Die römisch-katholische Kirche und ihre ökumenischen Prinzipien


Seminararbeit, 2017
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ökumene als Denk- und Handelsprinzip

3. Prinzip der Einheit als kirchentragendes Element
a. Trinitarischer Aspekt
b. Christologischer Aspekt

4. Geänderter Kirchenbegriff als Grundlage des Ökumenismus

5. Prinzipien der ökumenischen Interaktion
a. Gebet und Gewissensprüfung – geistliche Ökumene
b. Gebetsgemeinschaft – tätige Ökumene
c. Wertschätzung und Anerkennung
d. Stellung der Hierarchie der Wahrheiten im konfessionellen Dialog

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[…] Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet, und doch erheben mehrere christliche Gemeinschaften vor den Menschen den Anspruch, das wahre Erbe Jesu Christi darzustellen […]“.[1]

Mit diesen Worten beschreiben die Konzilsväter die wahrscheinlich schmerzlichste Kirchenspaltung der Neuzeit im Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio.

Schon im nächsten Satz aber wird dieses historische Faktum als „Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums“[2] eingeordnet und somit zum dringlichen Problem des Zweiten Vatikanischen Konzils erhoben. Der Stellenwert dieses interkonfessionellen Konflikts tritt nicht alleine dadurch deutlich zu Tage, weil dieses Konzil überhaupt einen Text zur ökumenischen Bewegung verfasst, sondern besonders da der programmatische Titel „Wiederherstellung der Einheit“ gewählt wurde. Doch wie denkt das katholische Lehramt die „Einheit aller Christen“, [3] so wie sie das Dekret fordert? Welche Prinzipien gelten für eine solche Einheit? Ist überhaupt eine Einheit aus katholischer Sicht denkbar und wenn ja, unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen? Im Folgenden soll auf der Grundlage der Quellentexte zum Thema Ökumene – namentlich dem bereits erwähnten Dekret Unitatis redintegratio[4] und der Enzyklika Ut unum sint[5] – erarbeitet werden, welchen theologischen Strukturen katholische Ökumene folgt.

2. Ökumene als Denk- und Handelsprinzip

Das Fundament für eine katholische Einheitsbewegung bildet die Begriffsdefinition von „Ökumene“ in UR. Grundsätzlich ist Ökumene weniger als ein dogmatischer Lehrsatz, sondern mehr als ein offenes Denk- und Handlungsprinzip im Umgang mit Nicht-Katholiken zu verstehen. Dabei lässt sich ökumenisches Handeln auf die Formel Sehen – Urteilen – Handeln bringen, die schon Johannes XXIII. in seiner sozialethischen Enzyklika Mater et Magistra entwickelt hat. Zunächst sind alle unwahren und ungerechten Verleumdungen über „ die getrennten Brüder“[6] auszumerzen. Im interessierten und fundierten Dialog miteinander, können nun die jeweiligen Charakteristika der anderen Gemeinschaft deutlicher hervortreten[7]. Im Akt des „Urteilens“ sollen alle ihre Treue zum Willen Christi überprüfen und schließlich, falls notwendig, Reformen einleiten, um diese zu stärken.[8]

3. Prinzip der Einheit als kirchentragendes Element

a. Trinitarischer Aspekt

Das Streben nach der Einheit aller Christen hat ihren Ursprung nicht nur im Wunsch der Gläubigen nach einer all- und alle umfassenden Kirche, sondern liegt begründet im Wirken des Heiligen Geistes unter den Menschen.[9] Dieser göttliche Gnadenplan ist es, der im Menschen die Sehnsucht nach einer einzigen Kirche Christi weckt.[10] Die Ökumenische Bewegung ist also indirekt eine von Gott gewollte Bestrebung. Grund für dieses göttliche Wollen ist seine eigene Gestalt in der Trinität und seine geoffenbartes Handeln im Sohn. So wie die trinitarischen Personen eins sind (vgl. Joh 17, 21) so soll auch die Kirche eins sein.[11] Und so sehr der Sohn die Gläubigen mit dem Vater verbindet, so eint der Geist die Kirche (vgl. Gal 3, 27-28). Man könnte hier durchaus von einer analogen Argumentation sprechen. Das Konzil deutet den Einheitsbegriff somit unter anderem auch als kirchentragendes Element aus. Hierin begründet sich die explizite Forderung an den Gläubigen aktiv am ökumenischen Prozess teilzuhaben.[12]

b. Christologischer Aspekt

Die Menschheit wird aber nicht nur durch den Geist geeint, sondern durch den geoffenbarten Gottessohn, der „das ganze Menschengeschlecht durch die Erlösung zur Wiedergeburt führe und in eins versammle“.[13] Christi Wille zur Einzigartigkeit, im Wortsinn, seiner Kirche, wird schon vor dem Pfingstereignis in seinem Gebet an den Vater aus dem Johannesevangelium deutlich. Um der Welt die Gnadentat der Menschwerdung glaubhaft machen zu können, bittet er, „dass alle eins seien, wie Du, der Vater, in mir, und ich in Dir, dass auch sie in uns eins seien“ (Joh 17, 21). Nach seinem Kreuzestod sendet er den Geist auf seine Jünger aus und versammelt so das „Volk des Neuen Bundes, das die Kirche ist, zur Einheit des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe“. [14] Um die Zusage dieses Neuen Bundes immer wieder neu zu bekräftigen, bleibt Christus im Sakrament der Eucharistie bei seiner Kirche.[15] Denn bei jeder Feier des Mahles erinnert seine Gegenwart an die Erlösung der Menschheit durch den Kreuzestod. Außerdem nehmen die Gläubigen Teil an der Speise,[16] die wahrer Leib und wahres Blut Jesu,[17] die identisch mit dem Gründungsmahl ist, das er selbst gereicht hat.[18]

4. Geänderter Kirchenbegriff als Grundlage des Ökumenismus

Dass eine geeinte Kirche und die dafür eintretende ökumenische Bewegung keine „große Gottlosigkeit“ ist, wie sie die Enzyklika Mortalium animos noch 1928 sieht,[19] haben die Konzilsväter und -päpste mit ihren Hinweisen auf das trinitarische und christologische Fundament des Glaubens deutlich zu machen versucht. Zentraler Weichensteller für diesen Gedanken aber war der dafür grundgelegte Kirchenbegriff, der eine solche – nunmehr offiziell anerkannte – Einheitsbewegung erst ermöglichte.[20] War die lehramtliche Position vor dem II. Vatikanum die, dass die Mitglieder nichtkatholischer Kirchen „Häretiker oder Schismatiker“, das heißt schlicht Irrgläubige und Abgefallene seien,[21] so gestaltet sich das nachkonziliare Verhältnis zu Andersgläubigen differenzierter. Lumen gentium spricht davon, dass die von Christus gemeinte Kirche (Ecclesia), sich in der röm.- kath. Kirche verwirkliche (subsistit in Ecclesia catholica), diese aber nicht sei (est). Dazu erläutert Grillmeier: „ Die eine wahre Kirche Christi existiert also. […] Aber Kirchlichkeit fällt nicht einfachhin mit der katholischen Kirche zusammen, weil auch kirchliche Elemente der Heiligung und der Wahrheit außerhalb zu finden sind.“[22] Anders formuliert heißt das, dass die drei wichtigsten Gaben und Elemente der Ecclesia Christi, [23] das Offenbarungswort, die Sakramente und das Amt, in Form des Priestertum[24] in der katholischen Kirche subsistieren, also sich verwirklichen, aber diese Gaben natürlich auch in anderen kirchlichen Gemeinschaften in den unterschiedlichsten Kombinationen und Erscheinungsformen existieren können. „Die entscheidende, ökumenisch bedeutsame Neuakzentuierung besteht darin, dass eingeräumt wird, dass Christus auch außerhalb der institutionell verfassten römisch-katholischen Kirche wirkt und seine Heilsgaben schenkt.“ [25] Man könnte sagen, die Nichtkatholiken glauben nicht fehl oder irr, sondern anders. Sie stehen in „einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche.“[26] Dieser Paradigmenwechsel macht aus einer exklusivistischen Sicht[27] auf die offenbarte Heilswahrheit ein dynamisches Element des Dialoges unter Berücksichtigung der sichtbaren Realität, also der Feststellung, dass Kirchentrennungen ein Faktum sind.[28] Durch eben jene Anerkennung von Heilswahrheit auch extra Ecclesia catholica, wird aus der Ökumene als Zugeständnis an Irrgläubige aus Wohltätigkeit, ein integraler Bestandteil der katholischen Identität.[29]

5. Prinzipien der ökumenischen Interaktion

a. Gebet und Gewissensprüfung – geistliche Ökumene

Der Umgang mit Andersgläubigen, den Johannes Paul II. als der Kirche organisch zugehörig sieht, gleichsam der Frucht eines Baumes ähnlich, der gesund und üppig heranwächst,[30] kann aber nur gelingen, wenn er klug und mit Bedacht ausgeführt wird. Aus diesem Grund entfalten die Texte mehrere ökumenische Prinzipien, die beim Dialog zu berücksichtigen sind. Vom Wortsinn des Dialogs (dia-lego: wörtlich aussuchen, überdenken, sich unterhalten,[31] aber durchaus mit einer wahrheitssuchenden Komponente; also Durchdringung eines Gegenstandes mittels Sprache und Verstand) her, erfordert ein solcher zuerst ein Erkenntnismoment der Selbstreflexion und der Gewissensprüfung.[32] Nur wer sich seinen Glauben kritisch und fruchtbringend tief „erdacht“ hat, kennt den Unterschied zwischen Wahrheit und Verfälschung und kann dann auf einer nächsten dialektischen Stufe mit dem Anderen „das Wahre“ untersuchen. Damit ist aber nicht nur eine rein rationale Dimension des Durchdenkens gemeint, sondern auch die Erkenntnis aus dem Gebet heraus, sprich einer „inneren Bekehrung“ [33] oder „Bekehrung des Herzens“ [34] hin zur Einheit, die sich im privaten und öffentlichen Gebet konkretisiert.

[...]


[1] Rahner, Karl / Vorgrimler, Herbert, Kleines Konzilskompendium, Freiburg [u.a.] 322005, 229

[2] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium

[3] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium

[4] Im Folgenden abgekürzt durch: UR

[5] Johannes Paul, II. Papst, Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene: Ut unum sint, Bonn 1995

[6] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 234

[7] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium

[8] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium

[9] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 229

[10] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium

[11] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 232

[12] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 234

[13] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 230

[14] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium; Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 230

[15] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium

[16] Bei Paulus wird der einende Charakter der Eucharistie besonders deutlich: „Ist das Brot, dass wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ (1 Kor 10, 16-17)

[17] Kasper, Walter / Baumgartner, Konrad / Bürckle, Horst (Hgg.), Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg im Breisgau 21986, 1147

[18] Kasper / Baumgartner / Bürckle (Hgg.), Lexikon für Theologie und Kirche, 1143

[19] Kappes, Michael / Fassnacht, Michael (Hgg.), Grundkurs Ökumene: Ökumenische Entwicklung - Brennpunkte - Praxis: Grundkurs Ökumene, Band 1 Theologische Grundlagen, Kevelaer 1998, 30

[20] Kappes / Fassnacht (Hgg.), Grundkurs Ökumene, 30

[21] Kappes / Fassnacht (Hgg.), Grundkurs Ökumene, 30

[22] Grillmeier, Aloys, Kommentar zum I. Kapitel der dogmatischen Konstitution über die Kirche, in: Buchberger, Michael (Hg.), Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg 21968, 156–176, 175

[23] Hünermann, Peter, Theologischer Kommentar zur dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen Gentium, in: Hünermann, Peter / Hilberath, Bernd Jochen (Hgg.), Herders theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Freiburg [u.a.] 2009, 263–582, 368

[24] Grillmeier, Kommentar zum I. Kapitel der dogmatischen Konstitution über die Kirche, Kommentar zum I. Kapitel der dogmatischen Konstitution über die Kirche, 175

[25] Kappes / Fassnacht (Hgg.), Grundkurs Ökumene, 30

[26] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 232

[27] Johannes Paul, Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene, 18

[28] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 232

[29] Johannes Paul, Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene, 18

[30] Johannes Paul, Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene, 18

[31] Gemoll, Wilhelm (Hg.), Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 102006, 211

[32] Johannes Paul, Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene, 24

[33] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 237

[34] Rahner / Vorgrimler, Kleines Konzilskompendium, 238

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die römisch-katholische Kirche und ihre ökumenischen Prinzipien
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V384561
ISBN (eBook)
9783668595248
ISBN (Buch)
9783668595255
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kirche, prinzipien
Arbeit zitieren
Dominik Baumgartner (Autor), 2017, Die römisch-katholische Kirche und ihre ökumenischen Prinzipien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384561

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