Vom Konflikt zur Kooperation. Systemisches Denken über Symptome. Problematisches Schülerverhalten/ Unterrichtsstörungen


Seminararbeit, 2017

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Symptome im Schulalltag
2.1 Die Wahrnehmung/ Interpretation der Symptome aus Lehrersicht
2.2 Sowie dessen Einfluss, auf die pädagogische Lehrer-Schüler-Beziehung
2.2.1 Das Konfliktpotenzial zweier unterschiedlicher Beobachterinteressen
2.3 Systemisches Denken über Symptome - Konfliktlösung in der Schule

3. Fazit

1. Einleitung

Mit der Ausdifferenzierung der Kultursysteme in der (westlichen Moderne hatte sich auch die Schule als eigenes Lernsystem ausdifferenziert. Als Subsystem der Erziehung erhielt es eine klare Aufgabe: Es sollte den Output des Lernens institutionell und professionell sichern, und zwar gegen alle Unzuverlässigkeiten und Zufälligkeiten [...]. 1

Wenn man indessen jedoch fragt: Was sind typische Probleme und was sind erfolg-reiche Lösungen in der Schule? fällt es einem jeden Lehrer leichter, für die jeweiligen Probleme Beispiele zu finden, als solche für Lösungen.2 Demgemäß konnten auch bspw. zwei große Untersuchungen zur Arbeitssituation von Lehrern entsprechend zeigen, dass alle Lehrer folgende Bedingungen als stärkste Belastungen empfanden: 1. schwierige Schüler, 2. Klassenstärke, 3. Stundenzahl.3 Siehe jedoch: Auch hier werden wiederrum nur die Phänomene/ Symptome benannt, aber keine Lösungen! Liegt das in der Natur der Sache oder an unserer Denkweise? 4 So kann man in der Schule wiederrum beobachten, dass Lehrer - die mit schwierigen Schülern zu tun haben - häufig Ideen entwickeln, wie: Woran das liegen könnte, oder wer oder was Schuld daran ist. 5

„Wer lebt, stört.“ 6

Doch muss man wirklich für die Lösung eines Problems seine Ursachen kennen?

Und sind Schuldzuweisungen in diesem Sinne eher nicht hinderlich?

Gegenstand dieser Arbeit wird es indessen sein, in diesem Zusammenhang die Fra-ge zu klären, ob bzw. inwiefern Lehrer, bei einem problematischen Schülerverhalten, von einem systemischem Denken und Handeln in ihrem Unterricht profitieren kön-nen.

2. Symptome im Schulalltag

Es ist bekannt, dass der Umgang mit Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten zu den stärksten Belastungen im Lehrerberuf gehört [...] 7, indessen werden die Ursa-chen für ein problematisches Schülerverhalten jedoch weniger auf die Interaktionen im unterrichtlichen Kontext von den Lehrern zurückgeführt, als dass - sie als solches-diese viel mehr in den Persönlichkeitsstrukturen/ persönlichen Defizite eines jeweiligen Schülers sehen.8

2.1 Die Wahrnehmung/ Interpretation der Symptome aus Lehrersicht

An sich, kann eine solche Lehrerperspektive hierbei in Relation zu den allgemeinen Aufgaben eines Lehrers Leistungen zu bewerten, Verhalten zu korrigieren und schwache Schüler auszusondern gesehen werden.9 Im Zuge dessen entsteht eine Schülertypisierung, wie die eines Problemschülers , wenn/ bzw. indem ein jeweiliger Lehrer im Verlauf seiner Unterrichtsstunden, die - von ihm wahrgenommen - Verhaltensweisen eines Schülers allmählich bündelt und - gemäß seiner Erwartung nach - bewertet.10 So gehen Lehrer im Allgemeinen bspw. implizit davon aus, dass alle Schüler*innen den Sinn und die Notwendigkeit, sich an schulische Normen zu halten, im Normalfall einsehen müssten. Ergo, werden die Verhaltensweisen und Situationen, die im Unterricht von Ihnen als störend (bspw. verbales Störverhalten: wie schwatzen, vorlautes Verhalten, Zwischenrufe, Beleidigungen; mangelnder Lerneifer: wie geistige Abwesenheit, Desinteresse, Unaufmerksamkeit; motorische Unruhe: wie, zappeln, kippeln, herumlaufen; aggressives Verhalten: Wutausbrüche, Angriffe auf Personen, Sachbeschädigungen; etc.) empfunden werden, als problematische (Schüler-) Verhaltensweisen eingestuft.11

Wenn man als Lehrer problematisches Schülerverhalten nicht beeinflussen kann, entwickelt man - da wir Menschen der allgemeinen Auffassung folgen, dass man für die Lösung eines Problems seine Ursachen kennen müsste - Ideen, wie etwa eine unzureichende familiäre Erziehung (Vernachlässigung, übermäßige Zuwendung), problematische Familienverhältnisse (Scheidungen) oder übermäßigen Medienkon- sum 12, die zu großen Klassen, der Leistungsdruck oder das Schulsystem mit zu wenig Einzelförderung 13, die in diesem Sinne hierfür verantwortlich gemacht werden; sowie mit dessen Hilfe man dann die Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikte erklären kann bzw. man erklären will.14

Folglich wäre hierbei jedoch zu fragen, ob bzw. inwiefern solch ein Ursachen fokussierendes-/ Schuld zuweisendes Denken nützlich sein kann, damit ein (wahrge-nommenes) Problem, wie das eines problematischen Schülerverhaltens zweck-gemäß gelöst werden kann?!

Dennobwohl man sich mit der Betonung solcher Ursachen vielleicht erst einmal selber entlastet, ist man in der Folge ja immer noch konfrontiert damit.15

Eine solche personale Ausrichtung ist willkürlich, zerrt mal die Schüler, dann wieder die Lehrer oder die Eltern auf die Anklagebank und entmündigt die eigentlichen Betroffe-nen.16

Im Weiteren ermöglichen die meisten dieser Ideen keine konkreten Handlungen, um ein oder das besagte(s) Problem zu lösen. Denn letztendlich kann man als Lehrer weder die familiäre Situation der Schüler noch die gesellschaftlichen Bedingungen oder die Schulgesetzgebung ändern, die als solche ein jeweiliges Problem bedingen können.17 Ergo - landet man schlussendlich nur in einem Teufelskreis von Verurtei-lungen und Entschuldigungen, aus dem man nicht mehr heraus kommt.18

2.2 Sowie dessen Einfluss, auf die pädagogische Lehrer-Schüler-Beziehung

Darüber hinaus lässt sich hinsichtlich der Lehrer/innen-Schüler/innen-Interaktion grundsätzlich feststellen, dass sich das Schuld zuweisende Denken eines Lehrers - wie das bei einer Schülertypisierung ( Problem-Schüler ) - in der Folge negativ auf die pädagogische Lehrer/innen-Schüler/innen Beziehung auswirkt. 19 Denn, wenn man vorwiegend auf die Defizite eines Schülers schaut, verhindert man im gleichen Atemzug auch, dass man seine Ressourcen in den Blick nehmen kann.20

Da störendes Schülerverhalten (wie bspw. das Langeweile- Syndrom/ das Verlangen nach Anerkennung durch Mitschüler) zumeist nicht bewusst intendiert ist 21, wird das Lehrer-erhalten (ermahnen, schimpfen etc.) - das mitunter aus einer Defizit- orientierten Haltung eines Lehrers resultiert - ggfs. von einem besagten Schüler als unangemessen erlebt. Sollte er darüber hinaus bemerken, dass der Lehrer ihn selbst bei einem angemessenen Verhalten (den schulischen Normen entsprechend) weiterhin ablehnt, wird er - gemäß der Erwartung seines Lehrers - den Unterricht von nun an erst Recht boykottieren.22

In der Regel werden die Schülerreaktionen zum Lehrerverhalten reziprok sein (Freund-lichkeit durch den Lehrer wird zu Freundlichkeit durch den Schüler führen; Ablehnung sei-tens des Lehrers wird beim Schüler dazu führen, dass dieser sich zurückzieht oder aber verstärkt um Anerkennung bemüht).23

So werden nämlich Komponenten wie: Schulfreude oder Schulfrust, Leistungsbe-mühungen und inhaltliche Interessen , im Wesentlichen von der Qualität der päda-

gogischen Schüler-Lehrer Beziehung beeinflusst.24

Abgelehnte Schüler/innen haben schlechte Schulleistungen, gelten als undiszipliniert und fordern die Lehrer/innen mit übertriebenen Ansprüchen. Lehrer/innen kontrollieren diese Schüler/innen schärfer und tadeln sie häufiger als andere. Die Abgelehnten erhalten we-niger Antwortgelegenheiten und häufig negative Rückmeldungen. Ihre eigenen Kontakt-angebote werden teils abgewehrt, teils ignoriert.25

Ergo → Je schlechter diese Beziehung ausfällt, desto höher wir die Belastung der Schüler/innen sein. „Eine Belastung“, die für gewöhnlich mit aufsteigenden negativen Emotionen (wie bspw. Ärger, Wut) verbunden ist und letztendlich auf beiden Seiten somit Affekthandlungen begünstigen kann: Lehrer sanktioniert → Schüler rächt sich bei der nächst besten Gelegenheit → Lehrer sanktioniert härter, usw. Siehe: Ange-sichts dessen wäre hiermit ein Teufelskreis geschlossen! 26

Anders gesagt: Die Verhaltensweisen des den Unterricht störenden Schülers wirken auf die Verhaltensweisen der anderen Systeme und werden gleichzeitig von diesen auch hervorgerufen, man spricht von einer diesbezüglichen Wechselwirkung, aus denen zirku-läre Verstärkerprozesse werden können.27

Zusammenfassend lässt sich also demnach feststellen, dass mit einem Ursachen-fokussierendem/ Schuld zuweisendem Denken eines Lehrers, die im schulischen Kontext auftretenden Probleme nicht gelöst werden können, sondern sie in diesem Sinne eher verstärkt werden!

Doch wie kann man diesem Phänomen entgegenwirken?

2.2.1 Das Konfliktpotenzial zweier unterschiedlicher Beobachterinteressen

So sind doch letztendlich alle Lehrer/innen vielmehr dazu gezwungen - da sie auf-grund des strukturell vorgegebenen Rahmens in der Schule kaum dazu in der Lage sind, sich innerhalb der Lehr- Lern- Prozesse von einem jedem einzelnen Schüler ein genaues individuelles Bild zu machen - ihre Schüler/innen zu typisieren, und das so-gar umso stärker, je größer die Klasse ist.28 Darüber hinaus kommt noch hinzu, dass die unterschiedlichen Erwartungen, Normenvorstellungen und Bewertungen von Schüler- und Lehrerseite aus, nun einmal halt zu Disziplinkonflikten und Unterrichtsstörungen führen.29

Folglich erwartet ein(e) jede(r) Lehrer/innen, dass er/ sie von den Schüler/innen im Allgemeinen beachtet und ernst genommen wird. Demnach sollen die Schüler/innen bspw. eine gewisse Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Mitarbeit, ein unterrichts-bezogenes und leistungsorientiertes Verhalten vorweisen.30

In Anlehnung dazu erwarten Schüler wiederrum, dass ein Lehrer: Alle Schüler gleich behandelt; er schwierige Sachverhalte gut erklären kann; er sich darum kümmert, wie es ihnen geht; sie ihren Lehrern vertrauen können; sie mitbestimmen können, was im Großen und Ganzen im Unterricht gemacht wird.31Hinsichtlich der Normenvorstellungen richten sich die Lehrer weites gehend an den strukturellen Vorgaben der Schulwelt.32

Die Schüler hingegen haben ihre eigenen Norm- und Wertvorstellungen, wie bspw.: Die in der Gleichaltrigen- Gruppe bewährten Verhaltensmuster und die von zu Haus mitgebrachten gewohnten Umgangsformen , die sie als solches in die Schule tragen, und Lehrer wie Mitschüler infolgedessen damit konfrontieren.33 Indem ein jeder Schüler bzw. Lehrer das Verhalten des jeweiligen Gegenübers registriert, und diese Wahrnehmungen gemäß mit den eigenen Erwartungen abgleicht, entstehen unter-dessen auf beiden Seiten (Schüler- und Lehrerseite), die eigenen Bewertungen bzgl. der anderen Person (Schüler →Lehrer; Lehrer →Schüler).34

Da die Kluft zwischen der außerschulischen Lebenswelt der Schüler und der Schul-welt mit dem postmodernen Individualisierungsschub, der Kindern und Jugendlichen mehr Freiräume zur Verwirklichung eigener Bedürfnisse eingeräumt hat, größer ge-worden ist 35; bzw. im Allgemeinen, je weiter die jeweiligen Normen und Erwartungen der Parteien voneinander abweichen, umso höher ist in der Folge das Konfliktpoten-zial.36 Zusammenfassend lässt sich demnach schlussfolgern, dass ein störungsfreier Unterricht eine didaktische Fiktion ist. Denn aufgrund dieser vielfältigen Widersprüche stellen Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikte letztendlich somit unausweichliche und bis zu einem gewissen Grad normale Begleiterscheinungen von Unterricht dar.37

In Anbetracht dessen also, dass Konflikte einen unausweichlichen Bestandteil im Schulalltag einnehmen, und: da sich bereits schon herausgestellt hat, dass die all-gemeine Auffassung, dass man für die Lösung eines Problems seine Ursachen ken-nen müsste ein allgemeiner Irrtum ist,38 sowie dass man mit Schuldzuweisungen bzw. Sanktionen ein jeweiliges Problem nicht lösen kann, sondern infolgedessen e-her die pädagogische Schüler-Lehrerbeziehung negativ beeinflusst,39 gilt es:

Eine Lösung zu finden, die mit der Struktur des Problems nichts zu tun hat!

Siehe: Hierfür bietet der systemisch- konstruktivistische Ansatz eine passende Gele-genheit an, Denk- und Kommunikationsformen kennenzulernen, die den Handlungs-spielraum der Lehrer erweitern können!40

[...]


1 Huschke-Rhein, Wolf. 2003. Einführung in die systemische und konstruktivistische Pädagogik,S.120.

2 vgl. Hubrig, Christa & Herrmann, Peter. 2005. Lösungen in der Schule,S.17.

3 vgl. ebd. S. 98.

4 ebd. S. 17.

5 vgl. ebd. S. 107.

6 Zitat von Tankred Dorst.

7 Lohmann, Gert. 2013. Mit Schülern klarkommen, S. 15.

8 vgl. ebd., S. 15.

9 Hubrig, Christa, et al. 2005. Lösungen in der Schule, S.17.

10vgl. http://www.uni-potsdam.de, S. 4.

11vgl. Lohmann, Gert. 2013. Mit Schülern klarkommen, S.14- 15

12 Lohmann, Gert. 2013. Mit Schülern klarkommen, S. 15- 16.

13 Hubrig, Christa, et al. 2005. Lösungen in der Schule, S. 107.

14 vgl. Lohmann, Gert. 2013. Mit Schülern klarkommen, S. 15- 16.

15 vgl. ebd., S. 16.

16 Schäfer, Christa D. 2006. Wege zur Lösung von Unterrichtsstörungen, S. 6.

17 vgl. Hubrig, Christa, et al. 2005. Lösungen in der Schule, S. 107.

18 vgl. Schäfer, Christa D. 2006. Wege zur Lösung von Unterrichtsstörungen, S. 6.

19 vgl. ebd., S. 107.

20 vgl. ebd., S. 135.

21 vgl. Lohmann, Gert 2013. Mit Schülern klarkommen, S. 21.

22 vgl. http://www.uni-potsdam.de, S. 9.

23 ebd., S. 9.

24 vgl. ebd., S. 1.

25 ebd., S. 6.

26 vgl. Lohmann, Gert. 2013. Mit Schülern klarkommen, S.22.

27 Schäfer, Christa D. 2006. Wege zur Lösung von Unterrichtsstörungen, S.346.

28 vgl. Lohmann, Gert 2013. Mit Schülern klarkommen, S. 21.

29 vgl. http://www.uni-potsdam.de, S. 9.

30 ebd., S. 9.

31 vgl. ebd., S. 1.

32 ebd., S. 6.

33 vgl. http://www.uni-potsdam.de, S. 18.

34 vgl. ebd., S. 4.

35 vgl. Lohmann, Gert. 2013. Mit Schülern klarkommen, S.18.

36 vgl. ebd., S.13.

37 vgl. Lohmann, Gert. 2013. Mit Schülern klarkommen, S. 14.

38 vgl. Hubrig, Christa, et al. 2005. Lösungen in der Schule, S.17.

39 vgl. Lohmann, Gert. 2013. Mit Schülern klarkommen, S.22.

40 vgl. Hubrig, Christa, et al. 2005. Lösungen in der Schule, S. 99.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Vom Konflikt zur Kooperation. Systemisches Denken über Symptome. Problematisches Schülerverhalten/ Unterrichtsstörungen
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät, Abteilung - Beratung, Supervision)
Veranstaltung
Vom Konflikt zur Kooperation
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V384900
ISBN (eBook)
9783668598065
ISBN (Buch)
9783668598072
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikt, Kooperation, Schule, Unterrichtsstörungen, Lehrer-Schüler-Interaktion, systemische Beratung, System-Theorie
Arbeit zitieren
Sabine Schmidt (Autor), 2017, Vom Konflikt zur Kooperation. Systemisches Denken über Symptome. Problematisches Schülerverhalten/ Unterrichtsstörungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384900

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Vom Konflikt zur Kooperation. Systemisches Denken über Symptome. Problematisches Schülerverhalten/ Unterrichtsstörungen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden