Der Steppenwolf als absurdes Werk. Ein Vergleich der Camus'schen Philosophie mit der Literatur Hermann Hesses.


Seminararbeit, 2013
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Seite 1
2. Das Absurde nach Camus
Seite 2
3. Das Absurde bei Hermann Hesse
Seite 5
3.1 Das Absurde und der Selbstmord
Seite 5
3.2 Die Ewigkeit
Seite 9
3.3 Das Schöne und das Göttliche
Seite 9
4. Schlussbemerkungen
Seite 11
Literaturverzeichnis
Seite 13

1
1. Einleitung
Mit dem ,Absurden` und den Schlüssen, die der Begegnung des Menschen mit
dem Absurden folgen, befasst sich Albert Camus in ,Der Mythos des Sisyphos`.
Dabei nennt Camus zwar die ,absurden Entdeckungen`, sein Schwerpunkt liegt
dabei jedoch auf den Konsequenzen, die jene für den Menschen haben.
Den 1942 erschienenen Essay eröffnet Camus mit dem Satz: ,,Die folgenden
Seiten handeln von einem Sinn für das Absurde, den man in unserem Jahrhun-
dert immer wieder finden kann [...]"
1
. Camus nennt in seinem Werk mehrere Bei-
spiele aus der Literatur, in denen das Absurde auftaucht, darunter beispielsweise
Fjodor Dostojewski. Ziel dieser Arbeit ist es, das Absurde in dem erstmals 1927
erschienenen Roman Der Steppenwolf von Hermann Hesse aufzuzeigen. Der
Steppenwolf, der das Leben des Protagonisten Harry Haller beschreibt, weist
einige thematische Parallelen zum Mythos des Sisyphos auf, die in dieser Arbeit
herausgearbeitet werden sollen, dazu gehören insbesondere der Selbstmord, die
Ewigkeit und die Rolle der Kunst hinsichtlich des Absurden. In einem Vergleich
der beiden ebengenannten Werke soll geklärt werden, an welchen Stellen sie
übereinstimmen bzw. voneinander abweichen. Beantwortet werden soll die Fra-
ge, inwiefern Harry Haller als eine absurde Figur betrachtet werden kann und
ferner, ob der Steppenwolf als ein absurdes Werk aufzufassen ist.
Zunächst soll das Absurde nach Albert Camus, anhand seines Werks Der My-
thos des Sisyphos, genauer erläutert werden. Es soll erklärt werden, wie das
Absurde entsteht, welche Eigenschaften es ausmachen und welche Folgen es
für das menschliche Handeln hat. Den zweiten Teil der Arbeit bildet der Vergleich
des Steppenwolfs mit der Camus`schen Philosophie. Hierbei steht die Frage im
Zentrum, inwieweit Hesses Werk dieser Philosophie entspricht bzw. von ihr ab-
weicht oder ihr gar widerspricht.
1
Zitat aus der Einleitung zu Der Mythos des Sisyphos, vgl. Camus, Albert (2012): Der Mythos des
Sisyphos.
14
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

2
2. Das Absurde nach Camus
Ob es das Leben wert ist, gelebt zu werden oder nicht, erklärt Camus in Der My-
thos des Sisyphos zu einer ,Grundfrage der Philosophie` (vgl. Camus 2012, 15).
Diese Frage gilt es für ihn zu klären, unter der Voraussetzung, dass das Absurde
die einzige, wirkliche Tatsache ist (vgl. ebd., 44).
Das Absurde ist weder einfach in der Welt vorhanden noch als eine dem Men-
schen innewohnende Eigenschaft zu betrachten. Vielmehr entsteht es durch den
,Ruf des Menschen` und das ,vernunftlose Schweigen der Welt` (vgl. Camus
2012, 40). Die Welt an sich ist nicht absurd, erst aus der Gegenüberstellung des
Menschen und der Welt geht das Absurde hervor (vgl. ebd., 42). Camus verwen-
det den Begriff absurd im Sinne von widersprüchlich. Der Widerspruch besteht
dabei vor allem in dem ausgeprägten Bedürfnis des Menschen nach Klarheit und
Sinnhaftigkeit und der Tatsache, dass ihm jede ,wirkliche` Erkenntnis über die
Welt unmöglich ist: ,,Gewiss kann ich die Erscheinungen wissenschaftlich fassen
und aufzählen, doch kann ich damit noch nicht die Welt ergreifen" (ebd., 32). In
dem Moment, in dem der Mensch sich dieser Gewissheit, dass er die Welt mittels
seines Verstandes nicht erklären kann, bewusst wird, begegnet er dem Absur-
den. Dieses Zusammentreffen beschreibt Camus als eine ,,Entzweiung zwischen
dem Menschen und seinem Leben, zwischen dem Handelnden und seinem
Rahmen [...]" (ebd., 18). Der Mensch nimmt die Welt nicht mehr auf die vertraute
Art und Weise wahr, sondern als etwas Fremdes und Unbegreifliches. Gerade
dieses Fremdheitsgefühl sieht Camus als ein wichtiges Charakteristikum des
absurden an.
Das Absurde kann nach Camus an ,,jeder beliebigen Straßenecke jeden beliebi-
gen Menschen anspringen" (Camus 2012, 23). Einen besonderen Zusammen-
hang sieht er jedoch zwischen einem ,mechanischen` Lebensstil und dem ,Über-
druss`:
,,Manchmal stürzen die Kulissen ein. Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fab-
rik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch,
Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus ­ das ist meist ein bequemer
Weg. Eines Tages aber erhebt sich das ,Warum`, und mit diesem Überdruss, in den sich Er-
staunen mischt, fängt alles an." (Camus 2012, 24f.)
Der Mensch wird des immer gleichen Rhythmus, den Camus als mechanisch
bezeichnet, irgendwann überdrüssig. Gleichzeitig beginnt er innezuhalten und
somit die ,Kette` seiner alltäglichen, routinierten Handlungen zu unterbrechen und
nach deren Sinn zu fragen. An dieser Stelle hat der Mensch nach Camus zwei
Möglichkeiten: entweder die ,,unbewusste Rückkehr in die Kette oder das endgül-

3
tige Erwachen" (Camus 2012, 25). Der Mensch kann also wieder zum gewohnten
Alltag übergehen oder sich aber mit einem neuen ,Bewusstsein` mit seiner Situa-
tion auseinandersetzen. Das neue Bewusstsein bedeutet zugleich, dass er sich
mit dem Absurden befassen muss. Es stellt sich nach Camus nun die Frage, ob
der Selbstmord oder die ,Wiederherstellung` die Lösung für das Problem des Ab-
surden ist.
Camus entscheidet sich letztlich gegen den Selbstmord als logische Konsequenz
des Absurden, stattdessen kommt er zu einem Lösungsansatz, der im Wesentli-
chen auf drei Schlussfolgerungen basiert, die er aus der Begegnung des Men-
schen mit dem Absurden zieht: Auflehnung, Freiheit und Leidenschaft. Mit der
Auflehnung meint Camus den ,Kampf` gegen das Absurde, das der Mensch zwar
anerkennen, sich ihm jedoch gleichzeitig widersetzen muss. Er ,,verachtet die
Vernunft nicht absolut und lässt das Irrationale zu" (Camus 2012, 50). Erst die
Auflehnung gegen das Absurde verleiht nach Camus dem Menschenleben sei-
nen Wert, aber dazu muss man das Absurde ,leben lassen` (vgl. ebd., 68). Somit
kann der Selbstmord nicht die logische Konsequenz des Absurden sein, denn
dadurch stellt sich der Mensch dem Problem des Absurden nicht, sondern zieht
es gewissermaßen mit sich in den Tod (vgl. ebd., 67f.). Auch wenn der Selbst-
mord das Absurde ,auf seine Weise` löst, ist er keine Lösung für das eigentliche
Problem, da dieses dem Selbstmord entgeht, ,,in dem Maße, wie es gleichzeitig
Bewusstsein und Ablehnung des Todes ist" (vgl. ebd., 68).Doch nicht nur der
Selbstmord verkennt das Absurde, auch der ,philosophische Selbstmord` löst das
Absurde auf seine Weise auf. Dies kann auf zwei verschiedene Weisen erfolgen:
zum einen durch puren Rationalismus, der die Welt in wissenschaftliche Gesetze
fasst und dadurch meint, sie zu verstehen. Nach Camus Theorie besteht der
Fehler der Rationalisten darin, dass sie immer noch an die ,wahre Erkenntnis`
glauben. Sie können vielleicht bestimmte Erscheinungen aufzählen, die sie in der
Welt wahrnehmen, doch die Welt und deren Sinn können sie dadurch nicht erklä-
ren (vgl. ebd., 30ff.). Desweiteren spricht Camus von den Existenzphilosophen
als ,philosophischen Selbstmördern`, da diese das Absurde zwar erkennen und
aufzeigen, ihr Denken im nächsten Schritt jedoch negieren, um schließlich doch
die ,Flucht` vorzuschlagen:
,,Ausgegangen vom Absurden auf den Trümmern der Vernunft in einer geschlossenen, auf
das Menschliche begrenzten Welt, vergöttlichen sie durch einen sonderbaren Schluss, was
sie niederdrückt, und sie finden einen Grund zur Hoffnung in dem, was sie hilflos macht.
Diese erzwungene Hoffnung ist bei allen wesenhaft religiös." (Camus 2012, 45)

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Die Vernunft wird verneint, um das Metaphysische zuzulassen, doch für Camus
bleibt das Absurde die einzige Tatsache und diese führt für ihn nicht zu Gott, zu-
mal es seiner bisherigen Logik widersprechen würde und sein Verstand es nicht
zulässt (vgl. ebd., 53). Die Existenzialisten gelangen so am Ende doch wieder zur
Hoffnung. Die Auflehnung gegen das Absurde geht jedoch notwendigerweise
einher mit der Abwesenheit von Hoffnung, was nicht bedeutet, dass der Mensch
deswegen unzufrieden ist. Er kann jedoch nicht auf etwas Zukünftiges hoffen,
beispielsweise ein Leben nach dem Tod, denn dieser Gedanke würde das Ab-
surde ebenfalls auflösen. Für einen Menschen, der das Absurde anerkennt, gibt
es ,kein Morgen` (vgl. ebd., 71).
Das Absurde begrenzt das menschliche Dasein auf eine Lebenszeit, allerdings
gibt es dem Menschen seine Freiheit zurück:
,,Die einzige Freiheit, die ich kenne, ist die des Geistes und des Handelns. Das Absurde
macht zwar alle meine Chancen einer ewigen Freiheit zunichte, doch gibt es mir eine Hand-
lungsfreiheit wieder und feiert sie. Dieser Verlust an Hoffnung und Zukunft bedeutet für den
Menschen einen Zuwachs an Beweglichkeit." (Camus 2012, 70)
Der absurde Mensch hat zwar keine Hoffnung auf ein ewiges Leben, dafür ist er
frei in seinen Handlungen, da er dabei weder höhere Lebensziele verfolgt, noch
in dem Glauben an ein göttliches Wesen handelt. Die Konsequenzen der
menschlichen Handlungen insgesamt verlieren an Bedeutung, da der absurde
Mensch nicht für die Zukunft, sondern im Hier und Jetzt lebt. Nach Camus soll
der Mensch also nicht nach ,höheren` Zielen streben und versuchen, seinem Le-
ben dadurch Sinn zu geben, einen Wert bekommt es vielmehr dadurch, dass der
Mensch ,leidenschaftlich` ist. Er soll sich zum einen leidenschaftlich gegen das
Absurde auflehnen, zum anderen soll er ,,sein Leben, seine Auflehnung und sei-
ne Freiheit so stark wie möglich empfinden, das heißt: so intensiv wie möglich
leben" (Camus 2012, 76). Der Mensch soll so ,viel` wie möglich leben, was nicht
an der Dauer des Menschenlebens zu messen ist, sondern an dessen Intensität.
Im nächsten Kapitel sollen zunächst die Anzeichen für das Absurde in Hermann
Hesses Roman Der Steppenwolf aufgezeigt werden. Desweiteren wird analysiert,
inwiefern der Umgang mit dem Absurden im Steppenwolf der Vorstellungsweise
Camus entspricht oder ob der Protagonist Harry Haller als philosophischer
Selbstmörder zu betrachten ist. Verglichen werden dabei hauptsächlich die An-
sichtsweisen beider Werke hinsichtlich des Selbstmordes, der Ewigkeit, dem
Göttlichen und dem Schönen bzw. der Kunst.
Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Steppenwolf als absurdes Werk. Ein Vergleich der Camus'schen Philosophie mit der Literatur Hermann Hesses.
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V383019
ISBN (eBook)
9783668621893
ISBN (Buch)
9783668621909
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
steppenwolf, werk, vergleich, camus, philosophie, literatur, hermann, hesses
Arbeit zitieren
Laura Horst (Autor), 2013, Der Steppenwolf als absurdes Werk. Ein Vergleich der Camus'schen Philosophie mit der Literatur Hermann Hesses., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383019

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