Feuriges Verlangen und zärtliche Liebesschwüre. Zur Problematik der Bildersprache in "Das fließende Licht der Gottheit" von Mechtild von Magdeburg


Essay, 2010
7 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Essay:

Feuriges Verlangen und zärtliche Liebesschwüre –

Zur Problematik der Bildersprache in Mechtild von Magdeburgs „Das fließende Licht der Gottheit“

„Du bist […] min tiefeste gerunge, […]

Du bist ein lust miner gotheit, […]

ein bach miner hitze!“ ( I, XIX S.57 Z.25ff.)

In solch schwärmerischen Tönen beschreibt nicht etwa ein frischverliebter Mensch sein sehnsüchtiges Verlangen nach seiner Geliebten, sondern es sind die Worte Mechtild von Magdeburgs in ihrem Werk „Das fließende Licht der Gottheit“. In diesem um etwa 1250 erschienen Buch schildert Mechtild ihre mystischen Erfahrungen, die Vereinigung ihrer Seele mit Gott, als einen höchst erotischen Akt. Doch handelt es sich hierbei um Worte beeindruckender poetischer Schönheit oder sind es die Äußerungen einer blasphemischen Verrückten? Im Folgenden sollen einerseits die Problematiken der Bildersprache Mechtilds thematisiert, andererseits aber auch ein Versuch unternommen werden, den Wert dieses Werkes zu beurteilen.

Um die Einzigartigkeit der Bildersprache Mechtilds verstehen zu können, ist es zunächst notwendig, die historischen Gegebenheiten dieser Zeit nachzuvollziehen. Das Frühmittelalter stand ganz im Zeichen der eschatologischen Naherwartung Gottes, der Apokalypse. Gläubige Christen erwarteten in naher Zukunft den Anbruch eines neuen Zeitalters, das mit Ängsten vor dem Jüngsten Gericht, einer Verurteilung zu einem Leben im Fegefeuer oder gar der Verdammnis in die Hölle einherging. Es dominierten Vorstellungen von Gott als ein unnahbarer, strafender Herrscher, ein allmächtiger, gefürchteter Gott, die Vorstellung eines „rex tremendus“.[1] Mit dem Übergang zum Hochmittelalter und dem Ausbleiben der Naherwartung Christi wandelte sich diese Auffassung. Die Menschen entwickelten zum ersten Mal ein ausgeprägtes Individualitätsbewusstsein, aber auch eine neue Sensibilität, die sich sowohl in den zwischenmenschlichen Beziehungen als auch in der individuellen Beziehung zu Gott wiederspiegelte. Mechtilds Werk repräsentiert diesen Wandel, denn anders als andere Mystiker und Mystikerinnen ihrer Zeit interpretierte sie das Verhältnis zwischen Mensch und Gott neu, da sie nicht nur ihre eigene Liebe und ihr sehnsüchtiges Verlangen nach der Gottesunmittelbarkeit thematisierte, sondern auf revolutionäre Art und Weise „dieselbe Inbrünstigkeit auch dem göttlichen Partner zuspricht.“[2]

„o du brennender got an diner gerunge,

o du smelzender got an der einunge mit dinem liebe,

o du růwender got an minen brústen“ ( I, XVII S.57 Z.9ff. )

Das Herzstück des „Fließenden Lichts“ ist die unio mystica, die leidenschaftliche Vereinigung mit Gott. Mechtild schildert diese Hochzeit zwischen der Seele und Gott mit einem höchst emotionalen und erotischen Vokabular. Gerade diese verzückten und ekstatischen Schilderungen sind es, die über Jahrhunderte hinweg Kritiker zum Anlass nahmen, Mechtild Häresie oder gar Blasphemie vorzuwerfen. Auf den ersten Blick scheinen diese Anschuldigungen für den modernen Leser nicht abwegig zu sein, sieht er sich doch bei der Lektüre des „Fließenden Lichts“ mit noch weitaus schwerwiegenderen Problemen konfrontiert. Thomas Bütow thematisiert diese in seinem Buch zur europäischen Mystik[3] und ordnet sie drei großen Kategorien zu: Zunächst führt Bütow die „Originalitätsbarriere“ an, denn anders als im Mittelalter werden mystischen Erfahrungen in der modernen Welt nur noch sehr geringe Bedeutung zugesprochen, wenn sie überhaupt ernst genommen werden. Heute im 21. Jahrhundert spielt der christliche Glaube oftmals nur noch eine periphere Rolle im Leben der Menschen.

Darüber hinaus verhindert die „Mentalitätsbarriere“ ein Nachempfinden der zeitlichen Umstände des Mittelalters. Wie zu Beginn geschildert, lebten die Menschen im Mittalter in dem Glauben, das Ende der Welt stehe unmittelbar bevor. Diese eschatologische Perspektive führte dazu, dass für den Menschen des Mittelalters alles Irdische und für ihn Gegenwärtige an Bedeutung verlor und im Mittelpunkt die Vorbereitung auf das Leben nach dem Tod stand. Für uns moderne Menschen scheint die Vorstellung eines nahenden Weltuntergangs sowie die Rechtfertigung aller irdischen Verfehlungen vor dem Jüngsten Gericht eher befremdlich und veraltet.

Als besonders schwerwiegend ist im diesem Zusammenhang aber die „Sprachbarriere“ zu bewerten. Diese thematisiert nicht nur die Problematik der Textüberlieferungen aus dem Mittelhochdeutschen und Mittellateinischen, sondern meint vielmehr auch den gewandelten Gebrauch der Sprache insgesamt. Thema der Mystik ist eine den ganzen Menschen ergreifende Erfahrung der Nähe Gottes. Diese überwältigende, übermenschliche und unvorstellbare Erfahrung des Unsagbaren in Worte zu fassen, sie zu beschreiben und begreiflich zu machen, ist wohl die schwierigste Aufgabe, die Mystiker und Mystikerinnen zu bewältigen hatten bzw. haben. Wenn Mechtild bspw. von der Vereinigung mit Gott in den Worten „Eya herre, minne mich sere und minne mich dike und lange!“ ( I, XXIII, S.45 Z.6) spricht, so beschreibt sie hier keineswegs einen sexuellen Akt, sondern thematisiert damit in ihren eigenen Worten die überwältigende Erfahrung der Gottesnähe. Dieses schwerwiegende Problem, das Haas als den „sprachlichen Notstand der Mystiker“[4] beschreibt, verweist auf die Schwierigkeit des Umsetzens der erlebten göttlichen Erfahrung in die Standardsprache.

Anders als der moderne Leser vielleicht denken mag, bedeutet eine mystische Erfahrung aber nicht, Gottes Wesen und die Wahrheit erkannt zu haben, denn dies korrigiert Mechtild umgehend, indem sie ihr eigenes Nichtwissen thematisiert und es anhand von Paradoxa veranschaulicht.

„wa zwȯi geliebe verholen zesamen koment, si můssent dike ungescheiden von einander gan.“ ( I, XLIV, S. 64 Z.22ff.)

Die wesentliche Funktion, die der Bildersprache im „Fließenden Licht“ zugesprochen wird, ist, dass sie selbst in Form der stärksten und bildlichsten Metaphern all ihre Bedeutung und Aussagekraft einzubüßen hat. Begriffe wie Feuer, Hitze, Größe und Liebe verlieren ihre Bedeutung, wenn sie mit Gott in Bezug gesetzt werden. Auch wenn während der unio mystica von Berührungen zwischen Gott und der Seele gesprochen wird, so ist auch hier nicht die Rede von einem sexuellen Akt. Mechtild begreift die Liebe zu Gott als einen Weg der Erkenntnis, der tiefsten Identität des Menschen mit sich selbst. „[…] [D]ie mystische Berührung meint eine im umfassenden Sinn erfahrene Erkenntnis, ein Begreifen bei gleichzeitigem Ergriffenwerden.“[5] Die Liebe zu Gott ist für Mechtild also keine körperliche, sexuelle Liebe, sondern ein Prozess höchster Erkenntnis, ein Sichfinden. Diese Erfahrung untermauert sie vielfach durch Erwähnungen von Sinneswahrnehmungen, um die Konkretheit ihrer Erfahrung zu bezeugen.

„O vrǒwe, kumest du dar, so můssen wir erblinden gar, wan dú gotheit ist so fúrig heis, als du selb wol weist […]“ ( I, XLIV, S. 62 Z.20f.)

Anders als von einigen Kritikern unterstellt, beschreibt Mechtild in ihrem Werk die Vereinigung mit Gott nicht zum Zweck der Schilderung eines ekstatischen Akts, sondern will das von ihr erlebte Ereignis mit alltäglichen Bildern veranschaulichen als einen den ganzen Menschen ergreifendes Geschehnis, einen Weg zur Mittel der Seele, einen Punkt intensivster Selbstwahrnehmung.

„In der Mystik […] beschreibt der Augenblick der Gottesberührung, indem die Ichgrenzen zu Gott hin überschritten werden, den Augenblick der höchsten Identität des Menschen mit sich selbst.“[6]

Neben dieser bezeugenden Funktion verwendet Mechtild ihre bildhaft geprägte Sprache und die emotionalen Aussagen über Gott, um die bisher empfundenen Grenzen zwischen Gott und den Menschen aufzuheben. Indem Mechtild Gott als einen leidenschaftlichen, gleichwertigen Liebespartner darstellt, will sie das bisherige Gottesbild eines strafenden und unnahbaren Gottes revidieren und den Menschen zu einem neuen Gottesempfinden verhelfen. Damit veranschaulicht sie, „ daß durch die Menschwerdung Gottes der Mensch Gott geworden ist.“[7] Mechtild will zeigen, dass Gott den Menschen ebenso liebt und verehrt, wie der Mensch Gott liebt und verehrt. Mit ihrem Werk will Mechtild aber nicht nur das bisherige theologische Verständnis von Gott erneuern, sondern den Menschen zugleich einen Weg zu Gott aufzeigen, einen Weg zur richtigen Lebensführung, der es dem Menschen möglich macht, sich die Nähe Gottes zu verdienen.

[...]


[1] vgl. Ankermann, Maren: Spielarten erlebnismystischer Texte: In: Europäische Mystik vom Hochmittel-alter zum Barock. Hg. v. Wolfgang Beutin. Frankfurt a. M. 1998, S. 124.

[2] Ruh, Kurt: Geschichte der abendländischen Mystik. Bd. 2: Frauenmystik und Franziskanische Mystik der Frühzeit. München 1993, S. 264.

[3] Bütow, Thomas: Zu diesem Buch. In: Europäische Mystik vom Hochmittelalter zum Barock. Hg. v. Wolfgang Beutin. Frankfurt a. M. 1998, S. 8f..

[4] Ruh, Kurt: Geschichte der abendländischen Mystik. S. 281.

[5] Diers, Michaela: Mystik. In: Das lächelnde Lebendige. Hg. v. ders. Innsbruck-Wien1998, S. 12.

[6] Diers, Michaela: Mystik. In: Das lächelnde Lebendige. S. 16.

[7] Ruh, Kurt: Geschichte der abendländischen Mystik. S. 248.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Feuriges Verlangen und zärtliche Liebesschwüre. Zur Problematik der Bildersprache in "Das fließende Licht der Gottheit" von Mechtild von Magdeburg
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
7
Katalognummer
V383626
ISBN (eBook)
9783668589285
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
feuriges, verlangen, liebesschwüre, problematik, bildersprache, licht, gottheit, mechtild, magdeburg
Arbeit zitieren
Anna Kuhlmann (Autor), 2010, Feuriges Verlangen und zärtliche Liebesschwüre. Zur Problematik der Bildersprache in "Das fließende Licht der Gottheit" von Mechtild von Magdeburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383626

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