Neben der Einordnung des Epos Paris und Vienna in die mittelalterliche Literatur und der Klärung des Stellenwerts des Werks soll das Hauptaugenmerk dieser Arbeit insbesondere auf der Beschreibung und Klärung der Phänomene Wahrnehmung, Erkenntnis und Identität liegen. Es ist auffällig, dass in Paris und Vienna viele Protagonisten einander nicht erkennen und die Zusammenhänge nicht verstehen. Sind diese Merkmale dem dramaturgischen Bestreben des Autors / der Autoren geschuldet oder geben sie Auskunft über die Fähigkeit mittelalterlicher Menschen, sich und andere zu verstehen?
Es werden prägnante, das angestrebte Themenspektrum dieser Arbeit abdeckende Textpassagen aus der mittelniederdeutschen Übersetzung von Paris und Vienna herangezogen. Mittels ihrer Interpretation im Kontext des Gesamttextes und unter Berücksichtigung der Meinungen germanistischer Forscher, die sich mit Paris und Vienna und dem Identitätsbegriff im Mittelalter insgesamt auseinandersetzten, soll versucht werden, die angeklungenen und noch zu nennende Fragen zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1. Intention der Arbeit
2. Paris und Vienna
3. Wahrnehmung, Erkenntnis und Identität
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die mittelniederdeutsche Fassung des Ritterepos "Paris und Vienna" aus dem Jahr 1488. Das primäre Ziel ist es, die zentralen Phänomene der Wahrnehmung, Erkenntnis und Identität innerhalb des Werkes zu analysieren und deren Bedeutung für die mittelalterliche Erzähldichtung sowie die dramaturgischen Mittel der Zeit zu beleuchten.
- Analyse von Verwechslungen und Nichterkennungen als dramaturgische Stilmittel.
- Untersuchung der Rolle von Statussymbolen und Insignien für die Identitätsbildung.
- Einordnung des Werkes in den Kontext der mittelalterlichen "Epoche der Visualität".
- Diskussion über die Abbildung von Realität versus fiktiver Dramaturgie im spätmittelalterlichen Epos.
Auszug aus dem Buch
3. Wahrnehmung, Erkenntnis und Identität
Nach den im vorangegangen Kapitel berücksichtigten allgemeinen inhaltlichen und einordnenden Feststellungen soll das Hauptaugenmerk auf dem Spektrum Wahrnehmung, Erkenntnis und Identität liegen. Die modernen Züge, die eine solche Herangehensweise bei der Analyse zu tragen scheint, haben auch bei mittelalterlichen Werken durchaus ihre Berechtigung.
Schon das Mittelalter war eine „Epoche der Visualität“.10 Wie Horst Wenzel feststellt, bilden hoch und spätmittelalterliche Epen nicht die erste, wohl aber eine unübersehbare Blüte „visuelle[r] Erfahrung[en]“. Das Auge, das sprichwörtliche Fenster der Seele und Perspektive sowohl des Erzählers als auch der Protagonisten, bleibt in mittelalterlichen Dichtungen auf das räumlich und zeitlich Nahe, also auf die Gegenwart fixiert und versucht laut Christel Meier, einzig und allein die „Macht der Gegenwart“ zu erfassen.11 Barbara Stollberg-Rillinger hebt eine in Paris und Vienna vorliegende gewisse Gespaltenheit in der Wahrnehmung anhand der ambivalenten Visualisierung von Rang und Ansehen hervor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Intention der Arbeit: Das Kapitel führt in das weitgehend vergessene Werk ein, umreißt dessen literaturgeschichtliche Bedeutung und definiert die Forschungsfrage bezüglich Wahrnehmung und Identität.
2. Paris und Vienna: Hier wird der Inhalt des Epos zusammengefasst, die Liebesgeschichte zwischen den Protagonisten skizziert und die Bedeutung der turnierbasierten Identitätsfindung dargelegt.
3. Wahrnehmung, Erkenntnis und Identität: Dieses Kapitel analysiert, wie Protagonisten im Mittelalter durch Symbole und Handlungen wahrgenommen werden und warum Nichterkennen ein zentrales dramatisches Element darstellt.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Irrtümer und Verwechslungen eher eine dramaturgische Notwendigkeit zur Unterhaltung des Publikums widerspiegeln als reale intellektuelle Mängel.
Schlüsselwörter
Paris und Vienna, Mittelalter, Mittelniederdeutsch, Literaturgeschichte, Wahrnehmung, Identität, Erkenntnis, Epoche der Visualität, Ritterepos, Erzählmuster, Dramaturgie, Insignien, Fiktivität, Kultur des Zeigens, Höfische Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der mittelniederdeutschen Übersetzung des Ritterepos "Paris und Vienna" aus dem Jahr 1488 und beleuchtet die in der Handlung zentralen Konzepte von Wahrnehmung, Erkenntnis und Identität.
Welche Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die visuelle Kultur des Mittelalters, die Bedeutung von Statussymbolen für die Identifizierung von Personen sowie die Funktion von Verwechslungsmotiven als erzählerisches Stilmittel.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, zu klären, warum Protagonisten im Epos einander oft nicht erkennen und ob dies als Abbildung realer mittelalterlicher Lebensverhältnisse oder als gezieltes dramaturgisches Mittel zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde angewendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Interpretation ausgewählter Textpassagen im Kontext der zeitgenössischen Forschungsliteratur zum Identitätsbegriff und zur Visualität im Mittelalter.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Analyse der visuellen Wahrnehmung im Epos, der Rolle des Scheins und der Bedeutung von Taten sowie Statussymbolen für die soziale Zuordnung der Charaktere.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Paris und Vienna, Wahrnehmung, Identität, Visualität und mittelalterliche Erzählmuster.
Warum erkennen sich die Figuren in Paris und Vienna oft nicht?
Das Nichterkennen ist ein wesentliches dramaturgisches Element, das oft durch Verkleidungen, äußere Veränderungen (z.B. ein Bart bei Paris) oder bewusste Fassaden (z.B. der Hühnertrick von Vienna) provoziert wird.
Wie bewertet der Autor die "mangelnde Wundersamkeit" des Werkes?
Der Autor ordnet das Fehlen phantastischer Elemente als nüchternen, realitätsnahen Stil ein, der das Werk von anderen Ritterepen abhebt und für historische Erzählungen charakteristisch ist.
Welche Bedeutung kommt dem "Hühnertrick" im Buch zu?
Der Hühnertrick dient Vienna dazu, sich gegenüber unerwünschten Heiratskandidaten durch einen abstoßenden Geruch zu schützen, was ihre Treue zu Paris unterstreicht und ihre aktive Rolle in der Gestaltung ihres Schicksals betont.
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- Niels Menzel (Author), 2014, Erkenntnis, Wahrnehmung und Identität in der mittelalterlichen Erzähldichtung im Ritterepos "Paris" und "Vienna", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383379