Visuelle und Konkrete Poesie. Von Barock bis Moderne


Hausarbeit, 2006
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie und Hintergründe der Visuellen und Konkreten Poesie
2.1 Sprache als Material
2.2 Geschichtliche Hintergründe
2.2.1 Antike, Mittelalter und Renaissance
2.2.2 Barock
2.2.3 Kritik und Neubeginn
2.2.4 Moderne

3 Formen der Konkreten Poesie
3.1 Figurengedichte
3.2 Konstellationen, Ideogramme und Piktogramme
3.3 Permutationen

4 Werkzeuge der Konkreten Poesie
4.1 Wirkungen der verschieden Schriftarten, Schriftgrößen sowie Position des Textes
4.2 Bedeutung von Leerfeldern

5 Analyse und Versuch einer Interpretation eines

Konkreten Gedichtes

Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Visuelle und Konkrete Poesie gehört nicht umsonst zu den abstraktesten Feldern der modernen Dichtungen. Schon viele haben sich versucht mit ihr auseinander zu setzen, und viele sind an ihr gescheitert. Die Konfrontation mit einem Werk, welches sich zu dieser Gruppe zählen kann, ist oftmals von Fragen und Missverständnissen geprägt, denn eine eindeutige Lösung verschließt sich oft dem Leser b.z.w. dem Betrachter. Erst durch ein tiefgehendes Auseinandersetzten mit dem Text oder Bild können ―genauso wie bei jeder anderen Form der Dichtung auch― Ansätze eines Verstehens eintreten. Was der Leser b.z.w. Betrachter mitbringen muss, ist auf jeden Fall viel, viel Geduld und Bereitschaft für eine andere Art der Rezeption.

Ist der Betrachter jedoch eine andere Art der Dichtung und Poesie gewöhnt, und ist ihm die Form der Abstrakten Kunst nicht ein Begriff, so scheint ein Verständnis für die Konkrete und Visuelle Poesie völlig außer Reichweite zu sein, denn oftmals erscheinen die Werke der Künstler ―wie der Name schon sagt― derart abstrakt, dass man das versprochene „konkrete“ in dem „visuellen“ nicht sehen und finden kann.

Was „visuell“ bedeutet, scheint jedem klar zu sein, jedoch was bedeutet überhaupt „konkret“? Thomas Kopfermann schreibt in seiner Einführung zum Band Theoretische Positionen zur Konkreten Poesie: „,konkret‘ ist ,das natürliche, sichtbare und greifbar Wirkliche, das sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort befindet‘“[1], denn etymologisch gesehen kommt das Wort „konkret“ von dem lateinischen Wort „concretum“ welches wörtlich bedeutet: das Zusammengewachsene (veränderte Form von lat. „crescere“: wachsen). Thomas Kopfermann sieht darin also, das Zusammenwachsen von „Subjekt und Realität und/oder als Zusammenhang des Wirklichen selbst (seiner Bereiche und Gegenständlichkeiten)“[2].

Ziel ist es nun, auf eine knappe und prägnante Weise, zu versuchen eine Art System in das Systemlose zu bringen, indem nicht nur Theorien und Gründe für die Konkrete Poesie gegeben, historische Hintergründe aufgezeigt, einige der verschiedenen Erscheinungsformen dargestellt und graphische Mittel erläutert, sondern auch diese an einigen Beispielen angewendet werden. Es soll versucht werden einen Überblick über die verschieden Arten der Konkreten und Visuellen Poesie gegeben zu werden, was jedoch dieser aus mangelnden Platzgründen und der Vielfalt an Materialien und „Anschauungsobjekten“ nicht gerechte werden kann, daher werden sich die Erläuterungen nur auf ausgewählte Werke beziehen.

Das Verständnis für diese Art der Poesie soll gebildet werden, um beim nächsten Mal nicht ganz so hilflos vor einem derartigen Werk zu sitzen oder zu stehen. Mit anderen Worten: Es soll versucht werden, das „Visuelle“ „Konkret“ werden zu lassen.

2 Theorie und Hintergründe der Visuelle und Konkreten Poesie

2.1 Sprache als Material

Zu Anfang sollte geklärt werden, warum die Begriffe „Visuelle“ und „Konkrete“ Poesie immer gemeinsam benutzt werden. Der Begriff „visuell“ bezieht sich sowohl auf die historischen Erscheinungsformen, als auch auf die, der Modernen, wie z.B. die der „Wiener Gruppe“, denn alle unterscheiden sich von ihnen in „sichtbarer“ Form von den „gewöhnlichen“ poetischen Texten. Der Begriff „Konkret“ wiederum soll sich nur auf die Erscheinungsformen beziehen, welche einen sprachkritischen Hintergrund vermuten lassen oder zum Anlass nehmen, denn nur solche „konkretiesieren“ die Sprache im Bezug zur Realität.

Wenn man von Poesie spricht, dann kommt jedem belesenen Menschen sofort der Gedanke an Goethe, Schiller oder auch Shakespeare in den Sinn. Wenn wir heutzutage von „Poesie“ sprechen, assoziieren wir diese sofort mit verzierter und schmucker Sprechweise, deren Inhalte sich meist um das Thema der Liebe drehen. Das Wort „Poesie“ ist fast schon zu einem Synonym für das Wort „Kitsch“ geworden ―zumindest im alltäglichen Sprachgebrauch―, denn häufig wird das Wort „poetisch“ ironisch ausgesprochen.

Bei der Visuellen und Konkreten Poesie stößt man nun auf seine Grenzen, denn wie die Beispiele im späteren Verlauf zeigen werden, sind diese meistens alles andere als „poetisch“. Die Visuelle Poesie allgemein versucht durch ein „Anderssein“ des Layouts das Auge des Betrachters und Lesers auf das wesentlich Gemeinte zu lenken und kunstvoll darzustellen.

Um ein ermüdungsfreies und ruhiges Lesen zu ermöglichen, wurden (und werden) schöngeistige Texte, besonders längere, mit dem Anspruch gesetzt, ein unauffälliges und gleichmäßiges Erscheinungsbild zu erzeugen, das die visuelle Oberfläche des Textes gleichsam verschwinden ließ. Das unausgesprochene Tabu, eine literarische Textdrucksache wie eine kommerzielle Drucksache zu gestalten, also von unaufdringlicher Typographie hin zur auffälliger (oder markierter [...] ), wird gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend gebrochen.[3]

Die Konkrete Poesie versucht dagegen die Schriftzeichen wieder als solche zu sehen und will somit die „sprachlichen Elemente entfunktionalisieren“[4], wobei die sprachlichen Einheiten keine Repräsentanten des eigentlich Gemeinten mehr sein, sondern sich selbständig und frei machen sollen. Es soll ein Loslösen von jeglichen Assoziationen und vorgeprimten[5] Mustern herbeigeführt werden, denn die Autoren der Konkreten Poesie haben es sich zum Ziel gemacht, den „,Kommunikationsbruch‘ [...] als poetisches Mittel ihrer sprachkritischen Absicht“ zu benutzen[6]. Die Kommunikation zwischen Leser und Werk ist gestört und muss auf anderem Wege wieder hergestellt werden.

Viele Erscheinungformen sind sehr eng mit dem Gegenstand der Realität verbunden, egal ob auf der Ebene der Graphik, der Semantik, der Pragmatik, sogar bis hin zu der, der Phonetik und Phonologie, was sich am Beispiel der Lautgedichte (z.B. von Ernst Jandl) sehr schön zeigen lässt. Nicht der Autor soll schreiben, sondern das Gedicht selber soll dichten, indem sich neue Räume im Kopfe des Betrachters bilden. Wolf Haas fasst die Hauptthesen der Autoren der Konkreten Poesie in drei Punkten zusammen:

1. Die Sprache bestimmt die Wirklichkeitserfahrung und aus diesem Grund muss eine Gesellschaftskritik als Sprachkritik statt finden.
2. Die konkrete Poesie versucht asematische, d.h. bedeutungsfreie „Sprachdinge“ zu zeigen.
3. Die konkrete Poesie hat nicht die Aufgabe zu Vermittelndes zu zeigen, sonder ist selber bloßes Material, bloßes „Sprachding“.[7]

Die Sprache, das Wort , der Buchstabe werden zu Werkzeugen der Autoren der Konkreten und Visuellen Poesie, vergleichbar mit den unterschiedlichen Farbnuancen und Pinselstärken eines Malers, der durch gezieltes Einsetzen dieser Werkzeuge eine andere Beziehung zwischen Gemälde und Betrachter erwirken will und somit einen ganz anderen, nämlich einen neuen und viel näheren, Zusammenhang zur Realität erzeugt.

Klaus Peter Dencker hat 1984 mal gesagt:

Visuelle Poesie ― das ist die wechselseitige Beziehung von bildender Kunst und Literatur, vom Bild und Text, von figurativen und semantischen Elementen, die Verbindung beider Kunstformen in einem intermedialen Raum, die sensible Reaktion auf Mitteilungen der Umwelt jedweder Form, das Sammelbecken für wichtige Erkenntnisse aus Collage, Concept-Art, der konkreten Kunst, der verschiedenen Varianten von Realismusvorstellungen, Spurensicherungen und allen denkbaren Spielarten logischer Sprachführung.[8]

2.2 Geschichtliche Hintergründe

2.2.1 Antike, Mittelalter und Renaissance

Natürlich wurde die Visuelle Poesie und andere graphische Texterstellungen nicht durch die Gründung der „Wiener Gruppe“ erfunden, sondern es finden sich schon in der Antike erste Formen von Figurengedichten (nähere Erläuterung zu „Figurengedichte“ siehe nächstes Kapitel). Das älteste Beispiel für Visuelle und Konkrete Dichtung dürfte wohl der Diskos von Phaistos (um 1600 v. Chr.) sein, auf welchem ein konzentrisches Textlabyrinth, d.h. der Text wird von innen nach außen spiralförmig gelesen, graviert ist. Auch schon auf ägyptischen Denk- und Grabmälern finden sich Texte mit Kreuzworthymnus, so dass der Text in unterschiedliche Richtungen gelesen werden kann und auch verschieden Sinnaussagen enthält, die nur einem Eingeweihten verständlich sind[9], daher sind sie vergleichbar mit einer ,heutzutage bekannten, Art Gittergedicht (Gedicht in quadratischer oder rechteckiger Form, bei dem bestimmte Buchstaben der horizontalen Verse, optisch hervorgehoben sind, die einen eigenen Text (Intext) ergeben und in ihrer Anordnung eine Figur bilden[10] ). Ein berühmtes Beispiel dafür ist der Hymnus auf die Göttin Mut (1400-700 v. Chr.). Das Beil von St. Agatha in Kalabrien (600 v. Chr.) wiederum enthält eine figurative Inschrift, welche die Aufgabe einer Weihinschrift erfüllt:

Ich bin Hera / auf dem Felde geweiht. / Knyiskos, der Opferschlächter, / weihte mich / als Zehnten / seiner Produktion.[11]

Nachdem Lasos, ebenfalls um diese Zeit, als erster die Lipogrammtechnik (Lipogramm: Gedicht, das einen Buchstaben künstlich vermeidet[12] ), d.h. Gedichte ohne Sigma, verwendet und Akephalos (500 v. Chr.) eine Zeichnung des kopflosen Gottes mit figurativer Zauberformel erschafft, setzt Simias von Rhodos wahrlich ein Zeichen, indem er seinen Gedichten in Form von Flügel („Flügel des Simias“), Ei und Beil verfasst, welche die Gattung der Umrissgedichte (Technopägnions) gründen. Ein weitere Meilenstein dürften die Werke von Lykophron von Chalkis sein, denn dieser erfindet (300 v. Chr.) das Anagramm. Zum Ende der Antike (325 nach Chr.) widmet Publilius Optatianus Porfyrius dem römischen Kaiser Konstantin eine Ansammlung von Figurengedichten, welche überwiegend in Quadratform geschriebene Gittergedichte mit Versen (versus intexti) sind. Er ist auch der erste, welcher permutative Verse verwendet.[13]

Das Mittelalter ist geprägt von Gittergedichten, die christliche Symbole und Inhalte wiedergeben. Ob Venantius Fortunatus in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts nach Chr., der Heilige Bonifatius um 700 nach Chr. oder Alkuin mit seinem „Versus ad Carolum regum“, einer Lobrede ( Panegyrik) auf Karl den Großen, alle sie benutzen Formen des Gittergedichts. Auch gibt es immer noch Formen des Umriss- oder Figurengedichts wie z.B. Anfang des 10. Jahrhunderts bei Eugenius Vulgaris, welcher Figurengedichte auf Papst Sergius III. und den byzantinischen Kaiser Leo VI verfasste. Er ist auch einer der ersten, die sich an sog. Liniengedichten versuchten, d.h. die Wörter werden linienartig geschrieben, so dass sie von Weiten Bilder und Muster formen. Auch in der Renaissance treten immer wieder figurale Texte und Gedichte auf, so z.B. bei Larentius Albertus 1573, denn er ist der Verfasser des ersten bekannten deutschen Figurengedichts mit dem Titel Teutsche Grammatick. Außerdem ist es noch erwähnenswert, dass es zum ersten mal zu einer Kritik der Figurengedichte im Jahre 1580 kommt. Michel de Montaigne kritisiert die Gattung der Figurengedichte in seinem Essay mit dem Titel Des vaines subtilitez [14].

2.2.2 Barock

Im Barock kommt es endlich zur Blütezeit der deutschsprachigen Figurengedichte. Wichtige Personen für den deutschsprachigen Raum sind

[...]


[1] Vergl. auch Philosophisches Wörterbuch (Kröner).

[2] Thomas Kopfermann, Theoretische Positionen, Einführung S. IXf.

[3] Lars Vollert, Rezeptions- und Funktionsebenen der Konkreten Poesie, S. 20.

[4] Lars Vollert, Rezeptions- und Funktionsebenen der Konkreten Poesie, S. 19.

[5] Aus dem engl. „to prime“: instruieren, vorbereiten. Der Begriff stammt aus der Psycho- und Neurolinguistik und bedeutet, dass es im Gehirn, unwillkürlich, zu festen Assoziationsmustern kommt, wenn diese einmal schon, egal ob bewußt oder unbewußt, herbeigeführt worden sind.

[6] Dieter Steinbach, Experimentelle und Konkrete Poesie, S. 6.

[7] Wolf Haas, Sprachtheoretische Grundlagen der Konkreten Poesie, S. 2.

[8] Julika Funk und Karola Mono, Den Buchstaben ein optisches Gefäß geben ―Text als Figur―, S. 4.

[9] Jeremy Adler und Ulrich Ernst, Text als Figur, S. 22f.

[10] Jeremy Adler und Ulrich Ernst, Text als Figur, S. 320.

[11] Jeremy Adler und Ulrich Ernst, Text als Figur, S. 22.

[12] Jeremy Adler und Ulrich Ernst, Text als Figur, S. 321.

[13] Ulrich Ernst, Konkrete Poesie ―Innovation und Tradition―, S. 69.

[14] Ulrich Ernst, Konkrete Poesie ―Innovation und Tradition―, S. 71.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Visuelle und Konkrete Poesie. Von Barock bis Moderne
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V383209
ISBN (eBook)
9783668610682
ISBN (Buch)
9783668610699
Dateigröße
726 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Poesie, Barock, Moderne, Visuelle, Konkrete, Piktogramme, Ideogramme, Leerfelder, Sprache als Material
Arbeit zitieren
Ipek Sirena Krutsch (Autor), 2006, Visuelle und Konkrete Poesie. Von Barock bis Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383209

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