Raum und Zeit sind wie in fast keiner anderen Disziplin der Kunst integrale Faktoren des Tanzes. In der Entwicklung des modernen Tanzes wird dies wie niemals zuvor in seiner Geschichte deutlich. Als zunächst europäische Entwicklung stellten sich die Choreographinnen des „Neuen Freien Tanzes“ gegen tradierte Körperpraktiken des
19. Jahrhunderts und verwarfen die ästhetische Köpernorm. Das Natürliche an der Bewegung fehlte den neuen Schöpfern eines modernen Tanzes, der durch Unabhängigkeit von Musik, Zeit und Raum gekennzeichnet sein sollte - Ausbruch aus der Hierarchie zwanghafter Ordnungen.
Interessant ist woraus sich der moderne Tanz entwickelte und welche speziellen Formen sich daraus ergaben. Im Verlauf seiner Entstehung rückt die Inszenierung eines Stückes und dessen Intention mehr und mehr in den Hintergrund und muss der Darstellung von „reiner“ Bewegung weichen. Der Tanz als solcher, mit vorgegebenen Variablen nach denen sich jeder Choreograph richten muss, existiert nicht mehr. Jede Choreographie bringt ihr Eigenes hervor, z.B. ihren eigenen Raum, der nicht mehr nur auf das Zentrum fixiert sein muss. Der Tanz wird zum in sich geschlossenen Werk und dient nicht als Überbegriff - heute: Tanzkunstwerk. In dieser Arbeit stelle ich nach dem einleitenden geschichtlichen Abriss und der Begriffsklärung des „Tanztheaters“, anhand von Einblicken in die Arbeiten einer Choreographin, die als Wegbereiterin des modernen Tanzes bezeichnet wird und eines Künstlers, der noch einmal mehr seinen ganz eigenen Weg geht, den modernen Tanz vor.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Tanztheater
2.1 Die Entstehung des Tanztheaters
2.2 Was ist „Tanztheater“?
3. Der moderne Tanz
3.1 Loïe Fuller – Göttin des Lichts
3.2 Merce Cunningham – eine andere Seite des modern dance
4. Cunninghams Choreographien und das Publikum
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische und ästhetische Entwicklung des modernen Tanzes, insbesondere den Wandel vom traditionellen Verständnis hin zum freien, unabhängigen Tanzkunstwerk. Dabei stehen die Aufhebung starrer Hierarchien von Raum, Zeit und Musik sowie die veränderte Rolle des Zuschauers im Mittelpunkt der Untersuchung.
- Historische Entwicklung des modernen Tanzes und Tanztheaters
- Aufhebung der Bindung zwischen Musik und Bewegung
- Die ästhetische Rolle des Lichts und der Stofflichkeit bei Loïe Fuller
- Aleatorik und Bewegungsautonomie im Werk von Merce Cunningham
- Die veränderte Rezeption und Wahrnehmung beim zeitgenössischen Publikum
Auszug aus dem Buch
3.2 Merce Cunningham – eine andere Seite des modern dance
Cunningham führt, entgegen dem ästhetischen Selbstverständnis des modern dance, seine Bewegungstechniken mit denen des klassischen Tanzes zusammen. Er hebt somit den Gegensatz von expressivem Repertoire und streng codiertem Vokabular auf, um neue Möglichkeiten zu eröffnen, bewegungstechnische Übungen zu entwickeln, welche sinnvolle Bezüge zueinander bilden. Die Tänze von Merce Cunningham orientieren sich weder an einer Geschichte oder tragen psychische oder soziale Konflikte aus. Auch das Bewegungsmaterial ist nicht motivisch oder seriell strukturiert, wie es bei anderen zeitgenössischen Choreographen der Fall sein kann. Die Gestaltung von Bewegung erfolgt eher beliebig. „Jede Art der Bewegung kann jeder anderen Art von Bewegung folgen, in jedem Moment der Bewegungsfluss in Stille münden, jederzeit ein Tänzer auftreten oder abgehen.“12 Dies geschieht alles zufällig. Die Bewegung bedeutet auch für sich alleine betrachtet, keine Emotion oder setzt spezifische Zeichen. Der Bewegungsausdruck ist unbestimmt und nichts lässt sich in Figurenkonstellationen hineininterpretieren.
Am häufigsten findet man in Cunninghams Choreographien ihren Inhalt in der Bewegung. Es wird in ihnen dargestellt wie ein Körper beispielsweise fällt oder welche Arten des Fallens es gibt. Durch solch einfache Fragen und Aufgabenstellungen entstehen seine Werke. Seine Bewegungsfolgen sind niemals stringent entwickelt, sondern aleatorisch.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die integrale Bedeutung von Raum und Zeit im Tanz und kündigt die Untersuchung des modernen Tanzes sowie des Tanztheaters als emanzipierte Kunstform an.
2. Das Tanztheater: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung des deutschen Tanztheaters und definiert dessen Wesen als ein vom Zwang der Musik befreites, offenes Gesamtkunstwerk.
3. Der moderne Tanz: Hier werden die theoretischen Grundlagen des modernen Tanzes dargelegt und die künstlerischen Ansätze von Loïe Fuller und Merce Cunningham analysiert.
4. Cunninghams Choreographien und das Publikum: Dieses Kapitel thematisiert die Irritationen und Herausforderungen, die Cunninghams avantgardistische Arbeiten beim Publikum auslösten, und fordert eine neue Art der ästhetischen Wahrnehmung.
Schlüsselwörter
Tanztheater, Moderner Tanz, Raum, Zeit, Bewegung, Loïe Fuller, Merce Cunningham, Lichtgestaltung, Aleatorik, Choreographie, Tanzkunstwerk, Avantgarde, Bühnenästhetik, Körperdynamik, Publikumswahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Wandel des Tanzes zu Beginn des 20. Jahrhunderts hin zu einer autonomen Kunstform, die sich von traditionellen Vorgaben wie der Musikbindung oder einer stringenten Handlung befreit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des Tanztheaters, der Neudefinition von Raum und Zeit im Tanz sowie den innovativen Ansätzen von Pionieren wie Loïe Fuller und Merce Cunningham.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich der moderne Tanz von einer darstellenden Kunst mit vorgegebenen Narrativen zu einer reinen Bewegungskunst gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt einen geschichtlichen Abriss sowie eine strukturanalytische Untersuchung von Choreographien und ästhetischen Konzepten, ergänzt durch Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Merkmale des Tanztheaters, die Lichtästhetik von Loïe Fuller und die aleatorischen Choreographien von Merce Cunningham detailliert gegenübergestellt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Bewegungsautonomie, Tanzkunstwerk, aleatorische Komposition und die Befreiung vom klassischen Raum-Zeit-Verständnis geprägt.
Inwiefern unterscheidet sich Cunninghams Technik vom klassischen Tanz?
Cunningham hebt den Gegensatz von expressivem Repertoire und strengem Vokabular auf, indem er Techniken des modernen und klassischen Tanzes kombiniert und den Zufall (Aleatorik) in den Vordergrund stellt.
Warum lösten Cunninghams Stücke beim Publikum ein Unbehagen aus?
Das Publikum empfand den Bruch mit gewohnten Strukturen wie der musikalischen Begleitung oder einer nachvollziehbaren Handlung als irritierend, da es keine sinntragenden Assoziationen mehr bilden konnte.
Welche Rolle spielt die Beleuchtung bei Loïe Fuller?
Die Beleuchtung ist bei Fuller integraler Bestandteil der Inszenierung; sie dient dazu, den Körper zu entmaterialisieren und durch Lichtspiele und Farbprojektionen eine eigenständige, transzendierende Ästhetik zu erzeugen.
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- stein manuela (Author), 2001, Vom modernen Tanztheater zum Modernen Tanz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38376