Das Lied "Under der linden" von Walther von der Vogelweide ist wohl eines der Lieder, welche zu den doch eher spärlich überlieferten Mädchen- beziehungsweise Frauenliedern dieses Autors angehören. In diesen Liedern erhält die Frau, wenn auch durch den männlichen Sänger inszeniert, eine eigene Stimme. So auch in "Under der linden". Hier berichtet die weibliche Sprecherrolle schon beinahe schwärmerisch von ihrem Liebsten, den sie abseits der Gesellschaft getroffen hat.
Obgleich der Rezipient nicht direkt etwas von der männlichen Sprecherrolle erfährt, welche nur in "Under der linden" stumm bleibt, enthalten Walther von der Vogelweides Frauenlieder oder Lieder der Herzeliebe einen durchaus dialogischen Charakter, welcher zudem sinnbildlich für den Autor ist. Darauf basierend tendieren gerade seine Frauenlieder hin zum Dialogischen, in denen die Frauenstimme selbst vom Prinzip her nur einer fiktiven Unterhaltung beiwohnt und innerhalb dieser, dem Publikum lediglich ein Einblick in ihre Gedankenwelt gegeben wird.
Diesen Einblick in die Gedankenwelt einer jungen Frau kann der Hörer ebenfalls in der "Carmina Burana" erhalten. Möchte man hier also einen Vergleich zu den anderen Minneliedern von Walther von der Vogelweide ziehen, in denen er die hohe bzw. niedere Minne besingt, so befindet sich der Interessierte direkt an der kniffligen Stelle, welcher sich selbst die Forschung bis heute noch nicht einig geworden zu sein scheint: Der Gattungsfrage.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsstand
3. Under der linden
3.1. Walther von der Vogelweide
3.1.1. Minnesang
3.1.2. Die weibliche Rolle in Walthers Liedern
3.2. L 39,11 samt Übersetzung
3.2.1. Exkurs
3.3. Motive
3.4. Carmina Burana
4. Gattungsdiskussion
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das berühmte „Lindenlied“ (L39,11) von Walther von der Vogelweide und analysiert dessen Gattungszugehörigkeit durch einen Vergleich mit dem Lied 185 aus der Carmina Burana. Ziel ist es, die narrative Struktur, die Rollenverteilung und die emotionalen Aspekte des Werkes vor dem Hintergrund mittelalterlicher Lyriktraditionen kritisch zu hinterfragen.
- Analyse der narrativen und formalen Beschaffenheit von L39,11
- Vergleichende Untersuchung zwischen dem „Lindenlied“ und der Carmina Burana (CB185)
- Diskussion der Gattungsmerkmale im Kontext von Minnesang und Pastourelle
- Deutung der weiblichen Sprecherinstanz und deren emotionaler Darstellung
Auszug aus dem Buch
3.2. L 39,11 samt Übersetzung
1 (39,11-19) 'Under der linden / an der heide, / dâ unser zweier bette was, / dâ mugent ir vinden / schône beide / gebrochen bluomen unde gras. / vor dem walde in einem tal, / tandaradei, / schône sanc diu nahtegal. (Unter der Linde/ auf der Heide, / wo unser beider Bett gelegen war, / da könnt ihr zwei schöne Dinge finden / niedergedrückte Blumen und das Gras. / Vor dem Wald in einem Tal, / tandaradei, / sang schön die Nachtigall.)
2 (39,20-28) Ich kam gegangen / zuo der ouwe, / dô was mîn friedel komen ê. / dâ wart ich enpfangen, / - hêre frouwe! - / daz ich bin sælic iemer mê. / er kuste mich wol tûsent stunt, / tandaradei, / seht wie rôt mir ist der munt. (Ich ging zu der Aue hin, / wo mich mein Geliebter in Empfang nahm, / -heilige Maria!27 - / ich war so glücklich. / Er hatte mich wohl tausendmal geküsst, / tandaradei, / ihr könnt es meinem roten Mund ansehen.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Lindenliedes als seltenes Frauenlied Walthers von der Vogelweide und Formulierung der Forschungsfrage zur Gattungszugehörigkeit.
2. Forschungsstand: Überblick über die wesentliche Fachliteratur und verschiedene Interpretationsansätze zur weiblichen Rolle und Emotionalität in L39,11.
3. Under der linden: Detaillierte Analyse von Kontext, Biografie des Autors, Textfassung sowie der zentralen Motive und ein Vergleich mit der Carmina Burana.
4. Gattungsdiskussion: Kritische Auseinandersetzung mit der Einordnung des Werkes als Tagelied, Pastourelle oder Frauenmonolog.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung des Lindenliedes als ein Werk der „vielen Variablen“, das trotz seiner Eindeutigkeit eine eigene poetische Kraft besitzt.
6. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Forschungsliteratur und Quellentexte.
Schlüsselwörter
Walther von der Vogelweide, Lindenlied, Minnesang, Pastourelle, Carmina Burana, Frauenlied, Gattungsdiskussion, Mittelhochdeutsch, Locus amoenus, Lyrik, Mittelalter, Sprecherrolle, Weibliche Identität, Tandaradei, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das bekannte Lindenlied (L39,11) von Walther von der Vogelweide hinsichtlich seiner Gattungsbestimmung und interpretatorischen Vielfalt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Gattungsmerkmale des Minnesangs, der Pastourelle sowie die literarische Darstellung weiblicher Sprecherrollen im Mittelalter.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, die Möglichkeiten und Grenzen einer eindeutigen Gattungszuordnung des Lindenliedes aufzuzeigen, insbesondere durch den Vergleich mit CB185.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die auf der kritischen Sichtung bestehender Monographien und Fachaufsätze basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine biographische Einordnung, eine detaillierte Textanalyse von L39,11 sowie den vergleichenden Gattungsdiskurs.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie „Minnesang“, „Pastourelle“, „weibliche Sprecherrolle“ und „Tandaradei“ sind zentral für die Identifikation der Arbeit.
Warum wird das Lindenlied mit der Carmina Burana verglichen?
Der Vergleich dient dazu, durch eine Gegenüberstellung der emotionalen Ausgestaltung und Erzählweise die Spezifika von Walthers Lindenlied deutlicher hervorzuheben.
Welche Rolle spielt die Nachtigall im Lindenlied?
Die Nachtigall fungiert als lautmalerisches Element, das die idyllische Szenerie belebt und zugleich eine Brücke zur Realität oder Gesellschaft schlägt.
Wie bewertet der Autor die Gattungsfrage?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Lindenlied aufgrund seiner vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten nicht eindeutig einer einzelnen Gattung untergeordnet werden kann.
Inwiefern beeinflusst der soziale Stand die Interpretation?
Die Arbeit diskutiert, inwieweit der Stand der weiblichen Sprecherin (z.B. als Nonne oder Angehörige des Adels) die angespannte Atmosphäre in der vierten Strophe erklären könnte.
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- Pamela Bentlage (Autor), 2017, "Under der linden" von Walther von der Vogelweide. Ein Gattungsvergleich mit der Pastourelle, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384206