Der politische Aurobindo und sein Wirken auf die Unabhängigkeitsbewegung Indiens


Essay, 2011
11 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kindheit und Jugend in England

3. Politisches Leben und Wirken in Indien

4. Zusammenfassung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“Nationalismus ist eine Religion, kraft deren wir Gott

in der Nation zu realisieren versuchen (…).“[1]

Aurobindo Ghose oder auch Sri Aurobindo, wie er in seinen späteren Lebensjahren genannt wurde, in denen er sich asketisch dem geistigen Leben widmete,[2] ist ein indischer Revolutionär der ersten Stunde gewesen. Gerade dem Kleinkindalter entwachsen wurde Aurobindo von der Familie getrennt und wuchs in Europa fernab der Heimat auf. Als junger Erwachsener kehrte er schließlich nach Indien zurück, wo er sich dem politischen Kampf um die nationale Unabhängigkeit Indiens verschrieb. Gleichzeitig erwachte sein spirituelles Interesse und Studium,[3] was zu einer innovativen und provokanten Verschmelzung von politischen und spirituellen Theorien führen sollte. Obwohl Aurobindo nur wenige Jahre zu Anfang des 20. Jahrhunderts politisch aktiv gewesen ist, sollten seine radikalen Grundsätze und revolutionären Ideen noch Jahrzehnte später Einfluss auf die politische Meinung der indischen Gesellschaft haben.[4]

In einer seiner ersten spirituellen Sitzungen erschien Aurobindo der bengalische Mystiker Ramakrishna in einer Vision, der ihm den Auftrag erteilte, einen Tempel zu errichten, in welchem ein Kult zur Verehrung der Shakti als Muttergöttin etabliert werden sollte.[5] Die Verehrung der Muttergöttin in Gestalt des Heiligen Landes Indien war der Aspekt in Ramakrishnas religions-philosophischen Thesen, der für Aurobindos politisches und spirituelles Denken zentral werden sollte.[6] Die Konsequenz, die sich für Aurobindo prinzipiell aus diesem Denken ergab, war die Verpflichtung eines jeden gläubigen Hindus, sich persönlich für die politische Unabhängigkeit und die absolute Freiheit der Heiligen Mutter Indien einzusetzen.[7]

2. Kindheit und Jugend in England

Aurobindo Ghose wurde geboren am 15.08.1872 als dritter Sohn einer Familie aus der Brahmanenkaste in Kalkutta, Bengalen.[8] Sein Vater, der Arzt Krishnadhan Ghose, hatte seinerzeit ein Medizinstudium in England absolviert und war „völlig anglisiert und verwestlicht“[9] nach Indien zurückgekehrt.[10] Die Mutter Aurobindos war eine „fromme Hindu-Frau“[11] und man kann davon ausgehen, dass Aurobindo bereits in seinen frühen Lebensjahren von den Legenden des bengalischen Vishnuismus und Shivaismus tangiert worden war.[12]

Bereits im frühen Kindesalter wurde Aurobindo zunächst in ein englisches Internat nach Darjeeling geschickt, und kurze Zeit später in Begleitung seiner beiden älteren Brüder weiter nach England.[13] Nach dem Abschluss seiner Schulausbildung gelang es Aurobindo ein Stipendium an der Universität von Cambridge zu erwerben, das ihm ein breitgefächertes Studium von Geisteswissenschaften und europäischen Sprachen eröffnen sollte. In seiner Studentenzeit schloss sich Aurobindo einem indisch-nationalen Studentenverband an, der die gemäßigte Politik des indischen Nationalkongresses radikal ablehnte und deswegen bei den britischen Behörden unter Beobachtung stand.[14] Außerdem war er Mitglied in der extremistischen Gruppierung „Lotus und Dolch“,[15] deren Mitglieder sich eidgenössisch dazu verpflichtet hatten, im Kampf gegen die Fremdherrschaft eine „persönliche Aufgabe“[16] zu übernehmen. In beiden Gruppen zeichnete sich Aurobindo durch sein Engagement und seine revolutionären Reden aus.[17] Insofern scheint es nicht verwunderlich, dass der junge Aurobindo, dessen Vater eine Anstellung im indisch-britischen Staatsdienst für seinen Sohn gewünscht hatte, keine Beamtenlaufbahn eingeschlagen hat.[18]

3. Politisches Leben und Wirken in Indien

Mit 21 Jahren kehrte Aurobindo in seine Heimat zurück und im Jahr 1892 trat er in den Dienst des Maharajas von Baroda ein, einem Fürstenstaat im heutigen Gujarat. Bereits kurz nach seiner Rückkehr nach Indien veröffentlichte er zwei Aufsatzreihen. Mit der einen Serie, die den Titel „New Lamps for Old“[19] trug, sorgte er für politischen Zündstoff, da er die gemäßigte Haltung des Nationalkongresses scharf kritisierte und anprangerte. Aurobindo forderte in seinen Schriften indirekt die absolute Unabhängigkeit Indiens, wobei seine Formulierungen, mit denen er dieser Forderung Ausdruck verlieh, seine Verwurzelung in englischer Sprache und Bildung erkennen lassen. Er polarisierte mit seinen revolutionären Ansichten und Gedanken die öffentliche Meinung derart, dass weitere Publikationen eingestellt wurden.[20]

Im Jahr 1900 erhält Aurobindo eine Professur für Englisch an der Universität von Baroda. Ebenfalls zu dieser Zeit begann seine spirituelle Suche, indem er sich einem Guru anvertraute und sich intensiv dem Yoga widmete. Ferner führte er umfangreiche Studien zu indischen Sprachen, unter anderem erlernte er Sanskrit und Bengalisch.[21] Nachdem Aurobindo durch den vorgelebten christlichen Glauben in England eher abgeschreckt worden war, wie er selbst berichtete, hatte er seit seiner Ankunft in Indien fortlaufend spirituelle Erlebnisse. Im Hinblick auf seine Yoga-Übungen verstand Aurobindo die geistige Disziplin, die er dort praktizierte, als den ausschlaggebenden Aspekt seiner mentalen Kraft und Stärke, die ihn seine politische „Mission“[22] verfolgen lassen.

Im Jahr 1903 siedelte er nach Bengalen über und als dort zwei Jahre später die Teilung des Landes bevorstand, gehörte er zu den Aktivisten, die eine radikale Unabhängigkeitsbewegung entfachten.[23] In einem britischen Geheimbericht des Jahres 1908 wird er als „wichtigster Berater der revolutionären Partei“ und somit als „wichtigster Anführer“ eingestuft.[24] Aurobindo verfügte über weitreichende Verbindungen, jedoch hielt er sich in Bezug auf seine Aktivitäten stets bedeckt, sodass ihm die britischen Behörden keine konkreten Vorwürfe nachweisen konnten.[25] Der Geheimbericht verrät indes, dass Aurobindo innerhalb der Bewegung eher im Hintergrund agierte und auf geistiger Ebene die nationale Bewegung entscheidend beeinflusst und geprägt hatte.

Im Jahr 1906 erschien seine erste Zeitung mit dem Namen „Bande Mataram“, dem „religiösen Schlachtruf“ der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Aurobindo war der erste Revolutionär Indiens, der nun mittlerweile öffentlich die absolute Unabhängigkeit, svaraj forderte.[26] Nach seinem politisch-religiösen Verständnis bildete staatliche Autonomie die fundamentale Voraussetzung für jeden gesellschaftlichen Fortschritt eines Landes.[27] In seinen Aufsätzen, in denen er die Einzigartigkeit Indiens hervorhebt und den Anbruch einer neuen Zeit verkündet, wird ein universaler Anspruch deutlich, indem Aurobindo die politische Weltlage seiner Zeit als entscheidende Etappe im „göttlichen Heilsplan“[28] auslegte, durch die eine geistige Vollendung der Menschheit überhaupt erst möglich gemacht wird. Demnach wird das politische Erwachen Indiens und das selbstbewusste Erstarken der indischen Gesellschaft aufgrund der kulturellen Überlegenheit Indiens zwangsläufig in der absoluten Unabhängigkeit münden. Die Entwicklung seines Landes, sowohl die historische als auch die gegenwärtige, enthält eine spirituelle Botschaft von geistiger Erkenntnis und Vollendung für die ganze Welt.[29] Dabei betont Aurobindo die Vorläufigkeit und Relativität der Nationalbewegungen im Allgemeinen, denn für ihn stellt der Nationalismus nicht nur eine entscheidende Durchgangsstation eines jeden Volkes auf dem Weg zu staatlicher Autonomie dar.[30] Vielmehr sieht Aurobindo in dem nationalen Streben nach politischer Unabhängigkeit und der tatsächlichen Verwirklichung eine unerlässliche Voraussetzung zur Verinnerlichung und Entfaltung der eigenen Identität.[31] Durch die nationale Identitätssuche erreicht zuerst die Gemeinschaft Erkenntnis über das eigene Wesen, und durch die Freiheit der Nation wird es schließlich dem Individuum möglich, „geistliche Vollendung“[32] zu erreichen.

Der radikale Aurobindo unterschied im Unabhängigkeitskampf der Nationalisten zwischen drei Arten des Widerstandes: zuerst der bewaffnete, als nächstes der aggressive, aber unbewaffnete und zuletzt der defensive Widerstand, der sowohl aktiv als auch passiv sein könne. In Anbetracht der seinerzeit „ungerüsteten“ Situation Indiens bewertete Aurobindo den passiv geleisteten, defensiven Widerstand als das einzig opportune Mittel für einen erfolgreichen Befreiungskampf. Diese Einstufung bedeutete jedoch keinesfalls, dass er die anderen Arten des Widerstandes als kriminell oder ungerechtfertigt betrachtete.[33]

Das Befürworten von politischer Gewalt ergab sich für Aurobindo aus ethisch-religiösen Aspekten und in seinen Aufsätzen suchte er mittels philosophischer Konzepte des Hinduismus seine radikalen Ansichten zu legitimieren. Er interpretierte die indische Nationalbewegung auf einer spirituellen Ebene mit religiösen Bildern und Begriffen, die er der Bhagavad Gita entlehnte, einem philosophischen Text aus den hinduistischen Schriften, von dessen Inhalt auch Mahatma Gandhi seinen gewaltlosen Widerstand herleitete. In dieser überlieferten Dichtung erscheint das göttliche Wesen Krishna dem Krieger Arjuna. Diesem dient Krishna als Wagenlenker in einer Schlacht, die der Krieger gegen seine nahen Verwandten zu führen hat. Durch die Umstände dieser Schlacht in tiefe Gewissensbisse gestürzt, ringt Arjuna innerlich mit sich selbst, um seine ethisch-moralischen Wertvorstellungen in Einklang mit seinen sozialen Pflichten zu bringen, als sich ihm der Gott Vishnu als Inkarnation in Krishna offenbart.[34]

Da sich Aurobindo ebenfalls von göttlicher Macht gelenkt und berufen fühlte, entwickelte er zur Durchsetzung seiner politischen Ziele und zur Erfüllung seiner Berufung einen dreifachen Plan.[35] Dieser Plan sah zunächst vor, die öffentliche Meinung für sich und seine Ideen zu gewinnen, mit deren Unterstützung als nächstes der Nationalkongress gefügig gemacht werden sollte, um schließlich die ganze Nation zu einem „gewaltsamen Aufstand“[36] mobilisieren und koordinieren zu können. Unter der Bevölkerung fanden Aurobindos Schriftreihen bereits erheblichen Anklang und großen Zuspruch, wohingegen sein Agieren innerhalb des Nationalkongresses nicht den gewünschten Erfolg nach sich ziehen konnte. Auf der Kongress-Tagung des Jahres 1907 erfolgte die Abspaltung der radikalen Kräfte.[37] Hinsichtlich des dritten Punktes auf seiner Agenda wurde er von den staatlichen Behörden mit einem Bombenattentat im Jahre 1908 in Verbindung gebracht.[38] Im Zuge der kriminalistischen Ermittlungen ergingen über einhundert Haftbefehle und auch Aurobindo wurde als einer der 36 Hauptangeklagten in Untersuchungshaft genommen und für die Dauer des Gerichtsprozesses arretiert.[39] Nach einem Jahr Gerichtsverhandlung konnte sein Anwalt den Freispruch von allen Schuldvorwürfen erreichen, womit Aurobindo der einzige Angeklagte war, der vollständig entlastet worden war.[40]

Den Umstand seines Freispruchs erklärte Aurobindo selber als den Willen Gottes, der sich Aurobindo während der Zeit seiner Inhaftierung fortlaufend in unterschiedlichen Visionen und Auditionen offenbart hatte.[41] Während seines Gefängnisaufenthaltes und nach dem Freispruch hatte sich Aurobindos Selbstverständnis drastisch gewandelt.[42] Wieder in Freiheit gab Aurobindo entgegen aller Erwartungen seine politischen Ambitionen vollkommen auf.[43] Zwar verfolgte er weiterhin die politische Entwicklung seines Landes, doch zum aktuellen Zeitgeschehen äußerte er sich nur noch selten öffentlich.[44]

[...]


[1] Wolff, Otto: Indiens Beitrag zum neuen Menschenbild: Ramakrishna, Gandhi, Sri Aurobindo. Hamburg 1957. S. 102. Dieses Zitat war das „Glaubensbekenntnis“ von Aurobindo vor seiner inneren Wende im Jahre 1908. Zur Untrennbarkeit von Aurobindos politischen Ideen und seinen religiösen Überzeugungen siehe ebenfalls: Klimkeit, Hans-Joachim: Der politische Hinduismus: indische Denker zwischen religiöser Reform und politischem Erwachen. Wiesbaden 1981. S. 132 - 139.

[2] Klimkeit, 118.

[3] Ebd., S. 120.

[4] Wolff, S. 110.

[5] Klimkeit, S. 120.

[6] Klimkeit, S. 121.

[7] Singh, Karan: Prophet of the Indian Nationalism. A Study of the Political Thought of Sri Aurobindo Ghosh 1893 - 1910. London 1963. Zu Aurobindos Theorie über die Entwicklung einer spirituellen Evolution in Synthese mit seinem politischen Begriff von Nation und Nationalismus siehe S. 66 - 85.

[8] Klimkeit, S. 118.

[9] Willers, Christiane: Die Aurobindo-Bewegung. Bestandsaufnahme und Strukturen in feldtheoretischer Perspektive. Frankfurt am Main 1988. S. 39. Zitat siehe Klimkeit, S. 118.

[10] Willers, S. 39.

[11] Klimkeit, S. 118.

[12] Klimkeit, S. 118/9.

[13] Klimkeit, S. 118. Über das genaue Alter herrscht Unklarheit. Klimkeit setzt das Alter mit sieben Jahren fest, doch bei Willers zum Beispiel ist Aurobindo zum Zeitpunkt seiner Trennung von Familie und Heimat erst fünf Jahre alt, S. 39.

[14] Klimkeit, S. 119.

[15] Klimkeit, S. 120.

[16] Wolff, S. 99.

[17] Klimkeit, S. 119.

[18] Ebd. Siehe auch Wolff, S. 99. Obwohl Aurobindo die Aufnahmeprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, wurde er mit der offiziellen Begründung, die Reitprüfung verfehlt zu haben, disqualifiziert.

[19] Klimkeit, S. 120. In der zweiten Aufsatzreihe betrachtete er den bengalischen Denker Bankim Chandra Chatterji im Spiegel der indischen Renaissance und stellt dessen Leistungen als besonders wegweisend dar.

[20] Klimkeit, S. 120.

[21] Ebd.

[22] Klimkeit, S. 121.

[23] Klimkeit, S. 121/2.

[24] Klimkeit, S. 122.

[25] Klimkeit, S. 122/3. „Die rechtlichen Beweismittel [für Aurobindos Mitarbeit an dem Bombenattentat von 1908] sind nicht stark“.

[26] Wolff, S. 101.

[27] Klimkeit, S. 123.

[28] Klimkeit, S. 124.

[29] Ebd.

[30] Klimkeit, S. 124.

[31] Ebd.

[32] Ebd.

[33] Klimkeit, S. 125.

[34] Ebd.

[35] Klimkeit, S. 126.

[36] Klimkeit, S. 126.

[37] Ebd.

[38] Klimkeit, S. 126. Siehe auch Wolff, S. 102.

[39] Wolff, S. 103.

[40] Ebd.

[41] Wolff, S. 104. Siehe auch Klimkeit, S. 126.

[42] Wolff, S. 104.

[43] Klimkeit, S. 127.

[44] Willers, S. 44/45.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Der politische Aurobindo und sein Wirken auf die Unabhängigkeitsbewegung Indiens
Hochschule
Universität Hamburg  (Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Indien: Politischer Hinduismus
Note
2
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V382039
ISBN (eBook)
9783668579323
ISBN (Buch)
9783668579330
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hinduismus, Indien, Religion, Aurobindo, Politik, Nationalismus, Unabhängigkeitsbewegung
Arbeit zitieren
Sophie Erichsen (Autor), 2011, Der politische Aurobindo und sein Wirken auf die Unabhängigkeitsbewegung Indiens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/382039

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