Besonderheiten, Entwicklungsaufgaben und Chancen von Stieffamilien

Eine nicht "stiefmütterliche" Betrachtung


Hausarbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition und Häufigkeit von Stieffamilien

3 Besonderheiten von Stieffamilien
3.1 Merkmale von Stieffamilien
3.2 Typen von Stieffamilien
3.2.1 Stiefvaterfamilie
3.2.2 Stiefmutterfamilie
3.2.3 Zusammengesetzte Stieffamilie
3.2.4 Stieffamilie mit gemeinsamem Kind oder gemeinsamen Kindern
3.2.5 Teilzeitfamilie

4 Entwicklungsaufgaben in Stieffamilien
4.1 Entwicklungsaufgaben der Erwachsenen
4.2 Entwicklungsaufgaben der Kinder

5 Kommunikationsbeziehungen in Stieffamilien und deren jeweilige Selbstauffassung
5.1 Die gescheiterte Stieffamilie
5.2 Die „Normalfamilie“
5.3 Die erweiterte Stieffamilie

6 Chancen und Ressourcen von Stieffamilien

7 Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

„Ehrlich gesagt, finde ich es jetzt im Nachhinein gar nicht so schlimm, dass meine Eltern getrennt sind. Ich habe meine Mutter und ihren Freund, die ich liebe und die mich lieben und ich habe Papa und seine zweite Freundin, die ich auch liebe!!! Ich habe also Liebe im Überfluss, und da alle ziemlich unterschiedlich sind, gibt es auch ziemlich viel Abwechslung in unserem Leben. Dadurch, dass mein Vater uns nur jedes zweite Wochenende sieht, konzentriert er sich auch vollkommen auf uns und ist nicht abends gestresst und vor allen Dingen streiten wir uns nicht. Ich finde die Lösung insgesamt voll cool!!! Marie, 14 Jahre.“ (zit. n. Link 2008, S.152)

Die Zahl der Ehen, die durch Scheidung beendet werden, ist in den letzten Jahren stark angestiegen: Anfang der 1960er Jahre wurde noch jede zehnte Ehe in Deutschland geschieden, heute wird annähernd jede zweite Ehe geschieden (Stand 2011: 377.816 Eheschließungen, 187.640 Ehescheidungen). Von der Scheidung der Eltern waren 2011 148.239 minderjährige Kinder betroffen (Quelle: Statistisches Bundesamt).Heftige Diskussionen um den Zerfall der Familie als Institution sind entbrannt. Nicht außer Acht zu lassen ist dabei aber, dass das Vorhandensein der Kernfamilie als quasi einzige Familienform, sich lediglich in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts durchsetzen konnte (vgl. Peukert 2008, S.16).

Die Familie des 21. Jahrhunderts zeigt sich jedoch in vielseitigen Formen: Neben der modernen Kleinfamilie bestehen Nicht-eheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder, Scheidungsfamilien, Ein-Eltern-Familien oder eben Stieffamilien.

Stieffamilien sind keineswegs eine Erfindung der Neuzeit, sondern haben eine lange Geschichte. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren Stieffamilien in der Regel eine durch Schicksalsschläge erzwungene Lebensform. In England und Frankreich waren vermutlich in der Zeit des 16. bis 18. Jahrhunderts 25-30% aller Ehen, aufgrund der geringen Lebenserwartung und der hohen Müttersterblichkeit, keine Erstehen (vgl. Beckh & Walper 2002,S.202). Heute hingegen werden Stieffamilien frei gewählt und entstehen mehrheitlich nach einer Trennung oder Scheidung der leiblichen Eltern.

Es verwundert, dass im Rahmen der gestiegenen Scheidungshäufigkeit die Stieffamilie an Bedeutung gewonnen hat, es aber an quantitativen Studien zur Vorkommenshäufigkeit dieser Familien mangelt. Qualitative Studien aus dem therapeutischen Bereich lassen sich hingegen häufiger finden. Diese befassen sich aber vor allem mit Stieffamilien, die Hilfe benötigen, weil sie mit ihrer Lage nicht ohne weiteres zurechtkommen. Hier könnte der Anschein erweckt werden, dass es sich bei Stieffamilien generell um „Problemfamilien“ handelt.

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, die Besonderheiten und Entwicklungsaufgaben von Stieffamilien zu durchleuchten, ohne dabei das Bild einer problembelasteten Familienform aufzuzeichnen. Daher sollen auch die Chancen und Ressourcen dieser Familien herausgestellt werden.

Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich zunächst eine Definition der Stieffamilie vornehmen, hierbei soll auch auf die Häufigkeit von Stiefkindern und deren Familien, anhand der Daten des DJI Familiensurveys, eingegangen werden.

Im folgenden Teil werden die Besonderheiten von Stieffamilien herausgestellt, indem zum Einen auf die spezifischen Strukturmerkmale von Stieffamilien eingegangen wird, und zum Anderen die Vielfalt der unterschiedlichen Familienkonstellationen von Stieffamilien dargestellt wird.

In Kapitel 4 dieser Arbeit sollen die Entwicklungsaufgaben, mit denen Stieffamilien konfrontiert werden, aufgezeigt werden. Die Entwicklungsaufgaben der Erwachsenen bzw. der Kinder werden getrennt voneinander dargestellt.

Bevor im abschließenden Teil auf die Ressourcen und Chancen dieser Familienform eingegangen wird, werden im vorherigen Kapitel die Kommunikationsbeziehungen in Stieffamilien dargestellt.

Diese Arbeit bezieht sich verstärkt auf Stieffamilien, die nach einer Trennung oder Scheidung entstanden sind, wobei die meisten grundlegenden Gesichtspunkte auch auf Stieffamilien nach Verwitwung umsetzbar sind. Eine genauere Unterscheidung nach den verschiedenen Entstehungshintergründen oder den unterschiedlichen Stieffamilienkonstellationen würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

2 Definition und Häufigkeit von Stieffamilien

Weder in der Alltags- noch in der Fach- und Mediensprache gibt es einen einheitlichen und allgemeingültigen Begriff für Stieffamilien. Dieser wird häufig ersetzt durch Begriffe wie „Zwei-Kern-Familie“, „fragmentierte Elternschaft“, „Zweitfamilie“, „Patchwork-Familie“, „Fortsetzungsfamilie“, „offene Familie“, „Mehrelternschaft in erweiterten Familiensystemen“ u.a. (vgl. Dumke 2007, S.21). All diese Bezeich-nungen erscheinen Krähenbühl u.a. 2011 als ungeeignet, da hierbei nicht alle Formen der Stieffamilie beachtet werden und die spezielle Eigenart von Stieffamilen weiter tabuisiert wird (vgl. Krähenbühl u.a. 2011, S. 25f.).

Das Präfix „Stief“-was bedeutet „beraubt“, „verweist“- ist eindeutig mit negativen Assoziationen besetzt und mit gesellschaftlichen Vorurteilen belastet. Man denke hier an die zahlreichen Märchen von der „bösen Stiefmutter“ (z.B. Aschenputtel) und den „armen Stiefkindern“ (z.B. Hänsel und Gretel). Dieser Begriff wird dennoch von vielen Autoren gewählt. Der Vorteil der Vorsilbe „Stief“ liegt darin, dass jedes einzelne Familienmitglied einfach und treffend bezeichnet werden kann, daher greife ich ebenso auf diese Wortwahl zurück. Dennoch ist der Begriff „Stieffamilie“ in keinem Wörterbuch zu finden, was für Krähenbühl 2011 ein Indiz dafür ist, dass Stieffamilien in unserer Gesellschaft keinen eigenen Status haben (vgl. ebd., S. 24).

Kurz zitieren möchte ich im Hinblick auf die negative Bewertung des Begriffs „Stieffamilien“, gegen den sich viele Familien mit nicht-leiblichen Eltern wehren, den Autor Jesper Juul aus seinem Buch „ Aus Stiefeltern werden Bonuseltern“ (2010). Dort benutzt er den Begriff der „Bonusfamilie“. Diesen Begriff finde ich persönlich sehr passend, da er keinerlei negative Assoziationen hervorruft und sehr positiv klingt (vgl. Juul 2010).

Mit dem Begriff Stieffamilie wird eine Vielzahl von heterogenen Familienformen zusammengefasst. Eines ist jedoch allen Stieffamilien gemeinsam: „Zu den beiden leiblichen Elternteilen tritt mindestens ein sozialer Elternteil hinzu, oder ein verstorbener leiblicher Elternteil wird durch einen sozialen Elternteil ersetzt.“ (Bien u.a. 2002, S.10) Ein weiteres Charakteristikum von Stieffamilien ist häufig deren haushaltsübergreifende Struktur, d.h. sie sind in der Regel „ multilokale Familien, die sich, im Unterschied zur traditionellen Kernfamilie, über mehrere Haushalte erstrecken“ (Teubner 2002, S.52). Ausnahmen bilden hier Familien, in denen kein Kontakt zu einem leiblichen Elternteil besteht oder in denen ein Elternteil verstorben ist.

Nach Angaben des in den Jahren 2005/2006 durchgeführten Generations- and Gender Survey (GGS) lebten in diesen Jahren 9,2 Prozent aller Minderjährigen mit ihrer Mutter mit neuem Partner oder ihrem Vater mit neuer Partnerin in einer Stieffamilie, wobei es sich um eine eheliche oder nichteheliche Partnerschaft handeln kann (Hullen 2006). Zählt man anstelle der Stiefkinder die Stieffamilie so sind von den rund 7,9 Millionen Familien in Deutschland mit Kindern unter 18 Jahren, bei denen die Eltern verheiratet oder unverheiratet zusammen wohnen, 8,1 Prozent Stieffamilien. Berücksichtigt man auch Partnerschaften mit getrennten Haushalten sind das laut GGS 10,8 Prozent Haushalte mit Stieffamilien mit minderjährigen Kindern. Von allen Stieffamilien in Deutschland sind 45 Prozent verheiratet, 27 Prozent nichteheliche Lebensgemeinschaften und 28 Prozent alleinerziehende Eltern, die in einer Partnerschaft mit getrennten Haushalten leben(vgl. Peuckert 2008, S. 215f.)

3 Besonderheiten von Stieffamilien

Wie die Kernfamilie besteht die Stieffamilie aus zwei Erwachsenen Familienmitgliedern und einem oder mehreren Kindern bzw. Stiefkindern. Nach außen hin wirkt die Stieffamilie darum für uns wie eine traditionelle Kernfamilie. Bei näherer Betrachtung, lassen sich jedoch Merkmale ausmachen, die charakteristisch für die meisten Stieffamilien sind und erhebliche Unterschiede zur Kernfamilie erkennen lassen. In diesem Kapitel werden die stieffamilientypischen Merkmale vorgestellt und zudem ein Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten der Klassifizierung von Stieffamilien gegeben.

3.1 Merkmale von Stieffamilien

Wie oben erwähnt, unterscheiden sich Stieffamilien von außen betrachtet wenig von der Kernfamilie. In beiden Familien lebt ein Paar mit Kindern zusammen. In Stieffamilien besteht der hauptsächliche Unterschied, dass diese Familienform eine viel komplexere Struktur aufweist. Diese ist vor allem durch zwei Faktoren gegeben: zum Einen dadurch, dass das Eltern- Paarsubsystem aus z.T. unterschiedlichen Personen besteht und zum Anderen dadurch, dass der getrennt lebende Elternteil nicht in der Haushaltsgemeinschaft lebt, aber dennoch wegen seiner biologischen Elternschaft zum Gesamtsystem der Stieffamilie dazu gehört. Wie Textor 1993 beschreibt, sind ferner die Definitionskriterien von Familie, also dem Wohnen aller Familienmitglieder im gleichen Haushalt, die Blutsverwandtschaft und der gemeinsame Name, bei Stieffamilien zumeist nicht gegeben (vgl. Textor 1993, S.1).

Durch eine Gegenüberstellung der Stieffamilie und der Kernfamilie lassen sich für Krähenbühl u.a. 2007 folgende charakteristische Strukturmerkmale von Stieffamilien erkennen (vgl. Krähenbühl u.a. 2007, S.34f.):

- In einer Stieffamilie muss sich eine neue Organisation der Gemeinschaft herausbilden. Die Eltern-Kind Beziehung ist älter als die Bindung zwischen dem neuen Paar. Dem Stiefelternteil fehlt ein Stück gemeinsamer Lebensgeschichte, d.h. der neue Partner muss seinen Platz in einem bereits bestehenden Subsystem mit festen Beziehungsmustern und Regeln erst finden.

- Kinder sind oft Mitglieder zweier Haushalte. Als Folge aus einem gemeinsamen Sorgerecht gehören Kinder nach der Trennung oder Scheidung ihrer leiblichen Eltern häufig sowohl zum Haushalt des Elternteils in der neuen Lebensgemeinschaft als auch zum getrennt lebenden Elternteil. Die meisten Kinder, die zu zwei Familiengemeinschaften gehören, haben gewissermaßen einen Hauptwohnsitz und besuchen den anderen Haushalt in regelmäßigen Abständen.

- Stieffamilien werden nach Umgestaltungen und Verlusten gegründet. Die Erwachsenen mussten den Verlust des Partners und das Scheitern einer Ehe verkraften Zugleich müssen sie den Verlust des Ideals der Kernfamilie akzeptieren und die durch Scheidung/Trennung entstandenen Veränderungen -z.B. Jobwechsel, Umzug, Umgang etc., durchleben. Die Kinder haben den Verlust des täglichen Kontakts von einem Elternteil, wie auch Verluste, die sich aus einer Trennung/Scheidung ergeben (z.B. Schulwechsel, Verlust von Freunden, Umzug), zu bewältigen und zu verarbeiten.

- In einer Stieffamilie lebt ein leiblicher Elternteil des Kindes außerhalb der Hausgemeinschaft. Die Kinder haben eine wichtige Bezugsperson an einem anderen Ort und pendeln zwischen den beiden Familiensystemen.

- In einer Stieffamilie hat der Stiefelternteil, obwohl er dem elterlichen Subsystem von außen betrachtet anzugehören scheint, keine elterlichen Rechte gegenüber den Kindern.

Für Ritzenfeldt 1998 ist ein wichtiges Merkmal von Stieffamilien die Auflösung des zentralen Strukturprinzips der Kernfamilie, die „biologisch-soziale Doppelnatur“. Die biologische und die der sozialen Elternschaft fällt in Stieffamilien teilweise auseinander (vgl Ritzenfeldt 1998, S.29).

„Die soziale Elternschaft wird nicht mehr nur von beiden biologischen Eltern gemeinsam ausgeführt, sie wird vielmehr nach der Gründung einer Stieffamilie einer weiteren Person, dem Stiefelternteil, zugeteilt.“ (ebd., S. 29) Stieffamilien unterscheiden sich aber nicht nur von Kernfamilien als solche, auch innerhalb der Gruppe der Stieffamilien sind strukturelle Unterschiede festzumachen.

3.2 Typen von Stieffamilien

Die Komplexität von Stieffamilien wird schon durch ihre Fülle an mannigfachen Familienkonstellationen deutlich. In der Literatur gibt es keine identische Einteilung und die Anzahl von unterschiedlichen Einteilungskriterien weicht stark ab. Als Kennzeichen für die Typologie wurden bisher herangezogen: das Geschlecht des Stiefelternteils, die Entstehungsursache einer Stieffamilie, der frühere Familienstand der Partner, die Kinderkonstellation, die Gründungsmuster, das Sorgerecht, Partnerschaftsform des neuen Paares sowie die Haushaltszugehörigkeit des/r Kindes/Kinder (vgl. Döring 2002, S.75-83). In der bisher umfassendsten Typologie von Sager u.a. 1983 werden 24 Typen von Stieffamilien unterschieden. Eine einfachere Einteilung nimmt Papernow 1988 vor. Er unterteilt lediglich zwei Stieffamilientypen. Krähenbühl u.a. merken zu der Typologie von Sager u.a. an, dass diese eher verwirrt und die Einteilung von Papernow nicht differenziert genug sei (vgl. Krähenbühl u.a. 2011, S.36f.). Deshalb entwickelten Krähenbühl u.a. eine Typologie, auf die in der Fachliteratur immer wieder verwiesen wird und der auch ich mich in dieser Arbeit anschließen möchte.

3.2.1 Stiefvaterfamilie

Am häufigsten findet man diesen Familientyp vor, bei der ein Mann zu einer Frau mit leiblichen Kindern kommt. Dies hängt damit zusammen, dass eine große Mehrheit aktueller Stieffamilien durch Scheidungen entsteht und Familiengerichte in 90% der Fälle das Sorgerecht der leiblichen Mutter übertragen. (vgl. Ritzenfeldt 1998, S.31; Krähenbühl 2011, S. 39f; Dumke 2007, S.24)

Der Mutter fällt eine Schlüsselrolle in dieser Stieffamilie zu. Die Aufgabe des Stiefvaters ist hier, eine Position im bisherigen Mutter-Kind Teilfamilienverband zu finden und diese Stellung nicht ohne weiteres als Vaterrolle zu definieren. Krähenbühl u.a. stellen fest, dass Stiefkinder ihre Stiefväter leichter anerkennen als Stiefmütter und dass Stiefväter entsprechend weniger ablehnende Reaktionen erfahren. Dies ergibt sich daraus, dass die Rolle des Stiefvaters weniger vorbelastet ist als die der Stiefmutter, er findet meist mehr Anerkennung für die Aufnahme einer Frau mit Kindern. Hierzu kommt, dass Stiefväter durch ihre außerhäusliche Tätigkeit normalerweise nicht so viel Zeit mit ihren Stiefkindern verbringen, somit also weniger Raum und Anlass für Konflikte gegeben sind. Auch werden an Stiefväter weniger Erwartungen gestellt, was mit der verbreiteten Auffassung zusammenhängt, Stiefväter würden nur eine untergeordnete Rolle in der Stieffamilie spielen (vgl. Krähenbühl u.a. 2011, S. 41). Friedl und Maier-Aichen haben in ihrer Studie die Verhaltensstile von Stiefvätern untersucht und in drei voneinander abweichende Verhaltensmuster eingeteilt (vgl. Friedl/Maier-Aichen 1991, S.257):

Der „bessere Vater“: Diese Stiefväter zeichnen sich durch ein vorwiegend traditionelles Familienkonzept aus. Hier herrschen zwischen Mann und Frau getrennte Zuständigkeitsbereiche und Aufgabenverteilungen. Gleichberechtigt fühlen sie sich in der Erziehungsverantwortung und lehnen in der Regel den Kontakt zum außerhalb lebenden leiblichen Vater ab.

Der „Freund-Stiefvater“ hat eine eher moderne Ansicht von der Rollenverteilung in Familie und Partnerschaft. Er versucht eine gleichberechtigte Verteilung von Aufgaben und Funktionen zu praktizieren, wobei allerdings mehr Verantwortlichkeit für die Kinder bei der Mutter liegt. Er bemüht sich im Übrigen um einen eher kooperativen Kontakt zu dem leiblichen Vater.

Dem „ambivalenten Vater“ fällt es schwer ein genaues Selbstverständnis seiner Rolle und Position in der Stieffamilie zu finden. Er hat einerseits mit inneren Widersprüchen zu kämpfen, andererseits leidet er an den heterogenen Gefühlslagen, die er seinen leiblichen Kindern und den Stiefkindern gegenüber empfindet. Das Verhältnis gegenüber dem außerhalb lebenden leiblichen Vater ist von Rivalität geprägt

Döring 2002 erwähnt, „…daß im Verlauf des Prozesses einer Stieffamilien-entwicklung verschiedenen Verhaltens-Stile von Stiefvätern aufeinander folgen können“(Döring 2002, S.156). Das bedeutet, dass das Selbstverständnis von Stiefvätern einer Entwicklung unterworfen ist und sich mit der Zeit wandeln kann.

3.2.2 Stiefmutterfamilie

Von einer Stiefmutterfamilie wird gesprochen, wenn eine Frau zu einem Mann mit leiblichen Kindern kommt. Hier kommt dem Vater eine Schlüsselrolle zu. Er ist Teil des neuen Paar-Subsystems und er ist leiblicher Elternteil des Kindes. Aus der Gegebenheit, dass die Mutter des Stiefkindes woanders lebt, ergibt sich für die Stiefmutter nicht ohne weiteres, dass sie den freigewordenen Platz der Mutter einnimmt. Ihr Stellung ist eine andere und muss von allen Mitwirkenden erst aufzeigt werden (vgl. Krähenbühl u.a. 2011, S.39)

Die Stiefmutterrolle wird als schwieriger angesehen, weil es in der Regel die Stiefmutter ist, die die Pflege der Kinder, deren Erziehung und die Sorge um den Haushalt übernimmt. Stiefväter tun das umgekehrt seltener. Die Lebenssituation von Stiefmüttern ist eine andere als die von Stiefvätern, denn sie sehen sich zum Einen mit einem „Muttermythos“ und zum Anderen dem Mythos der „bösen Stiefmutter“ gegenüberstellt. Der „Muttermythos“ und das darin enthaltenen verherrlichte Mutterbild macht es Stiefmüttern schwer, nicht mit Verunsicherung und Schuldgefühlen zu reagieren. Der Stiefmuttermythos hat durch Märchen eine fast allgemeine Bedeutung erlangt, die es den Stiefmüttern wesentlich schwieriger macht, brauchbare Vorbilder für ihre Rolle zu finden (vgl. Dumke 2007, S. 38).

3.2.3 Zusammengesetzte Stieffamilie

Diese Familien bestehen aus zwei Teilsystemen: Eine Mutter mit ihrem leiblichen Kind (oder Kindern) und einem Vater mit seinem leiblichen Kind (oder Kindern) gründen eine gemeinsame Familie. Beide Partner sind also bereits mit den Anforderungen, die eine Elternrolle mit sich bringt, vertraut. „Anfänger“ sind sie, was die Situation als Stiefelternteil betrifft. Für beide Partner besteht also eine ähnliche Startbedingung. Da zwei vormals voll funktionsfähige Teilsysteme mit ihren ungleichen Lebensstilen, Gewohnheiten und Regeln aufeinandertreffen, birgt diese Situation auch viel Konfliktstoff. Die strukturellen Schwierigkeiten von zusammengesetzten Stieffamilien macht deutlich, wie viel Toleranz, Einfallsreichtum und vor allem Konfliktfähigkeit die Vereinigung zweier bisher „vollständiger“ Familiensysteme zu einem neuen Organismus verlangt und wie bedeutend dabei die Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den neuen Partnern ist (vgl. Krähenbühl u.a. 2011, S.43).

3.2.4 Stieffamilie mit gemeinsamem Kind oder gemeinsamen Kindern

Von diesem Familientyp wird gesprochen, wenn neben Stiefkindern ein oder mehrere gemeinsame Kinder des neuen Paares in der Familie leben. Innerhalb dieser Einteilung werden hier noch einmal drei Untergruppen unterschieden. Die „Stieffamilie mit gemeinsamen Kindern“ entsteht entweder aus einer Stiefvaterfamilie, einer Stiefmutterfamilie oder einer zusammengesetzten Familie. Es entsteht durch die Geburt von gemeinsamen Kindern gewissermaßen eine vollständige, intakte Kernfamilie innerhalb der Stieffamilie (vgl. ebd., S.44-48).

3.2.5 Teilzeitfamilie

Zu den Teilzeitfamilien zählen die Familien, in denen Kinder aus der früheren Partnerschaft mit dem getrennt lebenden Elternteil und dessen neuen Partner/-in zu bestimmten, festgelegten Zeiten zusammenleben. Die Kinder in dieser Konstellation sind keine unmittelbaren Familienmitglieder; aber genauso wenig sind sie nur Gäste. Weil die generellen Probleme zeitlich gedrängter und mit beschränkten Einfluss-möglichkeiten sind, erleben die „Teilzeit- Stieffamilie“ und die „Teilzeitkinder“ diese oft viel geballter. Zudem erleben Teilzeitkinder das Wechselbad von Wiedersehens-freude und Abschied in besonders bezeichnender Weise. Ihrerseits müssen sich die anderen Mitglieder der Teilzeit-Stieffamilie immer wieder aufs Neue auf den Besuch weiterer Familienmitglieder einstellen. Für die Teilzeit-Stieffamilie und die Kinder sind klare und einvernehmliche Besuchs-, Feiertags- und Urlaubsregelungen von großer Bedeutung (vgl. ebd., S.48f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Besonderheiten, Entwicklungsaufgaben und Chancen von Stieffamilien
Untertitel
Eine nicht "stiefmütterliche" Betrachtung
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V381380
ISBN (eBook)
9783668578722
ISBN (Buch)
9783668578739
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familie
Arbeit zitieren
Heike Lechner-Jermann (Autor:in), 2013, Besonderheiten, Entwicklungsaufgaben und Chancen von Stieffamilien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381380

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