Analyse und Didaktik von Wolfgang Herrndorfs Roman „tschick“. Jugendliche Außenseiter in modernen Adoleszenzromanen


Masterarbeit, 2017

66 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung...3
2. Charakteristika und Entwicklung des Adoleszenzromans...5
a. Der Adoleszenzroman innerhalb der Jugendliteratur
b. Moderne und postmoderne Adoleszenzromane ­ Thematik,
Merkmale und Probleme
3. Wolfgang Herrndorfs Adoleszenzroman ,,tschick"...13
4. Probleme jugendlicher Außenseiter und deren Darstellung...14
a. Wissenschaftliche Analyse - Was ist ein Außenseiter und welche
Merkmale kennzeichnen ihn?
b. Analyse der Außenseiter und ihrer Probleme in Wolfgang
Herrndorfs Roman ,,tschick"
i. Darstellung und Probleme der Außenseiter
ii. Wandel der Außenseiter im Laufe der Zeit
iii. Auflösung der Außenseiterproblematik
5. Behandlung des Themas ,,Außenseiter" in Adoleszenzliteratur
im Deutschunterricht mit Bezug auf das Problem ,,Mobbing" in
der Schule...41
a. Sozialisation durch Adoleszenzliteratur?
b. Definition und Merkmale von Mobbing
c. Didaktisches Potenzial der Protagonisten aus ,,tschick" in Bezug
auf ihre Stellung als Außenseiter
d. Methodische und inhaltliche Einarbeitung des Themas
,,Außenseiter" in eine Unterrichtseinheit zum Adoleszenzroman
,,tschick"
6. Schlussbetrachtung...59
7. Literaturverzeichnis und Quellen...62

1. Einleitung
,,Am interessantesten ist die Innenseite der Außenseiter."
Jean Genet (1910-86), frz. Schriftsteller
In der Interaktion des Menschen innerhalb der Gesellschaft bilden aufgestellte
Verhaltensregeln ein Grundgerüst, welches zur Eigenstabilisierung des eigenen
Verhaltens dient und eigene Handlungen in bestimmte Kategorien einordnen soll.
Diese Kategorien reichen von richtig zu falsch von konform bis hin zu abweichend.
Entspricht man nach Bestimmung der Mehrheit nicht diesen Regeln, wird man als
Außenseiter
1
betitelt, unabhängig der eigenen Wahrnehmung. Dieses von der Norm
abweichende Verhalten kann also nur ein Produkt der Interaktion von Individuen
innerhalb einer Gesellschaft sein. Wie entsteht aber nun dieses abweichende
Verhalten und wer bestimmt die Auslegung der Norm? Was macht einen
Außenseiter demnach zum Außenseiter? Gerade bei Heranwachsenden stellt die
Positionierung innerhalb der Gesellschaft einen wichtigen Punkt im Prozess des
Erwachsenwerdens dar. Jugendliche Peer-Groups (dt.: Gleichrangige, Gruppe von
Menschen mit gemeinsamen Interessen, Alter, Herkunft oder sozialem Status
2
)
entwickeln dabei häufig spezielle Normen, welche sowohl das Aussehen, als auch
die Verhaltensweisen betreffen können. Dabei ist zu beobachten, dass
unterschiedliche Gruppen, auch innerhalb einer Sozialstruktur, unterschiedliche
Wertvorstellungen ausbilden und somit das Verhalten derselben Person oder
mehrerer Personen unterschiedlich beurteilen können. Diesem Phänomen der
jugendlichen Außenseiter und ihrer Schwierigkeiten der Positionierung innerhalb
gesellschaftlicher Konstrukte nehmen sich Autoren und Autorinnen von
Jugendliteratur häufig als Gegenstand ihrer Romane an. In der vorliegenden Arbeit
sollen nun genau diese jugendlichen Außenseiter vertiefend analysiert werden.
Dazu wird zunächst ein einleitender Teil zu den Charakteristika der
Adoleszenzliteratur dem Kern der Arbeit vorangestellt, in welchem grundlegende
1
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit das generische Maskulinum verwendet.
Dieses umfasst gleichermaßen weibliche und männliche Personen. Alle sind damit
selbstverständlich gleichberechtigt angesprochen.
2
https://de.wikipedia.org/wiki/Peergroup

Merkmale des in die Jugendliteratur eingebetteten Adoleszenzromans
aufgeschlüsselt werden sollen. Dies wird im späteren Teil der Arbeit bedeutend, da
dort mit Wolfgang Herrndorfs Roman ,,tschick" ein Werk im Fokus der Arbeit
stehen soll, welches natürlich nur exemplarisch aus einer Vielzahl von
Adoleszenzromanen gewählt wurde und dementsprechend nur einen Auszug aus
dieser zeitgeschichtlich neuen Gattung widerspiegelt. Um eine Allgemeingültigkeit
und Vergleichbarkeit in der Darstellung der handelnden Personen, in diesem Fall
der Außenseiter, zu gewährleisten, muss zunächst ein gemeinsames Gerüst, aus
dem alle Adoleszenzromane aufgebaut sind, erkannt werden. Lassen sich dort
grundlegende Gemeinsamkeiten erkennen, die anschließend auch auf die
Darstellung der Außenseiter in all diesen zur Gattung gehörenden Romanen
übertragbar sind? Des Weiteren soll dabei auch eine Abgrenzung zwischen Kinder-
, Jugend- und Adoleszenzromanen erfolgen. Dies dient im späteren Teil der Arbeit
der Betrachtung und Einbringung von Didaktisierungsmöglichkeiten zum Thema
,,Außenseiter" und dabei speziell einer Einordnung des Adoleszenzromans in eine
Ziel- und Altersgruppe der Schule, in Abgrenzung zum ebenfalls dort behandelten
Kinder- und Jugendroman. Außerdem wird in diesem Abschnitt auch der Zeitbezug
eine wichtige Rolle spielen. Mithilfe eines Vergleichs von Jugendliteratur vor und
nach 1990 soll herausgestellt werden, ob es einen Wandel innerhalb der
Jugendliteratur gegeben hat, welcher auch den Adoleszenzroman beeinflusst hat.
Dies zielt insbesondere darauf ab, gegebenenfalls in der späteren Analyse des
Werkes ,,tschick" von Wolfgang Herrndorf mögliche Probleme und Darstellungen
der porträtierten Außenseiter in den zeitlichen Kontext einordnen zu können. Das
Kernstück der vorliegenden Arbeit bildet dann eben genau diese Analyse der
Außenseiter im Roman ,,tschick". Nach einer wissenschaftlichen Analyse, die
zeigen soll, was einen Außenseiter charakterisiert, soll versucht werden, diese
wissenschaftlichen Merkmale innerhalb des Romans zu finden, zu analysieren und
zu interpretieren. Dabei sollen anhand von Sprache, Beschreibungen und Verhalten
die Darstellung der Außenseiter herausgestellt und die sich daraus ergebenden
Probleme aufgezeigt werden. Im abschließenden Teil der Arbeit soll die Frage
geklärt werden, inwiefern es möglich ist, mittels Jugendliteratur und der
Behandlung des Themas ,,Außenseiter" in Adoleszenzromanen eine Sozialisation

von Schülern
3
während des Heranwachsens, zu erreichen. Dabei soll zielgerichtet
auf alltägliche Erfahrungen der Schüler eingegangen werden, um diese in die
Behandlung des Themas einfließen zu lassen, um sie u.a. für das Thema ,,Mobbing"
zu sensibilisieren. Anschließend wird gezielt versucht, aus der vorherigen Analyse
der Außenseiter aus Herrndorfs Roman ,,tschick", thematische Schwerpunkte
abzuleiten, welche in alltäglichen Schul- und Außerschulsituationen Anwendung
finden könnten. Analysiert werden soll, welches didaktische Potenzial die
Hauptfiguren des Romans, bezogen auf den Begriff des Außenseiters und den
Umgang mit Mobbing, besitzen. Methodische und inhaltliche Ideen zur
Einbringung in eine Unterrichtsplanung zur Adoleszenzliteratur und speziell zur
Behandlung von Herrndorfs Roman sollen das Thema dabei abschließen. Mit den
eingebrachten und vorgeschlagenen Didaktisierungsideen wird dabei kein Wert auf
Vollständigkeit gelegt. Sie dienen in einer möglichen Verwendung im Unterricht
lediglich als Anhalts- und Ausgangspunkt zur eigenen Planung des Themas
innerhalb des schulischen Kontexts.
2. Charakteristika und Entwicklung des Adoleszenzromans
a. Der Adoleszenzroman innerhalb der Jugendliteratur
Im Folgenden sollen nun zunächst die Gattung des Adoleszenzromans genauer
untersucht und dabei Charakteristika und Abgrenzungen zu anderen Gattungen
herausgestellt werden. Der Adoleszenzroman wird häufig im Zusammenhang mit
der Kinder- und Jugendliteratur genannt. Da die Adoleszenzliteratur eine recht
junge Gattungsbezeichnung darstellt, befindet sie sich automatisch in einem
Profilierungsprozess, der versucht Abgrenzungen zu bestehenden Gattungen zu
schaffen. So existiert in Deutschland seit Ende des 18. Jahrhunderts bereits die
Gattung des Bildungsromans, als Subgenre des Entwicklungsromans, welcher sich
3
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit das generische Maskulinum verwendet.
Dieses umfasst gleichermaßen weibliche und männliche Personen. Alle sind damit
selbstverständlich gleichberechtigt angesprochen.

genau wie der Adoleszenzroman mit der Entwicklung der zentralen jugendlichen
Figur beschäftigt. Beispielhaft können hier, als anfängliche Vertreter (bzw.
Vorläufer) von Adoleszenzromanen, Goethes ,,Leiden des jungen Werther" (1774)
und ,,Anton Reiser" (1785) von Karl Philipp Moritz genannt werden. Nach Günther
Lange (1941-2015), ehemaliger akademischer Direktor am Institut für Germanistik
in Braunschweig) ist es erforderlich, für den Adoleszenzroman ,,(...) eine
Abgrenzung gegenüber benachbarten Gattungen vorzunehmen, um ihm so einen
adäquaten Platz im Gefüge der Gattungen zuzuweisen"
4
.
Zur genaueren Betrachtung der Gattung des Adoleszenzromans bedarf es zunächst
der Klärung der Begrifflichkeit Adoleszenz. Adoleszenz, vom lat. adolescera,
bedeutet streng nach der Beschreibung des Duden im Deutschen ,,Endphase des
Jugendalters"
5
. Diese Definition ist allerdings wenig komplex für einen Zeitraum,
der mit der Pubertät beginnt, die einhergehenden Veränderungen im Jugendalter
beinhaltet und bis zur Entwicklung einer eigenen Identität reicht. Sie endet meist
mit der wirtschaftlichen Selbstständigkeit (vgl. ,,Grundlage der Subjektentwicklung
- Adoleszenz und Jugendalter, Identität", S.5). Dass sich eine allgemeine Definition
des Begriffs Adoleszenz durchaus schwierig gestaltet, ist darin begründet, dass sich
diese im Laufe der Zeit aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen deutlich
gewandelt hat, was sich im späteren Verlauf der Arbeit noch manifestieren wird.
Allgemein beobachten lässt sich allerdings, dass die Adoleszenz immer in einem
Wechselspiel zwischen Verhalten der Jugendlichen und der Gesellschaft steht. Dies
findet dabei Ausdruck in zwei grundsätzlichen Prozessen, ,,(...) eine[n] mehr nach
innen, auf das Selbst gerichtete[n], und eine[n] nach außen, auf die
Auseinandersetzung mit der soziokulturellen Umwelt bezogene[n]."
6
Der innere
Prozess geht dabei mit der körperlichen Veränderung einher. Er führt zu einer
Verunsicherung, die sich auch durch die Entfernung vom familiären Bund und der
Suche nach einem Platz und einer Rolle innerhalb der Gesellschaft verstärkt. Der
nach außen wirkende Prozess tritt dabei später ein und beschäftigt sich
insbesondere mit der Auseinandersetzung und dem Hinterfragen bestehender
4
Lange, Günter: Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart, S.147
5
http://www.duden.de/rechtschreibung/Adoleszenz
6
Lange, Günter: Erwachsen werden: Jugendliterarische Adoleszenzromane im Deutschunterricht ­
Grundlagen-Didaktik-Unterrichtsmodelle, S.7

gesellschaftlicher Normen und Werte. Außerdem zeigt sich, dass während dieser
Phase ,,anatomische Reifungsprozesse"
7
ablaufen, welche ,,(...) mitverantwortlich
dafür sein [können], dass für die Adoleszenz spezifische Formen von
Risikoverhalten und Grenzüberschreitungen kennzeichnend sind."
8
Adoleszenz
führt demnach auf physiologischer (in Form körperlicher Entwicklung),
psychologischer (der Auseinandersetzung mit somatischen und sozialen
Veränderungen) und soziologischer (der Teilnahme an gesellschaftlichen
Prozessen) Ebene zu Veränderungsprozessen der Heranwachsenden (vgl.
,,Moderne Kinder- und Jugendliteratur ­ Ein Praxishandbuch für den Unterricht",
S.114). Diese Vielfalt an Veränderungsprozessen führt dabei häufig zur
Überforderung und dem damit beschriebenen Austesten von Verhalten, welches
sich abseits der vorher geltenden Grenzen und Regeln bewegt.
Die Phase der Adoleszenz existiert dabei bereits seit Menschengedenken, wurde
allerdings erst in den letzten Jahrzehnten, aufgrund der zunehmenden Komplexität
der jugendlichen Existenz zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen.
Wieso ist das so?
,,Erst im Rahmen einer zunehmend differenzierten
Gesellschaft findet die Identitätsbildung von
Individuen während der Jugend durch Sozialisation
statt. Sie zwingt die Individuen jeder Generation,
unter den Bedingungen beschleunigter
gesellschaftlicher Entwicklung, ihre
Identitätsbildung in eigener Regie zu vollziehen."
9
Hier wird deutlich, dass Jugendliche in den vergangenen Jahrzehnten, aufgrund
einer zunehmenden Komplexität und Beschleunigung der Gesellschaft, bedingt u.a.
durch technischen Fortschritt, aber auch Fortschritt im Zugang zu Bildung und
7
Der Deutschunterricht ­ Beiträge zu seiner Praxis und wissenschaftlichen Grundlegung (Ausgabe
02/2016 ­ Adoleszenzromane), S.3
8
vgl. Ebd. S.3
9
Born, Stefan: Allgemeinliterarische Adoleszenzromane ­ Untersuchungen zu Herrndorf, Regener,
Strunk, Kehlmann und anderen, S.72

zunehmender Vielfalt und Fülle von Informationen, welche besonders auch junge
Erwachsene betrifft, neuen Herausforderungen in der Zeit der Adoleszenz
ausgesetzt sind.
Existent ist die Bezeichnung des Adoleszenzromans bereits seit den 1970er Jahren.
Die Suche von Jugendlichen nach Literatur, die ihre eigene Selbstfindung in den
Mittelpunkt rücken sollte, verhalf dem Adoleszenzroman zu einer eigenen Stellung
innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur. Da sich der Abschnitt der Adoleszenz in
den vergangenen Jahrzehnten immer weiter ausgedehnt hat und somit für viele
Individuen länger andauert, als es früher der Fall war, ist zu erkennen, dass es damit
einhergehend auch zu einem Wandel bzw. einer Ausweitung der Themen kam.
Somit sind Adoleszenzromane mittlerweile u.a. auch für ein älteres Publikum
entworfen. Der Adoleszenzroman beschreibt dabei die ,,(...) existentielle
Erschütterung, die tiefgreifende Identitätskrise des Jugendlichen, der auf der Suche
nach einem eigenen Weg in der Gesellschaft und zu sich selbst ist."
10
Hier lässt sich
die schärfste Abgrenzung zum früheren Bildungsroman erkennen. Denn durch die
anschließende Post-Adoleszenzphase, in der das Individuum weiterhin seinen
festen Platz in der Gesellschaft sucht, kann sich der Adoleszenzroman bis ,,fast zum
30. Lebensjahr"
11
erstrecken. Adoleszenzromane betrachten dabei genauer die
biologische als auch psychologische Entwicklung von jugendlichen
Heranwachsenden. Dabei werden typische Probleme, die mit dieser Zeit
einhergehen, beleuchtet, so z.B. die Entfremdung von den Eltern, Erlebnisse im
Freundeskreis, erste sexuelle Erfahrungen und Entwicklungen innerhalb der
Schule. Diese Erfahrungen gehen im jugendlichen Alter häufig mit Schwierigkeiten
einher, einen Platz in der Gesellschaft zu finden und sich in neuen und unbekannten
Situationen zurecht zu finden.
,,Die Adoleszenz kann in der Sackgasse von
persönlicher wie gesellschaftlicher Entfremdung
enden oder zu einer Zeit werden, in der es zur
10
Lange, Günter: Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart, S.151
11
vgl. Ebd. S.153

Ausbildung einer einzigartigen, multiplen
Persönlichkeit kommt."
12
Hier wird deutlich, warum gerade das Thema ,,Außenseiter" in diesem
Lebensabschnitt ein besonders interessantes ist. Die vielzähligen Interaktionen in
neuen sozialen Gruppen, sowohl in der Schule als auch außerhalb, erleichtern die
Möglichkeit des eigenen Wechsels in die Position eines Menschen, der nicht
akzeptiert wird bzw. erhöhen ebenfalls für andere die Wahrscheinlichkeit des
Umgangs mit eben jenen Außenseitern. Gleichzeitig können jugendliche
Heranwachsende gerade in dieser Zeit eine Grundlage ausbilden, welche es ihnen
ermöglicht, sich als unverwechselbare Individuen in der Gesellschaft zu platzieren
und zu etablieren. Hierbei ist eine Hauptaufgabe der Autoren von
Adoleszenzliteratur erkennbar. Ziel ist es nämlich, die Protagonisten
13
ihrer
Romane, mit denen sich die jugendlichen Leser
14
identifizieren sollen und wollen,
als möglichst ,,(...) unverwechselbare Individuen, äußerst differenziert und
nuanciert (...)"
15
darzustellen. Gerade in den modernen und postmodernen
Adoleszenzromanen stellt dies eine große Herausforderung dar, da die
Differenzierungen der Jugendlichen zum einen sehr zahlreich, dabei aber oft nicht
scharf trennbar, sind.
12
Gansel, Carsten: Moderne Kinder- und Jugendliteratur: Ein Praxishandbuch für den Unterricht,
S.115
13
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit das generische Maskulinum
verwendet. Dieses umfasst gleichermaßen weibliche und männliche Personen. Alle sind damit
selbstverständlich gleichberechtigt angesprochen.
14
siehe vorherige Fußnote
15
Lange, Günter: Erwachsen werden: Jugendliterarische Adoleszenzromane im Deutschunterricht ­
Grundlagen-Didaktik-Unterrichtsmodelle, S.6

b. Moderne und postmoderne Adoleszenzromane ­ Thematik,
Merkmale und Probleme
,,Die Spezifik von Adoleszenz in modernen
Gesellschaften liegt in ihrer relativen
Unbestimmtheit, und dies gilt für die zugehörigen
Altersgruppen, Kontexte, Rahmenbedingungen und
Verlaufsformen. Im Unterschied zu traditionalen und
frühmodernen Gesellschaften, in denen Jugend klar
abgesteckt ist, verliert dieses im Prozess
gesellschaftlicher Modernisierung ihre eindeutigen
Konturen."
16
Hier manifestiert sich die Ausgangslage in der sich moderne Adoleszenzromane,
welche zum Beginn der 1970er Jahre in den USA entstanden, befinden. Die Phase
der Adoleszenz bietet für Jugendliche mit Beginn dieser Zeit einen wesentlich
größeren Spielraum, in dem sie interagieren können, als es noch in den Jahrzehnten
vorher der Fall war. Im Zentrum des modernen Adoleszenzromans steht dabei der
jugendliche Held, in späterer Zeit auch häufiger eine Protagonistin, auf der Suche
nach seiner bzw. ihrer Identität innerhalb der pubertären und postpubertären
Entwicklung. Die bereits beschriebenen Probleme der Entfremdung von den Eltern,
der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft und ersten sexuellen Erfahrungen
stellen auch im modernen Adoleszenzroman noch die Eckpfeiler des Inhalts dieser
Gattung dar. Der größte Unterschied zwischen modernen und klassischen Romanen
dieser Gattung wird dabei durch die Position und Darstellung der Protagonisten
verdeutlicht:
,,Die jugendlichen Helden erscheinen als
Individualitäten, die selbstreflexiv ihre
16
Wild, Reiner: Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur, S.360 ff.

widersprüchliche Rolle, ihre krisenhafte Entwicklung
und innere Zerrissenheit bedenken."
17
Das eigene Bedenken, der eigene Umgang mit ihrer Rolle, in der sie sich
unweigerlich befinden, und deren Reflektion zeigen sich hier als neues prägnantes
Thema der modernen Adoleszenzromane. Die drei Hauptschwerpunkte der
modernen Romane dieser Gattung bilden Liebe und Sexualität, die Suche nach
einer eigenen Identität und das Verhältnis von Jugendlichen und Eltern.
Jugendliche erscheinen dabei nicht als bloße Gruppe, sondern vielmehr als
denkende Individuen, deren Probleme stark variieren und prägend für ihre
Entwicklung sind. Diese gestalten sich dabei abhängig von ihren umgebenden
sozialen Strukturen, ihrem Alter und vorherigen Erfahrungen und Prägungen.
Dabei wird bewusst auf Erzählweisen gesetzt, wie z.B. den inneren Monolog oder
die Verwendung eines Ich-Erzählers oder einer Ich-Erzählerin, welche dies dem
Leser übermitteln sollen. Dadurch erhalten die jugendlichen Leser verstärkt
Einblick in die Gedankenwelt der Protagonisten, wodurch wiederum eine
Identifikationsmöglichkeit geschaffen wird.
Beginnend mit den 1980er Jahren, welche als Ausgangspunkt für die weitere
Entwicklung des modernen Adoleszenzromans gesehen werden können, wandelte
sich dieser im Laufe der Zeit, ab den 1990er Jahren, hin zum postmodernen
Adoleszenzroman, bei dem die Protagonisten nicht mehr verstärkt und allein auf
der Suche nach ihrer eigenen Identität sind, sondern es vielmehr um die ,,(...) immer
wieder neue Suche nach Erlebnissen (...)"
18
geht und damit verbunden einem
Ausleben von Erfahrungen in der Gesellschaft, sowie einem Austesten von
Grenzen. Dieses Austesten führt häufig zur extremen Darstellung von Sexualität
und Verstößen gegen die gesellschaftliche Norm in Form von Drogen und
Exzessen. Hier werden in vielen Romanen die Erfahrungen, mit den sich
ergebenden Veränderungen und Problemen des Heranwachsens, von Jugendlichen
dennoch gelassener und selbstverständlicher entgegengenommen. Auffällig hier ist,
dass sich ab dieser Zeit gerade im Aufbau der Romane ein Unterschied ausprägt.
17
vgl. Ebd. S.363
18
vgl. Ebd. S.369

Die Handlung wird häufig in Einzelepisoden, fragmentarisch und nicht mehr linear
erzählt. Dies trägt dazu bei, die Schnelllebigkeit der Moderne, in der die
jugendlichen Protagonisten leben, darzustellen.
Seit Mitte der 1990er Jahre und dem Aufkommen der sogenannten neuen
Popliteratur (von engl. popular = beliebt, gängig, bekannt
19
) änderte sich die
Darstellung der Figuren wiederum.
,,Es geht dabei nicht nur um Anspielungen,
intertextuelle Bezüge, Referenzen; vielmehr erhält
Pop(Musik) symbolische Bedeutung und wird zum
Werteraster, mit dem der Protagonist (mediale)
Wirklichkeit kategorisiert und deutet."
20
Diese neue deutsche Popliteratur ist im Kern Adoleszenzliteratur und beschäftigt
sich auch hier im Zentrum mit dem ,,Abschied von der Kindheit"
21
und den damit
aufkommenden Problemen der Lebensbewältigung, welche erweitert werden ,,mit
Inhalten wie Jungsein, Marginalisiertsein, alltäglichen Machtkämpfen, politischen
Auseinandersetzungen und sexuellen Konflikten."
22
Zusätzlich haben gerade in
dieser Gattung mediale Phänomene, Popmusik und ein von der Jugendkultur
geprägter Kleidungs- und Lebensstil starke Einflüsse. Die Übergänge vom
postmodernen Adoleszenzroman hin zur Popliteratur gestalten sich dabei fließend.
Eine klare Abgrenzung ist schwer zu ziehen. Als Teil dieser postmodernen
Adoleszenzliteratur und/oder Popliteratur sieht sich der Roman ,,tschick" von
Wolfgang Herrndorf, welcher in seiner Position in der Literaturgeschichte
Merkmale verschiedener Gattungen aufweist.
19
https://www.dict.cc/englisch-deutsch/popular.html
20
Lange, Günter: Erwachsen werden: Jugendliterarische Adoleszenzromane im Deutschunterricht ­
Grundlagen-Didaktik-Unterrichtsmodelle, S.18
21
Wild, Reiner: Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur, S.370
22
vgl. Ebd. S.370

3. Wolfgang Herrndorfs Adoleszenzroman ,,tschick"
Wolfgang Herrndorf (1965-2013) veröffentlichte 2010 den Roman ,,tschick". Der
Roman handelt von der Freundschaft der zwei jugendlichen Außenseiter, Maik
Klingenberg und Andrej ,,Tschick" Tschichatschow, die sich mit einem
gestohlenen Lada auf einen Roadtrip begeben. Herrndorfs Roman erschien in 25
Ländern und wurde u.a. 2012 mit dem renommierten Hans-Fallada-Preis
ausgezeichnet. Herrndorfs Roman bewegt sich hier zwischen Erwachsenen- und
Jugendliteratur. Merkmale von Abenteuerromanen wie Mark Twains ,,Die
Abenteuer des Huckleberry Finn" (1884/85), welcher laut Herrndorf großen
Einfluss auf sein Werk hatte, Züge von antiken Heldenreisen und Kennzeichen
problemorientierter Jugendromane lassen sich erkennen. Als Teil moderner
Adoleszenzromane stützt sich sein Werk hier auf die adoleszente Entwicklung der
jugendlichen Protagonisten, deren Lebenswelt sich mit den Merkmalen der
Popliteratur, wie medialen Phänomenen, der Beeinflussung durch Musik und
jugendlichem Kleidungsstil, beschreiben lässt. Somit lässt sich sein Roman als
,,Grenzgänger"
23
bezeichnen, der Kennzeichen verschiedener Gattungen
miteinander verbindet. Die Thematik, der sich zwischen zwei Außenseitern
entwickelnden Freundschaft in Zeiten ihrer Adoleszenz, verbunden mit zahlreichen
Problemen des Heranwachsens, wie das Bewegen in jugendlichen Peer-Groups, die
erste Liebe und die Entfremdung von elterlicher Fürsorge, soll hier als Grundlage
der Analyse der Darstellung von Außenseitern in Adoleszenzromanen dienen.
23
Rauch, Marja: Jugendliteratur der Gegenwart. Grundlagen, Methoden, Unterrichtsvorschläge,
S.206

4. Probleme jugendlicher Außenseiter und deren Darstellung
a. Wissenschaftliche Analyse ­ Was ist ein Außenseiter und welche
Merkmale kennzeichnen ihn?
Um die Hauptfiguren in Herrndorfs Romans ,,tschick" analysieren zu können und
sie im Bild von Außenseitern betrachten zu können, soll zunächst geklärt werden,
wie ein Außenseiter überhaupt definiert ist. Dazu müssen nicht nur die Außenseiter
selbst, sondern auch ihr soziales Umfeld, ihr Auftreten und ihre Interaktion mit
anderen Menschen innerhalb der Gesellschaft genauer untersucht werden.
Schaut man sich die genaue Definition laut Duden an, wird der Außenseiter mit
,,abseits der Gesellschaft, einer Gruppe Stehender; jemand der seine eigenen Wege
geht"
24
bezeichnet. Das Wort selbst ist dabei eine Lehnübersetzung vom englischen
Wort ,,Outsider"
25
(Outside = Außenseite). An der Definition ist erkennbar, dass
hier mehrere Standpunkte betrachtet werden können. So ist beispielsweise das
soziale Gefüge ein Faktor. Ein Mensch kann zum einen Außenseiter einer
bestimmten Gruppe oder auch der Gesellschaft sein. Gemeinsam ist dem, dass diese
"Vergleichsgruppe" zunächst vorhanden sein muss, um eine Person als Außenseiter
kategorisieren zu können. Dabei ist zu erkennen, dass das Wort ,,abseits" diesem
Teil der Definition eine negative Deklarierung des Außenseiters auferlegt, da die
Bedeutung hier als ,,entfernt von" gesellschaftlicher Integration, wobei diese
Integration als erstrebenswerter Zustand zu beurteilen ist, übersetzt werden kann.
Der zweite Teil der Definition (,,jemand der seine eigenen Wege geht") betrachtet
die Betitelung neutraler, da dies auch mit den Eigenschaften Mut und Stärke, die
erforderlich sind, seinen eigenen Weg zu gehen (möglicherweise gegen äußere oder
innere Widerstände) einhergehen kann.
Theodor Weißenborn (*1933), deutscher Schriftsteller und Psychologe, greift dabei
diese negative Betitelung auf und definiert die Bezeichnung des Außenseiters wie
folgt:
24
http://www.duden.de/rechtschreibung/Auszenseiter
25
http://www.duden.de/rechtschreibung/Outsider
Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Analyse und Didaktik von Wolfgang Herrndorfs Roman „tschick“. Jugendliche Außenseiter in modernen Adoleszenzromanen
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
66
Katalognummer
V384569
ISBN (eBook)
9783668623286
ISBN (Buch)
9783668623293
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendliteratur, Adoleszenzroman Herrndorf tschick Außenseiter, tschick, deutsch, literatur, herrndorf
Arbeit zitieren
Sebastian Mädge (Autor), 2017, Analyse und Didaktik von Wolfgang Herrndorfs Roman „tschick“. Jugendliche Außenseiter in modernen Adoleszenzromanen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384569

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