Die soziale Konstruktion vom Geschlecht. Gleichbehandlung und Geschlechterklischees in der Schule


Hausarbeit, 2017
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die soziale Konstruktion von Geschlecht
2.1 Theorie der Geschlechtskonstruktion nach Garfinkel
2.2 Theorie der Geschlechtskonstruktion nach Kessler/McKenna
2.3 Doing Gender nach West/Zimmermann
2.4 Geschlechterdifferenzen in der Arbeitswelt

3. Geschlechtsunterschiede in den Sekundarstufen
3.1 Doing Gender in der Schule
3.2 Geschlechtsspezifische Berufs- und Leistungskurswahlen
3.3 Selbstkonzepte von Schülerinnen und Schülern
3.4 Konsequenzen für die Schulpraxis

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„„Historischer Tag“ für die Gleichberechtigung - BUNDESTAG BESCHLIESST FRAUENQUOTE VON 30 PROZENT“, 06.03.2015, Bild-Zeitung[1].

Das Thema Frauenquote wird alltäglich diskutiert. Aber wozu? In Deutschlands Top 200 Unternehmen liegt der Frauenanteil in Aufsichtsräten bei unter 25 Prozent, in Vorständen sind es sogar unter 10 Prozent[2]. Woran liegt das? „Frauen sind keine Führungspositionen zuzuschreiben, Männer können das einfach besser.“ Es ist ein klassisches Geschlechterklischee. Frauen werden mit Hausfrau und Mutter, Sekretärin oder ähnlichen Beschäftigungen mit weniger Prestige assoziiert. Männern hingegen werden Beruflicher Erfolg, das Ernähren der Familie und Wettbewerbsfähigkeit zugeschrieben. Schon in der Schule wird Mädchen nachgesagt, sie können kein Mathe und Physik. Woher kommen die Konstruktionen von Geschlechterklischees und Geschlecht im allgemeinen und welche Folgen hat das auf Mädchen und Jungen bereits in der Schule?

Im Folgenden soll die Konstruktion von Geschlecht erklärt werden, genauer die soziale Konstruktion von Geschlecht. Hierfür werden zum einen die Aspekte der Biologie (sex) und der Gesellschaft (gender) angeführt, sowie eine Studie zur Geschlechtsumwandlung von Transsexuellen von Harold Garfinkel. Weiter ausgeführt wird die Konzeption durch West/Zimmermann und ihrem Modell des Doing Gender. Außerdem wird die Gleichbehandlung der Geschlechter in der Schule analysiert, respektive die Auswirkungen der sozialen Konstruktion von Geschlecht auf Schülerinnen und Schüler. Die Untersuchungen der Geschlechterkonzeptionen in der Schule umfasst besonders geschlechtsspezifische Schulleistungen und Kurs-wahlen, Bedeutung der Lehrkräfte und die Selbstkonzepte der Schülerinnen und Schüler.

2. Die soziale Konstruktion von Geschlecht

Die Gesellschaft des Menschen ist ein Produkt des menschlichen Handelns. Ebenso ist die Konstruktion von Geschlecht als Element dessen festzumachen. Das Konzept des „doing gender“ geht aus der interaktionstheoretischen Soziologie hervor und thematisiert die soziale Konstruktion von Geschlecht als Produkt sozialer Prozesse. In diesen wird Geschlecht reproduziert und nicht als natürlichen, durch die Biologie gegebenen, Sachverhalt festgelegt. Geschlechtszugehörigkeit sowie Geschlechts-identität werden als fortlaufender Herstellungsprozess verstanden, der mit menschlicher Aktivität und Interaktion einher geht. (vgl. Gildemeister 2010: 137).

Die Frauenforschung berücksichtigt erstmals eine soziale Sichtweise auf die Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern und setzt der damit verknüpften Unterdrückung und Diskriminierung der Frauen entgegen. Hieraus ergibt sich, dass auch die „Natur der Frau“-Argumentation nicht biologisch fundiert, sondern als Resultat langjähriger Grundannahmen gilt. Dies bedeutet die Möglichkeit der Veränderung der Sichtweise und damit eine Gleichstellung von Männern und Frauen (vgl. Gildemeister, Wetterer 1995: 205).

Für diese Zielsetzung ist die Unterscheidung von „sex“ und „gender“ unabdingbar: „Sex“ wird durch u.a. Anatomie als biologisches Geschlecht bestimmt, entgegen „gender“ als das sozial geprägte Geschlecht, dem Geschlechtsstatus definiert wird. Dieser Geschlechtsstatus wird in Sozialisationsprozessen erworben. Gleichwohl beruht auch die Differenzierung von „sex“ und „gender“ auf der Theorie der Zweigeschlechtlichkeit (vgl. ebd.: 205 f.).

Absicht der Konzepte sozialer Konstruktion von Geschlecht ist daher das Alltagswissen über Geschlechtszugehörigkeit zu verändern. Insofern wird auch das biologische Geschlecht „nicht als Basis, sondern als Effekt sozialer Prozesse“ (Hirschauer zitiert nach Wetterer 2010: 126) erklärt. Dieses schließt eine Betrachtung der Geschlechterkonstruktion ohne sozialen Kontext aus. Daraus resultiert die soge-nannte Nullhypothese des Konzeptes, welche davon ausgeht, dass es „keine notwendige, naturhaft vorgeschriebene Zweigeschlechtlichkeit gibt“ (Hagemann-White zitiert nach Wetterer 2010: 126). Das Geschlecht ist vielmehr als Ergebnis kultureller Prozesse und Konstruktionen zu verstehen. Diese negiert mit der geläufigen Wahrnehmung der Menschen, wie sie schon Garfinkel mit seiner Studie „Agnes“ von 1967 dargestellt hat (s. u.). Das Konzept des „doing gender“ analysiert nicht nur worin sich Frauen und Männer differenzieren, sondern wie es zu zwei voneinander unterscheidbaren Geschlechtern kommt. Hierbei spielt die „Rekonstruktion von Prozessen der Geschlechterunterscheidung“ (Wetterer 2010: 127), also die Un-gleichheiten im täglichen Verhalten von beiden Geschlechtern und deren Normalität und Selbstverständlichkeit, eine immense Rolle (vgl. Wetterer 2010: 126 f.).

2.1 Theorie der Geschlechtskonstruktion nach Garfinkel

Für das Konzept des Doing Gender ist die Transsexuellenstudie „Agnes“ von Harold Garfinkel (1967) grundlegend. Bei der Untersuchung der Mann-zu-Frau-Trans-sexuellen Agnes geht Garfinkel auf die Verletzung der Normalität der Zweigeschlechtlichkeit ein. Bei einer Transsexuellen wird deutlich, dass die „Geschlechtszugehörigkeit nicht „einfach“ vorhanden ist“ (Gildemeister 2010: 139), stattdessen der Wechsel des Geschlechts gewollt ist und vollzogen wird. Dies ist konträr zu der These, dass es nur zwei Geschlechter gibt und das eigene Geschlecht biologisch festgesetzt und unumkehrbar ist. In der Umwandlung wird sichtbar, dass für die Konstruktion von Geschlecht die Darstellung große Bedeutung hat. Durch den langsamen Wandel ist erkennbar, welche Verhaltensweisen im Alltag geschlechts-spezifisch zuzuordnen sind (vgl. Gildemeister 2010: 139).

Ebenso orientieren sich Transsexuelle an der Zweigeschlechtlichkeit und sind sich ihrer eigenen tatsächlichen Geschlechtszugehörigkeit bewusst und sicher. Das Pro-blem besteht jedoch darin, dass ihre Geschlechtszugehörigkeit für Andere gerade nicht genauso ersichtlich ist, wie für sie selbst. Auch Agnes ist der Ansicht, dass sie schon immer eine Frau ist, eine Frau mit einem Penis. Diesen Penis sieht sie als Irr-tum der Natur an, der operativ korrigiert werden muss, damit auch sie gänzlich in das Konstrukt der Zweigeschlechtlichkeit passt. Für diese Korrektur muss ihr persönlich-es Dasein als Frau grundsätzlich überprüft werden. Hierzu muss sich Agnes bewusst und beständig als Frau verhalten, um der Kategorisierung dieser gerecht zu werden. Sie muss die Weiblichkeit sicher verkörpern. Dazu zählen neben dem äußeren Erscheinungsbild auch das allgemeine Verhalten im Alltag. In diesem Fall wird also die Weiblichkeit als solche bewusst konstruiert und reproduziert (vgl. Gildemeister, Wetterer 1995: 231). Das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit wird als elementar für die Ordnung der sozialen Welt bestimmt. Insofern definiert Garfinkel Geschlecht und Geschlechtszugehörigkeit als „unveränderlichen, aber unbemerkten Hintergrund des alttäglichen Lebens“ (Gildemeister 2010: 140) und bezeichnet die Kategorie des Geschlechts als „omnirelevant“ (ebd.).

2.2 Theorie der Geschlechtskonstruktion nach Kessler/McKenna

Garfinkels Theorie wird von Kessler/McKenna weiter entwickelt, indem sie die Arten der Darstellung der Zweigeschlechtlichkeit überprüfen. Sie konzentrieren sich besonders auf den Prozess der Geschlechtszuschreibung, wobei sie die Wertung von Weiblichkeit und Männlichkeit, also den „alltäglichen Phallozentrismus“ (Gildemeister 2010: 140) betrachten. Hierbei zeigt sich, dass das männliche Genital, der Penis, bestimmend für die Geschlechtszuschreibung ist. Dies bedeutet, dass eine Frau nur als Frau gesehen wird, wenn das männliche Geschlechtsmerkmal fehlt. Andersrum kann man bei einer Vagina nicht gleichermaßen direkt von einer Frau ausgehen, sondern muss erst die Abwesenheit des Penis geklärt sein. Jedoch sind meist die Genitalien im Alltag nicht sichtbar für Gegenüberstehende, sodass dieser Vermutungen über das Geschlecht aufstellen muss. Hierbei bedarf er sich äußerlichen Merkmalen und Attributen, sowie Kleidung, Make Up, Frisur, Figur, Stimme und Gestik. Für die Herstellung von Geschlecht ist die Darstellungsleistung somit essentiell. Hat das Gegenüber sich einmal für eine Geschlechtszuschreibung entschieden, so ist diese festgesetzt, auch wenn eine als Frau identifizierte Person sich dann „unweiblich“ verhält, wird die Zuschreibung nicht widerrufen. Somit wird die Darstellungsleistung auch als „„Arbeit“ der Rezipienten“ (ebd.) gesehen, da sie erkennen müssen, welches Geschlecht dargestellt wird und in ihren eigenen Mustern und Vorstellungen flexibel sein müssen. Die Festlegung des Penis als primäres und ausschlaggebendes Genital, verstehen Kessler/McKenna als rein soziales Konstrukt, nicht etwas als Ausdruck von männlicher Überlegenheit oder Macht (vgl. ebd.).

2.3 Doing Gender nach West/Zimmermann

Für den Aufsatz „Doing Gender“, veröffentlicht von Candace West und Don Zimmermann 1987, sind die Arbeiten von Garfinkel und Kessler/McKenna grundlegend. Diese neue Ausarbeitung der sex/gender-Relation lehnt ebenso die Betrachtung von Geschlecht als natürliche, biologische Gegebenheit ab. Sie sieht die Konstruktion von Geschlecht abhängig von sozialer Interaktion, nämlich als Ergebnis interaktiver sozialer Prozesse. Geschlecht und Geschlechtszugehörigkeit sind also keine bloßen Eigenschaften einer Person, die vorzufinden sind, sondern werden ständig kreiert und rezipiert (vgl. Meissner 2008: 9).

Zur Analyse von Prozessen in sozialen Interaktionen unterscheiden West/Zimmermann zwischen drei Faktoren, die für die soziale Konstruktion von Geschlecht wichtig sind:

- sex (Geburtsklassifikation): die Klassifikation nach der Geburt durch die körperlichen Merkmale bezüglich sozial vereinbarter Kriterien
- sex-category (Geschlechtskategorie): die soziale Zuordnung eines Geschlechts infolge der sozial ausreichenden Darstellung einer Zugehörigkeit zu einem Geschlecht
- gender: die intersubjektive Bestätigung der Zuordnung der Geschlechtskategorie durch angemessene Verhaltensweisen, die der Normalvorstellung entsprechen (vgl. West/Zimmermann 1987: 127).

Hierbei sind die drei Faktoren unabhängig voneinander zu betrachten. So muss sex nicht mit der sex-category übereinstimmen, wie es bereits bei Garfinkel durch die Studie „Agnes“ deutlich wird (s. o.). Agnes’ sex ist vor der Operation zur Geschlechts-umwandlung aufgrund ihres Penis als männlich einzuordnen. Dennoch fühlt sie sich als Frau und verhält sich als solche. Damit wird deutlich, dass ihre sex-categroy als weiblich zu beurteilen ist. Zusätzlich zu ihren Verhaltensweisen überzeugen ihre äußerlichen Merkmale, wie Kleidung, Frisur, Make Up etc., und lassen auf ihre angestrebten Genitalien deuten, da der Rezipient grundsätzlich von einer Kongruenz von sex und sex-category ausgeht. Gleichermaßen ist auch bei der Betrachtung von sex-category und gender zu differenzieren. Wirkt eine als Frau identifizierte Person in einer Situation unweiblich, so bleibt ihre sex-category dessen ungeachtet bestehen. (vgl. ebd.: 131 f., Meissner 2008: 9). West/Zimmermann schließen sich Garfinkel an und bezeichnen Geschlecht als ominrelevant: „doing gender is unavoidable“ (West/Zimmermann 1987: 137).

[...]


[1] http://www.bild.de/politik/inland/bundestag/frauenquote-40048346.bild.html (08.04.2017)

[2] https://de.statista.com/themen/873/frauenquote/ (08.04.2017)

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die soziale Konstruktion vom Geschlecht. Gleichbehandlung und Geschlechterklischees in der Schule
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V383948
ISBN (eBook)
9783668594272
ISBN (Buch)
9783668594289
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungswissenschaften, Gender, Genderforschung, Schule, Konstruktion von Geschlecht, Geschlechterbildung, Identität
Arbeit zitieren
Lisa-Marie Osterhaus (Autor), 2017, Die soziale Konstruktion vom Geschlecht. Gleichbehandlung und Geschlechterklischees in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383948

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