Die Erforschung des Erwerbs von Relativsätzen blickt auf eine lange Tradition zurück. Bereits in den 1980er-Jahren wurden die ersten Untersuchungen bei englischsprachigen Kindern durchgeführt und im Laufe der nächsten vier Jahrzehnte sollten mehr und mehr Sprachen hinzukommen, darunter auch das Deutsche.
Die Arbeit führt zunächst die Relativsatzkonstruktion typologisch, syntaktisch und strukturell ein, um dann die Akquisitionsprozesse anhand von Spracherwerbsdaten nachzuzeichnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die Relativkonstruktion
2.1 Kanonische Relativsätze
2.2 Nicht-kanonische relativische Phänomene
3. Erstspracherwerb von Relativkonstruktionen
3.1 Übersicht
3.2 Methode
3.3 Analyse
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Erwerb von Relativsätzen im Deutschen unter Berücksichtigung sowohl klassischer grammatiktheoretischer Ansätze als auch empirischer Daten zur Sprachentwicklung bei Kindern. Das zentrale Ziel ist es, den Prozess der Emergenz von Relativkonstruktionen nachzuzeichnen und insbesondere die Rolle von Verb-zweit-Relativsätzen als Schwellenphänomen im kindlichen Spracherwerb zu analysieren.
- Grammatische Definition und Analyse von Relativkonstruktionen
- Unterscheidung zwischen kanonischen Relativsätzen und Verb-zweit-Phänomenen
- Empirische Untersuchung des Erstspracherwerbs von Relativsätzen
- Die Bedeutung der Korrelation zwischen Wortstellung und semantischem Kopf
- Konstruktionsgrammatische Betrachtung der Sprachentwicklung
Auszug aus dem Buch
2.2 Nicht-kanonische relativische Phänomene
Für die Erwerbsuntersuchung wichtig ist die syntaktische Struktur der vom Kind produzierten Relativkonstruktionen. Um die zielsprachliche Übereinstimmung der kindlichen Äußerungen zu prüfen, muss man ihre Sprachdaten nach adulten Mustern durchsuchen – in unser Betrachtung die Verbendstellung beim Relativsatz. Aufgrund einer solchen dichotomischen Differenzierung kommt man zu dem Ergebnis, dass (4) zielsprachlich korrekt gebildet wurde, (3) aber nicht:
(3) Da ist Michael, der hat mir gestern geholfen. (V2)
(4) Da ist Michael, der mir gestern geholfen hat. (VL)
Eine Konstruktion wie (3) gilt in formalen Grammatiken als Parataxe, da zwei Hauptsätze nebengeordnet scheinen. Andererseits erfüllt der ‚zweite Satz‘ offensichtlich die selbe semantische Funktion wie der relativische Teilsatz in (4). Auch lässt sich der Status des Pronomens nicht eindeutig bestimmen – handelt es sich um ein Relativpronomen oder nicht? Eine eigene Form wie im Englischen (‚that’) existiert im Deutschen nicht. Brandt et al. schreiben: „V2-relatives are defined as constructions that differ from ordinary relative clauses only by the position of the finite verb.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Dieser Abschnitt erläutert die Bedeutung der Erwerbsforschung von Relativsätzen als Schnittpunkt komplexer Sprachstrukturen und stellt die Zielsetzung der Arbeit sowie die grundlegende Arbeitshypothese vor.
2. Die Relativkonstruktion: Hier werden theoretische Ansätze zur Relativkonstruktion beleuchtet, wobei zwischen kanonischen Relativsätzen und dem wissenschaftlich kontroversen Phänomen der Verb-zweit-Relativsätze unterschieden wird.
3. Erstspracherwerb von Relativkonstruktionen: Dieses Kapitel präsentiert die empirische Analyse der Sprachproduktion eines Kindes und zeigt die graduelle Transformation von einfachen V2-Strukturen hin zu zielsprachlichen Verb-letzt-Konstruktionen auf.
4. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass der Erwerb von Relativkonstruktionen ein gradueller, inkrementeller Prozess ist, bei dem das Kind vorhandenes Wissen nutzt, um zunehmend komplexe, zielsprachliche Strukturen zu entwickeln.
Schlüsselwörter
Relativsätze, Spracherwerb, Erstspracherwerb, Verb-zweit-Relativsätze, Syntax, Konstruktionsgrammatik, Sprachproduktion, Längsschnittstudie, Grammatiktheorie, Relativkonstruktion, Verbendstellung, Sprachwandel, Empirische Linguistik, Kognitive Linguistik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Erwerb von deutschen Relativsätzen bei Kindern und analysiert den Weg von frühen, hauptsatzähnlichen Konstruktionen bis zur Beherrschung der komplexen, zielsprachlichen Verb-letzt-Struktur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die theoretische Definition von Relativkonstruktionen, die Abgrenzung von kanonischen und nicht-kanonischen Relativsätzen sowie die empirische Untersuchung der Sprachentwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, zu zeigen, wie Kinder durch eine graduelle Entwicklung von einfachen zu komplexen Strukturen Relativsätze erwerben, wobei Verb-zweit-Relativsätze als notwendige "Schwellenphänomene" dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf der Auswertung einer umfangreichen Längsschnittstudie, die die Sprachproduktion eines Kindes über mehrere Jahre hinweg korpusgestützt analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt zunächst eine theoretische Einordnung des Relativsyntagmas, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Erwerbsdaten, die die Korrelation zwischen kindlichem Alter und der Verwendung spezifischer Wortstellungsmuster aufzeigt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Spracherwerb, Relativsätze, Verb-zweit-Konstruktionen, Konstruktionsgrammatik und empirische Analyse geprägt.
Warum sind V2-Relativsätze für Kinder von Bedeutung?
Sie dienen laut der Analyse als "Transgressionszone" oder Schwellenphänomen, die es dem Kind ermöglichen, komplexere Strukturen zu erwerben, indem sie von einfachen Hauptsatzstrukturen ausgehend das System der Relativsätze aufbauen.
Wie verändert sich die Sprachproduktion des Kindes über die Jahre?
Die Untersuchung belegt einen "crucial shift" von vorwiegend V2-Strukturen in der frühen Kindheit hin zu einer zunehmend systematischen Verwendung der korrekten Verb-letzt-Struktur bei älteren Kindern.
- Arbeit zitieren
- Frank Haberland (Autor:in), 2013, Der Erwerb von Relativsätzen im Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/382009