Die strafrechtliche Tolerierung des Schwangerschaftsabbruchs unter ethischen, moralischen und theologischen Aspekten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
28 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung

3. Frühzeitige Methoden mit dem Ziel die Einnistung zu verhindern

4. Die juristische Dimension des Schwangerschaftsabbruchs
4.1 Die Funktion des Strafrechts
4.2 Die Rechtsgeschichte des Schwangerschaftsabbruchs

5. Die ethische, moralische und theologische Dimension des Schwangerschaftsabbruchs
5.1 Die Bedeutung der Vorzugsregel in der Moraltheologie
5.2 Die Wertdifferenz zwischen geborenen und ungeborenen Leben

6. Die Frage über den Beginn menschlichen (und personalen) Lebens
6.1 Der Beginn des menschlichen Lebens
6.2 Der Beginn des menschlich-personalen Lebens

7. Der gesellschaftliche Umgang mit geborenen und ungeborenen menschlichen Leben
7.1 Menschliches Leben – eine Sache oder ein unantastbarer Wert?
7.2 Der Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens

8. Der Schwangerschaftsabbruch aus christlicher Perspektive

Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Bezug zum Modul Recht und Ethik könnte bei diesem Thema schon durch seine Auswahl deutlicher kaum sein, denn es beinhaltet sowohl eine juristische Dimension durch die Auseinandersetzung mit der strafrechtlichen Tolerierung, als auch eine ethische und moraltheologische Dimension mit der Frage danach, ob eine solche Tolerierung aus nachvollziehbaren Gründen vertretbar wäre. Sich unter moraltheologischen, ethischen und juristischen Gesichtspunkten mit der Tolerierung des Schwangerschaftsabbruchs zu beschäftigen, kann schon deshalb als wichtig im Hinblick auf Recht und Ethik verstanden werden, da es hier letztlich auch um das wohl kostbarste und schützenswerteste Gut des Rechts und der Ethik geht, konkret um das menschliche Leben. Die hohe Relevanz der Thematik des Schwangerschaftsabbruchs für die Sozialarbeit und Sozialpädagogik zeigt sich schon dadurch, dass sich in ihrer Praxis Angebote finden lassen, die Menschen und besonders natürlich Frauen und Mädchen, die sich mit dem Thema der Schwangerschaft konfrontiert sehen, als AdressatInnen verstehen. Nicht nur spielt Soziale Arbeit in Beratungsstellen für Schwangerschaftsabbrüche eine Rolle, ein Wissen um mögliche psychische Belastungen in Folge von Schwangerschaftsabbrüchen ist auch im Tätigkeitsfeld der Krisenintervention elementar, denn hier kann es helfen einzelne Krisen und individuelles Verhalten in der jeweiligen Krisenphase besser nachvollziehen zu können. Ergänzend erscheint es sinnvoll für StudentInnen der Sozialen Arbeit und auch für bereits tätige SozialarbeiterInnen sich mit dem Thema des Schwangerschaftsabbruchs im Allgemeinen zu beschäftigen und auch im Speziellen mit der strafrechtlichen Tolerierung des Schwangerschaftsabbruchs aus moraltheologischer und ethischer Sicht. Schließlich besteht die Notwendigkeit, dass sich - um beim Beispiel einer Sozialarbeiterin, die in einer Beratungseinrichtung tätig ist, zu bleiben - diese Sozialarbeiterin ihrer eigenen moralischen und ethischen Grundsätze bewusst wird in Bezug auf das Thema des Schwangerschaftsabbruchs. Dies ist obligatorisch, da nur so eine transparente Beratung und Begleitung durchgeführt werden kann. Als transparent kann eine solche nur gelten, wenn sie der Schwangeren nicht den eigenen Willen und das eigene ethische beziehungsweise moralische Verständnis aufzwingt. Zum Abschluss bleibt festzuhalten, dass es für eine Wissenschaft die sich als spezialisiert generalistisch versteht, grundsätzlich von hoher Wichtigkeit sein sollte, sich mit ethischen Fragen zu konkreten gesellschaftlichen Themen beziehungsweise möglichen krisenhaften Situationen auseinanderzusetzen. Schwangerschaftsabbrüche und ihre Folgen können hier sicherlich ein Beispiel sein. Die leitende Frage dieser Hausarbeit lautet: ‚Wie wird die strafrechtliche Tolerierung des Schwangerschaftsabbruchs aus moraltheologischer und ethischer Sicht gesehen? Inwiefern wird das ungeborene menschliche Leben geschützt?’ Zu Beginn wird es eine Begriffserklärung geben, danach werden Methoden mit dem Ziel der Verhinderung der Einnistung genannt. Anschließend wird die Funktion des Strafrechts erklärt, inklusive der Rechtsgeschichte des Schwangerschaftsabbruchs. Einen weiteren Punkt stellen die Bedeutung der Vorzugsregel und die Wertdifferenz zwischen geborenen und ungeborenen menschlichen Leben dar. Des Weiteren wird in dieser Hausarbeit die Frage über den Beginn menschlichen (und personalen) Lebens thematisiert. Nachdem auf die Frage eingegangen wird, ob es sich bei dem menschlichen Leben um eine Sache oder einen unantastbaren Wert handelt, wird Bezug auf den Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens genommen. Am Schluss wird die Thematik des Schwangerschaftsabbruches aus christlicher Perspektive näher beleuchtet.

2. Begriffsklärung

Zunächst bedarf es einer Klärung der hier verwendeten Fachtermini. Im Sinne einer wertneutralen definitorischen Bestimmung wird unter einem Schwangerschaftsabbruch meist verstanden eine legale, „[...] d.h. im Rahmen und unter Einhaltung der bestehenden gesetzlichen Bestimmung durchgeführte vorzeitige Beendigung einer Schwangerschaft durch medikamentösen, instrumentellen oder kombiniert fachgerechten, d.h. entsprechend den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft von einem Arzt unter entsprechenden Voraussetzungen ausgeführten Eingriff“ (Pro Familia 1980, S. 28). In diesem Kontext ist die Abtreibung eines noch ungeborenen menschlichen Lebens gemeint, welche innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis durchgeführt wird. Der Tod dieses Lebens ist dabei direkt beabsichtigt. Für den provozierten Abort sollte nicht leichthin das übergeordnete Wort Schwangerschaftsabbruch verwendet werden, da auch der ungewollte und der in Kauf genommene Abgang des ungeborenen menschlichen Lebens einen Abbruch der Schwangerschaft darstellt. Insbesondere der Begriff Schwangerschaftsunterbrechung scheint missverständlich, da hier nicht die Unterbrechung der Schwangerschaft mit einer eventuellen möglichen späteren Weiterführung derselben gemeint ist. Demnach besteht zwischen einem direkten und einem indirekten Schwangerschaftsabbruch ein wesentlicher Unterschied. Ersterer – die Abtreibung – beabsichtigt unmittelbar die Tötung des Kindes, während letzterer den Tod des Kindes als ungewollte Wirkung einer an sich erlaubten notwendigen medizinischen Behandlung nur in Kauf nimmt. Die zugrundeliegende Absicht und somit auch die sittliche Qualität einer solchen Handlung ist hierbei wesentlich verschieden (vgl. Hepp 1987, S. 48-51). Aber auch die heute oftmals – selbst von christlichen Kirchen – verwendete Formulierung vom werdenden Leben, welches es zu schützen gilt, ist unklar und wirft die Frage auf: Haben wir es bei dem noch ungeborenen Leben mit noch nicht vollwertigem menschlichen Leben zu tun, welches nicht als eigenes zu schützendes Rechtsgut verstanden wird? In welchem Verhältnis steht dieses werdende Leben zum bereits eigenständigen Leben der Mutter? Kann in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen dieses Werdeprozesses von einer verschiedenen Schutzwürdigkeit gesprochen werden? Um derartige Missverständnisse zu vermeiden, erscheint es angebrachter, einfachhin von ungeborenen menschlichen Leben zu sprechen. Dabei ist selbstverständlich, dass dieses Leben neben dem Wohl der Mutter und unabhängig von ihr als Rechtsgut strafrechtlich zu schützen ist (vgl. Hepp 1987, S. 48-51).

3. Frühzeitige Methoden mit dem Ziel die Einnistung zu verhindern

Im Zusammenhang einer Diskussion um die Tolerierung des Schwangerschaftsabbruchs werden für die medizinische Indikation zum Teil schwerwiegende Argumente aufgezählt, die nicht einfach in den Wind zu schlagen sind. Der Großteil der vorgelegten Beweisgründe behält jedoch vornehmlich oder gar ausschließlich das Wohl der Mutter im Auge. Wo natürlich von vornherein ungeborenes menschliches Leben nicht als ein vollwertiges und zu schützendes Leben angesehen wird, dürfte es schwerfallen, die Abtreibung als sittlich unerlaubt einsichtig zu machen. Denn die freie Entscheidung der Mutter zum Kind sowie ihre psychische und physische Situation sind gegenüber einem Fötus, der mehr oder weniger als Gewächs im Mutterleib, aber noch nicht als selbstständiges Leben angesehen wird, hohe Werte. Wird allerdings das ungeborene menschliche Leben neben dem Wohl der Mutter und unabhängig von ihr als Rechtsgut anerkannt, so verdient es ebenfalls Schutz. Aufgrund mehrfacher Unsicherheitsfaktoren bezüglich des Zeitpunkts, wann menschliches Leben beginnt ließe sich allerdings darüber diskutieren, ob in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung – während der ersten 14 Tage – unter Umständen aus besonders schwerwiegenden Gründen ein medizinischer Eingriff mit dem Ziel die Einnistung eines eventuell befruchteten Eies zu verhindern in Erwägung gezogen werden könnte. Diese so genannten Nidationshemmer sind nicht mit den gebräuchlichen Empfängnisverhütungsmitteln gleichzusetzen, allerdings sollten sie auch nicht mit einer Abtreibung gleichzusetzen sein. Gerade in dem Fall, wenn eine Frau vergewaltigt wurde, sollte überlegt werden, ob das ihr zugefügte Leid nicht so unermesslich hoch ist und dass aufgrund der zahlreichen Unsicherheitsfaktoren (ob überhaupt eine Befruchtung stattgefunden hat, ob ein befruchtetes Ei überhaupt zur Einnistung gelangt, ob hier überhaupt schon der Beginn des menschlich-personalen Lebens gegeben ist) eine Güterabwägung zu Gunsten der Frau möglich ist. Entsprechende Manipulationen wie die ‚Pille danach‘ könnten in dem Fall als das geringere Übel angesehen und sittlich verantwortet werden (vgl. Ruff 1970 S. 55-57).

Ist durch die Schwangerschaft das Leben der Mutter stark gefährdet, sollte eine solche Manipulation ebenfalls in Erwägung gezogen werden. Diese Güterabwägung lässt sich allerdings nicht leichtfertig aus sozialen Gründen heraus rechtfertigen. Wenn im sehr frühen Werdeprozess tatsächlich ein Eingriff erfolgen soll, lässt sich dieses nur aus entsprechenden äquivalenten Gründen verantworten. Jedoch kann hier eine kasuistische Festlegung der schwangeren Frau die Entscheidung nicht abnehmen. Allerdings erscheint es nicht mehr verantwortlich einen Eingriff - der zu einem Abbruch der Schwangerschaft führt - nach Ablauf der ersten 14 Tage vorzunehmen als sachlich gerechtfertigt und sittlich einwandfrei darzustellen. Schließlich dürfte sachlich kein ausreichender Grund vorhanden sein, der die Tötung eines ungeborenen menschlichen Lebens zu dem Zeitpunkt rechtfertigt. Dieses besagt allerdings nicht, dass ein Mensch aufgrund eines irrigen Gewissens dieses Verhalten subjektiv als erlaubt ansieht. Jedoch erscheinen die unterschiedlichen Möglichkeiten eine Einnistung einer eventuell befruchteten Eizelle zu verhindern nicht gleichgültig. Beispielsweise tragen die Nidationshemmer mechanischer Art wie die Schleife oder das Intrauterinpessar ausgesprochen prophylaktischen Charakter. Diese müssen bereits vor der Kohabitation eingelegt werden und kommen somit für eine nachträgliche Notmaßnahme – beispielsweise im Falle einer Vergewaltigung – nicht in Frage. Durch eine hormonale Behandlung mit hochdosierten Östrogenen wie die ‚Pille danach‘ wird der gesamte Hormonhaushalt der schwangeren Frau oder des Mädchens stark beeinträchtigt. Zudem wird dieses Mittel oftmals nicht gut vertragen. Diese Methode wäre jedoch durchaus sinnvoll, um durch einen Verhütungsfehler oder nach einer Vergewaltigung eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern. Da die ‚Pille danach‘ in bestimmten Fällen nicht wirkt, (beispielsweise wenn die Frau Johanniskraut zu sich nimmt beziehungsweise vor geringer Zeit zu sich genommen hat oder an einem Magen- und Darminfekt erkrankt ist), besteht die Möglichkeit einer medizinischen Ausschabung. Wird diese innerhalb der ersten zehn Tage durchgeführt, wird sie noch nicht als Abortus bezeichnet. „Von den […] Methoden wäre die Ausschabung für genau umschriebene Notfälle den anderen Methoden insofern auch vorzuziehen, als ein solcher Eingriff nicht so leicht mißbraucht, d.h. über den genau umschriebenen Fall hinaus ausgeweitet werden würde“ (Gründel 1971 S. 122). Hingegen dürfte die strafrechtliche Freigabe der mechanischen Nidationshemmer zu einer äußert undifferenzierten Anwendung, analog zu empfängnisverhütenden Mitten, führen (vgl. Gründel 1971, S. 121-123).

4. Die juristische Dimension des Schwangerschaftsabbruchs

4.1 Die Funktion des Strafrechts

Sinn und Bedeutung menschlicher Strafe lässt sich heute nicht mehr, auch unter Hinweis auf Röm 13, als Ausübung einer Gerechtigkeit von Gottes Gnaden legitimieren. Das Engagement um eine Humanisierung des Strafvollzugs gründet auf einer zunehmenden Tendenz von der Vergeltungsstrafe hin zur Besserungsstrafe. Ohne das Schuldprinzip aufzugeben, sieht man mittlerweile die Strafe nicht mehr nur als Schuldausgleich, sondern auch in der sozialen Funktion des Gesellschaftsschutzes an. Sinn und Zweck der Strafe in der Gesellschaft leiten sich von der Verpflichtung, die Rechte des Einzelnen zu schützen und ein geordnetes Funktionieren mitmenschlichen Lebens zu gewährleisten, ab. Aus diesem Grund darf nicht alles, was unsittlich ist, mit einer Strafe bedroht werden (vgl. Auer 1985, S. 185-186). Nur wenn das Allgemeinwohl durch ein Verhalten in schwerer Weise beeinträchtigt wird, verlangt der Schutz der Gesellschaft gegen Übergriffe vorzugehen. Daher werden strafrechtliche Gesetze aufgestellt. Allerdings sollte ein klarer Unterschied gefasst werden, dass nicht alles, was straffrei ist auch sittlich erlaubt ist. TheologInnen plädieren daher durchaus für eine strafrechtliche Tolerierung eines unsittlichen Verhaltens, wie den Schwangerschaftsabbruch, ohne ihn damit sittlich zu billigen. Als Gegenbeispiel vertrat der Theologe Karl Barth die Meinung, dass aufgrund seines Tötungscharakters die grundsätzliche Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs außer Frage stand. Als rechtliches Korrelat der von ihm formulierten ethischen Richtlinie befürwortete Barth aber ausdrücklich die medizinische Indikation (vgl. Barth 1951, S. 481). Die rechtlichen Implikationen von Barths ethischen Ausführungen haben im Wesentlichen der rechtlichen Regelung, die zu seiner Zeit in der Schweiz galt und praktiziert wurde, entsprochen. Weil mithilfe des Rechts Handlungen nur reguliert werden können, bei der Geburt des Kindes aber Beziehungsleistungen erbracht werden müssen, die weder moralisch noch rechtlich einklagbar sind, macht es laut Johannes Fischer wenig Sinn, das Austragen der Schwangerschaft strafrechtlich erzwingen zu wollen. Dazu kommt, dass Menschen die versuchen im Interesse der Freiheit des Individuums die Moral zu begrenzen, dasselbe sicherlich auch in Hinblick auf das Recht verfolgen. Hierfür spricht, dass sich Fischer, als er über das Verhältnis zwischen Moral und Recht diskutiert, an Rainer Forst anlehnt, der das Recht als Schutzhülle ethischer Identität ansieht (vgl. Fischer, 1998 S. 61). Gyula Barczay, ungarischer reformierter Theologe und Schüler Karl Barths ist der Auffassung, dass ein formalistischer Gebrauch des fünften Gebotes zur Verleugnung des Liebesgebotes führen kann, wenn auf das Austragen der Schwangerschaft im Falle einer Vergewaltigung beharrt wird. Ein in Notzucht gezeugtes Kind kann nämlich nicht als Gabe Gottes verstanden werden. Barczay schließt sich der Meinung von René König an, dass „[…] jegliche Zumutung der Austragung einer Frucht, die durch Vergewaltigung empfangen wurde, im strengsten Sinne abnorm, inhuman und zutiefst unsittlich ist“ (Barczay 1967, S. 264). Des Weiteren nimmt Barczay in seinen Ausführungen eine Abwägung der zur Diskussion stehenden Werte der freien Entscheidung der Mutter zum Kind und dem Lebensrecht des Kindes vor, erteilt aber unter dem Gesichtspunkt der Liebe der Mutter ein größeres Recht ein, wenn er sagt: „Hätte die Theologie schon früher das Problem nicht vom Prinzip des Erhaltens des Lebens, sondern vom Gebot der Liebe her betrachtet, dann hätte sie die Notlage der Frau erkannt und ihr die Hilfe nicht verweigert. […] Für die Entscheidung soll nicht irgendein Prinzip, sondern die wirkliche Notlage der Frau zusammen mit der zu erwartenden Notlage des Kindes maßgebend sein. […], daß die Notzucht-Indikation zu Recht als ethische Indikation bezeichnet werden kann. Denn bei dieser Indikation wird aus wahrhaft ethischen Gründen der Gegensatz zum Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben durchgehalten“ (Barczay, 1967, S. 266).

4.2 Die Rechtsgeschichte des Schwangerschaftsabbruchs

Die Geschichte der neueren deutschen Gesetzgebung bezüglich des Schwangerschaftsabbruchs in der Bundesrepublik Deutschland ist durch die verschiedenen Gesetze der deutschen Staaten im 19. Jahrhundert, die allesamt eine Abtreibung unter Strafe stellen, geprägt. Das Preußische Landrecht von 1794 hat ganz im Sinne der Aufklärung, die die Menschenrechte auf das ungeborene Kind bezog, formuliert, dass „die allgemeinen Rechte der Menschheit […] auch den noch ungeborenen Kindern, schon von der Zeit ihrer Empfängnis gebühren“ (Ferdinand 2010, S. 62).

Seit 1871 wurden Abtreibungen mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft. Gesetzlich gab es dafür keine Ausnahmen, allerdings haben die Gerichte schon bald entschieden, dass bei Gefahr für Leib und Leben der Mutter ein Notstand vorlag, der strafbefreiend oder strafmildernd wirkte. Ab 1927 wurde dies dann grundsätzlich in diesem Sinne entschieden. Im Jahre 1935 – also zur Zeit des Nationalsozialismus – mussten Gutachter diesen Notstand bescheinigen. Zudem wurde im Sinne des Nationalsozialismus in begrenztem Umfang ein Schwangerschaftsabbruch bei erblicher Schädigung des Kindes gestattet. Die Zulassung des Tötens von ungeborenem menschlichen Leben welches eine Behinderung mit sich trägt, wurde aus dem Nationalsozialismus ohne Unterbrechung bis ins 21. Jahrhundert übernommen. Nach 1945 galt in der Bundesrepublik Deutschland unter den Besatzungsmächten ausschließlich die medizinische Indikation bei Gefahr für das Leben der Mutter als straffrei. Die Verurteilungen wurden allerdings aufgrund fehlender staatlicher Bereitschaft immer geringer. Zum Beispiel kam es 1972 zu nur 154 Verurteilungen, obwohl nach verschiedenen Schätzungen zwischen 75.000 und 300.000 Abtreibungen stattgefunden haben. Demzufolge konnte man schließlich in Westdeutschland nur noch von einer symbolischen Strafpraxis sprechen (vgl. Buth; Schirrmacher 2013, S. 77-79).

Die Rechtsprechung der DDR verlief anders. Alle sozialistischen Staaten hatten eine Vorreiterrolle in Bezug auf die Freigabe der Schwangerschaftsabbrüche. Aus diesem Grund herrschte in der DDR seit 1950 ein eingeschränktes Indikationsmodell. Seit 1972 wurden Schwangerschaftsabbrüche innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis toleriert. Im Nachkriegsdeutschland waren Schwangerschaftsabbrüche verboten. Am 6. Juni 1971 bekannten sich mehrere hundert prominente und nicht prominente Frauen durch die Initiative der Journalistin und Feministin Alice Schwarzer dazu, abgetrieben und somit gegen das geltende Recht verstoßen zu haben. Schließlich veröffentlichte die Deutsche Ärztezeitung am 12. März 1974 die Geständnisse von mehr als 300 westdeutschen Ärztinnen, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen oder durchgeführt zu haben. Die mutigen Frauen riskierten unter anderem Freiheitsstrafen. Die nicht minder mutigen Ärztinnen mussten darüber hinaus mit einem Berufsverbot rechnen. Durch diese Aktionen wurde das gesellschaftliche Interesse geweckt. Diese Dynamik hat dazu beigetragen, das 1975 das Schwangerschaftsabbruchverbot fiel (vgl. Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch 2009).

„Die Einführung der Fristenregelung durch Beschluss des Bundestages 1975 scheiterte an einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts […]“ (Buth; Schirrmacher 2013, S. 79). Daraufhin trat 1976 eine Neufassung des § 218 StGB, nämlich die Indikationslösung mit Kombination aus Indikation und Beratungsbescheinigung, in Kraft. Demnach ist der Schwangerschaftsabbruch zwar grundsätzlich rechtswidrig, bleibt aber unter bestimmten Umständen im Fall einer medizinischen Indikation straffrei. Zum einen muss die Schwangere den Abbruch eigenständig verlangen. Der behandelnden ÄrztIn muss sie durch die Bescheinigung nach § 219, Abs. 2, Satz 2 StGB nachgewiesen haben, dass sie mindestens drei Tage vor dem Eingriff von einer anerkannten Beratungsstelle beraten wurde. Zudem muss der Abbruch innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis stattfinden und von einem Arzt oder einer Ärztin durchgeführt werden (vgl. Pro Familia 2015, S. 9).

5. Die ethische, moralische und theologische Dimension des Schwangerschaftsabbruchs

5.1 Die Bedeutung der Vorzugsregel in der Moraltheologie

Nur im begrenzten Ausmaß besitzt der Mensch die Möglichkeit, sich dem Wohl seiner Mitmenschen anzunehmen. Immer wieder kommt er in die Situation, dass er zwischen konkurrierenden Werten wählen muss. Die Geschichte der Moraltheologie bezeugt, wie sich in diesem Zusammenhang unterschiedliche Vorzugsregeln für die Praxis herausgebildet haben. Bei gewissenhafter Prüfung seines Tuns wird der Mensch sich jeweils für die Handlung entscheiden, von der er sich für seine Mitmenschen und sich selbst eine größere Hilfe erhofft, bzw. mit der wichtigere Interessen gewahrt oder dringende Bedürfnisse befriedigt werden. Beispielsweise werden jeder Arzt und jede Ärztin, wenn das Leben eines Menschen gefährdet erscheint, einen unter Umständen schmerzhaften aber notwendigen Eingriff zur Rettung dieses Lebens in Kauf nehmen. Die Integrität des Körpers und die Schmerzlosigkeit sind Werte, die gegenüber dem Wert des weiterbestehenden Lebens hintenangestellt werden. So bildete sich in der Geschichte der Moraltheologie der Grundsatz heraus, dass in bestimmten Situationen die Wahl eines geringeren Übels zur Pflicht werden kann (vgl. Schüller 1970, S. 526-527).

Offensichtlich liegt die Anwendung dieser Vorzugsregel auch der Äußerungen des Moraltheologen Magnus Jocham zugrunde. Im Zusammenhang mit der Frage nach der Legalität einer medizinischen Indikation räumte er im Konfliktfall dem Leben der Mutter den Vorrang ein: „Für gewöhnlich wird die Rettung der Mutter durch den Tod des Kindes wahrscheinlich und die des Kindes durch den Tod der Mutter zweifelhaft sein. In diesem Fall müßte man der Mutter raten, ihr eigenes Leben zu retten mit Dahingabe des Lebens ihres Kindes. Wo aber beiderseits gleiche Hoffnung und gleiche Gefahr ist, da hat die Mutter zu entscheiden“ (Gründel 1979 S. 203). Robert Spaemann erklärte, dass ausschließlich Personen ein Recht auf Leben haben. Da Föten diese Merkmale noch nicht besitzen, gibt es keinen Grund ihnen „[…] einen Rechtsanspruch etwa auf Leben zuzugestehen […]“ (Spaemann 1998, S. 10). Ebenfalls erklärte der Moraltheologe Franz Xaver Linsenmann 1887: „Die Mutter ist nicht verpflichtet, ihr eigenes Leben zu opfern, um das ihres Kindes zu retten“ (Linsenmann 1878, zit. n. Gründel 1971, S. 113). Ebenso betont er, dass sich die Moral dem unterwerfen muss, was nach dem jeweiligen Stand der medizinischen Forschung zur Rettung eines Lebens notwendig erscheint. Somit spricht er nicht den TheologInnen, sondern der ärztlichen Wissenschaft das erste Wort zu, wobei er voraussetzt, dass sich auch der Arzt bzw. die Ärztin durchaus an sittlichen Grundsätzen zu orientieren haben. Da leicht der Eindruck erweckt werden könnte, dass das Leben des Kindes gegenüber dem Leben der Mutter in ein Mittel-Zweck-Verhältnis gesteckt wird, bildete sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts jene katholische Auffassung heraus, die auch in den päpstlichen Stellungnahmen des 20. Jahrhunderts Niederschlag gefunden hat und jede Form des Schwangerschaftsabbruchs – auch um das Leben der Mutter zu retten – ablehnt. Die Anwendung der Vorzugsregel wird allerdings fragwürdig, wenn es um die Weiterexistenz zweierlei Leben geht. In dem Augenblick kann nicht einfach über den Wert oder Unwert des einen oder des anderen Lebens entschieden werden. Dennoch muss auch in einem solchen Fall eine Entscheidung gefällt werden. Diese Entscheidung wird einen entsprechenden Wagnischarakter tragen, insbesondere in unserer pluralen Gesellschaft, in der man über Wertvorzugsurteile durchaus streiten kann (vgl. Gründel, 1971, S. 113 - 114).

5.2 Die Wertdifferenz zwischen geborenen und ungeborenen Leben

Nun aber stellt sich die Frage, welchen Wert dem ungeborenen Leben in Bezug zu dem bereits geborenen Menschen zukommt. „Wer den Schwangerschaftsabbruch für erlaubt hält, führt Unterscheidungen ein. […] Er differenziert zwischen dem Embryo als Teil des Leibes der Mutter und dem geborenen Kind“ (Loewe 1988, S. 128). Allerdings kann die Nicht-Differenzierung in einem bestimmten Konfliktfall verhängnisvolle Folgen mit sich ziehen. Tatsache ist, dass nahezu die gesamte Bevölkerung diese Wertdifferenz an irgendeinem Punkt, und sei es an dem, des extremsten Konfliktfalls, nachvollziehen kann. Bereits im Mittelalter wurde aus rechtlicher Sicht zwischen dem Tatbestand der Abtreibung der Leibesfrucht und dem des Mordes unterschieden. Diese Differenzierung ist durch die Entscheidung des Reichsgerichts von 1927 bekräftigt worden, insoweit mit der Installierung der medizinischen Indikation die Gesundheit der Mutter gegenüber dem des ungeborenen menschlichen Lebens als höherwertiges Rechtsgut erklärt wurde (vgl. Suefke 1995, S. 31). Demnach ist das Strafrecht ein Anhaltspunkt für eine gesellschaftliche Differenzierung zwischen geborenem und ungeborenem Leben. „Das Strafgesetzbuch macht eine fundamentale Unterscheidung zwischen einem lebenden Menschen und einem Fötus, sonst gäbe es den §218 überhaupt nicht, und jede Abtreibung wäre gemäß dem geltenden Recht Mord“ (Freise 1993, S. 61). Am offenkundigsten ist die vom Recht gefällte Indikationsregelung. „Zunächst ist es schwer zu begründen, warum angesichts der Gleichwertigkeit von geborenem und ungeborenem Leben bei Vorliegen einer Indikation die Tötung des Ungeborenen gerechtfertigt sein soll“ (Seidel 1994, S. 34). Abgesehen von der seit längerer Zeit umstrittenen juristischen Frage, ob die Indikationslösung wahrhaftig einen Rechtfertigungsgrund für die Tötung ungeborenen menschlichen Lebens darstellt, spricht auch bei einer Strafausschließung die damit eingeräumte Möglichkeit gegen eine rechtliche Gleichstellung von geborenem und ungeborenem Leben. Insbesondere auf eine außergewöhnliche Konfliktsituation, in der das Leben der Mutter in Gefahr steht, bezogen, ist eine Unterscheidung geradezu zwingend erforderlich. „Die wertmäßige Differenz zwischen frühen Entwicklungsstadien, unausgereiften und entfaltetem Leben wird da für das Handeln ethisch von Bedeutung, wo das werdende Leben das voll entfaltete in seinem physischen und psychischen Leben unabwendbar ernsthaft bedroht. Nur dann kann es eine Rechtfertigung für eine Tötung ungeborenen Lebens geben“ (Eibach 1991, S. 25). Sogar innerhalb der Stadien der fötalen Entwicklung wird rechtlich differenziert. Dass der Gesetzgeber bei entsprechender Indikation den Schwangerschaftsabbruch bei legaler Durchführung innerhalb der ersten drei Monaten straffrei belässt, bezeugt, dass er einen Unterschied macht, ob das Leben eines Fötus im dritten Monat oder eines vorgeburtlichen Kindes beendet wird. Das embryonale und fötale Reifestadium des ungeborenen menschlichen Lebens ist demnach rechtlich von maßgeblicher Bedeutung. „Die Meinung des Bundestages ist, ungeborenes Leben wird geschützt, aber sehr viel geringer als geborenes Leben, und es wird abgestuft geschützt, denn wenn […] ungeborenes Leben wie Menschenleben geschützt würde, wäre jede Indikationslösung verfassungswidrig“ (Arndt et al. 1979, S. 257). Diese Aussage ist logisch einsichtig und aus juristischer Sicht nachvollziehbar und belegbar. Merkwürdig ist jedoch, dass die Tatsache einer Relativierung des Schutzes ungeborenen menschlichen Lebens bei der Indikationsregelung so wenig wahrgenommen wurde.

Doch nicht nur aus juristischer Perspektive ist zwischen ungeborenen und geborenen menschlichen Leben differenziert worden. Auch aus moralischer Perspektive ist diese Unterscheidung stark verankert: „Ungeborenes Leben töten scheint ethisch längst nicht so verwerflich, als wenn man ein schon geborenes Leben antastet“ (Behr 1985, S. 14-15). Aufschlussreich ist, dass im allgemeinen Sprachgebrauch der Embryo oder der Fötus als solcher bezeichnet wird, aber nicht als Mensch. Obwohl diese Differenzierung eher medizinisch-wissenschaftlicher Natur ist und von schwangeren Frauen allgemein nicht benötigt wird, ist sie dennoch nicht im Wertempfinden der Frau aufgehoben. Schließlich beweist die Lebenswirklichkeit, dass Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Betracht ziehen, niemals ein geborenes Kind antasten würden und niemals eines, das sich bereits spürbar im Mutterleib bewegt hat (vgl. Panzer 1972, S. 43). Gerade hierdurch wird deutlich, dass im emotionalen Empfinden auch bezüglich der verschiedenen Realisationsgrade werdenden Lebens unterschieden wird. Konkret äußert sich letzteres in der Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs abhängig von dessen Zeitpunkt. „Die biologische Kontinuität der Gesamtentwicklung bis zur Geburt […] ändert nichts daran, daß den verschiedenen Entwicklungsstufen eine Veränderung in der Einstellung der Schwangeren im Sinne einer wachsenden mütterlichen Bindung entspricht“ (Rupp v. Brünneck et al. 1980, S. 83). Demnach ist es für das Rechtsbewusstsein der schwangeren Frau und für das eines jeden Menschen nicht das gleiche, ob ein Schwangerschaftsabbruch im ersten Stadium der Schwangerschaft oder erst in einer späteren Phase durchgeführt wird. Unter nochmaligem Rekurrieren auf den Fall einer medizinischen Indikation, also wenn das Leben der Mutter in Gefahr steht, wurde auch aus ethischer Sicht dieser Bewertung zugestimmt. An dieser Stelle ist es wichtig noch einmal darauf hinzuweisen, dass der Zeitpunkt des Abbruchs von großer ethischer Relevanz ist. Sogar der Wertdifferenzierung strikt ablehnende Michael Gante sagt: „Übrig bleibt das vage, dennoch aber überzeugungskräftige Grundempfinden, ein Eingriff in die Lebenschancen sei um so schärfer zu verurteilen, je später er stattfindet“ (Gante 1991, Anm. 509). Auf derselben Ebene ist ein eindeutiges Indiz dafür zu finden, welches den Wertunterschied zwischen geborenen und ungeborenen Leben noch ausgeprägter aus emotionaler, moralischer, rechtlicher und theologischer Perspektive aufzeigt. Es trifft dann zu, wenn das ungeborene menschliche Leben auf natürliche Weise abstirbt. „Dieser natürliche Abbruch der embryonalen Entwicklung wurde meines Wissens noch nie als Tod eines Menschen verstanden“ (Barczay 1974, S.99). Doch nicht nur für die frühen Stadien der menschlichen Entwicklung ist eine emotionale Differenzierung zu geborenem Leben offensichtlich, sondern auch dann, wenn das Absterben für die Frau spürbar ist. Dementsprechend lässt auch eine Fehlgeburt überwiegend noch keine beziehungsweise – gemessen an dem Todesfall eines Menschen – eine relativ abstrakte Trauer aufkommen. Dafür mag auch die weitgehende Anonymität des sich entwickelnden menschlichen Lebens ein Faktor sein. Im Allgemeinen ist zutreffend, dass eine Fehlgeburt weniger Anlass zu einer Trauer gibt als der Tod eines Menschen, obwohl eine solche Aussage selbstverständlich nicht verobjektivierbar ist (vgl. Kraatz et al. 1983, S. 73-74).

Diese Emotionen müssten ein einleuchtendes Indiz dafür sein, dass zwischen ungeborenen und geborenen menschlichen Leben zu differenzieren ist. Noch offenkundiger wird die Differenzierung im Umgang mit Fehlgeburten. Dass ein geborener Mensch nach seinem Tod bestattet wird birgt keine Zweifel. Langezeit wurde das ungeborene menschliche Leben ab einem Gewicht von 1000 Gramm als Mensch bezeichnet. Allerdings erschien es skurril, dass ein Frühgeborenes unter 1000 Gramm, das nicht lebt, wegen wohlmöglich eines fehlenden Gramms, nicht als Mensch bezeichnet wurde und somit als Sache betrachtet wurde und kein Recht auf eine Bestattung hatte. Dies muss als eklatanter Widerspruch zu den Stellungnahmen zum Schutz des werdenden menschlichen Lebens und der ihm geschuldeten Achtung betrachtet werden. Schließlich wird auch mit dem menschlichen Leichnam würdevoll umgegangen, wie der allgemein übliche Umgang mit den Körpern Verstorbener hinlänglich beweist. Selbst gegen niedrigere Gewichtsgrenzen wurde in der Vergangenheit vehement protestiert, wenn diese als statistischer Scheidepunkt zwischen Fehl-, Früh-, und Todgeburten mit den damit verbundenen ethischen Konsequenzen verstanden wurden. Die relevante Grenze bezüglich des Gewichts wurde inzwischen halbiert (vgl. Furch 1995, S. 17-18). „Wiegt er über 500g und zeigt Lebenszeichen, muß er nach den rechtlichen Bestimmungen seit dem 1.4.1994 beatmet und im Todesfall auch bestattet werden“ (Furch 1995, S. 18). Im Umkehrschluss bedeutet dies allerdings, dass bei einem niedrigeren Gewicht keine Bestattung erfolgt.

Zu ergänzen ist dieser Überblick der unterschiedlich verankerten Differenzierungen durch Aspekte aus theologischer Sichtweise. Das genannte Argument der Bestattung geht in der Tat nicht nur von einem nennenswerten Unterschied zwischen geborenen und ungeborenen menschlichen Leben aus, sondern stellt die Menschqualität des verstorbenen Fötus grundsätzlich in Frage. Das Postulat, mit der befruchteten Eizelle bereits einen Menschen vor sich zu haben, gilt offensichtlich nicht für später verstorbene Embryonen und Föten. Die rechtliche Grenzsetzung bezüglich des Gewichts ist nicht von ethischer Qualität, wurde aber dennoch kritiklos in die kirchliche Praxis überführt, was Anlass zu berechtigter Kritik aufwirft. Aus diesem Grund sollte man zumindest die Eltern, die es wünschen die Fehlgeburt gleich welchen Gewichts zu bestatten, dieses speziell unter seelsorgerischen Aspekten ermöglichen. Schließlich sollten nach der Kongregation der Glaubenslehre die Leichen menschlichen ungeborenen Lebens, ganz egal, ob sie vorsätzlich abgetrieben wurden oder nicht, genauso geachtet werden, wie die sterblichen Überreste des geborenen Lebens. Allerdings besteht wohl kaum die Möglichkeit und Notwendigkeit, mikroskopisch kleine Embryonen zu beerdigen die abgestorben sind, auch wird kaum jemand einen abgetriebenen Fötus bestatten wollen. Im Kontext dieser Problematik wirkt die gesetzliche Grenzsetzung plausibel, die aber aus seelsorgerischen Gründen flexibel gehandhabt werden sollte (vgl. Kongregation für die Glaubenslehre 1987, S. 14).

Abschließend ist daher festzustellen, dass es traditionell verankerte Unterschiede in rechtlicher, moralischer und theologischer Sicht in der Behandlung ungeborenen Lebens gegenüber geborenen Leben gab und gibt. Diese stehen anderslautenden theoretischen Postulaten in krasser Weise entgegen. Die Differenzierung gilt nicht nur zwischen ungeborenen und geborenen Leben, sondern auch für die unterschiedlichen Embryonal- und Fötalstadien, was besonders für den Fall das natürlichen Absterbens oder aber der Verwerflichkeit eines späten Schwangerschaftsabbruchs gegenüber einem frühen an Bedeutung gewinnt. Von einer rechtlichen, ethischen und moralischen wertmäßigen Gleichbehandlung ungeborenen Lebens gegenüber geborenen Lebens ist nicht zu sprechen, was sich im Übrigen zudem auf biblisches Zeugnis berufen kann. Wenn im Fall einer streng medizinischen Indikation diese Differenzierung geradezu zwingend notwendig und erforderlich erscheint, muss ebenso beachtet werden, dass sie erst in einem Konflikt oder im Fall des Todes des Embryos oder Fötus an Bedeutung gewinnt. Daraus kann eine beliebige Verfügung über die Frühstadien ungeborenen menschlichen Lebens also nicht abgeleitet werden. Weiter kann der Umgang mit abgestorbenen Föten nur als Indiz für eine Unterscheidung, zugleich auch als kritische Anfrage an theologische Postulate des Menschseins ab dem Zeitpunkt der Befruchtung an, nicht aber als Rechtfertigungsgrund des Schwangerschaftsabbruchs herangezogen werden, da diese als vom Menschen beabsichtigte und meist gewollte Handlung der Zerstörung des sich entwickelnden und werdenden Lebens verantwortet werden muss. Genauso wenig kann aus dem Gewicht eines Fötus ein Kriterium gebildet werden, ob es bestattet werden kann oder nicht. Gleichwohl berechtigt die in den unterschiedlichen Konfliktfällen konsente Wertdifferenzierung zu einem abgestuften Rechtsschutz des vorgeburtlichen menschlichen Lebens, ebenso wie die aus ethischer Sicht einzuräumenden Notlösungen, die allerdings im Einzelfall verantwortet werden müssen.

6. Die Frage über den Beginn menschlichen (und personalen) Lebens

6.1 Der Beginn des menschlichen Lebens

Aristoteles und die mittelalterlichen Theologen haben einst die Auffassung einer Sukzessivbeseelung vertreten. Mittlerweile wird im Anschluss an ein evolutives Weltbild wieder die Frage aufgeworfen, ob der Zeitpunkt der Geistbeseelung einer menschlichen Leibesfrucht nicht mit dem Beginn der Verschmelzung der Keimzellen, sondern erst in einer späteren Phase erfolgt. Vorangestellt sei, dass die versuchte Klärung dieser Frage die Menschen schon seit sehr langer Zeit beschäftigt. Aufgrund der unabweisbaren Schwierigkeit, in einer befruchteten Eizelle einen Menschen zu sehen bzw. diese einem geborenen Menschen gleichzustellen, wurden bestimmte terminliche Festsetzungen getroffen, ab deren Erreichen von menschlichen Leben zu sprechen sein könnte. Um dem Kern des Problems näher zu kommen, werden die Termine in umgekehrter Reihenfolge dargestellt. So wurde davon gesprochen, dass erst durch die Geburt der Mensch wahrhaftig zum Menschen werden würde, wofür weniger naturwissenschaftliche Anhaltspunkte als soziale und juristische Aspekte den Ausschlag gaben (vgl. Augstein et. al. 1984, S. 43). Das Recht macht in der Tat einen bedeutsamen Unterschied zwischen ungeborenem und geborenem menschlichen Leben. Aufgrund dieser Differenzierung wurde ebenfalls aus feministischer Sicht die Geburt als eigentlicher Beginn menschlichen Lebens favorisiert. „Das Leben des Menschen beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tode“ (Sadrozinski 1988, S. 29). Dafür spricht nicht nur der juristische Aspekt, dass ein Strafverzicht, also die Streichung des § 218, möglich wäre, sondern auch die allgemeine Einsichtigkeit dieses Einschnitts. „Erst die Geburt, d. h. die Trennung von Leibesfrucht und Mutter, stellt den entscheidenden Schritt dar, der den neuen Menschen zu einem eigenständigen Wesen und einem Mitglied der Gesellschaft macht“ (Sadrozinski 1988, S. 29). VertreterInnen dieser Auffassung halten an der erkennbaren, für alle Menschen gleichen und nicht interpretationsbedürftigen Geburt als entscheidenden Entwicklungsschritt fest. Sie sind der Meinung, dass alle anderen sich sicherer Erkenntnis entziehen und nicht eindeutig sind. Nicht einsichtig gemacht werden kann, warum zwischen einem Fötus im neunten Schwangerschaftsmonat und einem gerade geborenen Baby so stark differenziert wird. Allein dessen Aufenthaltsort, also ob inner- oder außerhalb des Mutterleibes ist anscheinend von enormer Bedeutung. Zuletzt sollte nicht vergessen werden, dass beide prinzipiell lebensfähig sind, wenn auch beide nicht eigenständig. In Bezug auf die Eigenständigkeit als Beginn menschlichen Lebens hob die extrauterine Lebensfähigkeit des ungeborenen menschlichen Lebens ab, ein zweiter Zeitpunkt also, der ebenfalls von einer Vielzahl von Menschen vertreten wurde (vgl. Sarozinski 1988 S.28-31). Des Weiteren kann ein im Mutterleib schon lebensfähiger Fötus nicht gleichgestellt werden mit einem Embryo in der ersten Phase der Schwangerschaft, da es zwischen den beiden bedeutende biologische, juristische und ethische Unterschiede gibt. Grundsätzlich ist dieser Aussage zuzustimmen und auch den Bemühungen um einen stärkeren Schutz des im Mutterleib lebensfähigen Fötus sind zu befürworten. Wenn das Kriterium der extrauterinen Lebensfähigkeit als Grenze der Antastbarkeit des ungeborenen menschlichen Lebens verstärkt werden soll, kann diesem Anliegen zugestimmt werden. Jedoch ist es als Kriterium des Beginns menschlichen Lebens aus mehreren Gründen nicht tragbar. Zum einen müsste stetig eine neue Grenze bestimmt werden, die sich aufgrund der fortschreitenden medizinischen Technik langsam weiter nach vorne verschiebt. Eine zeitliche Definition dieser Grenze wird dementsprechend als zu vage angesehen, um als Kriterium herangezogen zu werden. Andererseits würde dies zu einer fragwürdigen Differenzierung in der Abhängigkeit vom Ort des Geschehens führen. Schließlich kann dasselbe Kind in New York überlebensfähig sein, nicht aber in Bangladesch (vgl. Leist 1990, S. 50-53). Ein drittes Kriterium, das aufgrund seiner exakteren Bestimmbarkeit mehr VertreterInnen gefunden hat, ist in der Ausbildung des zentralen Nervensystems bzw. der Gehirnanlage des ungeborenen menschlichen Lebens gesehen worden. So wurde davon gesprochen, „[…] daß wir menschliche Wesen als nicht früher entstehend ansehen sollten als zu dem Zeitpunkt, zu dem die neuralen Strukturen entstehen, die an psychologischen Zuständen und Vorgängen konstitutiv beteiligt sind“ (Lockwood 1992, S. 246). Erst ab diesem Zeitpunkt, der um den 50. Tag der Embryonalentwicklung anzusetzen ist, kann mit primitiven Leistungen und deren psychischer Verarbeitung auf der Wahrnehmungsebene, wie z.B. der Schmerzempfindlichkeit, gerechnet werden, was die Festsetzung dieses Kriteriums als den Beginn eines menschlich-personales Leben rechtfertigt. Allerdings spricht gegen diese Terminierung, dass menschliches Leben erst mit dem Beginn des Hirnlebens beginnt, dass der Embryo erst existieren muss, um überhaupt ein Gehirn ausbilden zu können. Somit ist auch diese Position letztlich nicht als stichhaltig anzusehen (vgl. Streletz 1991, S. 21-22). Neben der offenkundig kaum vertretenen Zeitspanne, zwischen dem 46. und 48. Tag nach der Befruchtung den Beginn der Fötalperiode als Lebensbeginns zu sehen, der sich jedoch zugleich dem berechtigten Vorwurf auszusetzen hat, dass in dieser Zeit nur eine Weiterentwicklung des schon vorhandenen Embryos stattfindet, rücken somit die Nidation und die Befruchtung als relevante Zeitpunkte in den Vordergrund (vgl. Eibach, 1983, S.16). Sowohl von NaturwissenschaftlerInnen als auch von TheologInnen wurde in ganz überwiegender Weise die Befruchtung als den Beginn menschlichen Lebens vertreten. „Zum Zeitpunkt der Befruchtung einer weiblichen Eizelle durch eine männliche Samenzelle liegt artspezifisches Leben vor, welches von Anfang an die Befähigung zur Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit und zu geistigen Äußerungen einschließt. Ihm ist ab diesem Zeitpunkt […] ein schutzwürdiger Status einzuräumen“ (Reiter 1989, S.319). Zunehmend wurden damit naturwissenschaftliche Fakten mit ethischen Überlegungen verknüpft. Mehrfach ist argumentiert worden, dass dem Menschen bereits ab dem Zeitpunkt der Befruchtung volle Achtung entgegenzubringen sein sollte, da sich in seiner Entwicklung keine Zäsuren aufweisen lassen, die eine unterschiedliche Wertung der vorgeburtlichen Entwicklungsstadien rechtfertigen. Die Entwicklung vom befruchteten Ei bis hin zum reifen Neugeborenen verläuft innerhalb von ungefähr 280 Tagen als stufenloses Kontinuum. Dabei werden mit einem im späteren Leben niemals mehr erreichbaren Wachstums- und Differenzierungstempo stetige, aber momentan nicht als deutliche Realisierungsstufen erkennbare Fortschritte von Struktur, Funktion und Form des Embryos bzw. Fötus durchlaufen. Aufgrund des Faktums, dass die so dargestellte Entwicklung ein kontinuierlicher Prozess ist, verfocht der Humanembryologe Blechschmidt die These, dass der Mensch ab dem Zeitpunkt der Befruchtung an als Mensch existiert. Die immer wieder aufkommende Frage, wann aus einem menschlichen Ei ein Mensch wird, ist somit im Ansatz verfehlt. „Ein Mensch wird nicht Mensch, sondern ist Mensch und verhält sich schon von Anfang an als solcher. Und zwar in jeder Phase seiner Entwicklung von der Befruchtung an“ (Blechschmidt 1984, S. 30). Allerdings verlässt diese Feststellung den Boden naturwissenschaftlicher Erkenntnis und trägt anthropologische Züge. Auch wenn dies nicht unbeachtet bleiben darf, sind in diesem Prozess der Menschwerdung dennoch Einschnitte aufgewiesen worden, denen durchaus Relevanz für den Beginn menschlichen Lebens zukommt. Da bis zu der Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter, die bis zu 14 Tage dauern kann, eine große Anzahl der Eizellen verloren gehen, ist die Nidation als entscheidender Einschnitt in der embryonalen Entwicklung anzusehen. Zudem hat sich der Beginn der Schwangerschaft mit der Einnistung des befruchteten Eis in der Gebärmutter durchgesetzt. Diesem Termin kommt nicht nur wegen der hohen Anzahl von Spontanaborten eine hohe Bedeutung in der Frage nach dem Lebensbeginn zu, sondern auch der Tatsache, dass erst nach der Nidation eine Mehrlingsbildung des Keimes endgültig ausgeschlossen werden kann (vgl. Eibach 1983, S. 20-22). Die davon berührte Frage, wann der Beginn - personalen Lebens anzusetzen ist, soll im folgenden Abschnitt genauer thematisiert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die strafrechtliche Tolerierung des Schwangerschaftsabbruchs unter ethischen, moralischen und theologischen Aspekten
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V384540
ISBN (eBook)
9783668594777
ISBN (Buch)
9783668594784
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tolerierung, schwangerschaftsabbruchs, aspekten
Arbeit zitieren
Marina Kupczyk (Autor), 2016, Die strafrechtliche Tolerierung des Schwangerschaftsabbruchs unter ethischen, moralischen und theologischen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384540

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