Das Sakrale im Alltag. Die Darstellung heiliger Alltagsgegenstände in "Los males menores" von Luis Mateo Díez


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

13 Seiten, Note: 2,0

Siegfried Senfmann (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Über den Autor: Luis Mateo Díez

Das Sakrale nach Michel Leiris

Untersuchung der Kurzgeschichten aus Los males menores

Inhalt und Untersuchung von la papelera

Inhalt und Untersuchung von el pelo

Gegenüberstellung

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Was ist für mich das Sakrale? Genauer: Worin besteht mein Sakrales? Welche Gegenstände, Orte und Umstände wecken in mir jene Mischung aus Furcht und Hingabe, jene zweideutige Haltung, die bei der Annäherung an ein zugleich verlockendes und gefährliches, geachtetes und verworfenes Objekt entsteht, jene Mischung aus Respekt, Begierde und Schrecken, die als das psychische Anzeichen des Sakralen gelten kann?[1]

Mit diesen einführenden Worten des französischen Schriftstellers und Ethnologen Michel Leiris soll die folgende Abhandlung mit dem Titel Das Sakrale im Alltag – Die Darstellung heiliger Alltagsgegenstände in Los males menores von Luis Mateo Díez eingeleitet werden.

Was versteht man unter dem Begriff sakral? Erste Gedanken führen zwangsläufig in die Religion. Kirchen sind sakrale Gebäude, der Altar umfasst viele sakrale Elemente. Außerdem pflegen die Katholiken die sieben Sakramente, wie zum Beispiel die Taufe oder die Ehe.

Wird ein Blick auf die Herkunft und den Ursprung des Wortes geworfen, könnte man in dieser Meinung durchaus bestärkt werden. Sakral lässt sich vom Lateinischen sacer (geheiligt, geweiht) ableiten, der sacerdos ist der Priester. Doch muss man sich nun bei dem Begriff sakral lediglich auf die Religion beziehen, oder kann es auch außerhalb von Religion und Kirche ‚sakrale‘ Gegenstände geben?

Dies zu untersuchen soll Ziel dieser Arbeit sein. Als Grundlage dafür dient zum einen der Gastvortrag von Michel Leiris, welcher vor dem Collège de Sociologie über das Sakrale im Alltag[2] referiert hat. Zum anderen soll die besondere Darstellung von Alltagsgegenständen in Luis Mateo Díez Werk Los males menores[3] anhand von zwei ausgewählten microrrelatos genauer betrachtet werden.

Beide Autoren ordnen das Sakrale neu ein, was in den folgenden Kapiteln aufgezeigt werden soll: Für sie hat es nicht nur einen religiösen Charakter, sondern ist ebenso in der Alltagswelt vorhanden. Jeder Einzelne hat bestimmte Dinge, die ihm persönlich ‚sakral‘ erscheinen, daher unterliegt die Betitelung eines Gegenstandes als sakral auch stets subjektiver Wahrnehmung.

Leiris spricht autobiographisch über jene alltäglichen Gegebenheiten, die für ihn das Sakrale verkörpern. Bei Díez erfahren scheinbar triviale Gegenstände zudem eine völlig neue Wertung.

Der erste Abschnitt stellt den Autor Luis Mateo Díez vor. Anschließend wird auf das ‚Sakrale‘ nach Michel Leiris eingegangen.

Das nächste Kapitel setzt sich mit den zwei microrrelatos la papelera [4] und el pelo [5] auseinander. Dabei wird zunächst ein kurzer Überblick beider Geschichten gegeben, die dann im Folgenden sowohl auf heilige Alltagsgegenstände als auch auf die Erzähltechniken hin untersucht werden. Im Anschluss werden die beiden microrrelatos einander gegenübergestellt, sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufgezeigt.

Ziel der Arbeit ist es, nachzuzeichnen, inwieweit scheinbar alltägliche Dinge für viele Personen eine tiefgründige und somit ‚sakrale‘ Bedeutung haben und inwiefern es Díez durch seine besondere Erzählweise gelingt, offenbar unscheinbaren Elementen Leben einzuhauchen. Im Anschluss daran folgt die Schlussbetrachtung.

Über den Autor: Luis Mateo Díez

Luis Mateo Díez ist ein spanischer Autor, welcher am 21. September 1942 in der Nähe von León geboren wurde. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.[6] Zunächst studierte er in Oviedo und Madrid Jura. Zwischen 1963 und 1968 war er in der Redaktion der poetischen Zeitschrift Claraboya tätig.[7] Er hat viele Publikationen veröffentlicht, seien es Novellen, Erzählungen, microrrelatos, oder Artikel. Zahlreiche seiner Werke sind übersetzt und verfilmt worden, wie beispielsweise die Erzählung Los grajos del Sochantre oder die Novelle La fuente de la edad. Seit dem 21. Mai 2001 ist er außerdem Mitglied der Real Academia Española.[8]

Im Jahr 2014 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität von León verliehen. Ein Jahr später, wurde er mit „el Premio de Literatura de la Comunidad de Madrid“ ausgezeichnet.[9]

Bezeichnend für Díez ist seine poetische, aber gleichzeitig phantastische sowie ironische Erzählweise, die sich an einer Vielzahl seiner Arbeiten zeigt. Seine Werke, in denen häufig Elemente des Fiktiven und Wunderbaren zu erkennen sind, zeichnen sich durch die häufige Verwendung von Mündlichkeit aus, welche „nicht etwa dazu dient, das Wunderbare als solches zu plausibilisieren, sondern es in ein [...] funktionierendes fiktionales Universum zu integrieren.“[10]

„Escribo y viajo y vivo y, a fin de cuentas, la experiencia de leer ficciones no es muy distinta en este sentido: el viaje de la imagionación esta servido, podriamos decir“ [11] , sagt Díez selbst. Das Imaginäre ist ein elementar wichtiger Faktor für ihn.[12] Dies wird auch in der Erzählung deutlich, mit der sich diese Arbeit beschäftigt. Das Imaginäre ist nämlich ebenso wesentlicher Bestandteil seines Werkes Los males menores, in welchem, unter Einbezug von ironischen und phantastischen Elementen, auf die Vergänglichkeit und den Sinn des Lebens eingegangen wird. Laut Fernando Valls ist Luis Mateo Díez Los males menores außerdem das erste spanischsprachige Buch, das explizit den Untertitel microrrelatos trägt.[13]

Das Sakrale nach Michel Leiris

In diesem Kapitel wird das Sakrale nach Michel Leiris vorgestellt. Dieser hielt als Gastredner einen Vortrag zu diesem Thema vor dem Collège de Sociologie, welcher an dieser Stelle dargestellt werden soll. Das Collège, 1937 von Bataille und Callois ins Leben gerufen, hatte es sich zum Ziel gesetzt, das Sakrale von religiösen und ethnographischen Verbindungen zu distanzieren. Sie wollten es als allgemeine Wissenschaft in der Soziologie etablieren und die Theorien der Soziologie sollten auf die Gesellschaft übertragen werden.[14] Seinen Veröffentlichungen Spiegel der Tauromachie und Das Sakrale im Alltag wurden im Laufe der Zeit, vor allem bei der Société de psychologie collective[15], eine enorme Bedeutung im Bereich der Soziologie zugewiesen, obgleich Leiris selbst seine Arbeit mit Skepsis betrachtete und sie nicht unbedingt veröffentlich wissen wollte.[16]

Richtungsweisend beeinflusst in seinen Ansichten wurde Leiris durch seine Expeditionen in Afrika (Mission Dakar-Djibouti), bei der sich der Ethnograph intensiv mit Geheimsprachen und Kindergesellschaften auseinandergesetzt hatte.

Diese „Felderfahrungen“[17], niedergeschrieben als eine Art Tagebuch in L’Afrique fantôme, nutzten Leiris insofern, als dass er als der „einzige Redner des Collège“[18] galt, dessen Erfahrungen durch die Exkursion noch nicht veraltet waren. Leiris konnte die Absicht des Collège „[...], die Ergebnisse der Schule der französischen Soziologie auf die zeitgenössischen Gesellschaften anzuwenden, [...]“[19] übertragen. Er schlägt in dem Spiegel der Tauromachie vor, das Sakrale als etwas Alltägliches anzusehen und es in das Bewusstsein zu etablieren: So soll alltäglichen Gegenständen, Orten und Ereignissen eine tiefgründige Bedeutung zugeschrieben werden, um so das Sakrale als etwas Neues zu definieren und es mit traditionellen Bräuchen gleichsetzen zu können.[20]

[...]


[1] Hollier, Denis: „Das Sakrale im Alltag“, in: Denis Hollier (Hrsg.), Das Collège de Sociologie 1937-1939, Berlin 2012, S.98.

[2] Hollier, Denis: „Das Sakrale im Alltag“, in: Denis Hollier (Hrsg.), Das Collège de Sociologie 1937-1939, Berlin 2012, S.98-110.

[3] Díez, Luis Mateo: Los males menores. Microrrelatos, ed. Fernando Valls. Madrid 2002.

[4] Díez, Luis Mateo: Los males menores. Microrrelatos, ed. Fernando Valls. Madrid 2002, S.152f.

[5] Diéz, Luis Mateo: Los males menores. Microrrelatos, ed. Fernando Valls. Madrid 2002, S.154ff.

[6] Vgl. Real Academia Española: Luis Mateo Díez.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Vgl. Ebd.

[9] Real Academia Española: Luis Mateo Díez.

[10] Gernert, Folke: ''Mündlichkeit und narrative Vermittlung des Wunderbaren am Beispiel von Luis Mateo Díez und anderen zeitgenössischen spanischen Erzählern aus León'', in: Folke Gernert (Hrsg.), Romanistisches Jahrbuch 59. Berlin 2008, S.436f.

[11] Díez, Luis Mateo: „Ámbitos de leyenda“, in: El Pasado legendario, Madrid 2000, S.16-17.

[12] Vgl. Díez, Luis Mateo: „Ámbitos de leyenda“, in: El Pasado legendario, Madrid 2000, S.16-17.

[13] Vgl. Valls, Fernando: „El microrrelato como género literario“, in: Fernando Valls (Hrsg.), MicroBerlín. De minificciones y microrrelatos, Madrid 2015, S.34f.

[14] Vgl. Hollier, Denis: Das Collège de Sociologie 1937-1939. Berlin 2012 .

[15] Die Société de psychologie collective war eine sich monatlich treffende Gruppe, die sich mit der Haltung zum Tod sowie dessen Darstellung beschäftigte (vgl. Hollier, Denis: „Das Sakrale im Alltag“, in: Denis Hollier (Hrsg.), Das Collège de Sociologie 1937-1939, Berlin 2012, S.91f.).

[16] Vgl. Hollier, Denis: „Das Sakrale im Alltag“, in: Denis Hollier (Hrsg.), Das Collège de Sociologie 1937-1939, Berlin 2012, S.91.

[17] Hollier, Denis: „Das Sakrale im Alltag“, in: Denis Hollier (Hrsg.), Das Collège de Sociologie 1937-1939, Berlin 2012, S.93.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] Vgl. Hollier, Denis: „Das Sakrale im Alltag“, in: Denis Hollier (Hrsg.), Das Collège de Sociologie 1937-1939, Berlin 2012, S.94.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Sakrale im Alltag. Die Darstellung heiliger Alltagsgegenstände in "Los males menores" von Luis Mateo Díez
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V383642
ISBN (eBook)
9783668591981
ISBN (Buch)
9783668591998
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
los males menores, Luis mateo díez, mateo díez, sakral, das sakrale, michel leiris, leiris, kurzgeschichten, kürzestgeschichten, alltag, alltagsgegenstände, Collège de Sociologie, Denis hollier, Untersuchung, Untersuchung von kürzestgeschichten, spanisch, spanische literatur, romanistik, literaturwissenschaft, microrrelatos, heilige Alltagsgegenstände, Darstellung
Arbeit zitieren
Siegfried Senfmann (Autor:in), 2016, Das Sakrale im Alltag. Die Darstellung heiliger Alltagsgegenstände in "Los males menores" von Luis Mateo Díez, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383642

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