Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern literarische Reflexionen einer negativen Andrologie, wie sie der Soziologe Christoph Kucklick in seinem Werk „Das unmoralische Geschlecht“ im Jahre 2008 konstatiert hat, bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts ausgemacht werden können. Den gedanklichen Mittelpunkt der negativen Andrologie bildet dabei die Feststellung über ein allgemeines, gesellschaftliches „Unbehagen an Männlichkeit“, welches mit einem durch und durch negativen Bild des Mannes als eines gefühlskalten und egoistischen Alphatier einhergeht.2 Dessen Ursprung verortet Kucklick in den Jahrzehnten um 1800, weit vor dem in der Moderne aufkeimenden Feminismus. Die grundsätzliche und systematische Kritik an Männlichkeit ließe sich demnach nicht allein als geistiges Kind der Frauenbewegung und des Feminismus ausmachen. Zweifel an einer positiven Männlichkeit sind, nach Kucklick, vor allem von Männern selbst geübt und tradiert worden.3 Exemplarisch soll hier anhand eines der wohl meistgelesenen Autoren dieser Zeit, Christian Fürchtegott Gellert, und seines Romans „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“ (1747/48) die Perspektive von Kucklick eingenommen und kritisch überprüft werden.
Dazu erfolgt zunächst eine kurze Vorstellung des Forschungsgegenstandes der negativen Andrologie. Insbesondere soll hier die Herausstellung der moralischen Überlegenheit der Frau ab der Mitte des 18. Jahrhunderts hervorgehoben werden, wie sie von Kucklick diagnostiziert wurde. Um zu untersuchen, inwieweit die seinen Thesen zugrunde liegende Geschlechtersemantik bereits an der Schwelle zur Moderne von zeitgenössischer Literatur aufgenommen oder ausgeklammert wurde, wird zunächst die Konstruktion eines weiblichen Moralideals in der Zeit der deutschen Empfindsamkeit vorgestellt. Anschließend wird am Beispiel von Gellerts Werk „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“ versucht, die zuvor erarbeiteten Annahmen zu konkretisieren und gegebenenfalls zu widerlegen. Hierbei wird der Text an konkreten Textstellen und nach seinem Handlungsablauf analysiert. Mithilfe des Ergebnisses dieser Analyse kann anschließend die Frage beantwortet werden, auf welche Art und Weise Gellert in seinem Werk Anteil an der Konstruktion eines modernen negativen Bildes von Männlichkeit, wie von Kucklick beschrieben, genommen hat und ob auch hier bereits Reflexionen einer moralischen Überlegenheit der Frau festzustellen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kucklicks negative Andrologie
2.1 Von der Ständegesellschaft zur Moderne
2.2 Interaktion, Gesellschaft und die moralische Überlegenheit der Frau
3. Das weibliche Moralideal in der Epoche der deutschen Empfindsamkeit
4. „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“
4.1 Der unvollkommene Mann und die Frau als moralisches Vorbild
4.2 Aspekte einer negativen Andrologie
5. Folgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern literarische Reflexionen einer „negativen Andrologie“, wie sie Christoph Kucklick für die Moderne diagnostiziert hat, bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Christian Fürchtegott Gellerts Roman „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“ nachweisbar sind.
- Konstruktion eines weiblichen Moralideals in der Epoche der Empfindsamkeit.
- Analyse der geschlechtsspezifischen Rollenbilder im untersuchten Roman.
- Gegenüberstellung von männlicher Unvollkommenheit und moralischer Überlegenheit der Frau.
- Überprüfung der Kucklick'schen Thesen anhand eines frühen bürgerlichen Romans.
Auszug aus dem Buch
4.1 Der unvollkommene Mann und die Frau als moralisches Vorbild
Einen ersten Hinweis darauf, dass in Gellerts schwedischer Gräfin die Frau die eigentliche moralische Instanz darstellt, welche nicht zuletzt Ausdruck in ihrer Tugendhaftigkeit findet, während es dem Mann eben daran mangelt, lässt sich in einer Episode am Anfang der Erzählung beobachten. Die schwedische Gräfin findet durch eine zufällige Begegnung auf einem der Güter des Grafen heraus, dass er vor ihrer Ehe ein Verhältnis zu einer bürgerlichen Frau namens Caroline hatte, aus welchem auch ein Kind entstanden war. Um die am Hof vorherrschenden Standesregularien nicht zu verletzen, schlägt der Graf eine Heirat mit Caroline, trotz der Einwilligung seines Vaters und seiner aufrichtigen Liebe zu ihr, aus. Diese Entscheidung ist jedoch mehr auf die Reaktion von Caroline auf diesen Umstand zurückzuführen als auf die tatsächliche Standhaftigkeit des Grafen, wie der Leser im weiteren Verlauf der Geschehnisse erfährt. In einem Brief, der an den Grafen adressiert ist, gibt Caroline ihm zu verstehen, dass sie ihm auf keinerlei Weise Vorwürfe macht und ihm bei all ihrer Zärtlichkeit doch nie ihre Tugend geopfert hätte. So schreibt sie:
„Kurz, mein liebster Graf, ich opfere Ihrem Glücke und Ihrem Stande meine Liebe und meine Zufriedenheit auf, und vergesse das schmeichelhafte Glück, ihre Gemahlinn zu werden, auf ewig. Sie sind frey, und können sich zu einer Wahl entschliessen, welche Ihnen nur immer gefällt. Ich bin alles zufrieden, wenn ich nur sehe, daß Sie glücklich wählen, und die Zufriedenheit an der Seite Ihrer Gemahlinn erhalten, die ich Ihnen durch meine Liebe habe verschaffen wollen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, ob die von Christoph Kucklick als modern beschriebene „negative Andrologie“ bereits im 18. Jahrhundert literarisch reflektiert wurde.
2. Kucklicks negative Andrologie: Dieser Abschnitt erläutert die soziologischen Grundlagen der negativen Andrologie und den Wandel der Geschlechtersemantik im Kontext der gesellschaftlichen Differenzierung um 1800.
3. Das weibliche Moralideal in der Epoche der deutschen Empfindsamkeit: Es wird die Herausbildung eines bürgerlichen Moralideals analysiert, das der Frau eine zentrale Rolle als „Hüterin der Moral“ zuschreibt.
4. „Das Leben der schwedischen Gräfin von G***“: Dieses Hauptkapitel analysiert Gellerts Roman hinsichtlich der Darstellung von männlicher Unvollkommenheit und weiblicher Tugendhaftigkeit in verschiedenen Schlüsselepisoden.
5. Folgerungen: Die Ergebnisse werden zusammengeführt und bestätigen, dass der Roman als früher Vorläufer der negativen Andrologie verstanden werden kann.
Schlüsselwörter
Negative Andrologie, Christoph Kucklick, Geschlechtersemantik, Christian Fürchtegott Gellert, Das Leben der schwedischen Gräfin von G***, Empfindsamkeit, Weibliches Moralideal, Männlichkeit, Tugendhaftigkeit, Geschlechterrollen, Aufklärung, Bürgerlicher Roman, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Soziale Differenzierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob die in der Moderne kritisierte „negative Andrologie“ – ein negatives Bild von Männlichkeit – bereits in der Literatur des 18. Jahrhunderts, speziell bei Gellert, angelegt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Geschlechtersemantik, das weibliche Moralideal der Empfindsamkeit sowie die literarische Darstellung von Männern und Frauen im 18. Jahrhundert.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, Kucklicks soziologische Thesen zur Entstehung einer „negativen Andrologie“ historisch an einem frühen bürgerlichen Roman zu überprüfen und zu konkretisieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine diskursanalytische Vorgehensweise in Anlehnung an Kucklick und die Systemtheorie, kombiniert mit einer literaturwissenschaftlichen Analyse konkreter Textstellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie Gellert die moralische Überlegenheit der Frau konstruiert und inwieweit männliche Protagonisten im Roman durch Unvollkommenheit und affektives Fehlverhalten charakterisiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind negative Andrologie, weibliches Moralideal, Geschlechtersemantik, Empfindsamkeit und bürgerliche Identität.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle des Mannes in Gellerts Roman?
Der Mann wird meist als unvollkommen dargestellt, oft unfähig, seine Affekte zu kontrollieren oder in privaten Konflikten moralisch angemessen zu agieren, was ihn auf die Hilfe der Frau angewiesen macht.
Welche Funktion hat die weibliche Figur in Gellerts Werk laut der Autorin?
Die Frau fungiert als moralischer Anker und Stabilisator, der soziale Krisen durch Tugendhaftigkeit und Mitleid bewältigt und so das harmonische Miteinander erst ermöglicht.
- Citation du texte
- Jessica Seeber (Auteur), 2017, Der unvollkommene Mann und die moralischen Überlegenheit der Frau in Christian Fürchtegott Gellerts "Das Leben der schwedischen Gräfin von G***", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381462