Das Eherne Gesetz der Oligarchie und wie heutige Parteien damit umgehen


Hausarbeit, 2015
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Eherne Gesetz der Oligarchie

3. Robert Michels

4. Kritik an Michels

5. Die beiden großen Volksparteien

6. Die Grünen

7. Die Piraten

8. Fazit

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auch über einhundert Jahre nachdem Robert Michels sein „Ehernes Gesetz der Oligarchie" formuliert hat, ist die Diskussion um Elitenherrschaft in Deutschland immer noch so aktuell und umstritten wie zu den Zeiten des Autors. Fast alle Parteien in der Bundesrepublik Deutschland versuchen durch institutionelle Regeln die Tendenz zur Oligarchie innerhalb ihrer Organisation zu begrenzen. Sei es durch Einführung von Rotationsprinzipien, Urabstimmungen oder, wie am Beispiel der Piratenpartei, durch „anonyme“ Verkünder des Parteiwillens. Dass es dabei scheinbar meist bei dem Versuch bleibt, wird immer wieder in der Öffentlichkeit, aber auch durchaus von Parteimitgliedern, kritisiert(Bender/Wiesendahl 2011). Diese Wahrnehmung hat selbstredend fatale Folgen für das Demokratieverständnis in der Bevölkerung, die sich oft nicht mehr von „ihrer“ Partei ausreichend verstanden und folglich vertreten fühlt.

Diese Hausarbeit möchte zuerst Michels „Ehernes Gesetz der Oligarchie", aber auch die Kritik an diese These genauer vorstellen und ferner auch den Autor und seinen Werdegang, zur besseren Kontextualisierung seiner These, kurz beleuchten. Weiter werden die führenden Parteien in Deutschland darauf hin untersucht, ob sie überhaupt eine Sensorik für die Gefahr der Elitenherrschaft in ihrer Partei wahrnehmen und wenn ja, was sie konkret gegen dieses Gefährdungspotenzial unternehmen. Dabei möchte diese Arbeite den Fokus auf die Parteien legen, die aktuell auch im Bundestag vertreten sind. Die nähere Betrachtung der Linken soll dabei vernachlässig werden, stellt sich doch bei dieser Partei die grundsätzliche Frage nach der Demokratiefähigkeit ihrer Mitglieder, die bis vor kurzem noch verfassungsrechtlich unter Beobachtung standen. Die genauere Untersuchung der CSU kann aufgrund ihrer sehr ähnlichen Parteistruktur zur CDU ebenfalls ausgeklammert werden. Auch wenn die Piratenpartei in Deutschland bereits wieder deutlich an Zustimmung verloren hat und sie eben nicht das oben genannte Kriterium als Mitglied im Bundestag erfüllt, soll zum Ende dieser Hausarbeit trotzdem - aufgrund ihrer sehr basisdemokratischen Struktur - etwas genauer auf sie eingegangen werden.

Aufgrund des beschränkten Umfanges dieser Arbeit können die verschiedensten Kritiken an Michels „Gesetz“ aus den letzten Jahrzehnten leider nur sehr rudimentär beleuchtet werden. Auch die Vita des Autors selbst kann, obwohl sie auf der einen Seite sicher ungemein wichtig für die Entstehung seiner These ist, und auf der anderen Seite auch meist als Basis für seine Kritiker diente, an dieser Stelle nur blitzlichtartig ausgeführt werden.

Vielmehr möchte die Arbeit der Frage nachgehen, inwieweit den heutigen großen Parteien das Problem der Oligarchie bewusst ist und was sie dagegen zu unternehmen versuchen. Dabei soll der These Platz eingeräumt werden, dass das Eherne Gesetz der Oligarchie in praktisch allen bekannteren Parteien zum Tragen kommt. Hierzu soll an Beispielen aufgezeigt werden, wie Eliten in verschiedenen Parteien, stellenweise über Jahrzehnte, an Machtpositionen bleiben und auch ein Netzwerk erstellen um ihre Macht nach eigenem Ausscheiden gegebenenfalls auch an ihre “Schützlinge“ weiterzuvererben. Zur Klärung dieser Frage bezieht sich diese Arbeit auf der einen Seite auf die vielfältige Sekundärliteratur, analysiert aber auf der anderen Seite auch die Programme der ausgewählten Parteien.

Die Forschungslage zu diesem Thema kann nur als unüberblickbar dargestellt werden. Immer wieder wurde Michels in den vergangenen zehn Dekaden diskutiert und kritisiert. Das hierbei alle Pole, von völligen Befürwortern seiner These, bis hin zu absoluten Ablehnern seines Ehernen Gesetzes vertreten sind, scheint bei einer solch polarisierenden These nur zu evident. Ein besonders vorsichtiger Umgang mit der Sekundärliteratur und den Quellen muss hier Grundvoraussetzung sein.

2. Das Eherne Gesetz der Oligarchie

In seiner Untersuchung Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie die Robert Michels bereits 1911 veröffentlichte, formulierte er Das Eherne Gesetz der Oligarchie. Dabei folgte er den Elitentheorien von Mosca und Pareto, die eine immer währende Unterscheidung in eine herrschende- und eine beherrschte Klasse postulierten (siehe Jörke 2011: 261). Eine Gemeinwohlorientierung „großer Männer“ sei nach Michels, und damit folgte er einer Argumentation die bereits in den 1830er Jahren von Alexis de Tocqueville in seiner Schrift über die Demokratie in Amerika formuliert wurde, nicht auszumachen. Selbst wenn Politiker1 als Idealisten gestartet seien, hätte sie das Politische während ihres Aufstiegs im System korrumpiert. Und somit wären „Die Revolutionäre der Gegenwart […] die Reaktionäre der Zukunft“ (Michels 1925: 196). Mit dieser pessimistischen Grundhaltung analysiert Michels, der selbst einmal Mitglied in der Sozialdemokratischen Partei Deutschland war, in seiner Arbeit die organisatorische Struktur dieser Partei und formuliert daraus Rückschlüsse auf das Verhältnis zwischen (Partei-) Herrschern und Beherrschten.

Zu seinen Grundannahmen gehörte, dass in Organisationen - gerade ab einer gewissen Größe - wie Parteien, eine Arbeitsteilung zu effektiven Erledigung von Arbeiten unumgänglich sei. Eine Partei hätte nur an der Basis eine demokratische Form, die innere Struktur jeder Partei zwänge aber zwangsläufig zur Oligarchie - je größer die Struktur - je oligarchischer sei sie. Die Größe führe zwangsläufig zu einer Spezialisierung und Konzentration von Wissen und Macht, welche die Partei in Führende und Geführte aufspalte. Die Folge davon wäre, nach Michels, eine Verselbständigung der Spezialisten, die kaum noch von den einfachen Mitgliedern kontrolliert werden könne, da diesen ja dann der nötige Zugang zu Wissen und Macht fehle (siehe Michels 1925). Der Autor fasste die Erkenntnis in die prägnante Formel zusammen: „Die Organisation ist die Mutter der Herrschaft der Gewählten über die Wähler, der Beauftragte über die Auftraggeber, der Delegierten über die Delegierenden“ (Michels 1925: 504). Das dabei externer Druck, z.B. für eine stringente Außendarstellung, eine Notwendigkeit von Führungsstabilität und Organisationsdisziplin erfordert, scheint hierbei nur zu evident. Als Hauptproblem entschlüsselte er aber dabei die Entfremdung zwischen der Basis und den Eliten. Seinen Ausführungen nach, näherten sich die Eliten vom Habitus immer den aktuellen Machthabern an - es komme zu einer Fusion der „neuen“ Eliten mit den alten. Dieser Prozess sei in einer Organisation so immanent, dass auch ein Austausch der jeweiligen Herrscher keine Veränderung der Struktur mit sich bringe, da auch diese dem gleichen Gesetz der Oligarchie unterliegen würden (Michels 1925: 500-502).

Dabei zeichnete Michels auch ein negatives Bild der so genannten Massen. Diese seien somit wieder unorganisiert, da sich ihre Führer von ihnen entfernt haben, und somit leicht zu manipulieren. Überhaupt seien die Mitglieder in Parteien (oder meint Michels hier im speziellen die Arbeitnehmer in der SPD?) an Führung gewöhnt und hätten somit quasi ein psychologisches Bedürfnis danach. Weiter glaubte Michels in den einfachen Mitgliedern einen Drang zur Heldenverehrung zu erkennen, was dazu führe, dass sie von ihren (Partei-)Führern leicht zu manipulieren seien. Die Eliten täuschten „ihre“ Mitglieder mit Bezeichnungen wie Diener oder mit Appellen zum scheinbar freien Willen, um sie damit, gerade bei großen Versammlungen hinter sich zu bringen. Dabei seien genau solche Zusammenkünfte in keiner Weise zur rationalen Entscheidungsfindung geeignet (siehe Michels 1925).

Insgesamt gab sich Michels also sehr resigniert, was die Demokratisierung einer Gesellschaft betrifft. Zu wirkmächtig schien ihm das Gesetz der Oligarchie - selbst in einer Partei wie der SPD, die sich zwar als Organisation der demokratischen Idee verschrieben hat, sich aber dennoch den oligarchischen Tendenzen nicht verschließen kann. Abschließend äußerte er sich aber trotz allem Pessimismus nicht völlig fatalistisch, da eine gebildete Bevölkerung die Gefahr des Ehernen Gesetzes der Oligarchie besser erkennen könne und damit zum einen die Folgen dieser Gesetzmäßigkeit abschwächen und zum anderen auch eine nicht zu illusorische Vorstellungen von der Demokratie als Staatsform entwickeln würde (siehe Michels 1925).

3. Robert Michels

Da diese Hausarbeit fundamental auf Robert Michels Ehernem Gesetz der Oligarchie aufbaut, ist zum besseren Verständnis und zur Einordnung seiner These, ein kurzer Blick auf seinen biographischen Hintergrund sicher sehr hilfreich. Er wurde 1876 als Sohn einer gut situierten Kölner Kaufmannsfamilie geboren. Bevor sich der katholisch geprägte Michels dem Studium der Geschichte und der Nationalökonomie in Paris, München, Leipzig & Halle widmete, begann er noch eine kurze Offizierslaufbahn in Preußen. Während seiner Zeit als Student bekam er Kontakt zur Linken in Frankreich und Italien und wurde bald Anhänger der syndikalistischen Bewegung,2 die er allerdings später - mit der Entwicklung seines Ehernen Gesetzes der Oligarchie - als illusorisch ablehnte. Seine Erfahrungen mit der SPD, die ja als Grundlage für seine Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens dienten, machte Michels, als er im Alter von 27 Jahren für ungefähr vier Jahre im Ortsverein der Sozialdemokraten in der Stadt Marburg Mitglied wurde. Hier nahm er auch an Parteitagen als Delegierter teil und kandidierte einmal erfolglos für Reichstag (siehe Bender 2011).

Weiterhin arbeitete er mit zahlreichen Aufsätzen und Zeitschriftenveröffentlichungen zur Arbeiterbewegung an seiner wissenschaftlichen Karriere. Als Mitglied der SPD war ihm allerdings zu seiner Zeit in Deutschland der Weg zu einer Professur nicht möglich. Diesen beschritt er dann nach seiner Umsiedlung nach Italien in Turin, wo er eine Habilitation für Politische Ökonomie erhalten hatte. Als Grundlage für seine Untersuchung „Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie“ beschäftigte er sich intensiv mit den Elitentheorien von Gaetano Mosca und Vilfredo Pareto und entwickelte, durch die beiden stark beeinflusst, seinen bisherigen theoretischen Ansatz - die oligarchischen Tendenz innerhalb der deutschen Arbeiterpartei durch die geschichtliche Besonderheit Deutschlands zu erklären - jetzt zu einem universalhistorischen Gesetz der „oligarchischen Tendenz der Gesellschaft“ (Michels 1925, zitiert nach: Jörke 2011: 263). Seit 1914 lehrte er, jetzt als italienischer Staatsbürger, zuerst an der Uni Basel, dann in Rom und zuletzt in Chicago. 1922 schloss er sich Mussolinis faschistischer Partei an und glaubte Mussolini könnte Massen und Eliten untrennbar miteinander verschmelzen und somit die Oligarchie überwinden. So trat er, bis zu seinem Tod im Jahre 1936, offen für dessen Regime ein, was ihm seine Kritiker bis zum heutigen Tage vorwerfen. Dies hatte zu Folge, dass Michels Theorie, welche bereits zu seinen Lebzeiten von den Zeitgenossen stark diskutiert wurde, in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg praktisch nicht mehr den Weg in die Öffentlichkeit fand. Erst seit Mitte der 1960er Jahre fand eine Auseinandersetzung mit ihm und seiner These einen neuen Aufschwung welcher gerade mit dem einhundertjährigen Geburtstag seiner Formulierung des Ehernen Gesetzes der Oligarchie seinen letzten Höhepunkt fand (siehe Bender 2011).

4. Kritik an Michels

Das in den letzten zehn Dekaden Michels Ehernes Gesetz der Oligarchie leidenschaftlich diskutiert worden ist, bedarf an dieser Stelle sicher keiner weiteren Erklärung. Hier sollen vielmehr die einzelnen Pole der Kritik kurz beleuchtet und abgewogen werden.

Ein erster Kritikpunkt dem sich Michel ausgesetzt sah war, dass er durch seine eigene Mitgliedschaft im Untersuchungsgegenstand keinen objektiven Blick auf die Strukturen der SPD haben könne. Einige gingen und gehen soweit, ihn als frustrierten Parteigenossen zu bezeichnen, der nun, nachdem er selbst in der Parteihierarchie während seiner Mitgliedschaft keinen Erfolg hatte, diese Struktur im Nachgang diskreditierte (siehe Bender 2011).

Auch wurde seine Arbeit insgesamt als zu uneinheitlich abgewertet. Er würde unklar in seinen Argumentationen zwischen Resignation und Hoffnung pendeln. Tatsächlich stellt er auf der einen Seite die demokratische Idee als Illusion dar, die immer in einer Organisation aufgerieben werden würde, um auf der anderen Seiten die Bildung der Massen als mögliche Lösung für oligarchische Tendenzen zu benennen (Genett 2008: 446f., zitiert nach: Jörke 2011: 275).

Von vielen, auch in der jüngeren Vergangenheit, wurde als Hauptkritikpunkt die Generalisierung der teilnehmenden Beobachtung der SPD als äußerst problematisch und unzulässig angeführt (Jörke 2011: 276). Sicher kann der Kritik an dieser Stelle grundsätzlich entsprochen werden. Aber dennoch hat sie, nicht zuletzt durch die Einbeziehung der Elitentheorie von Mosca und Pareto eine Reichweite erreicht, die durchaus, als mit einem Allgemeingültigkeitscharakter versehen, umschrieben werden kann. Auch die Empirie scheint, zumindest auf den ersten Blick Michels Recht zu geben. Schließlich betonen viele Parteien (und Verbände), dass sie in ihren aktuellen Organisation Mechanismen eingebaut hätten um eine solche Elitenherrschaft zu verhindern. Dass aber dennoch in der öffentlichen Wahrnehmung eine Professionalisierung der Politik und die damit verbunden Loslösung der Politikprofis von der Basis erkannt wird, zeigt wie aktuell Michels These ist (siehe Friedrich-Ebert- Stiftung).

Andere vertreten hingegen die These, dass „sich die politischen Parteien ständig mit konkreten Partizipationsansprüchen der Parteimitglieder und damit strukturell gegenläufigen Tendenzen konfrontiert sehen“. Dieses wird (Gouldner 1955: 506) als Gegenentwurf zu Michels Gesetz, als das „eherne Gesetz der Demokratie“ genannt.

[...]


1 An dieser Stelle steht der Politiker stellvertretend für alle demokratisch legitimierten Volksvertreter

2 Übernahme der Produktionsmittel durch Generalstreik, spontane Aktionen und politische Agitation - das Volk soll seine Souveränität direkt zum Ausdruck bringen (ohne Repräsentanten)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Eherne Gesetz der Oligarchie und wie heutige Parteien damit umgehen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die Politikwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V381426
ISBN (eBook)
9783668579521
ISBN (Buch)
9783668579538
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Robert Michels, Eherne Gesetz der Oligarchie, Rotationsprinzipien, Parteidemokratie, Parteien
Arbeit zitieren
Frank Krause (Autor), 2015, Das Eherne Gesetz der Oligarchie und wie heutige Parteien damit umgehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381426

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