Adorno und die apparition im Kunstwerk

Wie die apparition beim Betrachter aufleuchten kann


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der Kunst
2.1 Kunst im gesellschaftlichen Kontext
2.2 Befreiung durch Kunst
2.3 Die drei Hauptaxiome
2.3.1 Doppelcharakter
2.3.2 Formgesetz
2.3.3 Bewegungsgesetz 3. Im Prozess zur apparition

3.1 Kompakte Übersicht
3.2 Rätselcharakter
3.3 Mimesis
3.4 apparition

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1 Beschreibung „Der Tod des Marat“
6.2 Grafik zur Mimesis, Rätselcharakter und apparition

1. Einleitung

Wenn wir in der heutigen Zeit über Kunst im Allgemeinen reden, dann gehen in der gesellschaftlichen Debatte um Kunst, die Meinungen was Kunst sei, weit auseinander. Der populäre Ausspruch Ist das Kunst oder kann das weg? unterstreicht diese Frage wohl wie keine andere und impliziert ein kollektives Unverständnis, was Kunst ist und wie diese wohl erkannt werden kann. Es bescheinigt Kunst auch den Status einer Massenware, die überall zu gedeihen scheint und jeder sich leicht ins Zimmer stellen kann. Würde Klarheit über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst herrschen, so würde sich diese Frage sicherlich erübrigen. In Ä sthetische Theorie zweifelt Theodor W. Adorno schon zu Beginn an der Kunst der Moderne und stellt sie Grundlegend in Frage: „Zur Selbstverständlichkeit wurde, daß nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr noch in ihrem Verhältnis zum Ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht. (ÄT S. 9)“ Adorno impliziert hier bereits, dass Kunst etwas zu k ö nnen scheint, sonst würde er nicht ihr Existenzrecht anzweifeln oder ihr ein Verhältnis zu etwas bescheinigen. Vorab soll gesagt sein, dass Kunst nach Adorno immer eine gesellschaftliche Stellung hat, die etwas bewirken und Veränderung herbeirufen kann.

Die Hausarbeit soll erklären, wie Adorno Kunst als Begriff versteht und dann detailliert die von ihm ausgearbeiteten Axiome der Mimesis, des R ä tselcharakters und der a pparition erläutern, die zentral für den prozesshaften Charakter der Kunst sind, den der Rezipient durchläuft. Das Zusammenwirken stellt nach Adorno sein mächtiges Potential dar, welches die Kunst für die Gesellschaft hat.

Ziel ist es, Adornos Begriff der apparition zu verstehen und die Frage zu beantworten, Wie die apparition beim Betrachter aufleuchten kann. Um das Zusammenwirken und die Notwendigkeit der Erklärung von Mimesis, des R ä tselcharakters und der a pparition zu verstehen, wird im ersten Teil ein kurzer Überblick gegeben, der den Rahmen für den Begriff der Kunst nach Adorno herstellt und dem Leser zum Verständnis dient.

Fortan werden zur Vereinfachung Zitate sowie Gedanken aus Adornos Ästhetische Theorie nur durch Seitenangaben markiert (z.B. S. 16); für andere Quellen wird eine umfangreichere Angabe gemacht.

Um der Komplexität von Adornos ÄT nicht vollends zu erliegen, soll nun eine Einführung gegeben werden, die dem Leser eine Grundlage gibt und mitunter Themen vorgreift, die erst später detailliert erklärt werden.

2.1 Kunst im gesellschaftlichen Kontext

Wenn Adorno von Kunst spricht, dann formuliert er sehr klar und prägnant, sie sei „[…] die gesellschaftliche Antithese zur Gesellschaft […] (S. 19)“ Es ist also etwas, was sich der aktuellen Situation der Gesellschaft aufbäumt und ihr Paroli bietet; man könnte sagen, es sei ihr immanentes, noch unbekanntes Gegenstück der subjektiven Gesellschaft. Anti stellt eine Gesellschaft dar, die bisher nicht ist. Anders formuliert, sagt Adorno: „Kunstwerke begeben sich hinaus aus der empirischen Welt und bringen eine dieser entgegengesetzten Wesen hervor, so als ob auch diese ein Seiendes wäre. (S. 10)“

Nach Adorno ist Kunst gesellschaftlich eingebettet im Kontext der Subjektivität, also in der subjektiven Konstruktion einer Gesellschaft durch den Menschen, den er diesbezüglich als Subjekt bezeichnet. Kunst verhält sich zur Subjektivität als etwas Objektives, da es sich dieser subjektiven Konstruktion entzieht und nicht in den Strukturen der Gleichschaltung passt. Nach Adorno hat Kunst dadurch das Potential, die Gleichschaltung des Subjekts gleichsam wie Schranken einer Gesellschaft zu öffnen. Öffnen dieser Schranken bedeutet nach Adorno auch, dass gleichzeitig wieder neue Schranken gesetzt werden. Dieses Setzen neuer Schranken, führt im weiteren Verlauf zur Vernichtung vorheriger Kunst res. aktueller Kunst, wenn sie diese gesetzten Schranken wieder versucht zu brechen (S. 16). Durch das Stattfinden von Kunst, die etwas Objektives darstellt, kann dieses Objekt der Kunst die Kontrolle über das Subjekt erlangen, es überraschen und die durch Gleichschaltung manifestierten Schranken brechen (S. 68). Das Potential des Brechens wird durch die „gesellschaftliche Antithese“ bewirkt, die etwas zeigt, was im Kunstwerk als negative Kommunikation verborgen ist und bisher zum Zeitpunkt eines Status quo der Gesellschaft noch nicht ist, aber später sein wird; Adorno nennt das auch die Wahrheit, was durch die Kunst objektiv in die Subjektivität gelangt und als neue Schranken die Subjektivität fortan bestimmt. „Kunstwerke ziehen Kredit auf eine Praxis, die noch nicht begonnen hat und von der keiner zu sagen wüßte, ob sie ihren Wechsel honoriert. (S. 129)“ Das in der Kunst Verborgene kann auch als Nichtseindes bezeichnet werden, was der Allgemeinheit der Subjekte (noch) unbekannt ist, da es eben nicht in die subjektive Konstruktion der Gesellschaft des Subjekt passt (S. 128).

2.2 Befreiung durch Kunst

Wie bereits erwähnt, geht Adorno davon aus, dass das Subjekt in den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen durch Bedürfnisbefriedigung, - erzeugung und Organisationsschemata gefangen ist (S. 33 ff). Er spricht dabei von Gleichschaltung, die als feste Schranken verstanden werden können, in denen sich das Subjekt bewegt, aber eben nicht weiter vordringen kann (S. 64). Es bleibt unfrei, durch die Wiederholung immer wiederkehrender Muster, die alle Subjekte und damit die Subjektivität (subjektive Gesellschaft) vor- und nachmachen (S. 86 ff). Nach Adorno ist nur die objektive Kunst in der Lage, adäquat Kritik zu üben und diese Gleichschaltung des Subjekts zu öffnen, in dem es eben keine Identität nach gesellschaftlichen Mustern stiftet, wie es zahlreiche Güter tun, in denen sich die Menschen selbst hinein projizieren und damit Bestätigung statt Wahrheit erlangen (S. 33). Kritik als öffentliche Kritik würde also niemals die herrschenden Verhältnisse verändern können, sondern ausschließlich affirmativ wirken im Sinne der Bedürfnisbefriedung (S. 34 ff). Kunst hilft dem Subjekt, sich von sich selbst zu befreien und den Moment des Freiseins aufzuzeigen; der Spielraum der Freiheit wird neu ausgelotet (S. 68).

2.3 Die drei Hauptaxiome

Um das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft zu verstehen sowie anschließend die Frage dieses Textes beantworten zu können, will ich nun einen kurzen Überblick über die Hauptaxiome des Doppelcharakters, Bewegungsgesetzes und Formgesetzes von Kunst geben, die Adorno der Kunst als unabdingbar voraussetzt, wenn etwas Kunst sein will.

2.3.1 Doppelcharakter

Der Doppelcharakter bezieht sich auf den gesellschaftlichen Kontext, in dem sich die Kunst befindet und dazu verhält. Kunst möchte zum einen autonom sein und zum anderen ist sie auch fait social (S. 16). Autonom bedeutet, sie will sich nicht der Subjektivität unterordnen, sie will etwas sein, was es subjektiv nicht gibt und durch nicht-Kommunikation etwas aus der Empirie Negiertes aufzeigen; durch diese nicht-Kommunikation kann sich das Subjekt nicht in das Kunstwerk projizieren und darin wiederkennen. Autonomie bedeutet auch, dass es mit seiner Unabh ä ngigkeit gegenüber der Subjektivität eben objektiv ist und damit den Status quo einer Gesellschaft kritisieren kann. Sie ist die Antithese der Gesellschaft, bleibt als Kommunikation, die nicht ist, zunächst unerkannt und hat damit als etwas Objektives das Potential zu kritisieren. Auf der anderen Seite jedoch, ist Kunst etwas Materielles, was die Empirie und damit die Wirklichkeit abbildet und dadurch scheinhaft wirkt; es scheint also nur etwas aus der subjektiven Gesellschaft zu zeigen; es verhält sich fait social, also innerhalb und mit der Gesellschaft, aber eben nur als Schein durch die Materialität des Kunstwerks. “Gerade als Artefakt aber, Produkte Gesellschaftlicher Arbeit, kommunizieren sie auch mit der Empirie, der sie absagen, und aus ihr ziehen sie ihren Inhalt. Kunst negiert die der Empirie kategorial ausgeprägten Bestimmungen und birgt doch empirisch Seiendes in der eigenen Substanz (S. 15).“ Damit steht sie im Spannungsverhältnis zu sich selbst (S. 13 ff). Einerseits will die Kunst verbergen, was sie ist bzw. Negiertes in sich trägt und sich damit der Gesellschaft anpassen und andererseits etwas zeigen, was noch nicht ist und damit Autonomie ausstrahlen. Kunst ist aus der Gesellschaft entstanden, zeigt hingegen aber etwas das noch nicht ist. „Kein Kunstwerk hat ungeschmälerte Einheit, ein jedes muß sie vorgaukeln und kollidiert dadurch mit sich selbst. (S. 160)“ Vorweg soll gesagt werden, dass diese Autonomie bzw. jenes, was noch nicht ist, geistig entsteht und detailliert unter Punkt 3 erläutert wird.

2.3.2 Formgesetz

Das Formgesetzt ist die Eigenheit der Sprache, die ein Kunstwerk sprechen will. Das Formgesetz unterscheidet sich von dem, was frühere Kunstwerke gesprochen haben und kann daher nicht erkannt werden; das Subjekt kann zwar die bekannte Form als Schein im Kunstwerk erkennen (Sieht z.B.Elemente in einem Historienbild), aber die eigentliche, autonome Form ist dem Betrachter unbekannt und kann erst durch mimetische Verhaltensweisen (vgl.3.1) erkannt werden. Die Form bezieht sich dabei auf etwas anderes, in der Gesellschaft bisher nicht Gesetztes res. Bekanntes. Das Subjekt besitzt dazu die Regeln nicht, um die ihm unbekannte Form zu lesen. (S. 13 ff) Das Formgesetz bezeichnet Adorno auch als Schrift, die eine neue Praxis von Momenten bzw. Zeichen darstellt, die sich abgrenzen von dem bisher bekannten. Jedes Kunstwerk entwickelt dementsprechend seine eigene Schrift. „ […] eine ohne Bedeutung oder, genauer, eine mit gekappter oder zugehängter Bedeutung. (S. 122)“ Der Vergleich mit Schrift trifft es ziemlich passend, als würden Menschen in den Orient fahren und an arabischen Schriftformen scheitern, weil diese ihnen bisher unbekannt waren und sie diese noch niemals gesehen haben.

2.3.3 Bewegungsgesetz

Kunst trägt in sich das Potential der eigenen Zerstörung. Wenn Kunst es schafft Schranken zu brechen, setzt es damit automatisch neue Schranken, die wieder gebrochen werden wollen, um das Subjekt aus der Gleichschaltung zu befreien; damit vernichtete sich jedoch auch Kunst selber. „Nicht ist ihnen die Schmach ihrer alten Abhängigkeit von faulem Zauber, Herrendienst und Divertissement als Erbsünde vorzuhalten, nachdem sie einmal rückwirkend vernichtet haben, woraus sie hervorgingen. (S. 12)“ Das Bewegungsgesetz schreibt vor, dass es immer neue Kunst geben muss, die sich von vorheriger unterscheidet; hier wird die Verwobenheit mit der Autonomie deutlich. „Deutbar ist Kunst nur an ihrem Bewegungsgesetz, nicht durch Invarianten. Sie bestimmt sich im Verhältnis zu dem, was sie nicht ist. (S. 12)“ Das Bewegungsgesetz ist für Adorno so bedeutend, dass er es der Kunst sogar zu ihrem eigenen immanenten Formgesetz erklärt; Kunst formt sich dementsprechend als etwas Gewordenes aus seiner eigenen Bewegung heraus, um stetig etwas anderes zu sein, was es bisher nicht gibt, dann aber wird, alsbald es in der Subjektivität erkannt wird (S. 12).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Adorno und die apparition im Kunstwerk
Untertitel
Wie die apparition beim Betrachter aufleuchten kann
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V384902
ISBN (eBook)
9783668603592
ISBN (Buch)
9783668603608
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adorno, Ästhetische Theorie, apparition, Befreiung durch Kunst, Rätselcharakter
Arbeit zitieren
Felix Wieduwilt (Autor), 2014, Adorno und die apparition im Kunstwerk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384902

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