Angststörungen im jüngeren Schulalter und Möglichkeiten einer schulischen Intervention


Zwischenprüfungsarbeit, 2001
31 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einführung

2. Was versteht man unter den Begriffen Angst, Ängstlichkeit und Angststörung
2.1. Angst als Zustand und als Disposition
2.2. Angststörung

3. Angsttheorien
3.1. Psychoanalytische Theorie von Freud
3.2. Behavioristische Theorien
3.3. Kognitive Theorien

4. Entwicklung von Angststörungen
4.1. Psychische Faktoren
4.2. Soziale Faktoren

5. Diagnostik

6. Angststörungen im jüngeren Schulalter und schulische Interventionen
6.1. Störung mit Trennungsangst
6.2. Störung mit sozialer Angst
6.3. Leistungs- und Prüfungsangst

1. Einführung

Ich habe in dieser Arbeit vor, die in der Schule am häufigsten auftretenden Angststörungen zu erfassen, Theorien und Erklärungsansätze zur Entstehung von Angststörungen darzulegen, sowie Möglichkeiten aufzuzeigen, wie insbesondere der Lehrer darauf Einfluss nehmen kann.

Im schulischen Kontext ist oft nur von Schulangst, also Angst in Leistungs- bzw. Prüfungssituationen die Rede. Diese spielt in unserer vom Wettbewerb geprägten und leistungsorientierten Gesellschaft ohne Zweifel eine große Rolle. Gerade im jüngeren Schulalter trifft man aber häufig auch auf Angststörungen mit Trennungsangst oder mit sozialer Angst.

Auf diese drei Erscheinungsbilder werde ich in meinen Ausführungen hauptsächlich eingehen, obwohl mir bewusst ist, dass es, auch im Kindesalter, weit mehr Angststörungen zu unterscheiden gibt.

2. Was versteht man unter den Begriffen Angst, Ängstlichkeit und Angststörung

Es gibt sehr viele unterschiedliche Auffassungen und Definitionen von Angst. Einig sind sich die meisten Wissenschaftler aber darin, dass Angst ein unangenehmer emotionaler Zustand ist. Des weiteren ist sie eine Reaktion auf eine Gefahrensituation (sie kann auch in Erwartung einer Bedrohung schon auftreten ). Angst manifestiert sich kognitiv als Einschätzung der Situation und emotional als Erregung. Sie wird von körperlichen Veränderungen begleitet.

HACKFORT & SCHWENKMEZGER[1] geben folgende Definition, die zum einen besagte Faktoren beinhaltet und zum anderen auch den kognitiven Aspekt von Angst berücksichtigt:

„Angst ist eine kognitive, emotionale und körperliche Reaktion auf eine Gefahrensituation bzw. auf die Erwartung einer Gefahren- oder Bedrohungssituation. Als kognitive Merkmale sind subjektive Bewertungsprozesse und auf die eigene Person bezogene Gedanken anzuführen... Emotionales Merkmal ist die als unangenehm erlebte Erregung, die sich auch in physiologischen Veränderungen manifestieren und mit Verhaltensänderungen einhergehen kann.“

Es handelt sich bei Angst um ein hypothetisches Konstrukt, denn Angst kann zwar wahrgenommen und beschrieben werden, aber ist nicht messbar.

Um den Grad von Angst bestimmen zu können , werden die Symptome, die durch Angst ausgelöst werden, vor dem Hintergrund von Dauer, Verlauf und Ausprägungsgrad erfasst.

2.1. Angst als Zustand und als Disposition

Wenn man von Angst spricht, muss man unterscheiden zwischen Angst als Zustand (Zustandsangst; A-state) und Angst als Disposition (Ängstlichkeit; A-trait).

Die Zustandsangst ist akut, von relativ kurzer Dauer und vorrübergehend.

Durch Erregung und erhöhte Reaktionsbereitschaft aufgrund einer Gefahren- oder Bedrohungssituation, wird der Mensch im Normalfall dazu angeregt, die eigene Situation zu verändern (z.B. Flucht, Angriff, ...).

Ängstlichkeit ist ein relativ stabiles und zeitlich überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal.

Personen mit dieser erworbenen Verhaltensdisposition zeigen eine chronische Erregungsbereitschaft und neigen dazu, Situationen häufig als bedrohlich einzuschätzen und dementsprechend zu reagieren.

2.2. Angststörung

Angst ist, allein betrachtet, keine psychische Störung, sondern ein normaler Teil unseres Lebens. Sie tritt demzufolge auch bei gesunden Personen auf, ohne dass damit ein Anlass zur Sorge gegeben ist. Angstreaktionen können, was sowohl die Intensität als auch die Form betrifft, sehr unterschiedlich ausfallen.

Anhaltspunkte zur Begründung einer psychischen Störung sind bestimmte Symptome und deren Kombination, sowie deren Anzahl, Stärke, Verlauf und Ausprägungsgrad. Außerdem wird angenommen, dass neben den psychischen Symptomen auch eine funktionelle Beeinträchtigung (z.B. in psychosozialen Bereichen) vorliegen muss, damit von einer psychischen Störung ausgegangen werden kann (funktionaler Störungsbegriff)[2]

Ch.Haase und M.Zachariah[3] geben drei Kriterien an, bei deren Vorliegen Angst ihre Funktionalität verlieren und zum pathologischen Symptom werden kann:

- Persistenz der Angst (Angstzustände bestehen über ihre Auslöser hinaus zu lange
- Zu hohe Intensität (macht adäquate Wahl von Anpassungshandlungen unmöglich)
- Anlassgeneralisierung

Man spricht dann von einer Angststörung, wenn die Symptome, die durch Angst ausgelöst wurden, die Person daran hindern, ein normales Leben zu führen und am Alltag teilzunehmen.

Man muss dazu sagen, dass die Grenzen oft nicht eindeutig sind. Beispielsweise können auch gesunde Personen zuweilen Einschränkungen erfahren.

Bei der Diagnostik von Kindern gibt es noch zusätzlich erschwerende Faktoren. Die meisten psychischen Störungen im Kindesalter weisen eine dimensionale Struktur auf und können nicht, klar abgegrenzten diagnostischen Kategorien zugeordnet werden. Weiterhin sind bestimmte Verhaltensweisen entwicklungsabhängig. So ist Trennungsangst bei jungen Kindern z.B. normal, später kann diese jedoch als Störung diagnostiziert werden. Es fehlen auch heute noch klar definierte Normen für die psychische und emotionale Entwicklung von Kindern.[4] So wird in dem aktuellen kategorialen Klassifikationssystem DSM-IV[5] ausschließlich die Trennungsangst als einheitliche Kategorie für Kinderängste angegeben und kann damit diagnostiziert werden, andere jedoch nicht bzw. unzureichend.

Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt ist, dass einige Störungen im Kindesalter sich nur in bestimmten Umgebungen oder gegenüber bestimmten Personen zeigen.

3. Angsttheorien

Es wäre an dieser Stelle zu umfangreich, alle Theorien zur Angstentstehung anzuführen bzw. zu diskutieren. Daher möchte ich mich darauf beschränken, einen allgemeinen Überblick über die grundlegenden Richtungen zu geben.

- Psychoanalytische Theorie von Freud
- Behavioristische Theorien
- Kognitive Theorien

3.1. Psychoanalytische Theorie von Freud

Freud stellte seiner Zeit zwei Theorien auf, die die Diskussion der Entstehungsursachen von Angst und deren Auswirkungen auf das Verhalten nachhaltig beeinflusst haben.

In seiner ersten Theorie (1894) befasste er sich mit der „Angstneurose“. Angst entsteht demnach durch die Unterdrückung unbewusster Impulse. Anders ausgedrückt: Nicht entladene Libido bedeutet Verdrängung und wird in Angst umgewandelt.

Angst wird also als Folge von Verdrängungsprozessen aufgefasst.

Der Begriff „Angstneurose“ wird verwendet, um aufzuzeigen, dass es sich um Angst aus innerer Erregung heraus handelt, welche neurotisch ist und chronisch verläuft. (Þ Ansatz: Angst als Disposition)

Anders dagegen ist der Affektzustand der Angst eine Reaktion auf einen äußeren Reiz und von kurzer Dauer. (Þ Ansatz: Zustandsangst)

Mit seiner zweiten Theorie, auch „Signaltheorie der Angst“ genannt, revidierte er die erste. In dieser ist nicht mehr die verdrängte Sexualerregung die Ursache für die Angstentstehung, sondern Angst ist nun Voraussetzung für die Verdrängung, sowie auch für alle anderen Abwehrmechanismen.

Angst entsteht hier als Folge eines unbewältigten Konflikts und bewirkt Verdrängungsprozesse.

Wenn das Ich mit einem von drei Bereichen (Es, Überich und Realität) in einen Konflikt gerät, produziert es Angst.

Besteht der Konflikt zwischen dem Ich und der Realität spricht Freud von Real-Angst. Das Ich reagiert auf tatsächliche Umweltgefahren.

Ein Konflikt zwischen dem Ich und dem Es ruft Es-Angst (neurotische Angst) hervor. Das Ich sieht sich dabei durch Ansprüche des Es (Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse und Triebregungen) gefährdet, wenn es diese nicht erfüllen kann.

Wird das Ich durch ein übermächtiges Überich bedroht, dessen Ansprüche es nicht erfüllen kann, so kommt es zur Überich-Angst (Gewissensangst).

3.2. Behavioristische Theorien

Die behavioristischen Theorien beruhen alle auf der Annahme, dass Angst aufgrund von Lernprozessen entsteht. Sie basieren in der Regel auf psychologischen und/oder neurophysiologischen Experimenten.

Ausgangspunkt bildet die Tatsache, dass auf einen Stimulus S (Reiz) eine Reaktion R erfolgt. Die Verknüpfung ‚Wenn S, dann R’ bedingt die Herausbildung einer Gewohnheit (Habit).

Daraus kann man schlussfolgern, dass Menschen aus den Konsequenzen ihrer Handlungen lernen. Nach Meinung einiger Behavioristen wird ihr Verhalten deshalb auch durch „reinforcement“ (Verstärkung) beeinflusst. (ÞErfolg/Misserfolg; Belohnung/Bestrafung)

Die klassische Konditionierungstheorie besagt, dass neutrale Stimuli, die zeitgleich mit furchterregenden Reizen auftreten, nach ein oder mehrmaligen Auftreten, selbst Angst hervorrufen.

Die Stärke der Angstreaktion hängt von drei Faktoren ab:

- Anzahl der neutralen Stimuli, die mit furchterregenden, unkonditionierten

Reiz verknüpft sind

- Häufigkeit, mit der eine Assoziation von konditioniertem mit

unkonditioniertem Reiz auftritt

- Intensität der Emotion „Angst“, die durch den unkonditionierten Stimulus

hervorgerufen wird[6]

Zusätzlich können sowohl Reize wie auch Reaktionen generalisiert (verallgemeinert) werden.

Die durch spezifische Reize ausgelöste Angst kann sich durch Reiz-Generalisierung auch auf weniger spezifische Reize ausweiten, die dem ursprünglichen Reiz ähnlich sind oder mit ihm zusammen auftraten.

Als eine spezielle und verstärkte Form der Reiz-Generalisierung ist die Reiz-Substitution zu nennen, bei der die angstauslösenden Reize dem ursprünglichen Reiz nicht mehr ähnlich sein müssen.

Auch die Angst-Reaktion kann sich auf vielfältige andere Reaktionen ausweiten, kann sich also generalisieren, sofern die Reaktionen Erfolg haben, also die Angst reduziert wird. SÖRENSEN[7] spricht dabei auch von „Reaktionsersatz“, wobei die Ersatzhandlung fast nichts mehr mit der ursprünglichen spezifischen Angstreaktion gemein haben muss.

Ich möchte folgend zwei spezifischere behavioristische Ansätze vorstellen. Im ersten Fall habe ich mich für MOWRERs 2-Phasen-Lerntheorie entschieden. Die Theorie des klassischen Konditionierens wurde von einigen Wissenschaftlern kritisiert, da man vergeblich versuchte, Phobien mithilfe von wiederholter Erfahrung mit konditionierten Stimuli zu löschen. MOWRER gelang es, mit seinem Modell des Vermeidungslernens (MOWRER, 1947) dieses Phänomen zu erklären.

[...]


[1] M.Sörensen: Einführung in die Angstpsychologie

[2] F.Petermann (Hrsg.): Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie u. -psychotherapie

[3] Ch.Haase, M.Zachariah: Angststörungen im Kindes- und Jugendalter, In: Nervenheilkunde 5/2000

[4] F.Petermann: siehe 2

[5] Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (1996) der American Psychiatric Association

[6] C.Ahmoi Essau, U.Petermann: Angststörungen; IN: F.Petermann (Hrsg.): Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie

[7] M. Sörensen: Einführung in die Angstpsychologie

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Angststörungen im jüngeren Schulalter und Möglichkeiten einer schulischen Intervention
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Psychologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
31
Katalognummer
V3847
ISBN (eBook)
9783638123785
ISBN (Buch)
9783656158653
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zwischenprüfung in Erziehungswissenschaften. Inkl. zweiseitigem Referatshandout. 362 KB
Schlagworte
Angststörungen
Arbeit zitieren
Steffanie Rosenhahn (Autor), 2001, Angststörungen im jüngeren Schulalter und Möglichkeiten einer schulischen Intervention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3847

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