Seit mehr als 40 Jahren stellt der Begriff des "unreliable narrator" eine wichtige Kategorie in der Erzählanalyse dar. In einschlägigen Lexika der narratologischen Terminologie, in propädeutischen Handbüchern und in zahlreichen erzähltheoretischen Studien finden sich Definitionen des Begriffs ‚unreliable narration‘, doch mangelt es abgesehen von vielen Aufsätzen zu einzelnen Autoren und Romanen an fundierten Studien zur Theorie, Praxis und Geschichte des ‚unglaubwürdigen Erzählens‘.
Die unzuverlässige Erzählinstanz führt in die Irre und fordert den Rezipienten zu einem Spiel auf: Zum Spiel mit der Täuschung und mit der Hinterfragung der eigenen Wahrnehmung. Dieser nimmt die Herausforderung bereitwillig an. Für die Literatur funktioniert dies ebenso wie für die Leinwand. Daher erfreuen sich die Kinofilme und nicht zuletzt auch die TV-Produktionen großer Beliebtheit, die unzuverlässiges Bildmaterial einsetzen.
Die Fragen, die das Gebiet des unzuverlässigen Erzählens aufwirft, sind sowohl in der Film- als auch in der Literaturwissenschaft trotz mannigfaltiger Essays und Publikationen zum Thema noch nicht klar beantwortet worden. So gibt nach wie vor noch keine detaillierten und systematischen Aussagen darüber, warum ein Rezipient die Erzählinstanzen gewisser Texte als unzuverlässig einstuft.
Daher befasst sich diese Magisterarbeit mit der systematischen Zusammenstellung des aktuellen theoretischen Diskussionsstandes und seiner Anwendbarkeit auf den Film:
• Was bedeutet ‚unzuverlässiges Erzählen‘?
• Welche Kriterien liegen dem zugrunde?
• Auf welcher Grundlage wird ein Unverlässlichkeits¬urteil gefällt?
• Welche medienspezifischen Charakteristika lassen sich kategorisieren?
• Inwiefern unterscheiden sich die einzelnen theoretischen Ansätze?
Die Arbeit ist in einen theoretischen Vorbau und eine detaillierte Filmanalyse gegliedert. Ausgehend vom methodologischen Ansatz Gérard Genettes, stelle ich den Stand der Literaturtheorie zum unzuverlässigen Erzählen unter Rückbezug auf Wayne Booth sowie Seymour Chatman und deren Kritiker wie Nünning et al. dar. Anschließend folgt ein Vergleich zur Anwendbarkeit auf den Film (unter besonderer Berücksichtigung des "Voice-Over"), der durch einen Exkurs zur neoformalistischen Filmanalyse ergänzt wird.
Schließlich exemplifiziere ich die herausgearbeiteten Resultate anhand einer Detailanalyse des Spielfilms THE END OF THE AFFAIR (GB 1999, Neil Jordan).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Terminus des „unzuverlässigen Erzählers“
2.1. Grundbegriffe der Narrationstheorie
2.2. Der „unreliable narrator“ in der Literaturwissenschaft
2.3. Die Verbindung zum Film
3. Filmisches Erzählen: Der unzuverlässige Erzähler im Film
3.1. Exkurs: Neoformalistische Filmanalyse
3.2. Pro und kontra filmischer Erzähler: Voice-Over als Fingierung personalen Erzählens
3.3. Unzuverlässigkeit im Film
3.4. Vorläufiges Fazit
4. Analyse: THE END OF THE AFFAIR
4.1. Einleitung
4.2. Inhaltliche Täuschungen
4.2.1. Das Voice-Over
4.2.2. Doppelstrukturen
4.2.3. Multiperspektivität
4.2.4. Spiegelsymbolik
4.2.5. Täuschende Protagonisten
4.3. Formale Täuschungen
4.3.1. Zeitkonstruktionen
4.3.2. Die Filmmusik
4.4. Zusammenfassende Analyse: „To be is to be perceived“
5. Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des unzuverlässigen Erzählens im Spielfilm unter besonderer Berücksichtigung von Neil Jordans „THE END OF THE AFFAIR“ (1999). Ziel ist es, die theoretischen Kategorien der literaturwissenschaftlichen Erzähltheorie – insbesondere im Hinblick auf Stimme und Modus – auf das Medium Film zu übertragen und durch eine neoformalistische Perspektive zu ergänzen, um aufzuzeigen, wie durch eine selektive Steuerung von Informationen und auditive sowie visuelle Diskrepanzen filmische Unzuverlässigkeit konstruiert wird.
- Systematische Zusammenstellung des aktuellen theoretischen Diskussionsstandes zur „unreliable narration“.
- Analyse der Übertragbarkeit literaturwissenschaftlicher Termini auf die filmische Narrativik.
- Untersuchung der Bedeutung des Voice-Over-Verfahrens als fingierte personale Erzählsituation.
- Detaillierte Filmanalyse von „THE END OF THE AFFAIR“ hinsichtlich inhaltlicher und formaler Täuschungsstrategien.
- Diskussion der Rolle des Zuschauers als aktiver Konstrukteur von filmischer Bedeutung.
Auszug aus dem Buch
4.2.1. Das Voice-Over
Die Skepsis beim Rezipienten wird durch Bendrix´ misstrauische Grundhaltung initiiert, die sich durch die interne Fokalisierung auf der handlungslogischen Ebene auf den Zuschauer überträgt. Der Verdacht um Sarahs neue Affäre nährt die Zweifel und fördert das falsche Interpretieren, und vieles, was im Film folgt, unterstützt so diesen Irrtum. Zwar erwähnt Bendrix´ erzählendes Ich des Öfteren, dass er es „hätte besser wissen müssen“, aber dennoch kann sich der Rezipient dem Irrtumseindruck nur schwer entziehen. Durch Bendrix stellt der Zuschauer ebenso wenig wie er in Frage, was er sieht resp. was vom Detektiv geschildert wird.
Recht klassisch dient das Voice-Over hier der Vermittlung expositionaler Information und verleitet den Rezipienten zur Identifikation mit den Figuren und den kritischen Beobachtungen. In der Funktion eines Bindegliedes hält es die komplizierten Zeitsprünge zusammen und bietet einen verlässlichen Bezugspunkt, der alles zusammenfügt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Forschungsfeld des unzuverlässigen Erzählens und Formulierung der Fragestellungen sowie des methodischen Vorgehens.
2. Zum Terminus des „unzuverlässigen Erzählers“: Theoretische Grundlegung durch narratologische Konzepte, insbesondere von Genette und Booth, und erste Annäherung an die Anwendbarkeit auf den Film.
3. Filmisches Erzählen: Der unzuverlässige Erzähler im Film: Vertiefung der Thematik durch neoformalistische Filmanalyse und Untersuchung des filmischen Voice-Over.
4. Analyse: THE END OF THE AFFAIR: Konkrete Anwendung der erarbeiteten Theorien auf Neil Jordans Spielfilm unter Analyse inhaltlicher und formaler Täuschungsmechanismen.
5. Ausblick: Diskussion offener Fragen und Desiderate der aktuellen Erzähltheorie im Hinblick auf die sich entwickelnde Medienlandschaft.
Schlüsselwörter
Unzuverlässiges Erzählen, unreliable narration, Cinematic Narrator, Narrationstheorie, neoformalistische Filmanalyse, Voice-Over, Fokalisierung, Multiperspektivität, Filmtheorie, Doppelstrukturen, Zuschaueraktivität, Wahrnehmungsprozesse, Zeitkonstruktion, Graham Greene, Neil Jordan.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des unzuverlässigen Erzählens, eine Kategorie aus der Literaturwissenschaft, und analysiert deren Anwendung und Darstellung im Medium Film.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Erzähltheorie nach Genette, die neoformalistische Filmanalyse, die Funktion des Voice-Over sowie die Analyse von Täuschungsstrategien im Spielfilm.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die systematische Erarbeitung theoretischer Kriterien, die erklären, wie Filme einen Zuschauer gezielt durch unzuverlässige Erzählinstanzen irreführen können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Untersuchung nutzt vorrangig narratologische Ansätze der Literaturtheorie in Kombination mit kognitiven und neoformalistischen Filmtheorien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil besteht aus einem theoretischen Vorbau und einer detaillierten Analyse des Films „THE END OF THE AFFAIR“, in der formale und inhaltliche Täuschungsmechanismen untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind „Unzuverlässiges Erzählen“, „Cinematic Narrator“, „Voice-Over“, „Fokalisierung“ und „Multiperspektivität“.
Wie spielt das Voice-Over eine Rolle in „THE END OF THE AFFAIR“?
Das Voice-Over dient als narrative Instanz, die durch ihre subjektive, von Eifersucht geprägte Perspektive eine vermeintliche Wahrheit etabliert, die der Zuschauer unhinterfragt übernimmt.
Warum spielt die Montage eine so entscheidende Rolle für die Unzuverlässigkeit in diesem Film?
Durch unmarkierte Zeitsprünge und das bewusste Auslassen von Informationen in der Montage wird eine Kontinuität vorgetäuscht, die den Zuschauer dazu verleitet, Ereignisse falsch zu kontextualisieren.
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- Michael Himpler (Author), 2004, Der unzuverlässige Erzähler in Neil Jordans "The end of the affair" (GB 1999), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38254