Der folgenden Untersuchung lagen häufigere Beobachtungen aus der Pflegepraxis in der ambulanten Pflege zugrunde: stürzten Klient_innen beim Toilettengang häufiger, wurde ihnen in der Regel eine Toilettensitzerhöhung zur „Sturzprophylaxe“ empfohlen. Häufig weigerten sich die Klient_innen zunächst, eine solche zuzulassen. Wenn dann doch die Erhöhung „eingebaut“ wurde, hatte ich den Eindruck, dass die Betroffenen mindestens genauso häufig, wenn nicht im Einzelfall sogar häufiger stürzten, als vorher.
Während meiner Tätigkeit als stellvertretende Pflegedienstleitung in ver-schiedenen ambulanten Pflegediensten in Hamburg, entwickelte ich einen Beobachtungsbogen, um die Beobachtung besser protokollieren zu können. Diese Beobachtungsbögen werte ich in der folgenden Arbeit aus.
Die Protokolle von 27 Personen, die im Pflegedienst betreut wurden, liegen der Datenanalyse zugrunde. Sie werden im Weiteren ausführlicher dargestellt. Das Ergebnis dieser Untersuchung bestätigt meine Vermutung: nach Einbau der Toilettensitzerhöhung stürzen die Klient_innen signifikant häufiger und verletzen sich schwerer, als vorher.
Aus diesem Ergebnis werden erste Empfehlungen zur Betreuung der Betroffenen ausgesprochen.
Inhaltsverzeichnis
1.0 Zusammenfassung
2.0 Einleitung
3.0 Fragestellung
4.0 Methode
4.1 Auswahl der Klient_innen:
4.7 Zum Gesundheitszustand der Klient_innen
4.8 Medikamente, die die Klient_innen nahmen
4.9 Welche Hilfsmittel wurden genutzt?
5.0 Der Untersuchungsablauf
6.0 Statistische Analyse der Daten
6.1 Deskriptive Statistik
6.2 Schließende Statistik
7.0 Ergebnisse
7.1 Sturzhäufigkeit
7.2 Sturzintensität
8.0 Diskussion
8.1 Praktische Erkenntnisse
8.2 Theoretische Einbindung in die Akteur-Netzwerk-Theorie
9.0 Literatur
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Installation von Toilettensitzerhöhungen und dem Sturzrisiko von Klient_innen in der ambulanten Pflege, um die Wirksamkeit dieser als "Sturzprophylaxe" etablierten Maßnahme zu hinterfragen.
- Analyse der Sturzhäufigkeit vor und nach Anbringung von Toilettensitzerhöhungen.
- Evaluation der Sturzintensität in Bezug auf Verletzungsschwere.
- Einfluss biometrischer Daten und Medikamenteneinnahme auf das Sturzgeschehen.
- Theoretische Einordnung der Ergebnisse mittels Akteur-Netzwerk-Theorie nach Bruno Latour.
- Ableitung von Empfehlungen für die pflegerische Betreuung bei Wohnraumanpassungen.
Auszug aus dem Buch
8.2 Theoretische Einbindung in die Akteur-Netzwerk-Theorie
Pflegepraxis findet im gesellschaftlichen Kontext statt, in der Familie, der Klinik, dem Pflegeheim. Sie ist eingebettet in die Strukturen, die vorgegeben sind, die zu verändern nur bedingt ihre Aufgabe sein könnte. Pflegende müssen aber diese Strukturen entdecken, verstehen und akzeptieren können, sie müssen zumindest in der Lage sein, sich mit diesen Strukturen kritisch und einigermaßen objektiv auseinander zu setzen, Stellung beziehen können und in diesen Strukturen ihre Aufgabe erfüllen können.
Pflege versteht sich als „sozial“, Pflegende üben einen „sozialen“ Beruf aus und allgemein glaubt man zu wissen, was denn mit „sozial“ gemeint sei:
„Sozial (bezeichnet) einen stabilisierenden Sachverhalt, ein Bündel von Bindungen, die später wieder herangezogen werden können, um ein anderes Phänomen zu erklären.“ (Latour 2014: 9)
Diese „Standardeinstellung“ (Latour 2014: 15) der ‚sozialen Dimension‘ unseres Tuns und Treibens ‚in der Gesellschaft‘ zu kommentieren ist so vertraut geworden, wie ein Handy zu benutzen (..).“ (Latour 2014: 15). Oder anders ausgedrückt: unser menschliches Miteinander, wird durch Begriffe wie Kommunikation, Macht und Ohnmacht, Gewalt, Fremd- und Selbstbestimmung, Hass und Liebe, Abhängigkeit und Selbständigkeit gekennzeichnet und versucht in unterschiedlichen Formulierungen die Situation zu beschreiben, in der sich Pflegende und Zupflegende befinden und miteinander zurechtkommen müssen. Soziologie beschäftigt sich mit den (Ver-)Bindungen der Menschen untereinander (vgl. Latour 2014: 22), sie untersucht bestimmte Gruppen (z.B. Krankenhaus, Altenheim, Familien) (Heitmann-Möller 2015, Manz 2015: 213 ff Artner, Atzl, Kollewe 2016: 51 f.,) sie geht davon aus, dass die Gesellschaft (mehr oder weniger) durch eine Kraft zusammengehalten werde und die Definition dieser Kraft helfen könnte, politische Zusammenhänge zu verstehen und Zukunft zu gestalten. Latour nennt diese Definition von „sozial“ Soziales Nr. 1 (Latour 2014: 17).
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 Zusammenfassung: Die Arbeit basiert auf der Beobachtung, dass der Einbau von Toilettensitzerhöhungen entgegen der Erwartung kurzfristig zu vermehrten Stürzen führt, was durch eine retrospektive Auswertung von Protokollen belegt wird.
2.0 Einleitung: Es wird der Stand der Technik bei der Sturzprophylaxe in Badezimmern beleuchtet und die wissenschaftliche Forschungslücke bezüglich des direkten Einflusses von Toilettensitzerhöhungen aufgezeigt.
3.0 Fragestellung: Die Arbeit konzentriert sich darauf, ob das Zahlenmaterial eine Erhöhung der Sicherheit durch Toilettensitzerhöhungen und Haltegriffe bei den untersuchten Klient_innen statistisch belegen kann.
4.0 Methode: Es wird die Auswahl des Klientels, die Erfassung biometrischer Daten, Kontinenzprofile, Medikamenteneinnahme sowie die Anwendung des Chair-Rise-Tests als Grundlage für die Untersuchung detailliert beschrieben.
5.0 Der Untersuchungsablauf: Die methodische Vorgehensweise bei der Datenerhebung über den Beobachtungsbogen und die retrospektive Filterung des Datenmaterials von 99 auf 27 relevante Fälle wird skizziert.
6.0 Statistische Analyse der Daten: Die angewandten statistischen Verfahren, insbesondere deskriptive Statistik und schließende statistische Tests (wie der Wilcoxon-Test) zur Auswertung der abhängigen Stichproben, werden erläutert.
7.0 Ergebnisse: Die Untersuchung stellt eine signifikante Zunahme der Sturzhäufigkeit unmittelbar nach Einbau der Erhöhung fest, gefolgt von einer späteren Reduktion, wobei auch die Intensität der Stürze analysiert wird.
8.0 Diskussion: Die Ergebnisse werden kritisch hinterfragt, wobei die Notwendigkeit einer Eingewöhnungszeit für veränderte Wohnumgebungen betont und eine theoretische Verbindung zur Akteur-Netzwerk-Theorie hergestellt wird.
9.0 Literatur: Dieses Kapitel listet alle verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Studien auf, die der Arbeit zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Sturzprophylaxe, Toilettensitzerhöhung, ambulante Pflege, Sturzhäufigkeit, Sturzintensität, Akteur-Netzwerk-Theorie, Bruno Latour, Wohnraumanpassung, Patientensicherheit, Polypharmazie, Sturzrisiko, Biometrische Daten, Pflegeforschung, Sturzereignisse, Pflegepraxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Effektivität von Toilettensitzerhöhungen als Sturzprophylaxe in der ambulanten Pflege bei älteren Menschen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind Sturzprävention, Wohnraumanpassung, pflegerische Interventionen und die theoretische Betrachtung von Mensch-Ding-Interaktionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob der Einbau von Toilettensitzerhöhungen die Sicherheit der Klient_innen tatsächlich erhöht oder ob sich die Situation durch die veränderte Wohnumgebung zunächst verschlechtert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine retrospektive Analyse von Beobachtungsprotokollen von 27 Klient_innen unter Verwendung deskriptiver und schließender Statistik, inklusive dem Wilcoxon-Test für abhängige Stichproben.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die detaillierte Methodenbeschreibung, die statistische Datenauswertung, die Ergebnisdarstellung zur Sturzhäufigkeit und -intensität sowie eine theoretische Einbettung in die Akteur-Netzwerk-Theorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Sturzprophylaxe, Toilettensitzerhöhung, Wohnraumanpassung und Akteur-Netzwerk-Theorie.
Warum steigen die Stürze nach dem Einbau der Erhöhung sprunghaft an?
Der Autor führt dies darauf zurück, dass die Klient_innen an die "neue" hohe Toilette nicht gewohnt sind und erst langsam lernen müssen, mit dem veränderten Gegenstand zu interagieren.
Welchen Bezug stellt der Autor zu B. Latour her?
Latours Akteur-Netzwerk-Theorie wird genutzt, um das komplexe Zusammenspiel zwischen Menschen und Gegenständen (Dingen) in der Pflegepraxis zu erklären, bei der eine plötzliche Veränderung der Umgebung die Interaktion massiv stören kann.
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- Klaus Neander (Author), 2016, Schützen Toilettensitzerhöhungen vor Stürzen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383233