Nachhaltigkeitsforschung. Wie verändern sich Gesellschaften?

Sozialer Wandel, Transformation und Transition in Theorie und Forschung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

17 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1. Praxeologischer Ansatz

Kritik an vorherrschende Modellen in der Nachhaltigkeitspolitik

Praxeologische Erfoschung Nachhaltiger und nicht- nachhaltige Alltagspraktiken

2. Transformationsforschung

3. Stärken und Schwächen der beiden Ansätze im Vergleich

Die Rolle der Regime und Herrschaftsverhältnisse

Prognostische Leistung

Rolle politischer Themen

Die Überwindung von Struktur und Handeln

Der Einbezug des Körperlichen/der Materialität/ der Natur

Kritische Auseinandersetzung mit vorherrschender Nachhaltigkeitsforschung

Literatur

Im Folgenden werden zuerst praxistheoretische Ansätze der Nachhaltigkeitsforschung und anschließend die Transformationsforschung mittels der vorgegebenen Fragen vorgestellt. Zum Schluss werden die Stärken und Schwächen beider Ansätze gemeinsam diskutiert.

1. Praxeologischer Ansatz

a.) In welchem historischen Kontext lässt sich der Ansatz einordnen?

In den letzten zwanzig Jahren wird in den Sozialwissenschaften ein „practical turn“ in den Theorien der Sozialwissenschaften beobachtet und diskutiert. Dieser Paradigmenwechsel zeichnet sich durch ein hohes Maß an Heterogenität bezüglich verschiedener praxeologischer Ansätze aus. (vgl. Reckwitz 2003: 282) Reckwitz hat eine Übersicht der Entwicklungen soziologischer Theorien herausgearbeitet und zwar entlang der Frage, was das „Soziale“ in den Theorien ist. Grundsätzlich gibt es vier elementare Strömungen: Strukturtheoretische, ökonomisch-individualistische Ansätze, normativistische und kulturtheoretische Ansätze. Innerhalb der kulturtheoretischen Ansätze, die sich seit den 70er Jahren entwickelt haben und zum „cultural turn“ zusammengefasst werden, zählt auch die Praxistheorie. Pionierarbeit leisteten vor allem Pierre Bourdieu und Anthony Giddens. Bourdieus Arbeiten, die eher strukturalistisch ausgerichtet sind, bauen vor allem auf die bekannten Begriffe des Habitus, des sozialen Feldes, des praktischen Sinns und der Inkorpiertheit von Wissen auf. (vgl. Bourdieu 1972). Anthony Giddens, der eher akteurtheoretisch ausgerichtet ist, hat vor allem an der Überwindung des Dualismus von Struktur und Handeln gearbeitet und die Konzepte des praktischen Bewusstseins und der sozialen Raum-Zeit-Bindung durch Praktiken entwickelt. (vgl. Giddens 1979). Trotz der unterschiedlichen Ausrichtungen geht aus der Darstellung der Kulturtheorien hervor, dass es ein verbindendes Element gibt: und zwar die Annahme, dass soziale Phänomene, wie individuelles Verhalten, kollektive Aktivitäten oder nachhaltige Prozesse, weder mit Individualismus (wie rational choice theory) noch mit strukturalistischen oder normativen Ansätzen erklärt werden können. Stattdessen treten Praktiken als grundlegende Einheiten in den Mittelpunkt der Forschung. In der vorliegenden Arbeit werde ich mich vorwiegend auf neuere Strömungen der Praxistheorie beziehen. Vor allem drei Autoren spielen für die Debatte über Nachhaltigkeit eine große Rolle: Elisabeth Shove, die vor allem im Bereich der sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung wichtige Meilensteine legte (z.B. 2005 in Zusammenarbeit mit Pantzar), Andreas Reckwitz, der vor allem durch seinen Überblicksartikel (2003) und seinen Praktiken/Diskurs-Formationen-Ansatz einen hohen Bekanntheitsgrad erreichte und Theodore Schatzki mit seinem Ansatz „a nexus of doings and sayings“ (1996) und den „social site-Ansatz“ (2002). Von Schatzki stammt auch eine häufig zitierte Definition der Praxistheorie:

“As indicated, practices are organized nexuses of actions. This means that the doings and sayings composing them hang together. More specifically, the doings and sayings that compose a given practice are linked through (1) practical understandings, (2) rules, (3)a teleoaffective structure, and (4) general understandings.” (Schatzki 2002: 77).

Die soziale Praktiken (Alltagspraktiken, politischen Praktiken, Reisepraktiken etc.) sieht Schatzki nicht nur mit einem "praktischen Sinn" gesteuert, sondern durch die Dimensionen practical understanding, rules, teIeoaffectivity und general understanding geleitet. Mit teleoaffectivity sind Emotionen und Affekte gemeint, die mit Praktiken verbunden sind und die in bestimmten Kontexten, Praktiken als ,richtig' erscheinen lassen. Gleichzeitig ist hier eine starke Fokussierung auf die körperlichen und materiellen Voraussetzungen dieser Aktivitäten zu finden. Das meint beispielsweise die Frage, welche Artefakte für die Ausführung einer Praxis notwendig sind oder in welchem soziomateriellen Raum die Praktik ausgeführt wird. (ebd.) Der soziomaterielle Kontext von Praktiken wird hierbei oftmals als Netzwerk von menschlichen und nicht- menschlichen AkteurInnen, Organismen und Artefakten gesehen, welche zusammen mit der Performance korrespondierender Praktiken das Soziale konstituieren. (vgl. Jonas und Littig 2015: 834)

b.) Welche Rolle spielen Akteure/Agenten hinsichtlich sozialen Wandels?

Die Rolle der individuellen AkteurInnen in praxistheoretischen Ansätzen ist nicht sehr einfach zu fassen und wird von KritikerInnen zum Teil als provokant angesehen. Das rührt daher, dass Individuen vor allem als Träger von Praktiken gesehen werden, da die Praktiken selbst im Mittelpunkt dieser Theorieströmung stehen. (vgl. Jonas und Littig 2015: 834; Shove 2010: 1279). Diese Sichtweise über die Rolle der AkteurInnen als Träger von Praktiken steht im krassen Widerspruch zu gängigen Ansätzen in der Nachhaltigkeitsforschung, wie sie Shove unter dem ABC-Paradigma zusammenfasst. Primär postulieren die Theorien unter dem ABC-Paradigma (A steht für attitude, B steht für behaviour und C für choice) vor allem die Handlungsmacht und die Entscheidungsfähigkeit des Individuums, nachhaltig zu handeln. In diesen Ansätzen, die von VertreterInnen der Praxistheorie stark kritisiert werden, wird davon ausgegangen, dass sozialer Wandel von Einstellungen oder Normen (A) auf einer individuellen KonsumentInnenebene abhängig ist, die das Verhalten (B) lenken, und die das Individuum wählen (C) und für sich übernehmen muss, damit nachhaltigere Handlungsmuster erreicht werden können. (vgl. Shove 2010: 1274) Aus praxistheroretischer Perspektive können die AkteurInnen als Träger von Praktiken nicht völlig autonom die Entscheidung treffen, nachhaltige Praktiken auszuführen. (vgl. ebd.: 1279) An dieser Stelle muss jedoch auch angemerkt werden, dass es große Unterschiede zwischen den verschiedenen praxistheoretischen Strömungen gibt, wie sie die Rolle der AkteurInnen auslegen.

Reckwitz nimmt dabei eine besonders radikale Position ein, in dem er den AkteurInnen und ihren individuellen Eigeninteressen wenig Bedeutung zuschreibt. Für Reckwitz sind die die subjekttheoretischen Begriffe wie Autonomie, Reflexivität und Eigeninteresse nicht per sie im Subjekt veranlagt, sondern sind als soziale Anforderungen und Ergebnisse historischer und kultureller Praxisbündel zu sehen, d.h. die je spezifischen Praktiken produzieren Merkmale von subjektiver Innerlichkeit und Kontinuität. So werden individuelle Interessen nach Reckwitz als soziales Produkt von Marktanpassungen betrachtet (Arbeitsmarkt, Konsummarkt etc.). Subjekte müssen sich Kompetenzen der Reflexion und der Entwicklung von Eigeninteressen antrainieren und diese Kompetenzen erwerben, um an den verschiedenen Märkten bestehen zu können. (vgl. Reckwitz 2003: 296) Für Reckwitz sind die Praxisbündel also keine homogene Einheiten, vielmehr sind die Subjektkulturen, die aus diesen Bündeln entstehen, heterogene, oft ambivalente, kulturelle Felder, in denen unterschiedliche Praxis/Diskursformationen miteinander konkurrieren. Brand sieht hierbei auch den Beitrag von Reckwitz für die Nachhalitgkeitsforschung indem er Subjektkulturen nach Reckwitz immer auch als „kulturell umkämpfte Räume für die Akzeptanz oder Nichtakzeptanz bestimmter Subjektformen“ (Brand 2011: 186) sieht.

Michael Jonas, der die praxeologischen Ansätze von Schatzki und Reckwitz gegenübergestellt hat, bezeichnet Schatzkis Zugang in der Abgrenzung zu Reckwitz als eine „Konzeption autonomer AkteurInnen: Jeder Akteur und jede Akteurin verfügt über ein individuelles praktisches Verständnis (practical intelligibillity), das als solches weder rational noch normativ sein muss und das dessen oder deren Handlungen steuert, indem es Handlungssinn erzeugt. Das praktische Verständnis wird durch individuelle Eigenschaften bestimmt, nämlich durch individuelle Ziele, Aufgaben und Projekte sowie Affektivität“. (Jonas 2009: 4) Zwar sind AkteurInnen in dieser Auffassung in Geflechten von Praktiken und Ordnungen eingebunden, sie können aber auch autonom agieren, weil die doings and sayings nicht determiniert, sondern von den „Praktik-Ordnungs-Komplexen“ nur prefiguriert werden. (vgl. ebd.: 18)

Einer der Hauptvertreter der ANT, Bruno Latour, strebte in seinem Ansatz die Sichtweise einer symmetrischen Beziehung zwischen Mensch und Natur an. Das bedeutet hinsichtlich der Frage nach der Rolle der AkteurInnen, dass diese nicht nur menschlicher Natur sind und dass hybride Formen der Kommunikation und Interaktion zwischen unterschiedlichsten AkteurInnen zu beobachten sind. (vgl. Groß 2010: 650f.)

c.) Wer/Was ist der Motor, die treibende Kraft des Wandels?

Der Fokus liegt bei praxeologischen Ansätzen zumeist auf die alltägliche Reproduktion der Praktiken, und das viel stärker als auf Fragen nach der Innovation und der Veränderung von Praktiken. Die Stärke der Praxistheorien liegt also in der Beschreibung von Kontinuität und weniger in der Beschreibung des Wandels. Allerdings gibt es entlang der unterschiedlichen Ansätze innerhalb der Praxistheorien auch diesbezüglich verschiedene Zugänge, auf die an dieser Stelle jedoch nicht näher eingegangen werden kann. Im Folgenden sollen einige praxeologische Zugänge beschrieben werden, die sich im Zuge ihrer Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit mit sozialem Wandel befassen.

Brand begreift sozialen Wandel nicht als etwas von oben oder außen Steuerbares. Vielmehr wird Sozialer Wandel durch die Merkmale der Offenheit und Kreativität sozialer Praktiken möglich, auf die selbst routinierte Praktiken angewiesen sind, um mit „Überraschungen des Kontextes“ umzugehen. (vgl. Brand 2011: 187)

Shove vertritt die Ansicht, dass das essentielle Verstehen des sozialen Wandels dem Verstehen über die Entwicklung von Praktiken gleichkommt. Das meint auch das Wissen darüber, wie sich Praktiken herausbilden, wie Praktiken ihre Träger einfangen und wieder loslassen und wie Systeme von Praktiken sich formieren und fragmentieren. Die treibende Kraft des Wandels ist in der Veränderung und der Neu-Formierung von Praktiken zu sehen. Wenn von einem Wandel in Hinblick auf Nachhaltigkeit die Rede ist, dann muss der Frage nachgegangen werden, wie nicht-nachhaltige Praktiken verändert werden können. (vgl. Shove 2010: 1279) Für die Erforschung des Wandels bedeutet das, Daten zu sammeln und historisch begründete Analysen zu erstellen, wie sich sozial relevante Praktiken und Systeme von Praktiken und die mit ihnen zusammenhängende Infrastrukturen und Institutionen entwickeln. (vgl. ebd.: 1281) Wenn der Frage nachgegangen werden soll, wie sich eine nicht-nachhaltige Praktik im Alltag verändern kann, dann ist die Triebfeder der Veränderung keine (oder nicht ausschließlich) eine rationale Entscheidung, wie z.B: die kognitive Einsicht „Radfahren ist gesünder und verursacht kein CO2“. Denn bei routinierten Praktiken sind rationale Entscheidungen viel mehr die Ausnahme. Vielmehr spielen die körperlichen Erfahrungen, die spezifischen Kompetenzen und die Affekte eine großen Rolle (wie bei den Dimensionen bei Schatzki oben beschrieben) wenn es darum geht, bestimmte Praktiken im Alltag zu wählen und andere nicht. Die praxeologische Sichtweise schreibt staatlicher Steuerung und technologischer Entwicklungen nicht die Schlüsselfunktion für sozialen Wandel zu, betont aber die Bedeutung der Bereitstellung bestimmter Strukturen im soziomateriellen Raum durch politische AkteurInnen, damit sich nachhaltige Praktiken etablieren können. (vgl. ebd.)

d.) Welche räumlichen Bezüge werden hergestellt (global, lokal)?

Brand betrachtet es als einen der wichtigsten Verdienste von Borudieu und Giddens, dass es dank ihrer Theorien die Möglichkeit gibt, „Handlungsprozesse auf der Mikroebene durch die Analyse sozial ,strukturierter' wie sozial ,strukturierender' Praktiken systematisch mit Entwicklungen auf der Makroebene zu verzahnen.“ (vgl. Brand 2011: 174) Dadurch können Lösungsansätze für ein Theorieproblem der Soziologie gefunden werden, die für die Umweltproblematik auf globaler Ebene zunehmend wichtiger werden: die Frage nach der theoretischen Verankerung ,materieller' (technischer und naturaler) Dimensionen sozialen Lebens in den Forschungsbereich der Soziologie. Wenn der Ansatz allerdings empirisch eingesetzt wird, so findet zumeist eine ethnografischer Zugang auf eine beschränkte Auswahl auf Praxisfelder statt. (vgl. ebd.:194) Darin entfalten praxistheoretische Ansätze auch ihre Stärke, vor allem in der Anerkennung und im Einbezug der Materialität von Praktiken. Am Beispiel der Agrarwende in Deutschland nach dem BSE-Skandal bei Rindfleischprodukten zeigt Brand, dass praxeologische Ansätze sich gut dazu eignen das Praxisfeld häuslicher Ernährung zu erfassen. Gleichzeitig tun sich diese Ansätze aber schwer damit, Faktoren zu beschreiben, die beispielsweise für das Zustandekommen der "Agrarwende"-Politik, oder für ihren begrenzten wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich waren: öffentliche Diskurse, die Marktdynamik, politische Steuerungsprozesse. Hinsichtlich dieser Bereiche bleiben praxeologische Ansätze mit ihrem Erklärungsgehalt vage, dasselbe gilt für die "strukturelle" Erweiterungen in den Makrobereich. Brand betont dabei die Aufgabe praxistheoretischer Ansätze, die Entstehung institutioneller Strukturen, in der komplexen Vernetzung sozialer Praktiken und Praxisfelder tagtäglich reproduziert und verändert werden, zu thematisieren. Brand sieht jedoch „dieses weitgespannte, von alltäglichen Routinehandlungen bis zu historischen Verschiebungen globaler, sozio-materieller Praxiskonstellationen reichende Forschungsprogramm“ als zu überfordernd für die Praxistheorie an und spricht sich dafür aus, dass sich diese auf ihre Stärke konzentrieren soll, nämlich der ausführlichen Analyse der Entstehung, Stabilisierung und Veränderung sozialer Praktiken im Gefüge spezifischer Praxisfelder. (vgl. Brand 2011: 194)

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die praxeologischen Ansätze in theoretischer Hinsicht Praktiken auf globaler und lokaler Ebene mit einschließen. Latour vertritt in seinem Ansatz die Ansicht, dass der Dualismus von global und lokal überhaupt aufgegeben werden muss, da kein Ort beherrschend genug ist, um global zu sein und umgekehrt kein Ort genügsam genug ist um lokal zu sein. Das Soziale sollte für ihn als eine abgeflachte Topografie verstanden werden, Globales und Lokales sind untrennbar miteinander verbunden. (vgl. Latour 2007) Ähnliches findet sich bei Beck, der die Anwendung kosmopolitischer Praktiken fordert, um sich über nationale und kontinentale Grenzen hinwegzusetzen, um sich das globale Ausmaß der Risiken bewusst zu machen und dementsprechend Lösungswege zu finden. Und das kann nur gelingen wenn der Zusammenhang zwischen Nah und Ferne, dem Lokalen und dem Fremden als Ausgangsbasis dient. (vgl. Jonas 2016: 13) Nur in empirischer Hinsicht dürfte für die Praxistheorien eine Weiterentwicklung oder eine Bezugnahme auf andere Theorien von Nöten sein, um die globale Perspektive stark genug mit einzubeziehen.

e.) Inwiefern wird auf die ökologische Fragestellung Bezug genommen?

Die Bezugnahme praxeologischer Ansätez auf ökologische Fragestellungen wurde schon mehrfach angeschnitten. An dieser Stelle sollen zwei Aspekte nochmals dargelegt werden, erstens die Kritik an vorherrschenden Modellen der Nachhaltigkeitsforschung und zweitens die praxeologische Erforschung nachhaltiger und nicht-nachhaltiger Alltagspraktiken.

Kritik an vorherrschende Modellen in der Nachhaltigkeitspolitik

Praxeologische Ansätze liefern einen wichtigen Beitrag in der Nachhaltigkeitsforschung, in dem sie die Grenzen bestehender Modelle, wie das ABC-Paradigma oder das 3-Säulen-Modell in der Nachhaltigkeitsforschung- und -politik aufzeigen und Kritik an reduktionistischen Konzepten üben. Shove zeigt die Schwächen der ABC-Modelle auf, darauf wurde schon bei Punkt b.) eingegangenen. In Anlehnung an Shove macht auch Jonas deutlich, dass individuelle Wahlmöglichkeiten und Verhaltensänderungen nur von marginaler Relevanz für sozialen Wandel sind. Wird bei konventionellen Ansätzen auf kognitiv-rationale Entscheidungen gepocht, zum Beispiel bei Mülltrennung, thematisiert der praxeologische Ansatz vielmehr die körperlichen Erfahrungen und die Affekte, wenn es darum geht, bestimmte Praktiken zu wählen und andere nicht. Wichtig ist auch, dass in Europa kein konstant durchgängiger nachhaltiger Lebensstil beobachtet werden kann, vielmehr koexistieren nachhaltige neben nicht- nachhaltigen Aspekten. Es kann von Lebensstilen als segmentierte Praxis- Bündel gesprochen werden. Zum Beispiel wenn eine Person grundsätzlich nur öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad nutzt, dann aber aber Langstreckenflüge bucht. (vgl. Jonas und Littig 2015: 836) Damit schwindet auch die Möglichkeit einen konstanten nachhaltigen Lebensstil auf rationaler Ebene wie Bewusstseinsbildung zu fördern. Praxeologisch orientierte Forschung zeigt die Grenzen jener Lösungen für nachhaltige Entwicklung auf, die sich vorwiegend auf technologische Modernisierung stützen. Aber auch einseitigen Betonungen der AkteurInnen wie bei Multilevel- Ansätzen, die dazu tendieren, ihren Schwerpunkt auf die dominanten Märkte, staatlichen AkteurInnen und soziotechnische Regime zu legen und dabei AkteurInnen mit ihren alltäglichen Praktiken aus der Zivilgesellschaft zu vernachlässigen, kann mit praxeologischen Ansätzen entgegengewirkt werden. (vgl. Hargreaves et al. 2013: 404)

Praxeologische Erfoschung Nachhaltiger und nicht- nachhaltige Alltagspraktiken

Viele der empirischen praxeologischen Forschungen zu Nachhaltigkeit beschäftigen sich damit, wie bestimmte nachhaltige oder nicht-nachhaltige Praktiken entstehen, sich stabilisieren oder verändern. Beispielhaft für die praxistheoretische empirische Nachhaltigkeitsforschung sind die Arbeiten von Warde's praxeologischer Konsumforschung, in welcher er Konsum als Bestandteil fast jeglicher Praktik auffasst (Warde 2005: 137). Von großer Bedeutung sind auch die Arbeiten von Shove und Pantzar. Der Fokus in ihrem Ansatz liegt auf den Praktiken im alltäglichem Tun wie Kochen, Duschen, alltägliche Konsumpraktiken etc. sowie auf den Elementen, die diese Praktiken beinhalten und wie diese sozial organisiert sind. Sie versuchen die für die jeweiligen Handlungsfelder typischen sozio-materiellen Verbindungen und Konsumdynamiken zu rekonstruieren, um mögliche Anknüpfungspunkte für eine Veränderung von Konsumpraktiken herausarbeiten zu können (vgl. ebd. Brand 2011: 184) . In ihrer Arbeit zur Verbreitung des “Nordic Walking“ untersuchen sie, wie sich die Praktik des „Nordic Walking“ etablieren konnte. Shove und Pantzar sehen Praktiken als Zusammenspiel von „Symbolic meanings and images“ (am Beispiel des Nordic Walkings: Gesundheit und Fitness; Spaß), „Competence and skill“ (Beispiel Nordic Walking: die spezifische Technik erfordert Know-How und Training, es werden viele Kurse angeboten), „Materials“ (Stöcke und Sportbekleidung). Diese Elemente sind aktiv und rekursiv in den täglichen Performances integriert. Praktiken stabilisieren und reproduzieren sich aufgrund der Wiederholung und mehr oder weniger getreuen Performances der Practioners. Sie entstehen, stabilisieren und verändern sich aufgrund der Verbindungen ihrer Elemente, die entstehen und sich auch wieder auflösen. (vgl. Shove und Pantzar 2005: 51ff.) Die grundlegende Frage praxeologischer Nachhaltigkeitsforschung lautet also, wie etablierte Gewohnheiten durch nachhaltige Alternativen ersetzt werden können und welche soziomateriellen Veränderungen notwendig dafür sind. Dabei sind die AkteurInnen immer an ihren Sozialraum angebunden, weshalb den Regimen eine bedeutende Rolle zu Teil wird, um beispielsweise eine umweltfreundlichere Mobilität zu gewährleisten (Radwege ausbauen). (vgl. Jonas und Littig 2015: 846)

2. Transformationsforschung

a.) In welchem historischen Kontext lässt sich der Ansatz einordnen?

Derzeit ist ein neuer wissenschaftlicher Diskurs über Transformationen entbrannt, der sehr vielgestaltig und oftmals auch sehr unverbindlich oder in die Enge führend ausfallen kann. Deshalb sind in diesem Kontext eine genaue Auseinandersetzung mit der Begriffsdefinition, eine Abgrenzung vom oftmals synonym verwendeten Begriff der Transitionsforschung sowie ein Blick auf den historischen Entstehungsprozess der Transformationsforschung erforderlich. (vgl. Reißig 2014: 50) Historisch gesehen gibt es zwei wichtige Phasen der Transformationsforschung (vgl. Jonas 2016: 6): Einerseits die 70jährige und bis heute prominenteste Verwendung des Begriffes Transformation von Karl Polanyi. Dieser befasste sich in seinem Werk „The Great Transformation“ damit, wie im 19. Jahrhundert kapitalistische Strukturen die bestehenden feudalistischen Sozialbeziehungen und den sozialen und natürlichen Lebensraum der Menschen zerstörten und wie sich dieser Prozess der Einbettung kapitalistischer Strukturen radikal vollzog. (vgl. Brand 2014: 250) Die zweite Phase geht auf den Zusammenbruch der DDR und der Sowjetunion nach 1989 zurück. Zu dieser Zeit entstand die erste Transformationsforschung, die sich mit der Charakteristik der Umbruch- und Wandlungsprozesse ehemaliger sozialistischer Staaten in Richtung westlicher Vorbilder befasste. Hierbei steht der Begriff Transformation für zielgerichtetes Handeln in Bezug auf westliche Ideale. Dazu können auch die verschiedenen Demokratisierungswellen im 20. Jahrhundert gezählt werden. (vgl. Reißig 2014: 50) Rolf Reißig, der das Konzept der Gesellschaftstransformation entwirft, zeigt auf, dass gesellschaftskritische Transformationsanalysen sich stärker auf Polanyi, Marx und Gramsci beziehen, während sich die eher dem modernisierungstheoretischen Paradigma nahestehenden SozialwissenschafterInnen stärker an Durkheim, Weber und Parson anlehnen. Bei der ersten Gruppe stehen soziale Verhältnisse, Prozess- und Eigentumsstrukturen, Machtverhältnisse und die Zivilgesellschaft im Vordergrund, bei der zweiten Gruppe eher Systeme und deren Differenzierung, Modernisierung und Evolutionsprozesse. (vgl. Reißig 2014: 91f.) Im Folgenden wird die Perspektive der gesellschaftskritischen Transformationsanalyse herangezogen. Ein Vertreter dieser kritischen Transformationsanalyse ist Ulrich Brand, sein Konzept soll hier nun kurz skizziert werden. Bevor ich eine Begriffsdefinition vorstelle, erscheint es wichtig den Transformationsbegriff vom Begriff der Transition abzugrenzen. Brand geht bei dem Begriff der Transition von dem zentralen Aspekt aus, dass es sich dabei um die Änderung politischer Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Akteure (vor allem UnternehmerInnen) handelt, Stichwort „Grüne Ökonomie“. Aber auch die Dimension der Innovation spielt in der Transitionsforschung eine entscheidende Rolle, ausgehend von Nischeninnovationen sollten sich neue gesellschaftliche Leitbilder ausbreiten. Kritisiert wird an der Transitionsforschung, wie oben schon dargestellt, dass sie eine starke Steuerungsfähigkeit des Staates voraussetzt. Außerdem unterliegt dem Transitionsansatz die Annahme, dass der Staat weiß, welche Probleme bestehen und wie die Lösungen dafür aussehen. (vgl. Brand 2014: 248ff.) In der Abgrenzung zum Transitionsbegriff entwickelt Brand einen kritischen, analytischen Begriff sozialökologischer Transformation, der auf regulations-, hegemonie- und staatstheoretische Ansätze zurückgreift, die mit politischer Ökonomie verknüpft werden. Brand betont dabei, dass ein analytischer Transformationsbegriff heute Begriffe der gesellschaftlichen und kapitalistischen Verhältnisse beinhalten muss, sowie die der Mechanismen ihrer dynamischen Reproduktion, die Krisen erst produzieren. (vgl. Brand 2014: 256ff.)

b.) Welche Rolle spielen Akteure/Agenten hinsichtlich sozialen Wandels?

Reißig fasst in seinem Beitrag die AkteurInnen des sozialen Wandels folgendermaßen zusammen:

- „Schwarm unterschiedlicher Akteure, die im spezifischen Transformationsgeschehen verschiedene Diskurs-,Deutungs-und Transformationskoalitionen mit unterschiedlichem Führungspersonal bilden;
- große, gesellschaftliche Interessensgruppen, soziale Bewegungen, kritische Intellektuelle, und Eliten, Teile aufgeklärter staatlich-politischer Akteure und des Unternehmertums;
- 'Pioniere des Wandels' (Individuen, kleine Gruppen)
- Transformation, abhängig insbesondere von Akteurskonstellationen, die über ausreichend Macht, Ressourcen, Wandlungsbereitschaft und -fähigkeit verfügen“ (Reißig 2014: 94)

Historisch gesehen sind Transformationsprozesse nach Reißig weniger durch neue Technologien und ökonomische Impulse zu erklären, als vielmehr durch aufstrebende Klassen, die den Wandel von Institutionen vorantrieben. So wurde die erste Große Transformation der Neuzeit durch die Bourgeoisie wesentlich vorangetrieben. Im Unterschied dazu fehlt es heute an vergleichbar eindeutigen Subjekten der Transformation, was auf die Pluralisierung der Gesellschaft zurückzuführen ist. Heute ist Transformation nur als „kooperatives Handeln pluraler sozialer und politischer Kräfte der Arbeit, der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Öffentlichkeit und der Politik denkbar“. (Reißig 2014: 81) Reißig bezeichnet zwar das Akteurshandeln, das sich inmitten der Gesellschaft aus Bürgerengagement heraus entwickelt, als Ausgangspunk, um über mögliche Transformationsprozesse Auskunft zu erlangen und schreibt verschiedenen Milieus diesbezüglich viel Potenzial und Zustimmung in Richtung einer solidarischen und nachhaltigen Gesellschaft zu, doch die entscheidende Frage dabei ist, ob sich aus diesem Potenzial auch tatsächlich gesellschaftliche Macht und Einfluss erzielen lässt. Die verschiedenen Suchbewegungen können nur dann zu einem sozialem Wandel führen, wenn sich der wirtschaftliche, soziale und kulturelle Wandel mit den Bedürfnissen und Interessen der Individuen und Gruppen der Bevölkerung verbindet. Transformation kann nicht von oben herab diktiert werden, sondern muss als überzeugend, sinnvoll und praktisch von der Bevölkerung leiblich erfahrbar sein. (vgl. ebd.: 84f.)

Brand betont hinsichtlich der Frage nach der Rolle der AkteurInnen für den sozialen Wandel vor allem den Einfluss kapitalistischer Strukturen: „Die Strukturen und Handlungen der Individuen wie auch der kollektiven Akteure reproduzieren bzw. vollziehen sich wesentlich entlang der kapitalistischen Formen, nämlich der Wert-, Waren- und Geldformen sowie der politischen Rechtsform“. (Brand 2014: 259) In diesem Sinne tendieren die AkteurInnen dazu in ihren täglichen Praxen die Waren-, Wert-, und Geldformen über Erwerbsarbeit und Konsummuster zu reproduzieren. Die kapitalistischen Strukturen sind handlungsanleitend und geben den AkteurInnen eine Orientierung für ihre Praktiken vor. In diesem Verständnis werden die Grenzen einzelner AkteurInnen aufgezeigt. Noch stärker als Reißig verdeutlicht Brand, dass die AkteurInnen in ihren täglichen Praxen kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen unterworfen sind und wie beschränkt die Möglichkeiten sind, diese zu überwinden. Das schließt natürlich das Handeln politischer AkteurInnen ein, auch sie handeln nach marktförmigen Prinzipien und tendieren dazu, herrschende Verhältnisse abzusichern. Nicht-nachhaltige Entwicklungsprozesse sind tief in staatlichen Institutionen, staatlichen AkteurInnen, und ihren Praktiken verankert, was die Grenzen der Umsteuerung gesellschaftlicher Strukturmuster zeigt. (vgl. ebd.: 259ff.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Nachhaltigkeitsforschung. Wie verändern sich Gesellschaften?
Untertitel
Sozialer Wandel, Transformation und Transition in Theorie und Forschung
Hochschule
Universität Wien  (Soziologisches Institut)
Veranstaltung
Seminar
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V383526
ISBN (eBook)
9783668588080
ISBN (Buch)
9783668588097
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nachhaltigkeitsforschung, gesellschaften, sozialer, wandel, transformation, transition, theorie, forschung
Arbeit zitieren
Sarah Brunner (Autor), 2016, Nachhaltigkeitsforschung. Wie verändern sich Gesellschaften?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383526

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