Das Lernen aus Fehlern anderer. Die sozial-kognitive Lerntheorie von Albert Bandura und der hemmende Effekt des Beobachtungslernens


Seminararbeit, 2011
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die sozial-kognitive Lerntheorie Albert Banduras
2.1 Geschichte der sozial-kognitiven Lerntheorie
2.2 Das Experiment

3. Hauptteil: Der hemmende Effekt des Beobachtungslernens
3.1 Definition des hemmenden Effekte des Beobachtungslernens
3.2 Die Phasen des Beobachtungslernens
3.3 Die Bedeutung des Beobachtungslernens für den Menschen
3.4 Die Bedeutung des Beobachtungslernens für die Schulpraxis

4. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

„Lernen wäre ein außerordentlich mühsames Geschäft – vom Risiko [und den fatalen Folgen] ganz zu schweigen – wenn die Menschen als einzige Richtlinie für künftiges Tun nur die Auswirkungen ihres eigenen Handelns hätten.“[1]

Tatsächlich aber haben Menschen die Möglichkeit, sich durch das Beobachten der Verhaltensweisen anderer eine Vorstellung davon zu machen, welche Wirkungen und Konsequenzen Verhaltensweisen haben können. Dieser Prozess wird mit dem von Bandura geprägten Begriff des „Beobachtungslernens“ umschrieben und ist Teil seiner sozial-kognitiven Lerntheorie. Diese Theorie beschreibt nicht nur die Möglichkeit, sich Verhaltensweisen von anderen Menschen abzuschauen und Neues hinzuzulernen, sondern vor allem auch, wie man aus den Fehlern anderer seinen Nutzen ziehen und sie so vermeiden kann.

Mit Mittelpunkt der Hausarbeit soll der hemmende Effekt des Beobachtungslernens stehen, da dieser Menschen einen produktiven Umgang mit den Fehlern anderer ermöglicht. Zu diesem Zweck wird zunächst die sozial-kognitive Lerntheorie Banduras in ihren Grundzügen geschildert sowie ein Experiment, auf dem Bandura seine Theorie gründet. Im Anschluss daran wird im Hauptteil auf das Beobachtungslernen näher eingegangen, Phasen und Wert werden erläutert sowie die Bedeutung des hemmenden Effekts für die Schulpraxis. Da bei dieser Hausarbeit allerdings die Möglichkeit eines produktiven Umgangs mit Fehlern anderer durch den hemmenden Effekt des Beobachtungslernens im Zentrum aller Betrachtungen steht, werden große Teile der sozial-kognitiven Theorie Banduras nicht berücksichtigt, sodass diese Hausarbeit lediglich einen kleinen Einblick in die Arbeiten Banduras bieten kann.

2. Die sozial-kognitive Lerntheorie Albert Banduras

2.1 Geschichte der sozial-kognitiven Lerntheorie

Vor mehr als 30 Jahren kritisierte Albert Bandura die traditionelle behavioristische Sichtweise auf den Lernprozess, da diese das menschliche Lernen als einen weitgehend passiven Prozess beschreibt, denn allein durch Verstärkung und äußere Hinweisreize würde das Verhalten eines Menschen gesteuert. Demnach stünden nicht die inneren Vorgänge eines Lernenden selbst im Vordergrund, sondern vielmehr die von außen auf ihn einwirkenden Konsequenzen infolge eines gezeigten Verhaltens. Einzig die Außenfaktoren seien letztendlich entscheidend dafür, ob das Verhalten eines Lernenden infolge eines Lobes verstärkt oder infolge von Strafe oder Tadel reduziert werden würde.

Zwar räumt Bandura die Bedeutung operanten Konditionierens ein, denn Lernen von Modellen sei im eigentlichen Sinne eine Form desselben, dennoch ist er aber der Ansicht, „dass es weder ausreichend noch erforderlich sei, externe Konsequenzen als wesentliche Determinanten menschlichen Verhaltens anzunehmen.“[2] Mithilfe seiner sozial-kognitiven Lerntheorie bietet Bandura ein Erklärungsmodell an, bei dem das Lernen vorwiegend aus der Beobachtung und Imitation der Umwelt hervorgeht. Mit der Einführung des Begriffs des reziproken Determinismus betont er dabei vor allem die Wechselbeziehungen zwischen dem Menschen, seinem Verhalten und der Umwelt, denn für Bandura ist der Mensch „weder durch innere Kräfte getrieben noch durch Umwelteinwirkungen hilflos herumgestoßen.“[3] Daraus resultiert im Gegensatz zum operanten Konditionieren folgendes Kausalverhältnis:

„Verhalten bringt teilweise die Umwelt hervor, und die resultierende Umwelt beeinflußt dann wieder das Verhalten. In diesen doppelseitigen Kausalprozeß ist die Umwelt genauso beeinflußbar, wie das Verhalten, das von ihr ausgeht.“[4]

Mit seiner sozial-kognitiven Lerntheorie weist Bandura also nicht nur das behavioristische Menschenbild eines „passiven Opfers unbewußter Impulse“4 bzw. eines „passiven Respon-denten auf Umweltreize“[5] zurück, sondern schafft zugleich ein neues Menschenbild, das geprägt ist von problemlösenden, aktiven Verhalten.

„Die sozial-kognitive Theorie sieht die Person als aktiven Organismus, der symbolische (kognitive) Prozesse benutzt, um Ereignisse zu repräsentieren und mit anderen zu kommunizieren, und der fähig ist, zu wählen und sich selbst zu regulieren.“[6]

Auf diese Weise revolutioniert Bandura aber nicht nur die lerntheoretische Sichtweise auf den Menschen, sondern erschafft auch ein Modell, das den Erwerb neuer Verhaltensweisen auf viel einfachere Weise zu beschreiben versteht. Er weist die Ansicht Thorndikes zurück, „es [handle] sich beim Lernen um einen Prozess, der aus Versuchen und Irrtümern besteh[e] und den Lebewesen jeweils selbst zu durchlaufen haben“[7] und erklärt, dass Menschen durch die Beobachtung von erfolgreichen sowie auch erfolgloser Situationen anderer profitieren und daraus stellvertretend lernen können. Notwendig ist dies, da der Mensch mit Ausnahme von elementaren Reflexen über kein angeborenes Verhaltensrepertoire verfügt und dieses entweder nur durch unmittelbare Erfahrung oder durch Beobachtung anderer erwerben kann.[8]

„In Situationen, wo Fehler kostspielige oder gefährliche Folgen hätten, können hochentwickelte Fähigkeiten unter Vermeidung nutzloser Irrtümer dadurch vermittelt werden, daß die Aufmerksamkeit auf geeignete Modelle gelenkt wird, die die erforderlichen Aktivitäten vorführen.“[9]

Mit seiner sozial-kognitiven Lerntheorie zeigt Bandura also nicht nur auf, dass die Umwelt menschliches Verhalten und dieses wiederum die Umwelt beeinflusst, sondern erklärt, dass große Teile des Lernprozesses darin bestehen, dass Menschen ihre Umwelt beobachten und imitieren. Auf diese Weise lernen sie nicht nur, welche Verhaltensweisen in welcher Situation erwünscht und erfolgreich sind, sondern lernen auch aus den Fehlern anderer, indem sie durch Beobachtung unerwünschten oder erfolglosen Verhaltens stellvertretend ihr Verhaltensrepertoire erweitern.

2.2 Das Experiment

Als Grundlage für Banduras sozial-kognitive Lerntheorie dient ihm ein für die damalige Wissenschaft bahnbrechendes Experiment, mit dem er sowohl die Thesen zum reziproken Determinismus untermauert als auch das für seine Theorie zentrale Lernprinzip des Beobachtungslernens belegt.

Der Versuchsaufbau[10] war so gestaltet, dass 66 Kinder im Vorschulalter jeweils in drei gemischte Gruppen eingeteilt wurden, die jeweils einer anderen experimentellen Bedingung unterlagen. In einem Film sahen sie dann, wie ein Erwachsener (Modell) eine lebensgroße Plastikpuppe auf deutlich beobachtbare Art und Weise verbal und physisch attackierte. Je nach Experimentalbedingung wurde der Erwachsene im Anschluss auf das gezeigte Verhalten entweder belohnt oder bestraft, in der dritten Gruppe blieb das Verhalten unkommentiert. Unmittelbar nach Ende des Films wurden die Kinder dann einzeln in ein Spielzimmer gebracht, das verschiedene Spielgegenstände beinhaltete, darunter auch die in dem vorher gezeigten Film attackierte Puppe. Nun wurden alle Kinder dazu aufgefordert, das im Film gesehene Verhalten nachzuahmen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung fielen unterschiedlich aus: Die Kinder, die im Film gesehen hatten, wie das Modell für sein aggressives Verhalten der Puppe gegenüber belohnt wurde, zeigten durchschnittlich mehr Aggressionen als die Kinder der Gruppe, in der das Modell für seine Aggressivität bestraft worden war. „Gemäß dem Prinzip der stellvertretenden [Bestrafung] hatten sie offenbar bereits aus der Beobachtung [der Konsequenzen für das Modell] gelernt und nicht erst an den selbst erfahrenen Verhaltensfolgen.“[11]

Erstaunlich ist im diesem Zusammenhang aber vielmehr die letzte Phase der Untersuchung, in der der Versuchsleiter eine Belohnung für jede noch aus dem Film erinnerte aggressive Verhaltensweise versprach. Auf dieses Versprechen hin änderte sich auch die Verhaltensweise der Kinder, die zuvor gesehen hatten, wie das Modell für seine Attacke bestraft wurde und ihre Aggressivität entsprach der anderen Gruppe. Aufgrund dieser Tatsache zeigte Bandura, dass alle Kinder durch den Film aggressives Verhalten gelernt und es kognitiv repräsentiert hatten. Damit hat Bandura bewiesen, „dass [sich] gelerntes Verhalten […] nicht unbedingt auch im beobachtbaren Verhalten äußern [muss].“[12]

Mit einem weiteren Versuch belegte Bandura zudem, dass es für die Beobachtung und Imitation des Verhaltens nicht von Bedeutung ist, in welcher medialen Form das Modell-verhalten präsentiert wird.

3. Hauptteil: Der hemmende Effekt des Beobachtungslernens

Der nun folgende Hauptteil der Hausarbeit beschäftigt sich mit der Möglichkeit, mithilfe des hemmenden Effekts des Beobachtungslernens Fehler zu vermeiden. Zu diesem Zweck wird zuerst der hemmende Effekt des Beobachtungslernens an sich definiert und erläutert. In einem nächsten Schritt sollen dann sowohl die Phasen als auch der Wert desselben für die Menschen allgemein untersucht werden. Welche weitergehende Bedeutung der hemmende Effekt des Beobachtungslernens für die Schulpraxis hat, wird anschließend diskutiert.

3.1 Definition des hemmenden Effekte des Beobachtungslernens

Unter Beobachtungslernen versteht man zunächst das Erlernen neuer Verhaltensweisen, indem das Verhalten eines Modells seiner Umwelt beobachtet und anschließend imitiert wird. Aufgrund dessen bezeichnet man Beobachtungslernen auch als versuchsfreies Lernen (no-trail learning), denn der Beobachter lernt etwas stellvertretend, ohne es selbst ausführen zu müssen. „Beobachtungslernen bezieht sich [dabei] auf den schon in der pädagogischen Antike bekannten und genutzten Sachverhalt der Vorbildwirkung.“[13] Wichtig ist aber zu erwähnen, dass durch die Beobachtung eines Modells nicht nur Verhaltensweisen dazugelernt, sondern auch Erwartungen darüber entwickelt werden, welche Konsequenzen ein Verhalten wahrscheinlich nach sich zieht. Der Mechanismus, der dem Beobachtungslernen zugrunde liegt, ist „die unmittelbare Verknüpfung des beobachteten Modellverhaltens mit einem kognitiven Ereignis, […] einer Sinneserfahrung […] oder einer symbolischen Reaktion.“[14]

Durch das Lernen durch Beobachtung können Menschen laut Bandura drei verschiedene Klassen von Reaktionen lernen, von denen hier der hemmende Effekt im Mittelpunkt steht. Dieser Effekt tritt infolge der Beobachtung einer bestrafenden Reaktion auf das Modellverhaltens auf: Sieht der Beobachter, wie ein Modell für ein Verhalten bestraft wird, so bewirkt dies wiederum eine Hemmung (Inhibition) beim Beobachter und die Tendenz, dass er das modellierte Verhalten nachahmt, nimmt ab.

„Hemmungseffekte liegen vor, wenn Beobachter entweder die modellierten Verhaltensklassen einschränken oder eine allgemeine Verminderung ihrer Reaktionsbereitschaft erkennen lassen, wenn sie sehen, daß das Verhalten des Modells bestraft wird.“

Aufgrund der hemmenden Wirkung der Beobachtung bestrafter Verhaltensweisen lernen Menschen aber nicht nur stellvertretend aus den Fehlern anderer. Stellvertretend erlebte Fehler bzw. unerwünschte Verhaltensweisen „liefern außerdem Bezugsnormen, die bestimmen, ob bestimmte Ereignisse einen positiven oder negativen Wert haben.“[15] Auf diese Weise können sich Menschen ihre eigenen Maßstäbe und Verhaltensgrundsätze erschaffen, auf denen sie dann ihr eigenes Verhalten gründen. Ein Negativbeispiel hierfür findet sich in einer Vielzahl von Unterrichtsstunden, in denen Schüler beobachten, wie eine Wortmeldung eines anderen Schülers von Mitschülern belächelt oder ausgelacht wird. Schafft es ein Lehrer nicht, diesem unerwünschten und unangebrachten Verhalten entgegenzuwirken, so sinkt bei wiederum anderen Schülern die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Wortmeldung ihrerseits.

[...]


[1] Bandura, Albert: Sozial-kognitive Lerntheorie. S. 31.

[2] Hasselhorn, Marcus und Gold, Andreas: Pädagogische Psychologie. Erfolgreiches Lernen und Lehren. S. 49.

[3] Lefrançois, G.R.: Psychologie des Lernens. S. 59.

[4] Lefrançois, G.R.: Psychologie des Lernens. S. 59.

[5] Pervin, Lawrence A.: Persönlichkeitstheorien. S. 403.

[6] Pervin, Lawrence A.: Persönlichkeitstheorien. S. 403.

[7] Mietzel, Gerd: Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens. S. 179.

[8] vgl. Bandura, Albert: Sozial-kognitive Lerntheorie. S. 25.

[9] Bandura, Albert: Lernen am Modell. Ansätze zu einer sozial-kognitiven Lerntheorie. S. 11.

[10] vgl. Tücke, Manfred: Grundlagen der Psychologie für (zukünftige) Lehrer. S. 130ff.

[11] Imhof, Magarete u.a.: Psychologie für Lehramtsstudierende. S. 74.

[12] Tücke, Manfred: Grundlagen der Psychologie für (zukünftige) Lehrer. S. 133.

[13] Schermer, Franz J.: Soziales Lernen. In: Handwörterbuch Pädagogische Psychologie. S. 724.

[14] Gage, Nathaniel L. und Berliner, David C.: Pädagogische Psychologie. S. 264.

[15] Bandura, Albert: Lernen am Modell. Ansätze zu einer sozial-kognitiven Lerntheorie. S. 65.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Lernen aus Fehlern anderer. Die sozial-kognitive Lerntheorie von Albert Bandura und der hemmende Effekt des Beobachtungslernens
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V383628
ISBN (eBook)
9783668589551
ISBN (Buch)
9783668589568
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lernen, fehlern, lerntheorie, albert, bandura, effekt, beobachtungslernens
Arbeit zitieren
Anna Kuhlmann (Autor), 2011, Das Lernen aus Fehlern anderer. Die sozial-kognitive Lerntheorie von Albert Bandura und der hemmende Effekt des Beobachtungslernens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383628

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