Untersucht man die Aufgaben eines Kritikers und beschäftigt man sich mit seinen Vorgehensweisen, so stellt man schnell fest, dass folgende, zwar leicht gegensätzliche Zitate den Kern und die Problemstellung der kritischen Arbeit sehr gut erfassen: Einerseits ist die Aufgabe des Kritikers nach Thomas Stearn Eliots Criticism of Criticism of Criticism „die Reaktion zwischen Kunstwerk und Betrachter zu provozieren“ jedoch andererseits „[lässt] der Kritiker [...] den Künstler, den er nicht versteht, [nach Polgar] das fühlen. Er behandelt ihn sehr von unten herab." (Polgar, 2004).
Anhand dieser beiden Zitate soll die Beziehung zwischen dem stark diskutierten Schriftsteller Dostoevskij und dem größten literarischen Kritiker seiner Zeit Belinskij erörtert und analysiert werden. Insbesondere sei darauf zu achten, inwiefern Belinskij Dostoevskij in seinen politischen, gesellschaftlichen und somit auch schriftstellerischen Ansichten beeinflusst oder gar geformt hat. Denn nach T. G. Masaryk habe kein zweiter Russe die intime Seele seines Volkes so analysiert wie Dostoevskij. Kein anderer habe, wie er, den Versuch gemacht, die historischen und sozialen Tatsachen als Äußerungen der russischen Seele zu begreifen und die letzten treibenden Kräfte des russischen Staats- und Volkslebens darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Einordnung in den historischen Kontext
3 Vissarion Grigor‘evič Belinskij
4 Fëdor Michajlovič Dostoevskij
4.1 Erste literarische Einflüsse auf Dostoevskij
5 Das Zusammentreffen Belinskijs und Dostoevskijs
5.1 Der politische und religiöse Konflikt in Belinskijs und Dostoevskijs Ansichten - Die Westler-
5.2 Der politische und religiöse Konflikt in Belinskijs und Dostoevskijs Ansichten -Einfluss der Beketov Brüder und Fouriers-
5.3 Dostoevskijs und Belinskijs Ansichten zur Frauenfrage
6 Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Beziehung zwischen dem russischen Schriftsteller Fëdor Dostoevskij und dem Literaturkritiker Vissarion Belinskij. Dabei wird analysiert, inwieweit Belinskij Dostoevskijs schriftstellerische Entwicklung sowie dessen politische und religiöse Ansichten geformt oder beeinflusst hat, und wie sich dieses Verhältnis im Laufe der Zeit wandelte.
- Biografische Hintergründe von Dostoevskij und Belinskij.
- Die ideologische Auseinandersetzung zwischen Westlern und Slavophilen.
- Dostoevskijs Kritik am Sozialismus und Atheismus in Bezug auf Belinskij.
- Die unterschiedlichen Ansichten beider Persönlichkeiten zur Frauenfrage.
- Die Bedeutung von Belinskij als Leitfigur und späteres Feindbild für Dostoevskij.
Auszug aus dem Buch
5 Das Zusammentreffen Belinskijs und Dostoevskijs
Schon in seinen jungen Schriftstellerjahren engagierte Dostoevskij sich in literarischen Zirkeln und Kreisen. So trat er auch im Jahre 1844 einer Gruppe junger Schriftsteller bei, die sich um Belinskij und Nekrasov gebildet hatte und für die realistische bzw. natürliche Schule eintrat. Diese Schule forderte die Literaten dazu auf mit Hilfe literarischer Mittel naturgetreu und ohne jegliches Verschönern und Verklären die Realität darzustellen. Hierfür wurde auch auf Mittel wie Ironie und Humor zurückgegriffen. Vor diesem Hintergrund erschien im Jahre 1846 Dostoevskijs Roman Arme Leute, der ihn über Nacht bekannt machte. Der Roman thematisierte eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen einem älteren Beamten und einer jungen Frau.
Nekrasov reagierte auf diesen Roman voller Freude mit dem berühmten Ausruf „Ein neuer Gogol ist erschienen“ (Fjodor M. Dostojewski; 1996: 531.) woraufhin Belinskij ernüchternd erwiderte „Bei euch wachsen die Gogols wie Pilze aus dem Boden.“ (Fjodor M. Dostojewski; 1996: 531.). Jedoch als er den Roman am Folgetag gelesen hatte, wollte er Dostoevskij so schnell wie möglich kennen lernen und herausfinden wer sich dort aus einem bisher unbekannten Schriftstellerdasein hervorhob.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Aufgabenstellung des Kritikers ein und definiert das Forschungsziel, die Beziehung zwischen Dostoevskij und Belinskij zu untersuchen.
2 Einordnung in den historischen Kontext: Dieses Kapitel skizziert die politisch instabile Ära unter Nikolaus I., die durch Repressionen und die Entstehung geheimer Literaturzirkel geprägt war.
3 Vissarion Grigor‘evič Belinskij: Es werden die Biografie, die philosophische Entwicklung und der prägende Einfluss Belinskijs als Kritiker auf die russische Literatur beleuchtet.
4 Fëdor Michajlovič Dostoevskij: Hier wird der Lebensweg Dostoevskijs, von seiner Herkunft im Armenhospital bis zur Hinwendung zum freien Schriftstellerdasein, dargestellt.
4.1 Erste literarische Einflüsse auf Dostoevskij: Dieses Unterkapitel beschreibt die frühromantischen Einflüsse, insbesondere durch Schiller und Puškin, auf den jungen Dostoevskij.
5 Das Zusammentreffen Belinskijs und Dostoevskijs: Das Kapitel analysiert die erste Begegnung der beiden, den Erfolg von "Arme Leute" und die wachsende Bedeutung Belinskijs als Mentor.
5.1 Der politische und religiöse Konflikt in Belinskijs und Dostoevskijs Ansichten - Die Westler-: Die ideologische Kluft zwischen der westlich orientierten Intelligencija und den konservativen, russisch geprägten Ansichten wird erörtert.
5.2 Der politische und religiöse Konflikt in Belinskijs und Dostoevskijs Ansichten -Einfluss der Beketov Brüder und Fouriers-: Der Einfluss des sozialistischen Gedankenguts Fouriers auf den Petraševskij-Zirkel und Dostoevskijs Abgrenzung zu Belinskijs Atheismus werden untersucht.
5.3 Dostoevskijs und Belinskijs Ansichten zur Frauenfrage: Die unterschiedlichen Positionen zur Emanzipation der Frau im Kontext des Sozialismus und der russischen Literaturgeschichte werden verglichen.
6 Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst die Rolle Belinskijs als entscheidendes Leitbild und späteren Antipoden in der Entwicklung Dostoevskijs zusammen.
Schlüsselwörter
Dostoevskij, Belinskij, Literaturkritik, Russland, Westler, Slavophile, Sozialismus, Atheismus, Realismus, Emanzipation, Frauenfrage, Ideologie, Intelligencija, Politische Geschichte, Russische Literatur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung und den Einfluss des einflussreichen Literaturkritikers Vissarion Belinskij auf den Schriftsteller Fëdor Dostoevskij.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die literarische Entwicklung, die politischen Ansichten, religiöse Konflikte, die soziale Frage (insbesondere die Frauenfrage) und der Gegensatz zwischen Westlern und Slavophilen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Belinskij Dostoevskij sowohl als Mentor in dessen Anfangsjahren formte als auch später zu einer Reibungsfigur für Dostoevskijs eigene Weltanschauung wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit nutzt eine historisch-literarische Analyse, basierend auf Primärquellen wie Dostoevskijs Briefen und Tagebüchern sowie einschlägiger Sekundärliteratur zur russischen Geistesgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die biografische Einordnung, die Analyse der persönlichen und literarischen Begegnung, sowie spezifische thematische Konfliktfelder wie Religion, Sozialismus und Frauenemanzipation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Dostoevskij, Belinskij, Westlertum, russische Literaturgeschichte, Sozialismuskritik und intellektuelle Biografie charakterisieren.
Wie veränderte sich Dostoevskijs Einstellung zu Belinskij über die Jahre?
Dostoevskij sah in Belinskij anfangs einen verehrten Mentor und Wegbereiter, betrachtete ihn nach seiner eigenen ideologischen Kehrtwende später jedoch als Symbol für Nihilismus und Atheismus, bevor er ihn in seinen letzten Lebensjahren wieder nuancierter und wohlwollender bewertete.
Welche Rolle spielte die "Goldene Mittelmäßigkeit" in Dostoevskijs Denken?
Dostoevskij nutzte diesen Begriff, um die Unselbstständigkeit und Anpassungsfähigkeit der Westler an fremde Ideologien zu kritisieren und stellte ihr die Bedeutung nationaler und christlicher Werte entgegen.
- Arbeit zitieren
- Janine Heiner (Autor:in), 2009, V. G. Belinskij einer der größten Philosophen und einflussreichsten Kritiker seiner Zeit. Beziehung zu und Einfluss auf Dostoevskij, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383030