Wer erzählt den Roman?
Wolfgang Kayser (1906-1960) beschäftigt sich in seinem Text "Wer erzählt den Roman?" mit eben dieser Frage nach dem Erzähler eines Romans. Er stellt in seinem Text einige Thesen auf, beginnend mit der These: Ein Erzähler ist in allen Werken der Erzählkunst vorhanden, im Epos wie im Märchen, in der Novelle wie in der Anekdote. Daraufhin erschließt sich Kaysers zweite These: Ein Erzähler ist nie der Autor, sondern eine Rolle, die der Autor erfindet und einnimmt. In den fiktionalen Texten der Erzählkunst spricht der Autor also nicht als er selbst, sondern überlässt dem Rollen-Ich eines Erzählers das Wort. An dieser Stelle bringt er das Beispiel des Vaters und der Mutter ein, die wissen, dass sie sich verwandeln müssen, wenn sie ihren Kindern ein Märchen erzählen wollen. Sie müssen ihre überlegene und aufgeklärte Position des Erwachsenen ablegen und sich "in ein Wesen verwandeln, für das die dichterische Welt mit ihren Wunderbarkeiten Wirklichkeit ist." [...]
Wayne C. Booth: Der implizite Autor
Der implizite Autor bezeichnet eine Instanz, die sich sowohl vom realen Autor des Werkes als auch vom fiktiven Erzähler unterscheidet. Der Begriff wird auch als zweites Selbst und als Bild des Autors im Text personifiziert. In Booths nicht immer konsistenten Begriffsbestimmungen erscheint der implizite Autor in der Regel als Textimplikat. Der implizite Autor wird dabei fast ununterscheidbar von der Gesamtbedeutung des Textes. Nach Booth macht sich der Leser immer ein Bild vom impliziten Autor, das sich aus der Art des Schreibens, den enthaltenen Werten und den verborgenen Bekenntnissen zusammensetzt. Der implizite Autor wird als das Bild des realen Autors beschrieben, insoweit es aus dem Text zu erschließen ist.
Inhaltsverzeichnis
I. Texte zur Theorie der Autorschaft
1.1 Wolfgang Kayser: Wer erzählt den Roman?
1.2 Wayne C. Booth: Der implizite Autor
II. Modell kollektiver Autorschaft: Grond Absolut Homer
2.1 Was versteht Walter Grond unter einem „transindividuellen Roman“?
2.2 Diskussion des Autorschaftsmodells von „Grond Absolut Homer“ aus der Sicht einiger Thesen der Theorieansätze von W. Kayser und W.C.Booth
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht theoretische Modelle der Autorschaft, insbesondere das Verhältnis zwischen Autor, Erzähler und implizitem Autor, und setzt diese in Bezug zu modernen Konzepten kollektiven Schreibens wie dem transindividuellen Roman von Walter Grond.
- Die Rolle des Erzählers als fiktive Instanz bei Wolfgang Kayser
- Das Konzept des impliziten Autors nach Wayne C. Booth
- Modelle kollektiver Autorschaft und Vielstimmigkeit
- Die Analyse des „transindividuellen Romans“ nach Walter Grond
- Synthese und kritische Diskussion klassischer Autorschaftstheorien mit aktuellen Ansätzen
Auszug aus dem Buch
1.1 Wolfgang Kayser: Wer erzählt den Roman?
Wolfgang Kayser (1906-1960) beschäftigt sich in seinem Text "Wer erzählt den Roman?" mit eben dieser Frage nach dem Erzähler eines Romans. Er stellt in seinem Text einige Thesen auf, beginnend mit der These: Ein Erzähler ist in allen Werken der Erzählkunst vorhanden, im Epos wie im Märchen, in der Novelle wie in der Anekdote. Daraufhin erschließt sich Kaysers zweite These: Ein Erzähler ist nie der Autor, sondern eine Rolle, die der Autor erfindet und einnimmt. In den fiktionalen Texten der Erzählkunst spricht der Autor also nicht als er selbst, sondern überlässt dem Rollen-Ich eines Erzählers das Wort. An dieser Stelle bringt er das Beispiel des Vaters und der Mutter ein, die wissen, dass sie sich verwandeln müssen, wenn sie ihren Kindern ein Märchen erzählen wollen. Sie müssen ihre überlegene und aufgeklärte Position des Erwachsenen ablegen und sich "in ein Wesen verwandeln, für das die dichterische Welt mit ihren Wunderbarkeiten Wirklichkeit ist." Der Erzähler ist überzeugt von dem Wahrheitsgehalt der Geschichten die er erzählt, auch wenn es vielleicht Lügenmärchen sind. Ein Autor dagegen kann nicht lügen, sondern bloß gut oder schlecht schreiben.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Texte zur Theorie der Autorschaft: Dieses Kapitel führt in die grundlegenden Theorien von Wolfgang Kayser und Wayne C. Booth ein, um das Verhältnis von Autor, Erzähler und dem Konzept des impliziten Autors zu klären.
II. Modell kollektiver Autorschaft: Grond Absolut Homer: Hier wird der transindividuelle Roman als Modell der Vielstimmigkeit analysiert und eine kritische Diskussion mit den zuvor eingeführten Theorien von Kayser und Booth geführt.
Schlüsselwörter
Autorschaft, Erzähler, impliziter Autor, transindividueller Roman, Wolfgang Kayser, Wayne C. Booth, Walter Grond, Vielstimmigkeit, Fiktionalität, Literaturtheorie, Erzählkunst, Rollen-Ich, literarische Instanz, Narratologie, ästhetische Distanz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert verschiedene theoretische Konzepte der Autorschaft und untersucht, wie diese auf moderne, kollektive Schreibformen angewendet werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Abgrenzung zwischen realem Autor, Erzähler und implizitem Autor sowie die Theorie der Vielstimmigkeit in kollektiven Werken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Konzepte von Kayser und Booth auf das Modell des transindividuellen Romans nach Walter Grond zu übertragen und Gemeinsamkeiten sowie theoretische Erweiterungen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturtheoretische Analyse, die auf einem komparativen Ansatz basiert, um verschiedene Theorien zu Autorschaft zueinander in Bezug zu setzen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der klassischen Theorien und deren Anwendung bzw. Überprüfung an dem modernen Modell des „transindividuellen Romans“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Autorschaft, Erzähler, impliziter Autor, Vielstimmigkeit und transindividueller Roman.
Wie unterscheidet Kayser zwischen Autor und Erzähler?
Kayser postuliert, dass der Erzähler niemals der reale Autor ist, sondern eine vom Autor erfundene und eingenommene Rolle innerhalb des fiktionalen Werks.
Was bedeutet "impliziter Autor" nach Booth?
Der implizite Autor ist die aus dem Text erschließbare, ideale Version des realen Autors, die als Träger von Normen und Werten das künstlerische Ganze eines Werkes maßgeblich bestimmt.
Wie integriert Grond den Begriff der "Abwehr"?
Grond nutzt den Begriff der Abwehr als strukturbildendes Element, das sich auf den Erzähler als Zentrum des Romans richtet und den Prozess des transindividuellen Schreibens charakterisiert.
- Quote paper
- Evelyn Fast (Author), 2002, Theorien und Modelle von Autorschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38401