Das Ein-China-Prinzip. Hat der Status-quo noch Bestand?


Bachelorarbeit, 2015
53 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1. 1 Fragestellung
1. 2 Forschungsstand

2. Chinas Gesamtstrategie
2. 1 Definition der Gesamtstrategie
2. 2 Die chinesischen Kerninteressen
2. 3 Definition des Ein-China-Prinzips

3. Geschichte des sino-taiwanesischen Konflikts
3. 1 Auf dem chinesischen Festland - Bis zur Flucht auf Taiwan 1949
3. 2 Zwei chinesische Staaten - Das taiwanesische China bis 1987
3. 3 Das sino-taiwanesische Verhältnis bis 2000

4. Aktuelle Entwicklung seit 2000
4. 1 Unabhängigkeitsbestrebungen unter der Präsidentschaft Chen Shui-bians bis 2008
4. 2 Entspannung des sino-taiwanesischen Verhältnisses unter Präsident Ma Ying-jeou

5. Identitätsdilemma der taiwanesischen Bevölkerung

6. Heutiger Rechtsstatus der Republik Taiwan
6. 1 Internationale Anerkennung
6. 2 Ersatz der Außenpolitik durch Außenwirtschaft

7. Ausblick - Zwei Länder, zwei Systeme?

8. Literaturverzeichnis
8. 1 Literatur
8. 2 Internetressourcen
8. 3 Quellen

1. Einleitung

1. 1 Fragestellung

Die Volksrepublik China ist ein Staat im Osten des asiatischen Kontinents. Er ist mit 1,36 Milliarden Einwohner der bevölkerungsreichste Staat der Erde. In Europa werden mit China meist exotisches Essen, freundliche Menschen und eine einzigartige Kultur verbunden. Die wenigsten Menschen wissen, dass die Volksrepublik China ein Staat unter der Ein-Parteien-Herrschaft der „Kommunistischen Partei Chinas“ (im Folgenden KPCh) ist und somit eine kommunistische Diktatur. Im Jahr 1949 ereignete sich das Ende eines Bürgerkrieges in China, der zwischen der chinesischen Nationalpartei „Guomindang“ (im Folgenden GMD) und der KPCh tobte. Gegenstand dieses Bürgerkrieges war der Kampf um eine Führungsrolle in der seit 1945 von den Japanern befreiten Republik China, welche 1912 gegründet wurde und deren Territorium sich auf Festlandchina, die Insel Taiwan und einige kleinere Inseln an der Ostküste Chinas erstreckte. Die GMD unterlag in diesem Bürgerkrieg und flüchtete auf die etwa 200 Kilometer östlich von Festlandchina gelegene Insel Taiwan. Die KPCh rief 1949 die Volksrepublik China (im Folgenden VR China) aus und Taiwan blieb als letzte Provinz der Republik China bestehen. Aus diesem Konflikt heraus erhebt die VR China seit Ende des Bürgerkrieges den territorialen Anspruch auf die Insel Taiwan, welchem sich die Führung der Republik China auf Taiwan bis heute verweigert. Die VR China begründet mit dieser Forderung das „Ein-China-Prinzip“, welches besagt, dass nur ein China existiert und Taiwan ein untrennbarer Teil dieses einen Gesamtchinas ist. Ähnlicher Auffassung war auch lange Zeit die Republik China auf Taiwan, jedoch änderte sich das Bild des „einen“ Chinas aus Sicht der Republik China im Laufe der Jahre bis heute.

Die KPCh betont mehrfach, dass die Lösung des Konflikts keiner externen Hilfe bedarf und weist jegliche Einmischung von Drittstaaten zurück. Für die VR China kommt lediglich eine Wiedervereinigung mit der Republik China infrage, während die Republik China eine Wiedervereinigung unter demokratischen Verhältnissen, eine Unabhängigkeit oder die Beibehaltung des „Status-quo“, welcher die Vertagung einer Lösung des Konflikts vorsieht, in Betracht zieht. Die VR China verkündete oftmals, dass sie bei einer Unabhängigkeitserklärung der Republik China militärisch intervenieren und den Anschluss erzwingen werden. Aktuell befinden sich beide Staaten im besagten Status-quo, wobei an dieser Stelle die Frage aufgeworfen wird, ob der Status-quo nach über 65 Jahren der Trennung Taiwans von Festlandchina überhaupt noch existent ist.

Durch zahlreiche Wirtschaftsverträge, die die VR China mit der Republik China und zuvor auch mit einigen anderen souveränen Staaten geschlossen hatte sowie der Präsenz der Republik China in internationalen Organisationen, bei gleichzeitiger Mitgliedschaft der VR China, zeigt sich, dass die Republik China bereits ein de facto unabhängiger Staat mit einer eigenen Regierung, eigener Wirtschaft und eigenen Identität ist. Ziel dieser Arbeit soll es sein, genau diesen Sachverhalt zu untersuchen, wobei das Hauptaugenmerk tatsächlich auf den Beziehungen zwischen der VR China auf dem Festland und der Republik China auf Taiwan liegen wird. Auf die chinesischen Provinzen Xinjiang und Tibet wird trotz des Umstandes, dass sie stellenweise zum Ein- China-Prinzip gezählt werden, nicht näher eingegangen. Auch wird die Rolle der Vereinigten Staaten von Amerika (im Folgenden USA) in dieser Arbeit auf ein Minimum reduziert.

Um einen bestmöglichen Einstieg in die Thematik zu gewähren, wird zunächst auf die Gesamtstrategie und die Kerninteressen der VR China eingegangen. Das Ein-China- Prinzip ist einen integralen Bestandteil der chinesischen Kerninteressen und wird im Anschluss an jene Kerninteressen einer Definition unterzogen. Im darauffolgenden Abschnitt wird die Geschichte des Konfliktes zwischen der VR China und der Republik China aufgegriffen und zur Grundlage weiterer Betrachtungen herangezogen. Dort werden die Schwerpunkte auf die Entwicklung der Republik China und deren Sicht auf das Ein-China-Prinzip gelegt, wobei diese mit kurzen Einwürfen aus der Sicht der VR China ergänzt werden. Auf die aktuelle Entwicklung seit dem Jahr 2000 wird im nächsten Abschnitt eingegangen. Dort wird erörtert, wie Präsident Chen Shui-bian (4. 1) die Unabhängigkeit der Republik China forciert und ab 2008 Ma Ying-jeou (4. 2) eine Entspannung zur VR China anstrebt. Die Frage nach einer taiwanesischen Identität wird in Kapitel 5 aufgegriffen und untersucht, um im Anschluss zu klären, inwieweit die Republik China sowohl international als auch bilateral anerkannt ist und wie sich in Folge des Wegfalles einer effektiven Außenpolitik in den 1970er Jahren eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik entwickelte.

1. 2 Forschungsstand

Es existiert eine große Anzahl an wissenschaftlichen Monographien, Aufsätzen, oder auch Quellenmaterialen zur Thematik des Ein-China-Prinzips und des damit verbundenen Konfliktes zwischen der Republik China und der VR China. Nun soll eine kurze Vorstellung der wichtigsten in dieser Arbeit verwendeten Werke vorgenommen werden.

Um einen genauen Überblick über die geschichtlichen Hintergründe auf Taiwan zu erhalten, sind die Werke „Die Geschichte Taiwans - Vom 17. Jahrhundert bis heute“1 und „Taiwan Hongkong“2 von dem deutschen Asienforscher Oskar Weggel zu empfehlen, die sich schwerpunktmäßig mit der inneren Entwicklung der Republik China respektive Taiwan beschäftigten. Für die Geschichte des sino-taiwanesischen Konflikts ist die zweiteilige Monographie „Chinas unbeachtete Republik - 100 Jahre im Schatten der Weltgeschichte“3 vom Chinaexperten Thomas Weyrauch als Standardwerk zu bezeichnen. Diese setzt sich in Band 1 mit der chinesischen Geschichte auf dem Festland bis zum Jahr 1949 auseinander, um in Band 2 die Entwicklungen der Republik China auf Taiwan im Verhältnis zur VR China bis zum Jahr 2011 zu schildern und zu analysieren. Als Koryphäe in der Taiwanforschung gilt der deutsche Politikwissenschaftler Gunter Schubert, der seit dem Jahr 2003 den Lehrstuhl für „Greater China Studies“ an der Universität Tübingen innehat. Als wichtige Beiträge Schuberts zur sino-taiwanesischen Forschung des Konflikts nach 1949 sind beispielsweise die Aufsätze „Die Taiwanfrage und die nationale Identität Chinas“4 aus dem Jahr 1998 sowie „Der Konflikt zwischen der VR China und Taiwan“5 aus dem Jahr 1999 zu nennen. Seine Habilitationsschrift „Chinas Kampf um die Nation - Dimensionen nationalistischen Denkens in der VR China, Taiwan und Hongkong an der Jahrtausendwende“6 aus dem Jahr 2002 beschäftigt sich detailliert mit der Entwicklung der taiwanesischen Identität bis zur Jahrtausendwende.

Das „German Institute of Global and Area Studies“ (GIGA) veröffentlicht mehrmals im

Jahr die englischsprachige Publikationsreihe „Journal of Current Chinese Affairs“, welche sich mit der Politik der VR China beschäftigt, wobei der Schwerpunkt des Öfteren auf das sino-taiwanesische Verhältnis gelegt wird.7

Beim Bearbeiten der oben genannten Fragestellung war es oftmals hilfreich auf Quellentexte und verifizierte Daten, die online verfügbar sind, zurückzugreifen, um Sachverhalte richtig einordnen, oder Informationen aus Sekundärliteratur prüfen zu können, so zum Beispiel die Wahlergebnisse vergangener Präsidentschaftswahlen in der Republik China, das noch zu besprechende Anti-Sezessionsgesetz oder die Verfassungen beider Staaten.

2. Chinas Gesamtstrategie

2. 1 Definition der Gesamtstrategie

Bevor der Begriff „Gesamtstrategie“ erläutert werden kann, muss zunächst geklärt werden, was eine „Strategie“ im Einzelnen bedeutet. Der Begriff „Stratege“ leitet sich von den griechischen Worten „stratós“ (Heer) und „ágein“ (führt) ab und lässt sich mit „Heerführer“ übersetzen. Ein anderer Ansatz lässt sich dem lateinischen „strategema“ entnehmen, was so viel wie „Kriegslist“ bedeutet.8 Der preußische General und Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz formuliert Strategie wie folgt: „Taktik ist die Lehre vom Gebrauch der Streitkräfte im Gefechte, Strategie die Lehre vom Gebrauch der einzelnen Gefechte zum Zweck des Krieges.“9 Der Begriff „Strategie“ wurde demnach vor allem im kriegerischen Kontext gebraucht. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff „Strategie“ einer Bedeutungserweiterung unterzogen, wonach er heute auch in der Politik eingesetzt wird. So heißt es nach der Brockhaus Enzyklopädie:

„[…] umfassender gebrauchter Begriff für die geplante, zielgerichtete Bereitstellung und koordinierte Anwendung aller politisch-diplomatischen, wirtschaftl., technolog. und wissenschaftlich-geistigen Kräfte eines Staates sowie seiner Streitkräfte in Frieden, Krise und Krieg.“10

Im Zusammenhang mit der Strategie eines Staates wird auch von der „Gesamtstrategie“ oder „Grand Strategy“ gesprochen. Demnach bilden laut des britischen Militärhistorikers Sir Basil Henry Liddell Hart viele Taktiken eine Strategie und viele Strategien eine Gesamtstrategie.11 Eine recht zeitgemäße Definition des Begriffs „Gesamtstrategie“ liefert der deutsche Politikwissenschaftler Sven Bernhard Gareis:

„Die Gesamtstrategie stellt dabei einen umfassenden Schaltplan dar, der alle Ressourcen, Fähigkeiten und Teilstrategien etwa im politischen ökonomischen, militärischen, kulturellen oder sozialen Bereich auf die Erreichung einer übergeordneten Zieldimension hin ausrichtet.“12

Verfolgt ein Staat eine Gesamtstrategie, stehen diesem zahlreiche Instrumente/Machtmittel zur Verfügung, mit denen er seine Interessen in der internationalen Staatengemeinschaft vertreten beziehungsweise durchsetzen kann. In der heutigen Politikwissenschaft wird in der Regel zwischen „harten“ Machtmitteln (hard power) und „weichen“ Machtmitteln (soft power) unterschieden. Zu den harten Machtmitteln zählt der Einsatz des Militärs. Das reicht von provozierende Truppenübungen nahe des Machtbereiches eines Staates über die Drohung eines Angriffs eines Staats auf einen anderen bis zu tatsächlichen Angriffen.13 Bei dem Einsatz weicher Machtmittel werden die eigenen Interessen friedlich verfolgt. So kann ein Staat durch Hilfen in Entwicklungsländern oder kulturellen (Groß-) Ereignissen positiv in der internationalen Staatengemeinschaft auffallen.14 Beim Einsatz der beiden genannten Machtmittel ist jedoch ein intelligentes Abwägen notwendig. Dazu heißt es nach Borcher/Sloan:

„Soft power kann dazu beitragen, hard power zu legitimieren. Obwohl hard power unverzichtbar ist, um Kriege zu gewinnen und oftmals auch, um strategischen Entscheidungen Glaubwürdigkeit zu verleihen, ist soft power umso wichtiger, um Frieden zu erlangen und zu erhalten.“15

Die Gesamtstrategie eines Staates ist eng verflochten mit dessen Außen- und Sicherheitspolitik. So ist die Außen- und Sicherheitspolitik der Volksrepublik China von drei Kerninteressen geprägt, welche im Folgenden näher besprochen werden.

2. 2 Die chinesischen Kerninteressen

Nach der Gründung der Volksrepublik China durch die KPCh 1949 legte deren Vorsitzende Mao Zedong bereits drei Prinzipien für die neue Außenpolitik der jungen Republik vor. So sollten zum einen alle diplomatischen Verträge und Beziehungen der „alten“ Republik (gemeint war die „Republik China“), nicht mit in die Neue übernommen werden. Zum Zweiten wurden alle von den Kolonialmächten im 19. Jahrhundert aufgezwungenen Verträge beseitigt und zum dritten wurde eine Orientierung an der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken (im Folgenden UdSSR) angestrebt. Ein Schulterschluss der VR China mit der UdSSR scheint kein ungewöhnlicher Zug gewesen zu sein, so benötigte die Volksrepublik sicherheitspolitische und wirtschaftliche Hilfe beim Wiederaufbau des durch den Bürgerkrieg zerstörten Landes. 1954 stellte China zusammen mit Indien die „Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz“ vor:

„1. Gegenseitige Achtung der territorialen Integrität und Souveränität;
2. gegenseitiger Nichtangriff;
3. gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten;
4. Gleichberechtigung und gegenseitigen Nutzen;
5. friedliche Koexistenz.“16

Diese „Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz“ lassen sich als Vorläufer der heutigen Kerninteressen Chinas betrachten.

Nach der Jahrtausendwende lässt sich nur schwerlich eine chinesische Gesamtstrategie aus den Weißbüchern zur Nationalen Sicherheit herauslesen. Viel eher muss auf offizielle Meldungen und Interviews chinesischer Spitzenpolitiker zurückgegriffen werden.17 Die Gesamtstrategie Chinas lässt sich oftmals auf die drei Kerninteressen zurückführen. Erstmals wurde der Begriff Kerninteresse 2003 in einem Gespräch zwischen dem damaligen chinesischen Außenminister Chinas Tang Jiaxuan und dem US-amerikanischen Außenminister Colin Powell verwandt. In diesem Gespräch wurde die Insel Taiwan als ein Kerninteresse Chinas bezeichnet. Im Laufe der Zeit wurde der Begriff immer wieder bei offiziellen Anlässen von chinesischen Politikern erwähnt. So wurde 2004 „Souveränität und territoriale Integrität“ als Kerninteresse bezeichnet.18 Erst der chinesische Staatsrat Dai Bingguo definierte die heute als gemeinhin anerkannten drei Kerninteressen Chinas während des „Chinesisch-amerikanischen Strategie- und Wirtschaftsdialoges“ mit Vertretern der USA im Jahr 2009 folgendermaßen: „1) preserving China’s basic state system and national security […]; 2) national sovereignty and territorial integrity […]; and 3) the continued stable development of China’s economy and society […].“19 Einige chinesische Politiker zählen auch die Wiedervereinigung mit Taiwan beziehungsweise der Republik China zu den Kerninteressen. An dieser Stelle sei zu bemerken, dass nach chinesischer Auffassung Taiwan ein untrennbarer Teil der Volksrepublik China ist und somit das zweite Kerninteresse „Nationale Souveränität und territoriale Integrität“ unmittelbar auf Taiwan zutrifft. Darüber hinaus werden auch weitere Gebiete zu Chinas Kerninteressen gezählt, so zum Beispiel die chinesischen Provinzen Tibet und Xinjiang, Teile des Südchinesischen Meeres sowie die Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer.20 Um seine Kerninteressen zu schützen, ließ China oft verlauten, militärische Gewalt einsetzen zu wollen, sollte eine externe Macht diese infrage stellen. Dies zeigt, wie kompromisslos China an seinen Kerninteressen festhält.21 Chinas Streitkräfte, die Volksbefreiungsarmee (im Folgenden VBA), stellen jedoch qualitativ betrachtet eine zu kalkulierende Gefahr für den Frieden im ostasiatischen Raum dar. Der chinesische Rüstungsetat betrug im Jahr 2014 geschätzte 216 Milliarden US-Dollar, womit China in der Liste der weltweiten Rüstungsausgaben, hinter den USA mit Militärausgaben von 610 Milliarden US-Dollar, auf dem zweiten Platz landete.22 Trotz der hohen Ausgaben für das Militär liegt die VBA hinter dem technischen Stand der Streitkräfte anderer Nationen, beispielsweise der USA, Japans und Taiwans. Hinzu kommt, dass China keine Bündnispartner hat, die im Kriegsfall an dessen Seite stünden.23 Es ist schwer abzuschätzen, inwieweit China tatsächlich bereit ist, militärisch aktiv zu werden, um für den Schutz seiner Kerninteressen einzutreten. Die militärisch überlegenen USA würden bei einem Konflikt im Pazifikraum als globale Ordnungsmacht auftreten und sich an dem Konflikt beteiligen. Truppenübungen der VBA in der Taiwan-Straße haben zumindest suggeriert, dass China jederzeit bereit wäre, mit dem Militär für seine Kerninteressen einzutreten.24

2. 3 Definition des Ein-China-Prinzips

Der Begriff des „Ein-China-Prinzips“ oder der „Ein-China-Politik“, lässt sich nicht genau definieren, da sowohl die VR China, als auch die Republik China ein eigenes Verständnis von dem „einen China“ haben.25 Grundsätzlich gehen beide Seiten davon aus, dass nur ein China existiert und die Insel Taiwan ein untrennbarer Teil dieses (je nach Interpretationen) einen Chinas ist. Im Jahr 2005 verabschiedete die VR China das „Anti-Sezessionsgesetz“, in welchem in § 2 das Ein-China-Prinzip definiert wird:

„There is only one China in the world. Both the mainland and Taiwan belong to one China. China's sovereignty and territorial integrity brook no division. Safeguarding China's sovereignty and territorial integrity is the common obligation of all Chinese people, the Taiwan compatriots included. Taiwan is part of China. The state shall never allow the ‚Taiwan independence‘ secessionist forces to make Taiwan secede from China under any name or by any means.“26

Dieses Prinzip sei somit auch die Voraussetzung für die friedliche Wiedervereinigung beider Teile des einen Chinas.27 Die Wiedervereinigung der VR China mit der Insel Taiwan wird seit den frühen 1980er Jahren unter dem vom chinesischen Politiker Deng Xiaoping (KPCh) geprägten Ausspruch „Ein Land, zwei Systeme“ vorangetrieben, welche es Taiwan erlauben soll, sein kapitalistisches System beizubehalten und sogar ein eigenes Militär unterhalten zu dürfen.28 Auch in der Verfassung der VR China wird bekräftigt, dass Taiwan ein Bestandteil Gesamtchinas sei:

„Taiwan ist ein Teil des geheiligten Territoriums der Volksrepublik China. Es ist die heilige Pflicht des ganzen chinesischen Volkes, einschließlich der Landsleute in Taiwan, die große Aufgabe der Wiedervereinigung des Vaterlandes zu vollbringen.“29

Hinzu kommt, dass für die VR China auch die historische Bedeutung Taiwans eine Rolle spielt. So ist Taiwan „schon immer eine Provinz Chinas gewesen und niemals ein Staat. Die GMD sollte diese historische Tatsache anerkennen.“30

Anders verhält es sich in der Republik China. Der Politikwissenschaftler Dirk Schmidt fasst die taiwanesische Auffassung des Ein-China-Prinzips in vier Punkten zusammen. So gilt die 1912 gegründete Republik China als das „eine China“, es existieren unterschiedliche und unabhängige Regierungen auf beiden Seiten der Taiwanstraße, die taiwanesische Regierung ist nicht in der Lage Regierungsgewalt auf Festlandchina auszuführen und zum Schluss sei die festländische kommunistische Regierung nicht mit dem „einen China“ gleichzusetzen.31 Schmidt bietet außerdem eine Definition des Ein-China-Prinzips von Seiten der Republik China: „Ein China, zwei Regionen, zwei gleichberechtigte politische Einheiten.“32 Auch gibt es keine taiwanesische Patentlösung für den Konflikt wie auf dem Festland, wo alle gemeinsam am Strang der KPCh ziehen. In Taiwan haben die zwei größeren Parteien, die GMD und die Demokratische Fortschrittspartei („Democratic Progressiv Party“, im Folgenden DPP), unterschiedliche Ansichten ob der Lösung des Konflikts. Die GMD strebt eine Wiedervereinigung mit Festlandchina auf der Basis einer freiheitlich demokratischen Grundordnung an. Die DPP hingegen kämpft vor allem für eine Unabhängigkeit Taiwans, was jedoch mit dem 2005 erlassenen Anti-Sezessionsgesetz vorerst unmöglich gemacht wurde. Wie die taiwanesische Bevölkerung zu einer Unabhängigkeit Taiwans, einer Wiedervereinigung mit Festlandchina unter einem demokratischen oder kommunistischen System steht, wird in Kapitel 5 erläutert.

Für die internationale Staatengemeinschaft bedeutet das Ein-China-Prinzip, das nur einer der beiden „chinesischen“ Staaten diplomatisch anerkannt werden kann. So können keine diplomatischen Beziehungen zur Volksrepublik China aufgenommen, wenn gleichzeitig diplomatische Beziehungen zur Republik China unterhalten werden. Die Anerkennung des Ein-China-Prinzips ist die Voraussetzung beider Staaten, um entweder diplomatische Beziehungen zur VR China oder zur Republik China aufzunehmen. Näheres dazu ist in Kapitel 6. 1 nachzulesen.

3. Geschichte des sino-taiwanesischen Konflikts

3. 1 Auf dem chinesischen Festland - Bis zur Flucht auf Taiwan 1949

Die Insel Taiwan gehört etwa seit dem Frühjahr des Jahres 1661 zum chinesischen Machtbereich. Damals nahm der chinesische Seefahrer Coxinga mit einer Flotte von 900 Schiffen und 25.000 Mann die Insel ein, die nur von vier holländischen Schiffen und 2.200 Mann beschützt worden war. Dieses Ereignis markiert den Startpunkt der Sinisierung Taiwans. Aufgrund des Umstandes, dass das chinesische Kaiserreich bereits ab der Ming-Dynastie (1368-1644) die Schifffahrt vernachlässigte und sich diese Entwicklung in der Qing-Dynastie (1644-1911) fortsetzte, konnte China bei der versuchten Kolonisation durch europäische Mächte gegen Mitte des 19. Jahrhunderts nicht auf eine (hoch-) seetaugliche Flotte zurückgreifen, um die Eindringlinge abzuwehren. Als größte Schmach in diesem „Jahrhundert der Schande“, gilt vermutlich der Sieg Japans im ersten Japanisch-Chinesischem Krieg (1894/95), in dessen Folge China Taiwan und umliegende Inseln an Japan abtreten musste.33 Diese Niederlage bedeutete einen enormen Gesichtsverlust für China, da es schließlich bis ins 19.

Jahrhundert hinein eine zentrale Ordnungsmacht im asiatischen Raum darstellte. Das Selbstverständnis Chinas vom „Reich der Mitte“ wurde mit dem Eindringen europäischer Mächte in Gänze untergraben. Dies hatte auch innenpolitische Folgen. So wurde der Ruf nach einer Reformierung des Kaiserreiches hin zu einer konstitutionellen Monarchie lauter. Zeitgleich entwickelten sich auch revolutionäre Kräfte, angeführt vom weltoffenen Sun Yat-sen, die die komplette Beseitigung der Monarchie zum Ziel hatten. Sun Yat-sen gründete 1905 die „Chinesische Revolutionäre Allianz“ (Tongmenghui), welche im Oktober 1911 durch einen Aufstand Druck auf den Kaiser ausübte, der schließlich zu Beginn des Jahres 1912 abdankte. Bereits am 1. Januar 1912 wurde die „Republik China“ gegründet, dessen Übergangspräsident Sun Yat-sen wurde.34

[...]


1 Weggel, Oskar: Die Geschichte Taiwans - Vom 17. Jahrhundert bis heute, Köln; Weimar; Wien 1991.

2 Weggel, Oskar: Taiwan Hongkong, München 1992.

3 Weyrauch, Thomas: Chinas unbeachtete Republik - 100 Jahre im Schatten der Weltgeschichte Giessen, Band 1 2009, Band 2 2011.

4 Schubert, Gunter: Die Taiwanfrage und die nationale Identität Chinas, in: Friedrich Ebert Stiftung (Hrsg.): Internationale Politik und Gesellschaft, 3/1998, S. 267-274.

5 Schubert, Gunter: Der Konflikt zwischen der VR China und Taiwan, in: Die Friedens-Warte, Vol. 74, No. 1/2, 1999, S. 229-238.

6 Schubert, Gunter: Chinas Kampf um die Nation - Dimensionen nationalistischen Denkens in der VR China, Taiwan und Hongkong an der Jahrtausendwende, Hamburg 2002.

7 Beispielsweise: Journal of Current Chinese Affairs, 3/2012.

8 Wagener, Martin: Hegemonialer Wandel in Südostasien - Der machtpolitische Aufstieg Chinas als sicherheitsstrategische Herausforderung der USA, Trier 2006, S. 111f.

9 Vgl. Von Clausewitz, Carl; Kessel, Eberhard (Hrsg.): Strategie aus dem Jahre 1804 mit Zusätzen von 1808 und 1809, Hamburg 1937, S. 62.

10 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, 2006: S. 445.

11 Vgl. Wagener, S. 116.

12 Vgl. Gareis, Sven Bernhard: Auf dem Sprung zur Weltmacht? Chinas außenpolitische „Grand Strategy“; in Staack, Michael (Hrsg.): Asiens Aufstieg in der Weltpolitik, Budrich 2013. S. 51 f.

13 Nye, Joseph: Soft Power - The Means to Success in World Politics, New York 2004, S. 5f.

14 Gareis: 2013, S. 62.

15 Vgl. Borcher, Heiko; Sloan, Stanley R.: Hard Power und Soft Power: Plädoyer für einen neuen Transatlantischen Vertrag, in: Jäger, Thomas, Höse, Alexander, Oppermann, Kai (Hrsg.): Transatlantische Beziehungen - Sicherheit - Wirtschaft - Öffentlichkeit, Wiesbaden 2005, S. 524.

16 Vgl. Friedrich, Stefan: Außenpolitik, in: Information zur politischen Bildung, 2005 4, S. 62f.

17 Gareis: 2013, 52.

18 Swaine, Michael D.: China’s Assertive Behavior - Part One: On „Core Interests“, in: China Leadership Monitor No. 34, 2011, URL: carnegieendowment.org/files/CLM34MS_FINAL.pdf, Zugriff am

27.05.2015, S. 3.

19 Vgl. Ebd. S. 4.

20 Ebd. 4ff.

21 Camppbell, Caitlin; Meick, Ethan; Hsu, Kimberly; Murray, Craig: China’s „Core Interests“ and the East China Sea, in: U.S.-China Economic and Security Review Commission Staff Research Backrounder, 2013, URL: http://origin.www.uscc.gov/sites/default/files/Research/China%27s%20Core%20Interests%20and%20t he%20East%20China%20Sea.pdf., Zugriff am 28.04.2015, S. 3.

22 statista: Ranking der 15 Länder mit den weltweit höchsten Militärausgaben im Jahr 2014, URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/157935/umfrage/laender-mit-den-hoechsten- militaerausgaben/, Zugriff am 29.05.2015.

23 Gareis: 2013, S. 61f.

24 Bereits 1996 startete die VBA ein Flottenmanöver in der Taiwanstraße, als Reaktion auf die Reise des damaligen taiwanesischen Präsidenten Lee Teng-hui in die USA, welche die Volksrepublik als Provokation ansah, in: Schubert: 1999, S. 235.

25 Vgl. hierzu „1992 Consensus“ (Konsens von 1992), der besagt, dass sich die VR China und die Republik China einig sind, dass nur ein China gibt, aber der jeweils anderen Seite das Recht einer eigenen Interpretation dieses einen Chinas zugestanden wird, in: Taipei Economic and Cultural Office in Canada: The 1992 Consensus: Foundation for Cross-Strait Peace and Stronger International Links, 2011, URL: http://www.roc- taiwan.org/CA/ct.asp?xItem=219017&ctNode=150&mp=77&nowPage=4&pagesize=15, Zugriff am 08.06.2015.

26 Vgl. Anti-Sezessionsgesetz, 2005, URL: http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/4347555.stm, Zugriff am 08.06.2015, deutsche Übersetzung in Weyrauch, Thomas: Chinas unbeachtete Republik - 100 Jahre im Schatten der Weltgeschichte, Band 2, Giessen 2011, S. 279ff.

27 Weyrauch, S. 280.

28 Ebd. S. 161.

29 Vgl. Präambel der Verfassung der Volksrepublik China, deutsche Übersetzung, URL: http://www.verfassungen.net/rc/verf82-i.htm, Zugriff am 08.06.2015.

30 Nach einer Rede des ehemaligen chinesischen Staatspräsidenten Yang Shangkun aus dem Jahr 1990, in: Schmidt, Dirk: Die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und der Republik Taiwan von 1987 bis 1993, Frankfurt am Main 1996, S. 57.

31 Ebd. S. 56.

32 Vgl. Ebd.

33 Weggel: 1992, S. 19.

34 Klein, Thoralf: Politische Geschichte Chinas 1900-1949, in: Bundeszentrale für politische Bildung: China, 2008, URL: http://www.bpb.de/internationales/asien/china/44251/china-1900-1949, Zugriff am 29.05.2015.

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Das Ein-China-Prinzip. Hat der Status-quo noch Bestand?
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
53
Katalognummer
V381207
ISBN (eBook)
9783668577961
ISBN (Buch)
9783668577978
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ein, China, Prinzip, Taiwan, Volksrepublik, Stauts-quo
Arbeit zitieren
Jacob Bobzin (Autor), 2015, Das Ein-China-Prinzip. Hat der Status-quo noch Bestand?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381207

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Ein-China-Prinzip. Hat der Status-quo noch Bestand?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden