Das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in Assia Djebar’s Werk "L’amour, la fantasia"


Hausarbeit, 2015
15 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Assia Djebar und ihr Werk „L’amour, la fantasia“

3 Das Modell nach Koch/ Österreicher (1985/1994)

4 Ansätze für die Erörterung zur Schriftlichkeit und Mündlichkeit

5 Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in den Kapiteln von Assia Djebar’s
Werk „L’amour, la fantasia“
5.1 Allgemeines Verhältnis im ganzen Werk
5.2 Première partie : La prise de la ville ou L’Amour s’écrit
5.2.1 Mon père écrit à ma mère
5.3 Deuxième partie : Les cris de la fantasia
5.3.1 Chapitre I
5.4 Troisième partie : Les voix ensevelies
5.4.1 Premier Mouvement, Corps enlacés
5.4.2 Deuxième Mouvement, La mise à sac
5.4.3 Troisième Mouvement, Chuchotements

6 Fazit

7 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Rahmen meines Bachelorstudienganges ist verankert, dass wir im Modul Literatur­wissenschaft eine Modularbeit verfassen sollen. Ich möchte mich einem Thema aus meinem Kurs „Assia Djebar“ auseinander setzen.

In der folgenden Modularbeit werde ich mich mit dem Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in Assia Djebar’s Werk „L’amour, la fantasia“ beschäftigen. Als erstes werde ich auf die Schriftstellerin des Werkes - Assia Djebar - eingehen. Danach werde ich zu dem Modell von Koch/Österreicher überleiten und allgemeine Ansätze zum Thema Mündlichkeit und Schriftlichkeit erörtern. Im Anschluss werde ich das allge­meine Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Werk ansprechen, werde aber danach spezifisch auf einige Kapiteln näher eingehen und diese erläutern. Abschlie­ßend komme ich zum Fazit und wie meiner Meinung nach das Verhältnis von Münd­lichkeit und Schriftlichkeit in „L’amour, la fantasia“ ist.

2 Assia Djebar und ihr Werk „L’amour, la fantasia“

Assia Djebar gilt als eine der bedeutendsten Autorinnen des Maghreb. Sie ist 1936 in Cherchell bei Algier geboren und in diesem Jahr am 06.02.2015 in Paris verstorben. Ihr richtiger Name ist Fatima-Zohra Imalayène und sie war eine in französischer Spra­che schreibende algerische Schriftstellerin, Regisseurin und Historikerin. Ihre Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Mit Hilfe der französischen Sprache machte sie sich „frei“ und schrieb viele Romane, u. a. Autobiografien und Historiographien.

In diesem und auch in anderen Werken nutzt sie die französische Sprache um zu pro­vozieren, um das Geschehen zu dekonstruieren und gleichzeitig widerspricht sie dem Ganzen, sie dementiert und stellt vieles in Frage.

Ihr Roman „L’amour, la fantasia“ besteht aus drei Teilen und einem Schluss. Der dritte Teil ist wie ein Musikstück gestaltet, welches in 5 Sätze eingeteilt ist. Sie schreibt Rück­blicke der Geschichte, genauer gesagt über die Herrschaft des französischen Koloni­alismus und autobiografische Züge aus ihrer Kindheit. Dabei gibt es einen Wechsel zwischen ihren eigenen Erinnerungen und den Berichten. Dieser Wechsel der Per­spektive ist gewollt um eine Distanz zu schaffen. Des Weiteren bezieht sie sich auf

Zeugenberichte und französische Kriegskorrespondenzen zwischen 1830 bis 1870, die sie vor allem im ersten und zweiten Teil dokumentiert und teils ironisch hinterfragt. Sie schreibt in ihren autobiografischen Abschnitten, u. a. über ihre Kindheitserinnerun­gen, Jugend, Hochzeit und Kinder. Im dritten Teil kann man mündliche Berichte von algerischen Frauen lesen, die sie aus dem Arabischen übersetzt hat. Diese entrisse­nen Erinnerungen lässt sie sich von Landfrauen und Witwen mit Scham und Demut vom Befreiungskrieg berichten und wechselt zwischen der sie- und ich-Perspektive. In den Kapiteln finden sich autobiografische Schilderungen Assia Djebar’s wieder. Im Ro­man verbindet sich Fiktion und Fakten mit Autobiografie und Historiografie. All dies ist immer mit kollektiven Erfahrungen aus ihrer Biografie verbunden. Dadurch entstehen ein gewisser Rhythmus und eine Collage.

Dabei spielt das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit eine wichtige und ent­scheidende Rolle.

3 Das Modell nach Koch/ Österreicher (1985/1994)

Bevor ich mit dem Modell von Koch/Österreicher beginnen werde, stellt sich die Fra­gen, worin sich sprachliche Situationen unterscheiden können. Nehmen wir ein paar Beispiele: SMS, Referat, Zeitungsartikel, eine mündliche Prüfung und ein Gesetzes­text. Der Hauptunterschied besteht im Medium. Das Medium ist entweder mündlich (phonisch) oder schriftlich (grafisch). Des Weiteren kann man unterscheiden, ob das was gesprochen oder geschrieben in einer Fachsprache oder Umgangssprache for­muliert wurde.

Das Modell von Koch/ Österreicher zeigt die Gegenüberstellung von konzeptioneller Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Damit können wir verschiedene sprachliche Äußerun­gen einordnen. Nochmal zur Wiederholung: Man kann also zwischen medialer und konzeptioneller und Mündlichkeit und Schriftlichkeit unterscheiden. Medial bezieht sich die Dimension auf die Realitätsform der Äußerungen bzw. der Repräsentationsform, sprich phonisch oder grafisch. Mit konzeptionell wird Wert auf den Duktus gelegt, sprich welche gewählte Ausdrucksweise für die Äußerung verwendet wird, d. h. eher die Nähe oder die Distanz.

Dabei gibt es Möglichkeiten zur Differenzierung. Die Mündlichkeit ist geprägt von Dia­logen. Es herrscht eine Interaktivität, d. h. es ist spontan, nicht besonders komplex und eine einfache dargelegte Information, wie z. B. Telefonate mit Freunden oder ein auf­geschriebenes oder gesprochenes Interview. Hingegen die Schriftlichkeit eher mono­logisch, unpersönlich, kontextunabhängig, eine hohe Informationsdichte hat und durch komplexe Strukturen gekennzeichnet ist, wie z. B. ein Vorstellungsgespräch oder ein Zeitungsartikel. Oft kommt es bei den Zuteilungen, wo ein bestimmtes Beispiel hinge­hört, zu Verwirrungen. Deswegen werde ich zwei Beispiele näher erläutern.

Ein Gedicht ist ein festgesetzter, vorgegebener, distanzierter Text, welcher weder spontan ist, noch einen Dialog zulässt. Hierbei handelt es sich um medial phonisch, aber konzeptionell schriftlich.

Eine Urlaubskarte eines Freundes ist sehr persönlich und drückt die Nähe aus. Hierbei handelt es sich um medial grafisch, aber eher konzeptionell mündlich.

Man kann sprachliche Situationen nicht nur darin unterscheiden, welches Medium und welches Konzept sie haben, sondern auch in welchem Umfang. Dazu habe ich folgen­des Modell von Koch/Österreicher (1985/1994) herausgesucht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nehmen wir an, wir suchen für a ein Beispiel, dann müssten wir überlegen, was vom Medium phonisch ist, aber eher auf der Konzeptebene mündlich ist. Da würden wir zu dem Schluss kommen, dass es zum Beispiel ein Gespräch zwischen Freunden sein kann, denn so ein Gespräch verläuft meist vertraut, spontan, einfach und in einem Dialog ab. Wider rum für Beispiel k bräuchten wir genau das Gegenteil. Was für eine sprachliche Situation ist vom Medium grafisch und vom Konzept schriftlich? Das be­deutet, es sollte öffentlich, fixiert sein und nur einen Monolog zu lassen. Ein Beispiel wäre hier der Gesetzestext.

Heutzutage wird darüber diskutiert, ob das Modell von Koch/Österreicher (1985/1994) ein brauchbarer Ansatz ist, um Äußerungsformen zu klassifizieren. Denn mittlerweile gibt es einige neue Kommunikationsformen, die populär geworden sind und die Koch/Österreicher in Ihrem Modell noch nicht erfasst haben konnten. Des Weiteren hat das Kommunikationsmedium auf die Wahl des sprachlichen Ausdrucksmittels Ein­fluss und auf diesen Aspekt gehen Koch/Österreicher nicht ein. Sie beziehen ihren Medienbegriff ausschließlich auf die beiden Repräsentationsformen von Sprache.

4 4 Ansätze für die Erörterung zur Schriftlichkeit und Mündlichkeit

Die französische, schriftliche Sprache ist ein Teil von Assia Djebar’s Sprache. Diese wird von ihr auch als «langue marâtre» bezeichnet. (p. 240) Sie bedient sich dieser Sprache „um mit ihrer Hilfe historische Machtdiskurse zu dekonstruieren-, so bildet der Einfluss des Berberischen als „Muttersprache im Bettlergewand“ jeden Widerstand, der eine kritische Auseinandersetzung mit dem Französischen erst ermöglicht hat.“ (vgl. Beatrice Schuchardt: Schreiben auf der Grenze: Postkoloniale Geschichtsbilder bei Assia Djebar, S. 266) Dabei beschreibt Beatrice Schuchardt, dass das Berberische als Merkmal die Mündlichkeit besitzt. (Beatrice Schuchardt: Schreiben auf der Grenze: Postkoloniale Geschichtsbilder bei Assia Djebar, S. 266)

Assia Djebar platziert mittels der Mündlichkeit, dass „in der Tradition ihrer weiblichen Vorfahren, die ja bereits in vorislamischer Zeit als Trägerinnen des Stammesgedächt­nisses, aber auch als Mittlerinnen einer pluralistischen Sprache fungierten.“ (vgl. Beatrice Schuchardt: Schreiben auf der Grenze: Postkoloniale Geschichtsbilder bei Assia Djebar, S. 266)

In Ansgar Nünning‘s Text zum Begriff „Mündlichkeit“ erklärt er auch im ersten Abschnitt den Ansatz bzw. das Modell von Koch/Österreicher.

Im zweiten Ansatz beschreibt er, dass „reine mündliche Kulturen sich durch besondere Formen der Wissensspeicherung und der Bildung des kulturellen Gedächtnisses“ aus­zeichnen. (vgl. Nünning, Ansgar: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, S. 384) Diese werden durch Interviews und Tonbandaufnahmen unterstützt und die Erfahrun­gen und Erinnerungen bleiben noch lebender Informationen erhalten. Dies kristallisiert sich in „L’amour, la fantasia“. Bei den Frauenversammlungen erzählen sich die Frauen von Generation zu Generation Erinnerungen weiter. Auch Assia Djebar nimmt für ihr Buch Interviews von Zurückgebliebenen auf, um einerseits die Nähe zu schaffen und andererseits das Erzählte schriftlich festzuhalten.

5 Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in den Kapiteln von Assia Djebar’s Werk „L’amour, la fantasia“

5.1Allgemeines Verhältnis im ganzen Werk

Anhand der Titel der Teile und der Kapitel und nicht des Inhaltes möchte ich eine kurze Übersicht geben.

Im ersten Teil wird schnell deutlich, dass es sich um die Schriftlichkeit handelt. Der Titel enthält nämlich « La prise de la ville ou L’Amour s‘écrit ». Auch das Kapitel drei « Mon père écrit à ma mère » im ersten Teil weist ein eindeutiges Merkmal von Schrift­lichkeit auf. Den Abschluss des ersten Teils macht das Kapitel « Biffure ». Dies steht für ein grafisches Zeichen.

Dagegen im zweiten Teil steht der Titel « Les cris de la fantasia » für Mündlichkeit und genauer für Akustik. Dieser Teil schließt mit dem Kapitel « Sistre » ab, welches ein Instrument ist und somit ein Merkmal für lautliche und musikalische Zeichen steht. Dies ist die optimale Überleitung zum 3. Teil.

Dieser Teil ist, wie schon in Punkt 1 beschrieben, wie ein Musikstück in 5 Sätzen ein­geteilt. Der Titel des dritten Teils « Les voix ensevelies » steht eindeutig für die Münd­lichkeit. Alle 5 Sätze enthalten verschiedene Klänge, u. a. im ersten Satz « Clameur », im zweiten Satz « Murmures », im dritten Satz « Chuchotements », im vierten Satz

« Conciliabules » und im fünften Satz « Soliloque ». Diese Laute sind im Buch in kur­siver Schrift geschrieben und sind vom Paradigma semantisch und die Stimme ist die Lautäußerung.

Der Schluss « Tzarl-rit » ist wie der Name schon sagt, der Schluss. Darin enthalten ist einmal das Kapitel « La fantasia », welches eine Anspielung auf die Musik und Rei­terübung vollzieht und die « Air de Nay », die durch den Titel im Namen mit lautlichen Zeichen gekennzeichnet ist.

5.2 Première partie : La prise de la ville ou L’Amour s’écrit

5.2.1 Mon père écrit à ma mère

In diesem Kapitel kann man schon am Titel sehen, dass es eher um die Schriftlichkeit geht. In Algerien ist es eher untypisch und nicht sittlich, dass ein Mann seiner Frau etwas schreibt. Doch Assia Djebar’s Vater schrieb an ihre Mutter und das machte sie unfassbar stolz.

Ihre « mère ne désignait jamais [mon] père autrement que par le pronom personnel arabe correspondant à « lui ». » (p. 46) Jeder Satz wurde « à la troisème personne » (p. 46) konjugiert. « Après quelques années de mariage, ma mère apprit progressive­ment le français. » (p. 46) und ihre Mutter fing an, nach und nach zu sagen: « mon mari est venu, est parti... Je demanderai à mon mari ». (p. 46) Assia Djebar erinnerte sich oft an die Tonlage der Mutter, als sie so von ihrem Vater sprach und sie achtete dabei sehr auf die « la lenteur appliquée de l’énonciation sont évidents » (p. 46), denn dadurch wurde ihr auch einiges abverlangt. Es schickte sich nämlich nicht direkt von ihrem Mann zu sprechen. Auch die Verwandtschaft nahm diese Veränderung mit Arg­wohn an und die Eltern von Assia Djebar « formaient un couple, réalité extraordi­naire ». (p. 47) Dazu kam, dass ihr Vater an ihre Mutter schrieb. Dies war « la révolu­tion: mon père, de sa propre écriture, et sur une carte qui allait voyager de ville en ville, qui allait passer sous tant et tant de regards masculins, [...], mon père donc avait osé écrire le nomde sa femme qu’il avait désignée à la manière occidentale: « Madame untel... ». (p. 48) Diese Postkarte zog alle Blicke auf ihre Mutter und sie musste sich viele Kommentare dazu anhören. Aber Assia Djebar‘s Mutter war « satisfaite » und « flattée ». (p. 49) von ihrem Mann. « Mon père avait osé « écrire » à ma mère. L’un et l’autre, mon père par l’écrit, ma mère dans ses nouvelles conversations où elle citait

[...]

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Details

Titel
Das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in Assia Djebar’s Werk "L’amour, la fantasia"
Hochschule
Universität Potsdam  (Romanistik)
Note
3,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V383633
ISBN (eBook)
9783668591929
ISBN (Buch)
9783668591936
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhältnis, schriftlichkeit, mündlichkeit, assia, djebar’s, werk, l’amour
Arbeit zitieren
Christin Curth (Autor), 2015, Das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in Assia Djebar’s Werk "L’amour, la fantasia", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383633

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