Ordnungen, um später nicht-westliche, hybride soziale Ordnungen adäquat analysieren zu können.

2. Parastaatlichkeit und Politische Ökonomien des Krieges in Angola und Kolumbien: Der empirische Hauptteil vergleicht die Konfliktgenese und die internen Ordnungsstrukturen der UNITA in Angola sowie der FARC und paramilitärischer Gruppen in Kolumbien unter dem Aspekt der Kriegsökonomie.

3. Schlussbetrachtungen: Die Schlussbetrachtungen fassen die Erkenntnisse zusammen, hinterfragen normative westliche Idealtypen von Staatlichkeit und reflektieren kritisch über Interventionspolitiken.

Schlüsselwörter

Kriegsökonomie, Quasistaat, Angola, Kolumbien, Patrimonialismus, Neopatrimonialismus, Staatlichkeit, Schattenökonomie, Ressourcenkonflikt, UNITA, FARC, Paramilitärs, Rebellion, Legitimität, Rentenökonomie.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert soziale Ordnungen in Staaten, die als „zerfallend“ oder „schwach“ gelten, und weist nach, dass diese entgegen gängiger Vorurteile keine anarchischen Zustände sind, sondern über eigene, rationale Organisationsformen und Reproduktionslogiken verfügen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind politische Ökonomien des Krieges, die Entstehung parastaatlicher Akteure, sowie die Einbindung dieser Regionen in globale Wirtschafts- und Schattenökonomien.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, die interne Struktur und das Funktionieren von parastaatlichen Akteuren in Angola und Kolumbien zu entschlüsseln, um zu verstehen, wie diese trotz Staatszerfalls „Ordnung“ – in Form von Kriegsökonomien – etablieren.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine komparative Fallstudienanalyse auf Basis politikwissenschaftlicher und soziologischer Konzepte (z.B. von Joel Migdal, Max Weber und neueren Ansätzen der Kriegsökonomie-Forschung) angewandt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die historischen Hintergründe der Konflikte in Angola und Kolumbien beleuchtet, die internen Machtstrukturen der UNITA einerseits sowie der FARC und AUC andererseits detailliert untersucht und mit ihrer jeweiligen ökonomischen Basis in Beziehung gesetzt.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Kriegsökonomie, Quasistaat, Patrimonialismus, Ressourcenkonflikt, illegale Handelsnetzwerke und Staatlichkeit.

Warum unterscheidet sich die Stabilität von UNITA und FARC?

Die Stabilität der UNITA basierte stark auf traditionaler Legitimität und einem zentralistischen System, das durch politische Renten während des Kalten Krieges gestützt wurde, während die FARC auf einer dezentralen, marktorientierten Organisationsform (Drogenökonomie) basiert, die weniger anfällig für traditionale Zerfallsprozesse ist.

Welche Rolle spielen externe Faktoren bei der Stabilität dieser Organisationen?

Externe Faktoren wie der globale Drogenmarkt oder internationale Firmen, die „private diplomacy“ betreiben, stabilisieren diese parastaatlichen Ordnungen massgeblich, da sie die ökonomische Reproduktion der Akteure auch nach dem Wegfall offizieller staatlicher Unterstützung sicherstellen.

Excerpt out of 182 pages  - scroll top

Details

Title
Parastaatlichkeit und Ökonomien des Krieges
College
University of Leipzig  (Institut für Politikwissenschaft)
Grade
1,0
Author
Andreas Hahn (Author)
Publication Year
2004
Pages
182
Catalog Number
V38116
ISBN (eBook)
9783638372862
ISBN (Book)
9783638705530
Language
German
Tags
Parastaatlichkeit Krieges
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Andreas Hahn (Author), 2004, Parastaatlichkeit und Ökonomien des Krieges, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38116
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