Verwendung der Snapchat App in der Alltagspraxis. Handlungs- und Kommunikationsformen in Social Media


Hausarbeit, 2016

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Phänomen Snapchat

2 Social Media in Gasförmigem Zustand

3 Methodologie 3.1 Ethnographische Feldforschung im Medienbereich

3.2 Vorgehen im Feld

4 Handlungsmuster auf Snapchat

4.1 Austausch mit guten Freunden

4.2 Zutritt verboten - Kontrolle über die Privatsphäre

4.3 Die Snapchat Story

4.4 Snapchat im Vergleich zu anderen Plattformen

5 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Phänomen Snapchat

Wirft man einen Blick auf die aktuelle Social-Media-Landschaft, so gehören Facebook, WhatsApp und Twitter nach wie vor zu den am meisten genutzten sozialen Netzwerken. (Statista, 2016) Eine App könnte diesen Netzwerken jedoch in naher Zukunft den Rang ablaufen: Der kostenlose Instant-Messenger Snapchat, der 2011 von Robert Murphy und Evan Spiegel gegründet wurde (Brücken, 2014), verzeichnet mittlerweile nach eigenen Angaben (2016) über 100 Millionen Nutzer sowie über 7 Milliarden Video-Aufrufe jeden Tag. Mit dieser Aktivität liegt Snapchat weltweit nur knapp hinter Facebook, das laut Statistiken auf 8 Milliarden Video-Views täglich kommt. (Constine, 2015)

Doch was kann Snapchat überhaupt? Die App ermöglicht es, Foto- und Videonachrichten, sogenannte „Snaps“, an Freunde zu senden. Das Besondere daran ist, dass die versendeten Nachrichten maximal 10 Sekunden angesehen werden können. Nach Ablauf der festgelegten Zeit werden die Nachrichten selbständig von beiden Geräten gelöscht und sind von diesem Zeitpunkt an nicht mehr abrufbar. Dies senkt allerdings bei vielen Nutzern die Hemmschwelle zum Versenden anzüglicher Bilder, was Snapchat vor Jahren den Ruf einer Nacktfoto-App einbrachte. (Tanriverdi & Weber, 2015)

Neben dem Versenden privater Nachrichten gibt es die Möglichkeit, Bilder und Videos in der sogenannten „Snapchat Story“ zu veröffentlichen. Dabei handelt es sich um eine Art „visuelles Tagebuch“ (Leitner, 2015), das es den Nutzern ermöglicht, die veröffentlichten Bilder und Videos zu einer Geschichte aneinanderzureihen. Diese sind dort für 24 Stunden sichtbar, ehe sie dann auch wieder verschwinden. Zudem gibt es noch die „Replay“Funktion, um einen Snap pro Tag nach Timeout nochmal sehen zu können sowie die „Discover“-Funktion, um aktuelle Nachrichten zu lesen.

Snapchat bringt somit neue Handlungs- und Kommunikationsformen hervor, die bislang noch kaum erforscht sind. Man weiß zwar viel über die Verbreitung wie auch die Beliebtheit dieser App, die eigentliche Verwendung in Alltagskontexten ist bisher allerdings nur marginal erforscht. Dies stellt insbesondere die Medienpädagogik vor vollkommen neue Herausforderungen. Wie wird Snapchat also in der Alltagspraxis verwendet? Was für Handlungsmuster lassen sich ausmachen? Warum wird Snapchat überhaupt genutzt, wenn es doch auch WhatsApp, Facebook und Twitter gibt? Die vorliegende Arbeit soll darauf Antworten geben. Dazu wird zunächst die Relevanz der Studie anhand des aktuellen Forschungsstandes zu Snapchat dargelegt. Anschließend werden die verwendeten Methoden anhand geeigneter Texte zur allgemeinen Feldforschung sowie speziell zur Medienethnographie vorgestellt und begründet, bevor das Vorgehen im Forschungsfeld erläutert wird. Abschließend werden die im Feldforschungsprozess gewonnenen Ergebnisse präsentiert sowie interpretiert.

2 Social Media in gasförmigem Zustand

Es entstehen zunehmend Publikationen, die sich mit dem Phänomen Snapchat auseinandersetzen. Ausgangspunkt dafür ist die Feststellung, dass die Vergänglichkeit Einzug in das digitale Leben findet. Es erscheinen immer mehr Kommunikationsdienste und Netzwerke, die veröffentlichte Inhalte nur für begrenzte Zeit zugänglich machen, ehe sie anschließend in den Weiten des Internets verschwinden. (Lecturio, 2015) „Am meisten Beachtung erfahren sie unter dem Schlagwort ›ephemeral media‹, vergängliche Medien“, so Gerlitz. (2015, S. 43)

„Bei Snapchat ist Kommunikation vergänglich und nur so lange sichtbar, wie die Sender es erlauben“, weshalb „Snapchat als Antithese zu Plattformen wie Facebook oder Twitter verstanden werden kann, die auf die langfristige Dokumentation von Daten und die Maximierung von Sicherheit angelegt sind“ (Gerlitz, 2015, S. 43). Laut Selbstaussage will Snapchat unmittelbare, ungefilterte, ungeschönte Kommunikation fördern. Social Media, so der Inhouse-Soziologe von Snapchat, Nathan Jurgenson, soll nicht dazu genutzt werden, um Erlebnisse für die Nachwelt festzuhalten oder um sich selbst darzustellen, sondern um andere teilhaben zu lassen. (Gerlitz, 2015; zitiert nach Jurgenson, 2013)

Eine der ersten Publikationen, die Forschungsergebnisse bezüglich der alltäglichen Verwendung von Snapchat liefert, ist eine Studie der University of Michigan. Anhand von „measure sampling“, einer modernen Befragungsmethode, beurteilten die Studenten Snapchat’s Position in der Social-Media-Landschaft als „lightweight channel for sharing spontaneous experiences with trusted ties“ (Bayer, Ellison, Schoenebeck & Falk, in press,

S. 29). Auf Snapchat werden also vor allem kleine Alltagsschnipsel aus dem Hier und Jetzt geteilt, die weder besonders aufregend noch sonderlich viel Erinnerungswert besitzen: schnell mal ein Selfie, ein Foto vom Haustier oder vom schönen Wetter. (Bayer et al., in press, S. 17-18) Dies hängt mit der Erkenntnis zusammen, dass Snapchat vor allem „for fun“ (Bayer et al., in press, S. 6) genutzt wird. Überraschenderweise stellte man auch fest, dass die Befragten Snapchat mit Face-to-Face-Konversationen vergleichen, da diese ebenfalls alltägliche Themen behandeln, nicht aufgezeichnet werden und mit engen Bekannten geführt werden. (Bayer et al., in press, S. 26)

Daraus folgt, dass mit Snapchat eine neue Kommunikationsform entsteht: „Um auf einen Snap zu reagieren, muss man schließlich selbst einen Snap produzieren“ (Gerlitz, 2015, S. 43). Dies stellten auch Katz und Crocker (2015) anhand einer qualitativen Umfrage in Kombination mit qualitativen Interviews fest. Vor allem Selfies können auf Snapchat als visuelles Kommunikationsmedium fungieren. Ein Selfie meint an dieser Stelle ein Selbstportrait, das meist mit einem Smartphone auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen wurde. Die meisten der Befragten neigen dazu, ein Selfie als eine Antwort auf ein erhaltenes Selfie zu schicken, was viele einer Face-to-Face-Konversation gleichsetzen. (Katz & Crocker, 2015, S. 9)

Der Forschungsstand zeigt somit, dass bisher schon einige Erkenntnisse hinsichtlich der alltäglichen Verwendung von Snapchat gewonnen wurden. Um diese noch weiter anzureichern, sollen nun weitere Einblicke in die Handlungsmuster und Beweggründe der Nutzer gegeben werden. Dies soll vor allem dem Verständnis beitragen, weshalb Snapchat trotz Facebook, WhatsApp oder Instagram immer stärker genutzt wird.

3 Methodologie

Zunächst möchte ich darlegen, warum die ethnographische Herangehensweise sich dazu eignet, das Verhalten von Snapchat-Nutzern erklärbar und verstehbar zu machen. Dazu gehe ich zunächst allgemein auf die Methode der Feldforschung ein und erörtere, weshalb ich diese Vorgehensweise gewählt habe. Anschließend werden die im Feld verwendeten Methoden - Leitfadeninterviews und Teilnehmende Beobachtung - sowie die gemachten Anpassungen an den Untersuchungsgegenstand erläutert.

3.1 Ethnographische Feldforschung im Medienbereich

Unter Ethnographie als Methode der qualitativen Sozialforschung wird zunächst die „Erforschung und Beschreibung eines Volkes, einer Kultur oder einer in sich abgeschlossenen Lebensgemeinschaft“ (Bergmann, 2008, S. 328) verstanden. Dabei versucht man, Kulturen von innen heraus zu verstehen, indem man sich in deren Lebensraum begibt. „Erst durch das intensive Eintauchen in eine Kultur wird es möglich, die Weltsicht […] der Akteure zu bestimmen und zu rekonstruieren, welche Bedeutungen einzelne Handlungen für sie haben“ (Bergmann, 2008, S. 328). Dabei muss es sich nicht unbedingt um eine fremde Kultur handeln. Anders als die traditionelle Ethnologie und Kulturanthropologie nehmen sozialwissenschaftliche Ethnographien nach Lüders (2000) „vorrangig die eigene Kultur, genauer: die Kulturen in der eigenen Gesellschaft, in den Blick“ (S. 390). Diese soll der Forscher möglichst objektiv beobachten, weshalb man das „weitgehend Vertraute […] betrachtet als sei es fremd, es wird nicht nachvollziehend verstanden, sondern methodisch › befremdet ‹: es wird auf Distanz zum Beobachter gebracht“ (Amann & Hirschauer, 1997, S. 12).

Das methodologisch Besondere der Ethnographie besteht darin, frei von Methodenzwängen zu sein. Im Gegensatz zu anderen qualitativen Datenerhebungsverfahren wird die Methode der Ethnographie im Anschluss an Amann und Hirschauer (1997) „nicht durch externe Vorschriften und Hypothesen über das Was, Wann, Wo und Wie eines standardisierten Beobachtungsverfahrens reguliert, sondern vom erfahrbaren Gegenstand erwartet “ (S. 20). Das bedeutet, dass sinnvolle Beobachtungseinheiten sowie die Auswahl von Informanten und Datentypen nur zum Teil geplant werden können und in Anpassung an die Eigenschaften des Feldes erst herausgefunden werden müssen. „Kennzeichnend für ethnographische Forschung ist deshalb der flexible Einsatz unterschiedlicher methodischer Zugänge entsprechend der jeweiligen Situation und des jeweiligen Gegenstands“ (Lüders, 2000, 393). Bekannteste Methode der Ethnographie ist dabei die Teilnehmende Beobachtung, was „zunächst eine soziale Form der Integration von Fremden in eine Lokalität“ (Amann & Hirschauer, 1997, S. 16-17) meint. Wichtig bei der teilnehmenden Beobachtung ist dabei eine fortwährende Spannung zwischen intensiver Teilnahme und analytischer Distanz andererseits. (Bergmann, 2008, S.328)

Im Anschluss an Bergmann erweist sich die Methode der Feldforschung außerdem als sehr anpassungsfähige Methode, die immer wieder auf neue gesellschaftliche Entwicklungen zugeschnitten werden kann. Dieses Erneuerungspotential manifestiert sich nicht zuletzt in der Entstehung der Medienethnographie.

Medienethnographie ist ein methodischer Ansatz in der qualitativen Sozialforschung, dessen Ziel es ist, die sozialen und kulturellen Praktiken der Herstellung ebenso wie des Gebrauchs und der Rezeption von Medien aller Art auf ethnographische Weise zu beschreiben und zu interpretieren. (Bergmann, 2008, S. 328)

Die Medienethnographie setzt somit bewusst Techniken der klassischen Ethnographie ein. Diese bezog sich allerdings „auf ein ‚ethnos‘, also auf die Vorstellung eines einheitlichen, geschlossenen sozialen Mikrokosmos, während moderne, durch Medien und Informationstechnologie bestimmte Gesellschaften sich durch eine Pluralisierung von Lebensstilen und zunehmende ethnische Heterogenität auszeichnen“ (Bergmann, 2008, S. 328). Wie Wissenschaftler in den 80er und 90er Jahren gezeigt haben, eignet sich die Ethnographie trotzdem zur Untersuchung von Phänomenen der modernen Gesellschaft sowie „neuen kulturellen Praktiken des Mediengebrauchs“ (Bergmann, 2008, S. 331), worunter auch Apps wie Snapchat fallen.

3.2 Vorgehen im Feld

Ethnographie ist zunächst davon überzeugt, dass das lokale Wissen und die situative Praxis nur durch länger dauernde Teilnahme, durch „anhaltende Kopräsenz von Beobachter und Geschehen“ (Amann & Hirschauer 1997, S. 21), einer Analyse zugänglich gemacht werden können. Aufgrund des engen begrenzten Rahmens von einem Semester müssen wir uns allerdings auf einen Kurzaufenthalt im Feld beschränken.

Im Zusammenhang mit Snapchat ist es grundsätzlich nicht schwer, Zugang zum „Feld“ zu bekommen, da es sich dabei um einen virtuellen Raum handelt. Snapchat ist eine App, die sowohl für iOS- als auch für Android-Geräte kostenlos verfügbar ist. Die Anmeldung ist simpel - man muss lediglich die E-Mail-Adresse sowie das Geburtsdatum angeben sowie einen Benutzernamen, der jedoch im Nachhinein nicht mehr geändert werden kann. Aufgrund des Funktionsumfangs wird die App oft als „verwirrend“ beschrieben. (Steuer, 2015) Außerdem ist es auf Snapchat generell schwerer, ein persönliches Netzwerk aufzubauen als auf anderen Plattformen, da es keine vergleichbare Funktion wie den „Entdecken-Feed“ auf Instagram oder den „Personen, die du vielleicht kennst“-Bereich in Facebook gibt. Nur wer den genauen Nutzernamen eines Freundes oder Prominenten kennt, kann ihm folgen. Tanriverdi und Weber (2015) nennen Snapchat in diesem Zusammenhang einen „Club für Eingeweihte“. Da ich aber bereits seit fast zwei Jahren aktiv Snapchat nutze, bin ich mit der Anwendung schon vertraut und besitze bereits ein großes Netzwerk, weshalb das Vertrauen zu den Beobachteten nicht erst aufgebaut werden musste. Ich habe also zunächst die Personen beobachtet, mit denen ich schon länger in Snapchat Kontakt habe. Zudem habe ich von einem Freund Nutzernamen anderer Snapchat-User bekommen, die seiner Meinung nach für unsere Forschung interessant sein könnten. Wichtig bei der teilnehmenden Beobachtung ist eine fortwährende Spannung zwischen intensiver Teilnahme und analytischer Distanz andererseits. (Bergmann, 2008, S.328) Ich habe daher sowohl selbst Snaps verschickt als auch erhaltene Snaps analysiert.

Da Ethnographien grundsätzlich „durch einen Methodenmix gekennzeichnet sind, der zumindest zwei Methoden immer mit einschließen muss: die teilnehmende Beobachtung […] sowie Gespräche mit den Erforschten - seien dies Expertengespräche, Informantengespräche, informelle Gespräche oder mehr oder weniger standardisierte Interviews“ (Bachmann & Wittel, 2006, S. 186), habe ich neun ethnographische Interviews mithilfe eines Leitfadens geführt - sowohl mit Personen, die Snapchat intensiv nutzen als auch mit Personen, die es gar nicht nutzen.

Um die Erfahrungen und Erlebnisse im Feld dann in Daten zu transformieren, die uns dabei helfen sollen, das Nutzerverhalten auf Snapchat zu analysieren, muss das Beobachtete und Wahrgenommene nachträglich protokolliert werden. Um Fehler in den Transkripten zu vermeiden, habe ich die Interviews simultan protokolliert. „Das Aufschreiben und die Darstellung des Beobachteten, Gehörten und Erlebten stellt ein konstitutives Moment von und zugleich eine Herausforderung für Ethnographen dar“ (Lüders, 2000, S. 396). Man muss also beachten, dass die in der Ergebnispräsentation dargestellten Erkenntnisse durch „Sinnstiftungen des Autors“ (Amann & Hirschauer, 1997, S. 31) geprägt sind. Dieser Umstand hat im Anschluss an Amann und Hirschauer (1997) schon oft Zweifel an der disziplinären Kontrollierbarkeit der Ethnographie aufgeworfen. (S. 31)

Neben der textlichen Organisation bieten sich bei medienethnographischen Untersuchungen auch verschiedene audiovisuelle Aufzeichnungstechniken an, „die das interaktive Geschehen registrierend konservieren“ (Bergmann, 2008, S. 396). In Snapchat steht man in diesem Zusammenhang jedoch vor dem Problem, dass sich die Fotos nach spätestens 10 Sekunden wieder löschen. Fertigt der Empfänger in den wenigen Sekunden der Sichtbarkeit einen Screenshot vom erhaltenen Snap an, so erhält der Sender eine Benachrichtigung darüber. Fast jedes Mal, wenn ich einen Screenshot von einem erhaltenen Snap angefertigt habe, wurde ich danach über die Chatfunktion darauf angesprochen, weshalb ich das gemacht habe. Es scheint also durchaus gewisse Normen und Verhaltensregeln auf Snapchat zu geben; ein Screenshot wird hier wie ein Regelbruch aufgefasst. Um mich nicht unbeliebt zu machen und um Missverständnisse zu vermeiden, habe ich auf die Anfertigung audiovisueller Daten weitestgehend verzichtet.

Aufgrund der Tatsache, dass ich schon lange aktiver Snapchat-Nutzer bin, werde ich mich nie (zumindest nicht in absehbarer Zeit) vom Forschungsfeld zurückziehen. Man könnte an dieser Stelle natürlich behaupten, ich hätte die analytische Distanz zum Feld verloren und schleichend das Selbstverständnis der Gruppe übernommen, was allgemein als „going native“ bekannt ist. Ich kann an dieser Stelle aber versichern, dass ich stets analytisch diszipliniert und trotzdem Teil der Gruppe war.

Meine Erkenntnisse, die ich aus den Beobachtungen sowie den Interviews ziehen konnte, sind im Folgenden dargestellt. Da Ethnographien in der Bundesrepublik Deutschland auf personenbezogenen Daten basieren und somit den Bestimmungen des Datenschutzrechtes sowie den dort formulierten Bedingungen für wissenschaftliche Forschung unterliegen, sind wir verpflichtet, die erhobenen Daten vollständig zu anonymisieren. (Lüders, 2000, S. 396) Den Befragten wurden daher aus ethischen Gründen andere Namen gegeben.

4 Handlungsmuster auf Snapchat

Um zu verstehen, wieso Snapchat trotz WhatsApp, Facebook oder Instagram immer mehr genutzt wird, muss zunächst geklärt werden, welchen Stellenwert Snapchat im alltäglichen Gebrauch einnimmt. Generell dient Snapchat dem Teilen alltäglicher und belangloser Dinge mit engen Freunden. Neben der Verwendung in der Alltagspraxis und den Handlungsmustern, die sich ausmachen lassen, wird im Folgenden erläutert, was Snapchat von anderen Plattformen unterscheidet. Dies soll einem allgemeinen Verständnis zu den Beweggründen und der Nutzung Snapchat’s beitragen.

4.1 Austausch mit guten Freunden

Zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die Feststellung, dass Snapchat eine Plattform ist, um sich mit guten Freunden auszutauschen. Gute Freunde sind überhaupt erst der Grund, weshalb viele Nutzer Snapchat nutzen. Als Antwort auf die Frage, warum Snapchat eigentlich genutzt wird, nannten viele der Befragten, „weil es alle haben“ (Interview Gregor, Z. 5) bzw. „aus Gruppenzwang, weil es auf einmal jeder hat“ (Interview Daniela, Z. 4). Isabell behauptet sogar, Snapchat nur zu benutzen, weil es ihre Freunde auch tun. Sie hätte die App nicht, wenn ihre Freunde diese auch nicht hätten. (Interview Isabell, Z. 2-3) Seinen engen Freunden kann man auch „gerne mal lustige Grimassen oder hässliche Selfies“ (Interview Isabell, Z. 40) schicken. Mit „hässlichen Selfies“ sind an dieser Stelle aber nicht wirklich Bilder einer hässlichen Person gemeint, sondern eher absichtlich hässlich gemachte Bilder. Beispielsweise ein Selfie, auf dem man aufgrund der gewählten Perspektive ein unvorteilhaftes Doppelkinn erhält. Im Gegensatz zu weniger guten Bekannten besitzen die engeren Freunde aber genügend Wissen über den Sender, um das Gesendete zu verstehen. Bianca vergleicht diese Unterscheidung beim Versenden von Snaps an bestimmte Personen mit den Unterscheidungen, die sie in einem Gespräch trifft: „Du redest ja auch nicht mit jedem über die selben Dinge“ (Interview Bianca, Z. 57-58).

Wenn man Snaps von Personen bekommt, mit denen man eigentlich nicht so viel zu tun hat, kann das für den Empfänger außerdem uninteressant sein, zu Verwirrungen führen oder falsch interpretiert werden. Deshalb schickt Christoph seine Snaps auch lieber direkt an bestimmte Personen, als sie in der Snapchat Story zu veröffentlichen. „Das liegt daran, dass ich manche Leute zwar in der Freundesliste habe, aber es mich überhaupt nicht interessiert, was die mir so alles schicken. Dann denk ich mir eben, dass es andersrum bestimmt genauso ist“ (Interview Christian, Z. 29-32). Zudem konnte man beobachten, dass manche Nutzer Snaps an alle ihre Kontakte senden, obwohl die meisten der Empfänger nicht so gut mit dem Sender befreundet sind. Diese verstehen den Kontext des Bildes oft nicht. Man kann dieses Verhalten aber erklären: Auf Snapchat erhält man für jeden versendeten Snap Punkte. Wie genau dieses Punktesystem funktioniert, ist jedoch nirgends ausführlich erklärt. Da der Punktestand öffentlich angezeigt wird, ist es denkbar, dass einige Snapchat-Nutzer eine hohe Punktzahl als ansehnlich erachten. Indem sie ihre Snaps nun an alle Kontakte senden, bekommen sie schnell viele Punkte.

4.2 Zutritt verboten - Kontrolle über die Privatsphäre

Besorgniserregend war allerdings die Feststellung, dass fast keiner der Befragten wirklich wusste, ob sein Profil öffentlich oder privat ist. Die Privatsphäre lässt sich in Snapchat aber regulieren. Man kann in den Einstellungen sowohl auswählen, wer „Mir Snaps schicken“ kann - „Jeder“ oder „Meine Freunde“ - als auch, wer „Meine Geschichte ansehen“ kann - „Jeder“, „Meine Freunde“ oder „Benutzerdefiniert“. In der Auswahl „Benutzerdefiniert“ kann man sogar die Kontakte der Freunde auswählen, die „Meine Geschichte“ ansehen dürfen. Mein Profil ist sozusagen „privat“, wenn nur meine Freunde meine Geschichte ansehen sowie mir Snaps schicken können. Personen, die mich „geaddet“, d.h. als Freund hinzugefügt haben, müssen erst von mir bestätigt werden, bevor sie meine Inhalte sehen können bzw. mir Snaps senden können. Ein privates Profil sehen viele der Befragten aber auch als Grund, weshalb sie auf Snapchat bisher keine schlechten Erfahrungen mit Sexting oder Ähnlichem gemacht haben. „Das liegt wohl auch daran, dass ich da nicht so viele Kontakte habe und nur mit Freunden snappe“ (Interview Bianca, Z. 85-86). Sexting meint hier die private Kommunikation über sexuelle Themen bzw. das Versenden von erotischen Selbstaufnahmen. Daniela meint, dass sie nur mit ihren Freunden snappt „und die machen sowas halt nicht“ (Interview Daniela, Z. 74-75). Trotzdem ist ihre Geschichte öffentlich, weil es ihr eigentlich egal ist, wer ihre Snaps sehen kann. (Interview Daniela, Z. 51-52) Berühmte Persönlichkeiten, die Snapchat nutzen, haben in diesem Zusammenhang ihre Geschichte öffentlich, man kann ihnen allerdings nicht direkt Snaps schicken. Immer mehr Personen des öffentlichen Lebens - ob Fußballstar, YouTuber oder Model - sind in Snapchat aktiv, so berichtet auch MTV (2015). Diese geben ihren Nutzernamen meist über Facebook und Instagram an, damit man sie auf Snapchat schneller findet. In ihrer Snapchat-Geschichte dokumentieren die Promis dabei ihren gesamten Tagesablauf mit Bildern und Videoschnipseln. Da man keine Bilder aus dem Archiv versenden kann, kann man nur Bilder versenden, die mit der App selbst gemacht worden sind. Außerdem hat man bei Snapchat außer ein paar Filtern keine großen Bearbeitungsmöglichkeiten, dadurch erhält man unverblümte und reale Eindrücke - eben einen „Blick hinter die Kulisse“ (Interview Bianca, Z. 49). Vorzeigebeispiel Stefanie Giesinger teilt auf Snapchat ihr Frühstück, ganz normale Verwandtschaftstreffen mit Omas und Cousinen und filmt sich ohne Make-Up am Flughafen. Das vermittelt den Fans ein Gefühl von Nähe - man sieht, „wie deren Alltag abläuft“ (Interview Daniela, Z. 8-9), von dem man normal nichts mitbekommt. Isabell stellt allerdings fest: „So spannend ist deren Leben auch nicht“ (Interview Isabell, Z. 78-79).

4.3 Die Snapchat Story

Wie bereits angesprochen, gibt es Unterschiede beim Versenden von Snaps. Dies zeigt sich auch im Zusammenhang mit der Snapchat Story. In die Geschichte kommen nur „besondere“ oder „allgemeine Dinge“ (Interview Daniela, Z. 29 u. 54). Beispielsweise, wenn man „neue Schuhe“ (Interview Gregor, Z. 19) hat. Isabell postet nur in ihre Geschichte, wenn sie mit einer größeren Gruppe unterwegs ist. „Quasi wenn wir an öffentlichen Plätzen sind, an denen ganz viele Menschen sind. Aber wenn ich alleine bin, dann snappe ich eher direkt an meine Freunde“ (Interview Isabell, Z. 52-55). „Privat verschicke ich schon oft so Bilder, auf denen man dumm schaut oder Selfies ohne Make-Up. Oder eben Insider, die nur bestimmte Leute was angehen“ (Interview Daniela, Z. 54-56). Daraus folgt, dass in die Geschichte eher allgemeine Dinge oder Gruppenselfies gepostet werden. Direkt versendet werden dagegen persönliche Nachrichten und vor allem Selfies alleine, allerdings eben nur an Personen, mit denen man gut befreundet bin. Ich konnte auch beobachten, dass man auf Snapchat generell dazu neigt, viele Personen als Freunde hinzuzufügen, denen man aber nie etwas snappt. Daniela meint, dass sie ganz viele einfach nur auf der Freundesliste habe, damit sie deren Geschichten anschauen kann, was sie lediglich aus „Stalking“-Gründen tue. (Interview Daniela, Z. 40-42) Stalking sei hier allerdings scherzhaft gemeint.

4.4 Snapchat im Vergleich zu anderen Plattformen

Keiner der Befragten konnte sich wirklich daran erinnern, welche Snaps er in letzter Zeit gesendet bekommen hatte. Das deutet darauf hin, dass die versendeten Inhalte weder besonders spannend noch sonderlich aufregend gewesen sein müssen. „Wichtige Sachen werden in WhatsApp diskutiert“ (Interview Daniela, Z. 67). Vor allem kompliziertere Gespräche oder Angelegenheiten verlagern sich meistens auf andere Anwendungen, da das einfach „unkomplizierter“ ist. (Interview Isabell, Z. 63-65) Auf Facebook und Co.

[...]

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Verwendung der Snapchat App in der Alltagspraxis. Handlungs- und Kommunikationsformen in Social Media
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
Methoden der medienpädagogischen Forschung: Feldforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
37
Katalognummer
V381448
ISBN (eBook)
9783668582163
ISBN (Buch)
9783668582170
Dateigröße
1159 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feldforschung, Snapchat, Social Media
Arbeit zitieren
Katharina Zellhuber (Autor), 2016, Verwendung der Snapchat App in der Alltagspraxis. Handlungs- und Kommunikationsformen in Social Media, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381448

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