Als grotesk erscheint uns alles, was sich mit einem vernünftigen Weltbild nicht vereinbaren lässt. Es ist das Seltsame und Unglaubliche, etwas, das grauenerregende aber auch komische Wirkungen hervorrufen kann – und dieser Zwiespalt macht gerade die Ambivalenz des Grotesken aus. Es ist das, was von dieser herrschenden Ordnung an den Rand gedrängt, ausgrenzt wird, wobei es selbst eine Doppelnatur gewinnt: Als Teil der Kulturordnung hat es die Funktion, sie (wie der Rahmen das Bild) zu stabilisieren. Wenn es als Äußerliches in sie eindringt, hat es die Funktion, sie zu subvertieren. Gemäß der Logik des Sowohl-Als-auch leistet das Groteske beides. […] Die Konzentration auf einen der beiden Aspekte verfehlt die Komplexität des Grotesken. Das Körperliche macht dabei einen Kernbereich des Grotesken aus. Es bildet „einen Bereich des seit je Verborgenen. Der Körper und seine Triebe sind das im Rahmen der Kultivierung des Menschen Marginalisierte, die undisziplinierte Leiblichkeit am Rand der Kulturordnung.“ In der folgenden Arbeit soll es darum gehen, zu untersuchen wie der groteske Körper in literarischen Werken auftreten kann und welche Bedeutungsebenen er eröffnet. Dabei möchte ich zunächst genauer darauf eingehen, was der Begriff des grotesken Körpers eigentlich umfasst, wobei ich mich in erster Linie auf Michail Bachtin beziehe, der diesen Begriff geprägt hat. Danach möchte ich auf die Erscheinungsformen des grotesken Körpers anhand konkreter Werke zu sprechen kommen. Ausgewählt habe ich drei frühneuzeitliche Werke unterschiedlicher Gattungen: Das Fastnachtspiel Der Nasentanz („der nasen-tantz“) von Hans Sachs, wo das Groteske in einen karnevalesken Aufführungszusammenhang eingebettet ist, das Schwankbuch Till Eulenspiegel („Dyl Vlenspiegel“) von Hermann Bote, das groteske Motive zum Gegenstand mehrerer Streiche des Helden macht, und den Roman Das Narrenspital („Der Berühmte Narren-Spital“) von Johann Beer, wo das Groteske eine Art Gegen-Kultur zur Welt der Körperdisziplin darstellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Konzept der grotesken Körperlichkeit
2.2 Bachtins Modell
2.3 Ergänzungen und Gegenmodelle
3. Erscheinungsformen des grotesken Körpers und Deutungsversuche
3.1 Der verfremdete Körper
3.1.1 Die Komik des deformierten Körpers im Nasentanz
3.1.2 „Zannen“ und „Blecken“ im Eulenspiegel
3.1.3 Verwahrlosung des Körpers im Narrenspital
3.2 Die Inszenierung grotesker Körper
3.2.1 Der Nasentanz als Dorfspektakel
3.2.2 Karnevaleskes im Eulenspiegel
3.2.3 Närrisches Treiben im Narrenspital
3.3 Die „heitere Materie“ als Ausdruck obszöner Körperlichkeit
3.3.1 Eulenspiegel und die Macht der „Materie“
3.3.2 Das Fäkale als Gegenprinzip im Narrenspital
4. Résumé
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung und Bedeutung des grotesken Körpers in der deutschen Narrenliteratur der Frühen Neuzeit anhand der Beispiele Hans Sachs’ „Nasentanz“, Hermann Botes „Eulenspiegel“ und Johann Beers „Narrenspital“, um die Ambivalenz zwischen komischer Unterhaltung und moralisch-didaktischer Funktionalisierung aufzuzeigen.
- Analyse des Begriffs der grotesken Körperlichkeit nach Michail Bachtin
- Untersuchung der Erscheinungsformen wie Verfremdung und Inszenierung
- Debatte um komische versus moralisierend-didaktische Deutungen
- Rolle des Skatologischen und Obszönen als Mittel der Transgression
- Die Funktion der Narrenfigur als Spiegel gesellschaftlicher Laster
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Komik des deformierten Körpers im Nasentanz
Auf die Bedeutung der Nase als groteskes Körperteil hat Bachtin bereits nachdrücklich hingewiesen. Sie spielt eine große Rolle in beleidigender Sprache und Gestik und in ihrer Darstellung kann es zu einer „Mischung von menschlichen und tierischen Zügen [als] eine[r] der ältesten Varianten des Grotesken“ kommen. Meist wird die Nase auch symbolisch dem Phallus gleichgesetzt und aus ihrer Größe und Form werden Rückschlüsse auf die Potenz des Mannes gezogen. Sie ist ein Körperteil, das einerseits in die Welt hineinragt, andererseits aber auch Öffnungen ins Körperinnere bietet. Die Nase ist jedoch auch das Körperteil (im biblischen Sinne) durch das der Mensch den göttlichen Lebensatem in sich aufnimmt, während sie in ihrer entstellten, tierähnlichen Form etwas Dämonisches hat.
Die Beschreibungen, die die Teilnehmer des Nasentanzes von ihren Nasen abgeben, reichen vom Lächerlichen bis ins geradezu Monströse, welches sich jedoch nicht nur in übertriebener Größe der Nasen, sondern auch in der absonderlichen Form oder Verstümmelung bzw. Winzigkeit derselben zeigen kann. Preisen die meisten die Riesenhaftigkeit ihrer Nasen an, die ihnen „schier verdeckt […] [das] angsicht“ und deren Nasenlöcher „sich auß[breitn] wie ein futerwannen“, wartet der letzte Kandidat „Friedl Zettenscheiß“ im Gegensatz dazu mit einer abgebissenen Nase auf, von der nur noch ein „drümlein“ übrig geblieben ist. Da sich Potenz sonst symbolisch v.a. über die Größe ausdrückt, muss diese zertrümmerte Nase eine besonders belustigende Wirkung ausgelöst haben. Beide Extreme sind hier bis ins Ungeheuerliche übertrieben, wobei also sowohl der Aspekt der Nase als Ausstülpung wie auch als Öffnung stark betont wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zum Grotesken als Randerscheinung der Kulturordnung und Vorstellung der drei ausgewählten Werke.
2. Das Konzept der grotesken Körperlichkeit: Theoretische Fundierung durch Bachtins Modell des grotesken Realismus sowie Diskussion ergänzender komischer und religiöser Deutungsansätze.
3. Erscheinungsformen des grotesken Körpers und Deutungsversuche: Detaillierte Analyse der Darstellung von Körperverfremdung, Inszenierung und skatologischer Körperlichkeit in den drei Fallbeispielen.
4. Résumé: Zusammenfassende Reflexion über die Ambivalenz des Grotesken als Mittel der Unterhaltung und moralischer Didaxe sowie das bleibende Faszinosum des Marginalisierten.
Schlüsselwörter
Groteske Körperlichkeit, Narrenliteratur, Frühe Neuzeit, Michail Bachtin, Eulenspiegel, Nasentanz, Narrenspital, Skatologie, Körperdramatik, Transgression, karnevaleske Lachkultur, Körperinszenierung, Schalk, Körpergrenzen, Didaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie in frühneuzeitlichen Texten der groteske Körper als literarisches Mittel verwendet wird, um Normen zu hinterfragen oder komische und didaktische Wirkungen zu erzielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der groteske Realismus, die skatologische Sprache, die Funktion des Lachens und das Spannungsfeld zwischen Körperlichkeit und kulturellen Verhaltensnormen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Erscheinungsformen des Grotesken (wie Verfremdung oder Fäkalsprache) in den Werken von Hans Sachs, Hermann Bote und Johann Beer zu identifizieren und interpretieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die literaturwissenschaftliche Analyse unter Heranziehung von Bachtins Konzept des grotesken Realismus und ergänzender Forschungsliteratur zu den jeweiligen Werken.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bereiche verfremdeter Körper, Inszenierung grotesker Körperlichkeit und die Rolle der „heiteren Materie“ (Fäkalienelemente) in den untersuchten Werken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Groteske Körperlichkeit, Narrenliteratur, Skatologie, Transgression, karnevaleske Lachkultur und Körperinszenierung.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Till Eulenspiegel von der des Lorenz im Narrenspital?
Eulenspiegel nutzt seine Körperlichkeit meist aktiv und provokativ als "Schalk", während Lorenz im Narrenspital eher eine resignative, anarchische Haltung einnimmt, die als Rückzug aus gesellschaftlichen Zwängen verstanden werden kann.
Warum ist das Thema "Skatalogie" in diesen Werken so bedeutsam?
Das Skatologische dient als Mittel der Grenzüberschreitung und Transgression; es durchbricht die kulturelle Ordnung und fungiert sowohl als Waffe gegen Disziplinierung als auch als Ausdruck einer "heiteren" Wahrheit des Körpers.
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- Anett Stemmer (Author), 2004, Groteske Körperlichkeit in deutscher Narrenliteratur der Frühen Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38397