"Die Wand" von Marlen Haushofer als Robinsonade


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Hauptfigur
2.1 Die Protagonistin
2.2 Vergleich der Protagonistin mit Robinson Crusoe

3. Die Tiere
3.1 Verhältnis zu den Tieren
3.1.1 Luchs
3.1.2 Bella
3.1.3 Die Katze
3.2 Vergleich mit der Bedeutung der Tiere für Robinson Crusoe

4. Die Wand
4.1 Die Bedeutung der Wand
4.2 Vergleich mit Robinson Crusoes „Wand“

5. Sprache und Form

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit geht es um den Roman „Die Wand“, geschrieben von Marlen Haushofer (1920-1970). Marlen Haushofer studierte Germanistik in Wien und Graz und lebte später in Steyr. Ihre Erzählung „Wir töten Stella“ wurde 1963 mit dem Arthur-Schnitzler-Preis ausgezeichnet. 1968 erhielt sie den österreichischen Staatspreis für Literatur. Der Roman „Die Wand“ erschien 1963 und handelt von einer namenlosen Frau, die sich nach einer weltweiten Katastrophe durch eine gläserne Wand von dem Rest der Außenwelt abgeschnitten sieht. Die Frau muss lernen zu überleben. Die Schilderung des Kampfes gegen die Natur und ihre Überlegungen zu ihrem früheren Leben, in dem sie sich nie selbst verwirklichen konnte, machen den Hauptteil des Romans aus.

Im Verlauf dieser Arbeit soll herausgestellt werden, ob und inwiefern es sich bei diesem Roman um eine Robinsonade handelt. Eine Robinsonade ist eine „Sonderform des Abenteuerromans, gekennzeichnet durch das Motiv des exilartigen Aufenthalts in inselhafter Abgeschlossenheit.“[1] Beginnend mit der Betrachtung der Protagonistin, werde ich weitergehend auf ihr Verhältnis zu den Tieren, auf die Bedeutung der Wand, sowie Sprache und Form des Romans eingehen und dies in knapper Form mit Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ vergleichen.

2. Die Protagonistin

Die Protagonistin dieses Romans Ist eine namenlose Ich-Person, die aus ihrem gewohnten Alltag herausgerissen wird und sich einer völlig neuen Situation stellen muss. Abgeschieden von der Außenwelt durch eine unüberwindbare Wand, hinter der es scheinbar kein Leben mehr gibt, beginnt für die Protagonistin ein neues Leben, das auf die existentiellen Bedürfnisse wie Essen, Trinken, Wärme und Zärtlichkeit reduziert ist. In ihrem neuen Lebensraum steht Haushofers Hauptfigur nun vor einer großen Herausforderung. In ihrem vorigen Leben war sie Hausfrau und Mutter. Diese Rolle wird nun durch die Rolle der Ackerbäuerin, Viehzüchterin und Versorgerin ersetzt. Sie muss nun Dinge machen, die sie nie zuvor getan hat. Die Protagonistin befindet sich in einer absurden Extremsituation, in der sie auf sich selbst gestellt ist und sich als einzig überlebender Mensch behaupten muss. Im Laufe des Romans erfährt der Leser, dass die Hauptfigur seit zwei Jahren verwitwet ist und zwei fast erwachsene Töchter hat.[2] Mit ihrem alten Leben unzufrieden, stellt die Frau fest, nie richtig gelebt zu haben. Die Stimmungen der Protagonistin schwanken ziemlich häufig, von Angst und Kummer über Freiheit, Leichtigkeit, Mutlosigkeit und Gleichgültigkeit bis hin zu Zufriedenheit und Gelassenheit. Der Roman ist geprägt durch die stetig auftretenden Gedanken der Protagonistin. Sie fürchtet sich vor Träumen und versucht die alten Gedanken, sozusagen die Erinnerungen an früher, zu verdrängen und ihre Anstrengungen auf die aktuelle Situation, ihrem jetzigen Leben, zu richten. Von Natur aus eher träge, stürzt sie sich in ihrer neuen Umgebung jedoch auf die Arbeit, um sich damit zu betäuben. Sie bezeichnet es als eine Art Selbstschutz.[3]

Anfänglich klammert sie sich noch an alle gebliebenen, spärlichen Reste menschlicher Ordnung. Im Verlaufe der Zeit ändert sie jedoch ihre Meinung über die Gesellschaft und wertet sie in höchstem Maße ab. Dinge wie Aussehen oder genaue Uhrzeit verlieren an Bedeutung und werden von ihr für überflüssig erklärt.

„Ich habe der Zeit, der künstlichen, vom Ticken der Uhren zerhackten Menschenzeit, nicht gerne gedient, und das hat mich oft in Schwierigkeiten gebracht. Ich habe Uhren nie gemocht, und jede meiner Uhren ist nach einiger Zeit auf rätselhafte Weise zerbrochen oder verschwunden.“[4]

Doch gewisse Gewohnheiten wie das tägliche Waschen und Zähneputzen, Säubern der Wäsche und Sauberhalten des Hauses legt sie nie ab. Es ist für sie fast wie ein innerer Zwang.

„Vielleicht fürchte ich, wenn ich anders könnte, würde ich langsam aufhören, ein Mensch zu sein, und würde bald schmutzig und stinkend umherkriechen und unverständliche Laute ausstoßen. Nicht dass ich fürchtete, ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm, aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorüber in einen Abgrund. Ich will nicht, dass mir dies zustößt.“[5]

Es fällt auf, dass die Protagonistin in ihrem neuen Umfeld viele Gedankengänge entwickelt, über die sie sich früher nicht bewusst war. Sie beginnt grundlegende Dinge in Frage zu stellen. Nach und nach verändert sich ihr Verhältnis zu sich selbst und zur Umwelt.

„Etwas ganz Neues wartete hinter allen Dingen, nur konnte ich es nicht sehen, weil mein Hirn mit altem Zeug vollgestopft war und meine Augen nicht mehr umlernen konnten. Ich hatte das Alte verloren und das Neue nicht gewonnen, es verschloss sich vor mir, aber ich wusste, dass es vorhanden war.“[6]

Sie lernt mit Verlust und ihm verbundener Trauer umzugehen und zwischen Schmerz und Trauer zu unterscheiden. So stellt Vieles, was früher Leid oder Schmerz genannt wurde, für sie nun eine therapeutische Angewohnheit dar, um den Verlust erträglich zu machen. Auch äußerlich passt sich die Hauptfigur immer mehr an ihre Umgebung an, sie wird nicht mehr durch andere Menschen kontrolliert. Ihre rundliche Fraulichkeit fällt von ihr ab und wird ersetzt durch ein mageres, sonnengebräuntes Gesicht und eckige Schultern. Sie vergisst ihre Fraulichkeit und fühlt sich mal wie ein Kind, das Erdbeeren sucht, wie ein junger Mann, der Holz zersägt, oder wie ein altes geschlechtsloses Wesen.[7] Die Prioritäten verlagern sich nun auf ganz andere Dinge als Aussehen, Wirkung auf andere Menschen oder gesellschaftliche Konventionen. Sie wird nicht wegen dieser Dinge geschätzt sondern wegen ihrer Selbst und aufgrund ihrer Anwesenheit.

Nachdem die Hauptfigur ein Jahr lang im Jagdhaus im Talkessel gelebt hat, beschließt sie den Sommer, zusammen mit ihren Tieren, auf der höher gelegenen Alm zu verbringen. Über der Zeit, die sie auf der Alm verbringt, liegt ein gewisser Zauber und sie hat das Gefühl, dass ihre Sorgen um die Zukunft an diesem Ort kleiner werden. Die Protagonistin sagt selbst, dass die Alm außerhalb aller Zeit liegt. „Es war, als strömte die große Wiese ein sanftes Betäubungsmittel aus, das Vergessen hieß.“[8] Selbst die Nacht, die ihr sonst sehr viel Angst bereitet, verliert auf der Alm ihren Schrecken. Solange sie sich auf der Alm aufhält, scheint es ihr unvorstellbar wieder im Tal zu leben, ist sie im Tal empfindet sie es andersherum. Es ist, als ob sie aus zwei verschiedenen Menschen besteht.[9] Doch wie es das Schicksal will, wird aus diesem fast schon paradiesähnlichen Ort letztendlich der Ort des Schreckens, an dem die Protagonistin ihren größten Verlust erlebt und an dem sie ihren besten „Freund“ Luchs begraben muss.[10] Aufgrund dieses Ereignisses möchte sie die Alm nie mehr wieder sehen. „Mit dem Entschluss, die Alm nicht mehr zu betreten, entscheidet sie sich für ein Leben der Wirklichkeit und der Gegenwart im Jagdhaus. Sie verliert sich nicht mehr in Erinnerungen, einer absoluten Resignation oder utopischen Sehnsüchten, sondern nimmt mit Selbstvertrauen Dinge, die anstehen, in Angriff.“[11]

„Ich sehe, dass dies noch nicht das Ende ist. Alles geht weiter. […]. Stier, Perle, Tiger und Luchs wird es nie wieder geben, aber etwas Neues kommt heran, und ich kann mich ihm nicht entziehen. Wenn die Zeit ohne Feuer und Munition kommen wird, werde ich mich mit ihr befassen und einen Ausweg suchen. Aber jetzt habe ich anderes zu tun. Sobald das Wetter wärmer wird, werde ich daran gehen, die Kammer in Bellas neuen Stall umzubauen, und es wird mir auch gelingen, die Tür auszubrechen.“[12]

Es ist erstaunlich, dass die Protagonistin die Menschen nicht vermisst. Sie betont immer wieder, dass sie nicht mehr die Person ist, die sie einmal war.[13] An einer anderen Stelle erwähnt sie, dass sie wenig Sympathie für die Frau empfindet, die sie einmal war. Wenn sie sich einen Menschen zur Gesellschaft wünschen würde, wäre es eine alte, witzige, gescheite Frau, mit der sie lachen könnte, denn das Lachen fehlt ihr sehr. Das Auftauchen des Mannes, am Schluss des Romans, ist ein sehr bedrohliches Ereignis für die Protagonistin, denn der Mann stellt eine Gefahr für sie dar. Er tötet ohne erkennbaren Grund Stier und Luchs. Mit dieser Tat zerstört er den wichtigsten und größten Teil ihres derzeitigen Lebens, woraufhin sie ihn erschießt.

[...]


[1] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur.3. Auflage. Stuttgart: Alfred Körner Verlag 1961, S.515.

[2] Marlen Haushofer: Die Wand. München: Duetscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co.KG 2002, S.10.

[3] vgl. Haushofer, S.91.

[4] Haushofer, S.59.

[5] ders., S.40.

[6] ders. S122.

[7] vgl. ders. S.75.

[8] Haushofer, S.166.

[9] vgl. ders. S.167.

[10] vgl. ders. S.165.

[11] Anke Nolte: Marlen Haushofer. „…und der Wissende ist unfähig zu handeln“. Weibliche Mittäterschaft und Verweigerung in ihren Romanen. Münster: Waxmann Verlag GmbH 1992, S.66.

[12] Haushofer, S.250.

[13] vgl. Haushofer, S.61.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
"Die Wand" von Marlen Haushofer als Robinsonade
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Robinson und Robinsonaden
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V38402
ISBN (eBook)
9783638374767
ISBN (Buch)
9783638762366
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wand, Marlen, Haushofer, Robinson, Robinsonaden
Arbeit zitieren
Evelyn Fast (Autor), 2003, "Die Wand" von Marlen Haushofer als Robinsonade, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38402

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