Was ist Religion? Zu "Les formes élémentaires de la vie religieuse" von Emile Durkheim

Die elementaren Formen des religiösen Lebens


Essay, 2015
7 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Einleitung

Im Seminar „Was ist Religion?“ wurde eine Vielzahl von Texten vorgestellt, die sich alle mit der im Titel gestellten Leitfrage beschäftigen und nach denjenigen Charakteristika suchen, durch die eine Religion erst als solche zu benennen ist.

Einer dieser Texte mit dem Titel „Les formes élémentaires de la vie religieuse“, oder zu Deutsch „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ (1912) von dem französischen Soziologen und Philosophen Emile Durkheim befasst sich ebenfalls mit dieser Frage, genauer noch sucht er aber nach dem Urwesen der Religion. Im Gegensatz zu anderen Texten betrachtet Durkheim die Religion als wesentliche Funktion zur Stiftung eines kollektiven Gefühls innerhalb einer Gemeinschaft, sowie gesellschaftlicher Identität. Der Autor und eben dieses Werk schufen damit eine der zwei gängigsten Definitionen des Religionsbegriffs, während die andere sich ausschließlich an der Ansammlung bestimmter Merkmale orientiert. Das Werk umfasst etwa 600 Seiten, die in drei Bücher aufgeteilt sind.

Dieses Essay wird sich mit Durkheims Werk beschäftigen, insbesondere der Einleitung und dem ersten Kapitel des ersten Buches „Definition des religiösen Phänomens und der Religion“, aber auch darüber hinaus. Dabei wird Durkheims Argumentation überprüft, ebenso wie seine Untersuchung der Elementarreligion, um schlussendlich die von ihm aufgestellte Definition der Religion beurteilen zu können: „Eine Religion ist ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d.h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören.“[1]

Die Frage, die sich also letztlich stellt, ist die, ob und wodurch eine Religion Durkheims Meinung nach zur Religion wird und was die Gründe dafür sind, aus denen er behauptet, dass die Existenz und Stärke einer Religion in der Fähigkeit liegt, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.

Hauptteil

In seinem Buch beginnt Durkheim zunächst mit einer ausführlichen Einleitung, in der er einerseits eine Analyse der einfachsten, „primitivsten“, kurzum: der elementarsten Religionen vollzieht und andererseits sucht er nach der Entstehung der Grundbegriffe des Denkens und weshalb sie religiösen und demzufolge auch sozialen Ursprungs sind. Nach einer Elementarreligion zu suchen hält er dabei für mehr als sinnvoll, da alle von ihm untersuchten Religionen in vielen Punkten Schnittstellen aufweisen, sich also alle soweit ähneln, dass sie alle demselben Ursprung entstammen. Erst, wenn diese Form verstanden würde, könnten auch modernere Glaubenssysteme verstanden werden, selbst wenn diesen Religionen oft nicht einmal der Gottesbegriff geläufig war, sondern sie sich lediglich auf Riten und dem Übernatürlichen verstanden. Was die durch religiöse Prozesse erwerbbaren Denksysteme angeht, so ist es gerade das Denken in Kategorien, was Durkheims Meinung nach, von dem der Einzelne letztlich profitiert, wenn sie auch vor allem Kollektivzustände ausdrücken. Um einzelne Kategorien wirklich zu verstehen, darf man dabei nicht nur sein Bewusstsein befragen, sondern muss die Geschichte betrachten. Im folgenden ersten Kapitel stellt der Autor eine vorläufige Definition des Religionsbegriffs auf, da nur so und durch weitere Subtraktionen die einfachste Religion gefunden werden kann. Ein erster Versuch bietet das Aufbringen der Ansätze, dass 1. die Religion als das Übernatürliche und Mysteriöse und [2]. hinsichtlich der Gottesidee definiert wird. Da allerdings auch Religionen ohne Götter bestehen, so stellt er fest, ist eine solche Definition ungültig. Deshalb betrachtet Durkheim zu aller erst die Elementarphänomene „Glaubensüberzeugungen“, also einer bestimmten Meinung, die die Natur alles Heiligen und deren Beziehungen untereinander ausdrücken und „Riten“[3], den dementsprechenden Handlungsweisen den heiligen Dingen gegenüber. Dazu stellt Durkheim eine Zweiteilung der Welt vor, die aus den profanen und den heiligen Bereichen besteht[4]. Heilig ist dabei das, was Verbote schützen und isolieren, während das Profane all das ist, worauf sich diese Verbote beziehen und welches Abstand von allem Heiligen nehmen muss. Will nun hieraus eine Definition mithilfe der Phänomene formuliert werden, so kann sie nicht vollständig und ausschließlich auf Religion angewandt werden, denn träfe sie auch auf die Definition der Magie zu. Deshalb wird als nächster Schritt der Formulierung der Begriff der Kirche hinzugezogen. Kombiniert ergeben diese Aspekte die Definition von Religion, mit deren Hilfe Durkheim folgend die Untersuchung elementarer Religionen beginnen kann. „Eine Religion ist ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d.h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören.“[5] Im zweiten und dritten Kapitel unterscheidet Durkheim dann die einfachsten bekannten Religionsphänomene. Schließlich stellt er den Totemismus als elementarstes System heraus, woraus er später impliziert, dass alle anderen religiösen Formen sich aus diesem entwickelt haben müssen.

Was Durkheims Arbeit angeht, lässt sich aus diesem Textabschnitt zusammenfassen, dass eine Elementarreligion existiert, dass es sich bei ihr um den Totemismus handelt und dass, werden weitere unterschiedliche Attribute hinzuaddiert, jede weitere Religion sich aus dieser Grundform entwickeln lässt. Demnach ist keine Religion falsch, auch wenn ihr kein Götterglaube zugrunde liegt. Für den Soziologen Durkheim ist gerade die einfachste Form der Religion von Interesse, um herauszufinden, was für sie charakteristisch ist und welche dieser Merkmale bei allen anderen Glaubenssystemen ebenfalls bestehen. Diese Merkmale sind die Glaubensüberzeugung und die Riten und gerade zweites, obgleich beide zusammenhängen, wird erstmals um 1900 in den Blickpunkt der aufkeimenden Soziologie gerückt. Dort wurde entdeckt, dass Riten oder Feste eine Gesellschaft mehr zusammenhalten, als die Glaubensvorstellungen es je könnten. Für Durkheim präsentiert nicht der Glaube an ein höheres Wesen den Kern der Religion, sondern ein System von Sitten und Normen. Diese Systeme allein hätten für das Einzelwesen also keinerlei Bedeutung, da ihnen keine Allgemeingültigkeit vorausgeht und sie von sich aus über keine Macht verfügen. Erst durch soziale Kräfte erlangen Sitte und Moral eines Systems zur Geltung für das ihnen ausgesetzte Individuum. Ein religiöses System, dass auf Bräuchen und Normen aufbaut, verbindet die Mitglieder seiner Gemeinschaft zu einer Moralgemeinschaft, die das kollektive Gefühl stärken, ohne welches eine Gesellschaft nicht überleben könnte. Die Religion ist also laut Durkheim in erster Linie ein soziales Band, das das soziale Bedürfnis der Menschen stillt, und nicht die Befriedigung des Verlangens des Individuums nach einem Gott. Für den Autor rückt damit das Einzelwesen in den Hintergrund und macht der Gesellschaft als Ganzes Platz, denn ist es auch sie, die die moralischen Normen überhaupt erst hervorbringt.

In einem seiner vorangegangenen Werke, „Der Selbstmord“ (1897) machte Durkheim bereits klar, dass der Suizid eines Menschen meist nicht aus psychischer oder wirtschaftlicher Not heraus erwächst, sondern aus dem Verlust des sozialen Halts. Aus diesem Grund ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Religionen mit sich bringen, von derartiger Bedeutung. Doch ist der Autor gleichzeitig der Überzeugung, dass die Gesellschaft durch den Rationalismus, dessen Vertreter er selbst ist, eine moralische Erneuerung erfahren wird, was Religionen überflüssig macht.

[...]


[1] Durkheim, Emile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens / übers. von Ludwig Schmidt. - 1. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt am Main (1981); S.75

[2] Aufl. Suhrkamp, Frankfurt am Main (1981); S.75

[3] Vgl. Ebd.: S.61

[4] Vgl. Ebd.: S.62

[5] Ebd.: S.75

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Was ist Religion? Zu "Les formes élémentaires de la vie religieuse" von Emile Durkheim
Untertitel
Die elementaren Formen des religiösen Lebens
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
7
Katalognummer
V383811
ISBN (eBook)
9783668591363
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religion, emile, durkheim, formen, lebens
Arbeit zitieren
Laura Wirths (Autor), 2015, Was ist Religion? Zu "Les formes élémentaires de la vie religieuse" von Emile Durkheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383811

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