Der Wertewandel in der Einstellung zur Ehe


Hausarbeit, 2017

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Wertebegriff in der Soziologie
2.1 Theorien des Wertewandels

3. Stand der Forschung zu Ehestabilität und Scheidungsauswirkungen
3.1 Theoretischer Rahmen und Trennungsdeterminanten

4. Wertewandel in der Einstellung zur Ehe

5. Folgen einer Scheidung

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Scheidungen sind nicht die Regel, aber ein fester Bestandteil des Lebens vieler Kinder, Jugendlicher und Erwachsener. „In den letzten Jahren wurden bundesweit mehr als 190000 Ehen pro Jahr geschieden“ (Fend und Berger 2009: 268). Die konkreten Ursachen zu finden ist schwer, jedoch geht man davon aus, dass die weiterhin ansteigende Erwerbstätigkeit der Frau, die Zunahme kinderloser Ehen, die Abschaffung von gesetzlichen Grenzen und der sinkende Druck, eine Ehe am Laufen zu halten, für die momentane Scheidungshäufigkeit verantwortlich sind. Mit einer Scheidung gehört man nicht mehr zur Ausnahme (Fend und Berger 2009). Die Anzahl der Scheidungen hat sich in den letzten Jahren erhöht, die Anzahl der Eheschließungen hat sich im Gegensatz dazu verringert. Aber nicht nur die Zahlen im Kontext von Scheidungen haben sich geändert, auch die gesetzlichen Regelungen haben sich geändert, bei denen das Ende der Ehe aus verschiedenen Perspektiven und anhand verschiedener Prinzipien betrachtet wird. So z.B. mit dem Verschuldungsprinzip. Hierbei wird einem Ehepartner die Schuld der Trennung zugeschrieben. Das Zerrüttungsprinzip akzeptiert hingegen, dass für beide Ehepartner die Ehe zu Ende ist. Hierbei wird dem Prinzip gefolgt, dass zwei Partner die Ehe gemeinsam eingehen könne, also diese auch gemeinsam beenden können. Das Verschuldungsprinzip wurde in Deutschland nicht übernommen. Seit 1977 gilt das Zerrüttungsprinzip. So interessiert es nicht, ob ein Ehepartner Schuld an der Trennung hat, sondern allein die Tatsache, dass die Ehe gescheitert ist. Das darauf folgende Trennungsjahr hängt mit der Zerrüttungsprüfung der Ehe zusammen (Pröls 2010). Dem eigenen Wohlbefinden zuliebe sind persönliche Wertorientierungen sehr wichtig, denn sie definieren den Bezugsrahmen, in dem die Lebensumstände und deren Bedingungen beurteilt werden. Wertorientierung sind nicht unveränderlich, sondern passen sich dem sozialen Wandel an. In dieser Arbeit wird zunächst der Wertebegriff in der Soziologie dargestellt und auf die dazugehörigen Theorien näher eingegangen. Darauf folgend wird der Stand der Forschung zu Ehestabilität und Scheidungsauswirkungen, die Theorien und mögliche Trennungsdeterminanten aufgeführt, verglichen und analysiert. Ziel der Arbeit ist es, die Theorien der Ehe und Scheidungsauswirkungen mit der Werte- und Einstellungsforschung der Soziologie zu verbinden. Hierbei liegt das Augenmerk auf dem Wertewandel in der Einstellung zur Ehe und dessen Folgen für die Gesellschaft und die Institution Ehe.

2. Der Wertebegriff in der Soziologie

„Schon die „Urväter“ der Soziologie Emile Durkheim (1988) und Max Weber (2005) machen auf die besondere Bedeutung von Werten aufmerksam.“ (Lechleiter 2016: 25). Von Max Webers Sicht aus zählen Werte als Komponenten von Ethiken, Religionen und Lebensauffassungen, die die Gesellschaft beeinflussen und sich immer weiter darin integrieren (Lechleiter nach Weber, Max, 2005: Wirtschaft und Gesellschaft. Neu Isenburg: Melzer.) Auch Dürkheim rückt die gesellschaftliche Dimension der Werte in den Mittelpunkt. Laut Lechleiter (2016), stammt auch von Clyde Kluckhohn eine oft verwendete Wertedefinition, mit der er die Relevanz in der Handlung von Werten markiert. Werte seien relativ stabile und bewusst oder unbewusst wahrgenommene Vorstellungen von Wünschen und somit einen großen Einfluss auf die Selektion von Handlungsarten und deren Ziele hat. Auch Milton Rockeach definierte einen bekannten und häufig verwendeten Wertebegriff, indem er Werte als Handlungsziel beschreibt, das entweder wünschenswert oder nicht wünschenswert ist. Zu unterscheiden gilt hierbei dann zwischen Grundlegenden Werten den „terminal values“ und den instrumentellen Werten, den „instrumental values“ (Rokeach: 1973). Die „terminal values“ definiert er als Werte, die übergeordnete Zile und wünschenswerte Zustände beschreiben. Die „instrumental values“ bilden dann die Mittel und Handlungsweisen, die notwendig sind, um das Ziel zu erreichen (Lechleiter 2016). Werbeforscher wie Inglehart und Mag dagegen sehen Werte als Wunschvorstellung oder Ziel, wie die perfekte Gesellschaft auszusehen hat. „Klages hingegen begreift Werte im Allgemeinen als individuelle, relativ stabile Grund- bzw. Lebensorientierungen, die situationsabhängig die Wahrnehmung sowie das Verhalten des Menschen beeinflussen (Klages 1984)“ (Lechleiter 2016: 35 ). Betrachtet man Werte aus einer soziologischen Perspektive, so erkennt man, dass sie immer auf einer individuellen und auf einer gesellschaftlichen Ebene von Bedeutung sind. d.h. die Werte eines Menschen können individuelle und gesellschaftliche Vorstellungen des Wünschenswerten beinhalten. Wie im vorausgehenden Abschnitt bereits gezeigt, spielen Wertorientierungen bei der Erklärung menschlichen Handelns eine bedeutende Rolle. Die positivistische Theorie versteht das menschliche Handeln als eine Funktion von bedingungsabhängigen und tatsächlich gegebenen Faktoren, bei denen Normen sozialen Handels nicht von Belang sind. Der Idealismus hingegen sieht einen normativen und allgemein akzeptierbaren Bezugsrahmen als ausschlaggebend für das menschliche Handeln (Lechleiter 2016). „Je nach Anwendung bestimmter Selektionsregeln entstehen gewisse Formen des menschlichen Handelns.“ (Lechleiter 2016). Wenn man also Werte und Normen als Selektionsregel wählt, so ist die Handlung wertrational. Bei Überlegungen, die rational und nützlich sind, handelt es sich um zweckrationale Handlungen. Ist das Handeln auf soziale Rollen begründet, so spricht man von einem traditionellen Handeln. Ob man sich für oder gegen eine dieser Selektionsregeln entscheidet, hängt von dem Wertesystem der handelnden Person ab. „Aus diesem Grund ist die Wertrationalität in der voluntaristischen Handlungstheorie das primäre Selektionskriterium“ (Lechleiter :2016).

2.1 Theorien des Wertewandels

Die Theorien des Wertewandels folgen keinen einheitlichen Paradigmen. Es überrascht somit nicht, dass die Ergebnisse der Forschung des Wertewandels je nach Werbekonzeption variieren. Ronald Ingleharts Theorie des Wertewandels z.B. taucht tiefer in die Materie ein. Die internationale Wertewandelforschung wird lange Zeit von den Theorien von Inglehart beeinflusst. Das Hauptergebnis seiner Forschung ist, dass sich ein Wandel von materialistischen zu postmaterialistischen Wertvorstellungen vollzogen hat und das hauptsächlich in der westlichen Demokratie. Diesen Wandel bewertet Inglehart grundsätzlich positiv. Inglehart geht davon aus, dass Menschen eine Rangordnung aufstellen. In dieser Rangordnung ordnen sie dann Bedürfnisse nach ihrer individuell empfundenen Wichtigkeit an. „Ingleharts Wertedefinition beinhaltet, dass die Werte eines Menschen immer auch spezifische Ziele implizieren. Jedes Individuum besitzt in diesem Kontext Primär- und Sekundärziele. Bevor die Primärziele erreicht werden können, müssen die Sekundärziele erstrebt und realisiert werden“ (Lechleiter 2016:32). Elisabeth Noelle-Neumann´s Theorie des Wertewandels kommt zu einem ganz anderen Schluss. Sie beobachtete zwar auch einen Anstieg der Selbstentfaltungswerte, wertet diesen Anstieg jedoch als eine egoistische und rücksichtslose Grundeinstellung der Bevölkerung und schlussfolgert daraus einen Wertverfall der westlichen Gesellschaft. „Die Ursache für den Wertewandel sieht Noelle-Neumann im Wirken der „Frankfurter Schule“ und in deren Einfluss auf die 68er Studentengeneration.“ (Lechleiter 2016: 35). Besonderes Augenmerk legt Noelle-Neumann auf die Thesen Theodor Adornos. Laut Adorno muss die Weitergabe der elterlichen Wertorientierung an die Kinder gestoppt werden, da sich sonst die Tragödien, die sich im Dritten Reich abgespielt haben, wiederholen (Lechleiter 2016). Die Theorien es Wertewandels nach Helmut Klages kommen, ähnlich wie Inglehart, auf das Ergebnis, dass gesellschaftliche Strukturveränderungen einen Wertewandel auslösen können, ihn auf jeden Fall begünstigen. Nur werden bei Klages die Veränderungen anders definiert. Er beschränkt den Strukturwandel nicht ausschließlich auf den ökonomischen Bereich, sondern sieht diesen als mehrschichtigen Prozess. Für Klages spielen genau so die politischen Situationen, Medienapparate und historisch-religiöse Ansichten einer Gesellschaft eine sehr wichtige Rolle (Lechleiter 2016).

3. Stand der Forschung zu Ehestabilität und Scheidungsauswirkungen

Im Folgenden soll der aktuelle Stand der handlungstheoretischen Forschung zu den Ursachen von Scheidungen diskutiert werden. Dies wird eher oberflächlich behandelt, da sich eine Trennung vom aktuellen Forschungsstand und dem theoretischen Rahmen etwas schwer gestaltet. Bei der Paarbildung unterscheidet man 2 Stufen: das Kennenlernen und die individuellen Merkmale des Partners. Je besser es beim Kennenlernen läuft bzw. je besser es passt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Trennung. Auf der 2. Stufe zählen Merkmale wie Intelligenz und ein guter Gesundheitszustand zu den stabilisierenden Faktoren (Becker:2015). Der größte Forschungsbereich betrifft die intergenerationale Transfusion des Scheidungsrisikos. Dazu aber im nächsten Kapitel mehr. Hartmann erläutert in seiner Arbeit „(K)ein Bund fürs Leben“ die Literaturrecherche von Lewis (1976) und Spanier (1979) und die daraus resultierenden Faktoren, die die Ehequalität beeinflussen. Die Einflussfaktoren werden nicht ausschließlich theoretisch hergeleitet, sondern eher aus bestehenden Arbeiten übernommen. Die Qualität der Ehe ist in erster Linie von sozialen und personellen Ressourcen abhängig und in zweiter Linie von der Zufriedenheit mit dem eigenen Lebensstil und drittens von dem Nutzen, den man aus der Ehe zieht. (Hartmann:2015). Man kann diesen Ressourcen eine große Bedeutung für die Rollenverteilung in der Ehe zuschreiben. Der Faktor der Zufriedenheit findet verschiedene Ausgangspunkte. So z.B. die Zufriedenheit mit dem Einkommen oder auch die Zufriedenheit mit der innerfamiliaren Arbeitsteilung. Auch die Interaktion zwischen Partnern wird bewertet. Kommunizieren die Partner häufig und aufmerksam, so steigen auch die Gewinne, die sich aus der Interaktion ziehen lassen.„Außerdem weisen Lewis und Spanier etwa auf die Bedeutung der emotionalen Befriedigung („emotional gratification“) hin.“ (Hartmann:2015). All diese Faktoren ergeben zusammengenommen die Qualität der Ehe und haben somit einen Einfluss auf die Ehestabilität. Je höher die Qualität der Ehe ist, desto stabiler ist sie tendenziell. Aber auch außerfamiliare Faktoren können die Qualität der Ehe und ihre Stabilität beeinflussen. Dazu aber im theoretischen Abschnitt mehr. „Während die zentrale Eigenschaft einer Ehe im Modell von Lewis und Spanier (1979) die Ehequalität ist, so ist dies in der ökonomischen Analyse ehelicher Instabilität von Becker et al. (1977) der Ehegewinn.“ (Hartmann:2015) Dieser ergibt sich aus der Eigenschaft der Ehe als Produktionsgemeinschaft. Je effizienter die Produktion im Haushalt ist, desto größer ist der Ehegewinn. Im anschließenden Abschnitt werden Theoretische Konzepte und Einflussfaktoren auf die Stabilität von Ehen erläutert und diskutiert. Hauptsächlich sind dies Kinder, die Zeitverteilung im Haushalt und die Erwerbstätigkeit der Frau, das Kapital und das Wohneigentum der Ehe, sowie weitere Faktoren.

3.1 Theoretischer Rahmen und Trennungsdeterminanten

Im folgenden Abschnitt wird auf einige Theorien und die, damit verbundenen Trennungsdeterminanten näher eingegangen, so geht man zum Beispiel davon aus, dass die Ehestabilität durch Kinder beeinflusst wird. Man könnte Kinder auch als entscheidenden Faktor einer Familiengründung sehen und somit zählen sie als Kapital einer Ehe. Zunächst einmal sollte man die Entwicklung der Familie und der verschiedenen Familientypen betrachten, denn die Familie, wie wir sie heute kennen, war nicht immer so. Erst ab dem 19. Jahrhundert kristallisierte sich der heute bekannte Familientyp heraus. Aber nicht nur die Familie vollzog einen Wandel, auch der Ehebegriff hat sich im Laufe der Zeit verändert. Breitenbach spricht hier von der Ehe als „Organ der Gesellschaft“, was bedeutet, dass sie daher den Regulierungen und Sanktionen des Staates unterworfen ist (Breitenbach:2013). Dies wiederum bedeutet ja, dass die Heirat nicht mehr privat ist, sondern zu einer öffentlichen Sachen wurde. Einerseits gewinnt die Ehe an institutioneller Festigkeit, andererseits den Charakter eines Vertrages annimmt. Laut Breitenbach steigt die Rollenspezialisierung der Eltern durch die Geburt eines Kindes und dies wiederum verstärkt die gegenseitige Abhängigkeit der Partner. Daraus lässt sich ableiten, dass mit zunehmender Übernahme der erwarteten rollenspezifischen Arbeitsteilung, während in einer Familie Kinder aufwachsen, die Ehesolidarität steigt und das Scheidungsrisiko sinkt (Breitenbach:2013). Auch in (K)ein Bund fürs Leben von Bastian Hartmann werden Kinder als „nutzenstiftend(e)“ Investition bezeichnet, die jedoch nach einer Trennung verloren geht, sich davor jedoch positiv auf eine Ehe auswirken kann (Hartmann:2015). In instabilen Ehen dagegen entscheiden sich die Partner eher gegen ein oder mehrere Kinder, was heißt, dass Ehen mit Kindern zwar stabiler sind, jedoch die Kinder nicht als Ursache, sondern als Folge der Stabilität zu verstehen sind (Hartmann nach Svarer und Verner 2008). Zusätzlich haben viele Forschungen die Übertragung der Trennung zwischen den Generationen untersucht, da man davon ausgeht, dass Scheidungskinder ein höheres Scheidungs- und Trennungsrisiko aufweisen als Nicht-Scheidungskinder. Zur Erklärung der Übertragung der Trennung zwischen den Generationen erarbeiteten Fend und Berger 3 Ansätze: 1. Sie sehen ökonomische Verhältnisse von Scheidungsfamilien als die primäre Ursache für die Übertragung des Scheidungsrisikos von einer Generation auf die nächste. Scheidung bedeuten auch finanzielle Einbußen, wenig Zeit für das Kind, schlechte Betreuungsmöglichkeiten und dies kann sich in der Schule bemerkbar machen. Dazu kommen noch Unterhaltszahlungen und eine steuerliche Erleichterung fällt weg. Kinder erleben dies mit und stürzen sich dann eher ins Arbeitsleben, denn sie wollen selbständig sein. Dies führt zu einer schnelleren Bindung mit Gleichaltrigen und zu einer frühen Ehe. Dies wiederum lässt auf eine frühere Scheidung schließen, da frühe Ehen häufiger geschieden werden (Fend und Berger: 2009). 2. Die Erziehungs- und Sozialisationserfahrungen meinen, dass Scheidungskinder durch die Trennung andere oder weniger Verhaltensweisen erlernen, die es braucht, um eine stabile Partnerschaft zu führen. (Fend und Berger nach Pope/Mueller 1976). Die Kinder eignen sich Kommunikationsweisen an, die für spätere Beziehungen untauglich sind, Kinder verlieren das Vertrauen an Beziehung und Ehe, sehen somit keinen Grund darin, Konflikte zu lösen, gehen diesen eher aus dem Weg, da sich eine Zeitinvestition nicht lohnen würde. 3. Die stresstheoretische Perspektive ist wohl die allgemeinste Perspektive. Diese Perspektive „erklärt die Auswirkungen einer elterlichen Scheidung damit nicht nur durch die je nach Individuum unterschiedlichen Belastungsfaktoren, sondern bezieht auch die individuelle Wahrnehmung der Situation und die individuell verfügbaren Ressourcen in die Überlegungen mit ein.“ (Fend und Berger:2009)

Eine ganz andere Richtung schlägt die Selektionsperspektive ein. Hier wird nicht, wie in den oben genannten Erklärungsansätzen, davon ausgegangen, dass die Trennungsfaktoren erst nach dem Ende der Beziehung weitergegeben und verinnerlicht werden, sondern, dass Familien, die sich Scheiden lassen, sich schon in früh bestehenden Unterschieden von Nicht-Scheidungs-Familien unterscheidet. So unterscheiden sich diese in „persönlichen Eigenschaften der Eltern, im Ausmaß ehelicher Konflikte, in den Einstellungen der Ehepartner zur Ehe oder in den zur Verfügung stehenden ökonomischen Ressourcen“. Somit lässt sich sagen, dass das Risiko der Trennung nicht aufgrund der Veränderungen nach der Trennung innerhalb der Familie erhöht oder weitergegeben wird, sondern dass Faktoren wie Werte, Lebensbedingungen, Verhalten und bestimmte Charakterzüge an das Kind weitergegeben werden, und das bereits vor der Trennung (Fend und Berger: 2009). Dem Zeitmanagement bzw. der Zeitaufteilung innerhalb der Ehe wird auch eine große Rolle zuteil. Die Ehe gilt es als eine Produktionsgemeinschaft zu verstehen, und diese Gemeinschaft ist dann erst produktiv, wenn die Ehepartner die Arbeiten aufteilen, was heißt, dass ein Partner für die Erwerbs- und der andere für die Hausarbeit zuständig ist (Hartmann: 2015). P. M. Blau führte eine Theorie ein, in der es um Austausch sozialer Gewinne geht. Er spricht davon, dass die soziale Gemeinschaft aus verschiedenen Gründen lohnend sein kann, so gefällt es zum Beispiel vielen Menschen, wenn sie helfen können und so haben beide Seiten etwas davon. Generell sind Menschen dankbar für Gefallen und zahlen meist ihre sozialen Schulden gerne zurück. Das Zurückzahlen und die Dankbarkeit sind beides soziale Gewinne für denjenigen, der den Gefallen geliefert hat. (Blau: 1964). Levinger (1967) formulierte ein ähnliches Modell, auch basierend auf der Austauschtheorie, aber mit anderen Faktoren, um eine Erklärung von Scheidungen zu finden. Levinger konzipiert drei theoretische Konzepte: Attraktivität (attractions), Barrieren (barriers) und außereheliche Alternativen (alternative attractions). Diese drei Konzepte sollen im Zusammenspiel miteinander über die Stabilität der Ehe und Beziehung entscheiden. Als Attraktivität können auch Kosten und Nutzen zählen. Diese entstehen aus den Austauschbeziehungen, von z.B. Geld, Liebe, Sicherheit etc., innerhalb der Ehe und der Partner. Je höher der Gewinn dieses Austausches zu sein scheint oder es tatsächlich ist, desto attraktiver erscheint die Ehe für beide Partner. Dazu sollte jedoch auch erwähnt werden, dass weniger lohnende Austauschbeziehungen nicht gleichzeitig eine Trennung bedeuten, vorausgesetzt bestimmte Barrieren blockieren dies. Als Barrieren kann man materielle oder symbolische Dinge verstehen, so z.B. die religiösen Normen, die gegen eine Trennung arbeiten. „Der bedeutende Einfluss der Barrieren kann dazu führen, dass Ehen bestehen bleiben, obwohl die Attraktivität der Ehe für beide Partner sehr gering ist“ (Hartmann:2015). Natürlich funktioniert das Prinzip der Attraktivität auch im Umkehrschluss, hier spricht man von außerehelichen Alternativen. So kann nicht nur die momentane Beziehung attraktiv und lohnend wirken, sondern auch Einflüsse von Außen. So können attraktivere Alternativen von Außen eine Gefahr für die Ehe bedeuten, wenn diese den momentanen Nutzen der jetzigen Beziehung übertreffen, da eine Person so die Ehe einfacher verlassen kann. Die Stärke des positiven Zusammenhangs ist entscheidend von der Qualität der Alternativen abhängig, so verlässt man z.B. eine nicht zufriedenstellend Partnerschaft nicht, wenn die Alternativen schlechter wahrgenommen werden. Aber so kann auch eine eigentlich gut laufende Beziehung für bessere Alternativen aufgelöst werden. Noch ein weiterer Faktor kann die Stabilität stärken bzw. den Zusammenhalt zwischen der Qualität der Beziehung und der Stabilität. Nicht nur materielle Investitionen können die Partner zusammenschweißen, auch Zeit, Aufmerksamkeit, gemeinsame Erinnerungen oder gemeinsame Kinder. Zusätzlich dazu gibt es noch die Kosten der Partnersuche: Es sollte ein guter Kompromiss erreicht werden. Je mehr Zeit und Anstrengung die Partnersuche benötigt hat, desto besser sollte die Passung, der Match, sein. Man geht davon aus, dass der Match umso besser ist, je ähnlicher sich die Partner in bestimmten Merkmalen sind, so z.B. Intelligenz, Lebensstil, Einstellungen etc. Und je unähnlicher sie sich in anderen Merkmalen sind, so z.B. das Einkommen (Becker: 2015).

Im Bezug auf die Ehe und die Zeit, die man für die Hausarbeit aufbringt, kann man diese Theorie wie folgt anwenden. Die Ehe und das Zusammenleben geben eine Stabilisierung, die jedoch nicht nur kurzfristig ist, wie andere Tauschprozesse, sondern etwas langfristiges. Es findet ein Austausch von Belohnungen statt, wer aber von dem Partner bzw. Interaktionspartner viel verlangt, der muss auch bereit sein viel zu geben. Zusätzlich führt das Streben nach Gewinn, also dass die Belohnungen die Kosten übersteigen, zu einer Ungerechtigkeit und diese bringt die Stabilität der Austauschprozesse ins wanken. Man arrangiert sich also, so auch bei der Haushaltsaufteilung.

Der Mann ist meistens Erwerbstätig, dies steigert seine Investitionen, da seine höhere Verdienstmöglichkeiten den Gewinn der Ehe steigern. Dies lässt sich aber laut Hartmann nicht auf die Frau zurückführen, denn steigt deren Einkommen, so verringert sich ihre Zeit für den Haushalt. Daraus resultiert, dass eine Erwerbsaktivität auf Seiten der Frau die Gewinne der vorhin genannten Spezialisierung verringern und den Wert der Ehe schmälern.

Mit Wirtschaftlicher Ent- und vor allem Weiterentwicklung geriet Spezialisierungsthese in den Hintergrund. Die gegenseitige Abhängigkeit wurde zur einseitigen, da der Wert der Hausarbeit sank. Der erwerbstätige Partner wurde unabhängig und der nicht erwerbstätige Partner war auf die Ehe angewiesen. Ist aber ein Kind im Haushalt miteinbegriffen, steigt der Wert der Hausarbeit an, so ist zuerkannten dass trotzdem noch Spezialisierungsgewinne entstehen (Hartmann:2015). Zusätzlich finden sich noch weitere Erklärungen, die den Effekt der Frauenerwerbstätigkeit auf die Ehestabilität untersuchen. Falls der Verdienst der Frau so groß ist, dass dieser den wegfallenden Gewinn der Spezialisierung übersteigen, so müsse der Gewinn der Ehe steigen. Rückschließend kann man dann sagen, dass ein geringeres Einkommen für Stress sorgt und dieser sich destabilisierend auf die Ehe auswirkt. Hartmann beschreibt drei Effekte, die mit der Erwerbstätigkeit der Frau verbunden sind: Erstens wegfallende Spezialisierungsgewinne, zweitens größere Unabhängigkeit und drittens der Einkommenseffekt (Hartmann:2015). Man geht also auf irgendeine Weise davon aus, dass die Erwerbstätigkeit der Frau einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit der Trennung hat. Die Wirkungsrichtung kann aber auch umgekehrt sein. Genauso kann eine bereits erlebte Scheidung und das Mitterleben der Auflösung des Haushaltes, ein Grund sein eine Erwerbstätigkeit auszunehmen. Und genau so kann es zu Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie kommen und so muss die Erwerbstätigkeit eingeschränkt werden. Außerdem ist es möglich, dass sich der Partner schon auf eine Trennung einstellt und sich durch die Erwerbstätigkeit auf den Ernstfall vorbereitet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Wertewandel in der Einstellung zur Ehe
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V384352
ISBN (eBook)
9783668596474
ISBN (Buch)
9783668596481
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wertewandel, einstellung
Arbeit zitieren
Gina-Marie Müller (Autor:in), 2017, Der Wertewandel in der Einstellung zur Ehe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384352

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