Der Johanniterorden. Caritative Arbeit im Spannungsfeld zwischen christlicher Nächstenliebe und Pflichtbewusstsein


Hausarbeit, 2016

19 Seiten, Note: 10,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. FRAGESTELLUNG UND FORSCHUNGSSTAND

3. ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DES JOHANNITERORDENS

4. DIE FINANZVERWALTUNG DES ORDENS

5. CARITATIVE ARBEIT IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN CHRISTLICHER NÄCHSTENLIEBE UND PFLICHTBEWUSSTSEIN

6. ZUSAMMENFASSUNG

7. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Der Johanniterorden gilt als einer der bedeutendsten Orden seiner Zeit, dessen Nachwirken noch heute große Bedeutung hat. Wenngleich das Gründungsdatum nicht ganz einheitlich festlegbar ist, so entwickelte sich aus dem anfänglichen Ritterorden mit den Jahren einer der bedeutendsten und prägendsten Orden seiner Zeit. Berufen, um im Heiligen Land als Kreuzritter gegen die muslimische Bevölkerung zu kämpfen, etablierten sie eine organisierte und strukturierte Kranken- und Pflegedienststelle, in der sie im Namen christlicher Nächstenliebe Bedürftigen auf vielfältige Weise Hilfe erwiesen. Aus dem Johanniterorden entstammt letztlich das christlich-caritative Dienstleistungsunternehmen der evangelischen Kirche, die Johanniter, die bis heute enorm prägend für die Gesellschaft sind. Es stellt sich die Frage, inwiefern die individuelle Religiosität und der persönliche Glaube der Ordensmitglieder Ansporn ihrer diakonischen Dienste war oder ob diese viel eher aus Pflichtbewusstsein oder religiösen Vorteilen resultierten.

Die Hausarbeit bietet im ersten Schritt eine Einführung in die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Johanniterordens. Entstehungskontext und Gründe für die Entstehung des Ordens sind dabei zentrale Aspekte. Anschließend folgt eine Zusammenstellung der Ordensleitlinien. Worauf gründet sich der Orden, was ist dessen Fundament und welchen Regeln folgt er bzw. dessen Mitarbeitende sind dabei wichtige Fragestellungen. Nach der historischen Grundlage lenkt sich der Blick auf die Gegenwart und die Nachwirkungen und Errungenschaften des Ordens im Hinblick auf caritative Dienste in der heutigen Zeit. Zuweilen wird auch die Rede von diakonischen Diensten sein. Wenngleich sich beide Bezeichnungen aufgrund ihrer jeweiligen Kirchenzugehörigkeit unterscheiden, so ist doch der Ursprung beider, nämlich der christliche Glaube und das Wirken und Handeln Jesu, der gleiche und kann im Sinne helfender Tätigkeiten aus der Motivation der christlichen Nächstenliebe heraus synonym verwendet werden.

Schließlich bleibt die Frage nach den Motiven der Mitarbeitenden in caritativen Einrichtungen, vor allem zur damaligen Zeit und die Überlegung, inwiefern der persönliche Glaube vorhanden sein sollte oder eine ,,gute Moral“ auch ausreichend wäre.

2. Fragestellung und Forschungsstand

Die Forschungslage ist bei diesem Thema gut aufgestellt. Wenngleich es Uneinigkeiten über das Entstehungsdatum des Johanniterordens gibt, so gibt es doch viele Werke, die sich dem Johanniterorden und dessen Wirkungsgeschichte widmen. Als Quellen dienen zum einen die Ordensregel von Raimund de Puys sowie die Hospitalregel von Roger de Molins, in welcher die tragenden Leitlinien des Ordens gut zutage kommen. In diesen sind die Ordnungen der Johanniter detailliert niedergeschrieben. Dies zeigt sich besonders in der Hospitalordnung von Roger de Molins, in denen die Kranken- und Pflegeordnung genauestens beschrieben und strukturiert ist. Beide Quellen geben einen prägnanten Überblick über das Wirken der Johanniter der damaligen Zeit. Beide Ordensregeln bilden das Fundament des Johanniterordens.

Der Johanniterorden als ehemaliger Ritterorden, der sich dem diakonischen Dienst christlicher Nächstenliebe verschrieben hat, wirft die Frage auf, inwiefern dieser Glaube bei den einzelnen Mitarbeitenden vor allem damals aber auch heute eine Rolle spielte und spielen muss oder ob ihr Dienst lediglich aus Pflichtbewusstsein entstammte. Die beiden Quellen mit ihren bestimmten detaillierten Vorgaben liefern dabei wichtige Informationen, um sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Um aber eine prägnantere Antwort auf diese Frage zu finden, gilt es zunächst, die Wirkungsgeschichte des Johanniterordens zu skizzieren, um daran anschließend dessen Wirken bis in die Gegenwart zu betrachten und mögliche Aspekte des Motivationsgedankens zu beurteilen.

3. Entstehung und Entwicklung des Johanniterordens

Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Johanniter der evangelischen Konfession angehören und so von den katholischen Maltesern abzugrenzen sind. Die Verbundenheit beider Parteien wird aber schon bei der Bezeichnung sichtbar, denn beide waren bekannt unter dem Namen „Hospitaliter“. Durch ihre Tätigkeiten, die sich am Leben und Wirken Jesus orientierten, sind beide, sowohl Caritas von katholischer wie auch Diakonie von evangelischer Seite, in ihrem Ursprung verbunden. Die Forschung ist sich im Gründungsdatum des Johanniterordens uneinig, nennt aber als sehr wahrscheinliches Datum für die Gründung das Jahr 1070 n.Chr., an dem sich eine Gemeinschaft von Kaufleuten aus Amalfi zusammentat und ein Pilgerhospiz in Jerusalem gründete und

finanzierte, welches an das Benediktinerkloster „Sancta Maria Latina“ angeschlossen

war.1

In der Forschung ist man sich darüber einig, dass der Johanniterorden anfangs nicht als geistlicher Ritterorden entstand. Er gehörte jedoch in die Tradition jener Orden, die aufgrund christlicher Frömmigkeit und Nächstenliebe gegründet wurden, um den Pilgern auf ihrem Weg zu den Heiligen Stätten beizustehen.2 Amalfi galt als besonders wichtiger Hafenplatz, der für viele Pilger den Ausgangspunkt für den Weg ins heilige Land darstellte.3 Bei Ankunft in Jerusalem bot das Hospiz den Pilgern, Männern wie Frauen, Unterkunft, Verpflegung und Schutz.4

Zunächst vollzogen sich die Tätigkeiten der Johanniter in einem stabilen Umfeld, bis 1071 n.Chr. die Seldschuken in der Schlacht von Manzikert einen Sieg erringen konnten und dieses sichere Umfeld verschwand. Dadurch kam die Pflege von Kranken und Hilflosen als weitere Aufgabe zu den Diensten der Johanniter hinzu. Mit der Zeit gewann die Krankenpflege zunehmend an Bedeutung und wurde damit zur Hauptaufgabe des Johanniterordens.5 Daraus entstand auch der Ordensname „der ritterliche Orden St. Johannes vom Spital zu Jerusalem.“6 Betreut wurde das Pilgerhospiz von Lateinern, die ein einfaches Gehorsamsgelübde gegenüber den Benediktinermönchen abgeleistet hatten. Sie sahen sich als ,,conversi“ der Hospizgemeinschaft und waren für sie wohlhabende finanzielle Unterstützer. Nach Einnahme von Jerusalem während des ersten Kreuzzuges im Jahr 1099 n.Chr. fanden sie das Hospiz unter der Leitung eines gewissen Gerhard vor.7 Dieser Gerhard gilt in der Forschung als Gründer der Ordensgemeinschaft, indem er sie unter das Patronat des Heiligen Johannes dem Täufer stellte.8 Papst Paschalis II ernannte ihn 1113 n.Chr. als ,,institutor“, während er die Gemeinschaft anerkannte. Der Verlauf der Hospitalgeschichte zeigt jedoch, dass letztlich die Kaufleute im Sinne einer ,,Laiengemeinschaft“ die wahren Gründer der Gemeinschaft waren - nicht er.9 Auch die genaue Bezeichnung des Patrons der Johanniter stellt sich als schwierig heraus, vor allem für die Jahre vor Gerhard. Das Hospiz stand auch vor ihm unter dem Schutz eines Heiligen Johannes, doch ist in der Forschung umstritten, um welchen Heiligen es sich genau gehandelt hatte. Auch wenn das Patronat Johannes des Täufers durch Gerhard nicht bewiesen werden kann, wird dies in der Forschung aber als sehr wahrscheinlich angenommen.10

Mit dem Erscheinen der islamischen Eroberer kam es im Gegenangriff zum ersten Kreuzzug. Das Ergebnis dabei war die Rückeroberung Palästinas und Jerusalems. Im gleichen Jahr wurde in Jerusalem der Ritterorden des Heiligen Johannes vom Spital gegründet. In diesem Orden schlossen sich Ritter aus verschiedenen Ländern (Deutsche, Französische und Italienesche sowie Englische) zusammen, wodurch sich der Ritterorden als substanzielles Schild des Abendlandes bildete. Der Orden sah als seine Aufgabe die Verpflegung und Heilung verwundeter Krieger im Kampf an; ihr Augenmerk lag allerdings auf der Verteidigung des Abendlandes. Sie blieben etwa bis zum Jahr 1291 n.Chr. in Jerusalem und ließen sich danach 200 Jahre auf der griechischen Insel Rhodos nieder. Dort war die Hauptaufgabe der Johanniter, den Strom des Islams aufzuhalten.11 Im weiteren Verlauf löste sich das Hospiz von der benediktinischen Institution und orientierte sich an den augustinischen Kanonikern des Heiligen Grabes, wie es sich in den ersten Statuen der Gemeinschaft zeigte. Mit der kirchlichen Anerkennung des Papstes hatte die Gemeinschaft die Möglichkeit, unabhängig organisierte Ordensstrukturen aufzubauen. Folglich konnten die Johanniter ein eigenes Oberhaupt führen und die ihnen für ihre Arbeit gegebenen Besitztümer wurden ihnen als rechtmäßig bestätigt.12 Schließlich wurde das Hospital in Jerusalem zum Haupthaus der Johannitergemeinschaft.13 Es heißt, dass die Fürsorge der Johanniter für die Pilger so weit ging, dass jene bereits vor Antritt der Reise nach Jerusalem von den Johannitern mit medizinischer Hilfe unterstützt worden seien, um das Heilige Land gesund zu erreichen.14

Noch galten die Johanniter als „eine zu dem frommen Werke vereinigte Bruderschaft.“15 Erst mit der Regel Raimunds konnte die bis dahin Laiengemeinschaft eine deutliche Struktur durch Festsetzung von Pflichten und Statuten aufweisen.16 Aus der ursprünglichen Gemeinschaft von Kaufleuten aus Amalfi entstand eine neue Kirchengemeinde unter den Kanonikern des Heiligen Grabes, die bis 1113 ihr Hauptaugenmerk auf den Unterhalt eines Pilgerhospizes unter dem Patronat Johannes des Täufers, dies gilt zumindest als wahrscheinlich, richtete. Auch in Westeuropa entstanden ähnliche Einrichtungen, die sich ebenfalls am Heiligen Grab oder Johannes dem Täufer orientierten und durch Spenden und Almosen die Arbeit der Johanniter in Jerusalem unterstützten.17

Das wohl wichtigste und direkteste Zeugnis über die karitativen Anfänge des Johanniterordens stellt die erste erhaltene Ordensregel des zweiten Ordensmeisters Raimund de Puys dar.18 Die Ordensregel kann in 19 Kapitel eingeteilt werden. Das erste Kapitel beginnt mit Vorschriften über Gelübde, Keuschheit, Gehorsam und Armut. Danach folgen Vorschriften über die Kleidung der Brüder (2. und 8. Kapitel), über die Haltung und den Dienst in der Kirche sowie den Krankenbesuch (Kapitel 3), über das Verhalten bei Ausgängen und gegenüber Frauen außerhalb des Hospizes (Kapitel 4), über den Umgang mit Almosen, Predigt- und Sammelreisen (Kapitel 5 bis 7) und über das Fasten (Kapitel 8). Das 9. Kapitel handelt von drohenden Strafen bei Unzucht und das 10. Kapitel beinhaltet das Thema Streit und Verlassen der Gemeinschaft. Daran schließen sich Bestimmungen über das Verhalten bei Tisch und nach der Komplet an (Kapitel 11). Im 12. Kapitel wird der Strafkodex fortgesetzt und verbietet das Schlagen von anderen Mitgliedern. Das 13. Kapitel handelt vom Entdecken verbotener Besitztümer und das 14. Kapitel regelt Zeremonien und die Nachlassverwaltung bei Todesfällen. Kapitel 15 mahnt die Johanniter zum ehr- und gottesfürchtigen Eifer. Im 16. Kapitel wird die Aufnahme und Pflege von Kranken behandelt, das 17. spricht von brüderlicher Ermahnung und das 18. Kapitel verbietet die Denunziation. Das letzte Kapitel bestimmt das Tragen von Kreuzen an der Kleidung.19 Eine weitere Ausführung des 16. Kapitels stellt die Hospitalordnung Roger de Molins dar. Auf diese wird im folgenden Kapitel näher eingegangen.20

Ihre Einrichtungen, Pilgerheime, Zufluchtshäuser und Krankenhäuser waren für alle Hilfesuchenden und Bedürftigen zugänglich.21 Sie gewährten ihnen Kleidung, Nahrung, Geldspenden, Hilfe bei der Entbindung, Unterhalt für Waisenkinder und unterstützten bei Eheschließungen von geldlosen Paaren.22 Ihre Dienstleistungen hatten eine herausragende Stellung unter den westlichen Institutionen inne. Nicht zuletzt gehörte ihnen ein Hospital in Jerusalem, dem Focus jener Zeit, das ihnen ermöglichte, das körperliche und seelische Wohl der Pilger zu sichern.

[...]


1 Vgl.: Hiestand, Anfänge, in: Fleckenstein, Ritterorden Europas, 32 und de Ayala/Portela, Ritterorden im Mittelalter, 45 und Luttrell, Johanniter- und Tempelorden, 45.

2 Vgl.: von Zwehl, Malteser, 1.

3 Vgl.: Bradfort, Kreuz, 21.

4 Vgl.: de Ayala/Portela, Ritterorden im Mittelalter, 195.

5 Vgl.:ebd„ 195.

6 Vgl.: von Quistrop, Grundlagen, 4.

7 Vgl.: Luttrell, Johanniter- und Templerorden, 45.

8 Vgl.: Ambraziuté, Studien, 3.

9 Vgl.: Hiestand, Anfänge, 40.

10 Vgl.: Bradfort, Kreuz, 21.

11 Von Quistrop, Grundlagen, 7.

12 Vgl.: Luttrell, Johanniter- und Templerorden, 45.

13 Vgl.: Demurger, Ritter, 162.

14 Vgl.: Prutz, geistliche Ritterorden, 18.

15 Ebd.: 19.

16 Vgl.: Schuhmacher, Idee, 12.

17 Vgl.: Luttrell, Johanniter- und Templerorden, 45.

18 Lagleder, Ordensregel, 47.

19 Ebd.: 50-51.

20 Ebd.: 52.

21 Vgl.: Wernher, Armen- und Krankenpflege, 803.

22 Lagleder, Hospitalordnung, 183.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Johanniterorden. Caritative Arbeit im Spannungsfeld zwischen christlicher Nächstenliebe und Pflichtbewusstsein
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Geschichte und Kulturwissenschaften)
Note
10,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V383261
ISBN (eBook)
9783668588851
ISBN (Buch)
9783668588868
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
johanniterorden, caritative, arbeit, spannungsfeld, nächstenliebe, pflichtbewusstsein
Arbeit zitieren
Patrick Frambach (Autor:in), 2016, Der Johanniterorden. Caritative Arbeit im Spannungsfeld zwischen christlicher Nächstenliebe und Pflichtbewusstsein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383261

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